Medienwelten

11. Januar 2010

Vorlesungen – mit Pep und Passion

Filed under: Medien,Medienpädagogik — heinzmoser @ 16:19
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Im heutigen TagesAnzeiger werden Uni-Vorlesungen bewertet. Das ist an sich keine schlechte Idee, nur bei der Ausführung stehen mir die Haare zu Berg. Besonders angetan ist der Rezensent von einer Vorlesung des Historikers Jakob Tanner:

„Tanner spricht schnell und frei, oft schlägt er Brücken zur Gegenwart, hüpft vom Opiumkrieg zur Frankfurter Buchmesse, von der 4-Säfte-Lehre zur Naturheilkunde. Er verzichtet auf Fachbegriffe, doch bringt er Wörter ein, die schon fast verschwunden sind.“.

Ähnlich träf sind die Ausführung zur ebenfalls gut bewerteten Vorlesung von Rechtsprofessorin Ulrike Babusiaux: „Die Materie ist trocken wie der Staub auf dem Forum Romanum, doch Babusiaux schafft es, die Studenten mitzureissen. Mal mit Übertreibung, mal mit Witz, mal mit Gefühl. Dabei ergänzen sich Inhalt und Form der Vorlesung: auf der einen Seite die Juristen des alten Rom, die mit ihren geschmeidigen Voten die Richter auf ihre Seite zu ziehen versuchten. Auf der andern Seite die junge Professorin, die mit ihrer geschmeidigen Vorlesung die Studenten vom Schlaf fernhält.“

Das zeichnet also die gute Vorlesung aus: schwungvolle Anekdoten, Witz, Gefühl und geschmeidige Sätze. Vorlesungen treffen den Geschmack der Zuhörer, wenn sie Unterhaltung pur sind. Das Vorbild scheint die Unterhaltungsshow des Fernsehens zu werden, vielleicht auch der arenataugliche Professor, der dort seine „geschmeidigen“ Voten platziert. Primäre Leistung scheint es zu sein, die Studierenden vom Schnarchen abzuhalten…

Ob die im Weiteren genannten Negativbeispiele wirklich so schrecklich sind? Ich war nicht dort und kann deshalb dazu nichts sagen. Sicher ist es nicht gerade einladend, wenn es von einem Wirtschaftsprofessor heisst: „Er hält den Kopf gesenkt, seine Stimme klingt deshalb ein wenig froschartig. Er spricht träg und plump, lustlos und langweilig.“

Doch sind die im Artikel genannten Kriterien wirklich schon alle , die fürs Lernen zählen? Dinge wie eine gute Gliederung, Bezug auf das Vorwissen der Studierenden, der Hinweis auf wichtige theoretische Positionen, vielleicht auch einmal ein pedantisches Auslegen eines nicht so einfach zugänglichen Arguments – gehören die wirklich nicht mehr dazu? Geht es nur um „Pep und Passion“ wie es der Rezensent im TagesAnzeiger formuliert? Bitte,  stellen wir doch lieber gleich Thomas Gottschalk oder Günther Jauch vors studentische Publikum

«Lassen Sie mich bitte ausreden!» (TagesAnzeiger, 11.1.2010)

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