Medienwelten

11. August 2011

Der mediale Gewaltdiskurs im Fall des Anders Behring Breivik

Filed under: Digital Life,Mediengewalt,Social Media — heinzmoser @ 09:00

Als Anders Behring Breivik Ende Juli 2011  in Norwegen in seinem Amoklauf über siebzig Menschen erschoss, gab es nur zu Beginn einige Stimmen, welche den Akzent darauf legten, dass er Ego Shooter spielte – nach dem bisher fast durchgängigen Muster: Ein einsamer junger Mann nimmt gewalttätige Computerspiele als Vorbild für seine Taten. Die sinnlose Tat erhält damit wenigstens psychologisch eine ursächliche Zuschreibung und Begründung.

Der Diskurs um die Mediengewalt folgte dann aktuelleren Linien: Vor allem wurde die Kommunikationsfunktion der Medien thematisiert, die in diesem Fall eine wichtige Rolle spielte: Die Vernetzung von Breivik in der rechtsextremen Szene und sein Bezug zu Facebook.  So klinkte er sich in Internet-Foren ein und wetterte er gegen den Islam und eine multikulturelle Welt. Der  Multikulturalismus galt für ihn als „antieuropäische Hassideologie“. Katia Murmann betonte in „Der Sonntag“ vom 23. Juli 2011, wie Breivik auf Facebook sein eigenes Image zimmerte, das er nach dem Attentat vermitteln wollte: „Christlich sei er, schreibt Breivik auf Facebook, und konservativ. Tatsächlich ist der junge Norweger mit dem Kinnbärtchen ein Anhänger der Freimaurer und war zwischen 1999 und 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei Norwegens. Als Hobby gibt Anders Behring Breivik auf Facebook ‚Jagen‘ an. Er verrät, dass er gerne psychologische Bücher liest und nennt als Idol den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill.

Auch die Tatsache, dass er sein krudes Manifest Online publiziert, um sich Öffentlichkeit zu verschaffen, stand im Mittelpunkt dieses Diskurses. Denn es braucht keinen Verlag mehr, um solche Ideen unter die Leute zu bringen, wenn jeder alles kostenlos auf dem Web verbreiten kann. Das Attentat führte dann dazu, dass dieses wirre Manifest  in aller Welt bekannt wurde. Da half es wenig, wenn das Hacker Kollektiv Anonymus als Gegenstrategie zur wahllosen Verbreitung dazu aufrief, die Niederschrift zu verunstalten, mit sinnlosen Textpassagen anzureichern, Teile zu löschen, Bilder zu verfremden (vgl. Der Tagesspiegel, 26.7.2011).

Zieht man ein Fazit zum Mediendiskurs, wie er im Fall von Breivik deutlich wird, so wird er nicht als Opfer von Mediengewalt gezeichnet, sondern viel stärker als Täter, der seine Tat schon beinahe als Medienprofi plante. Der Mediendiskurs betont damit den aktiven Umgang mit Medien und die konstruktivistisch orientierte Schaffung einer eigenen Medienwelt. Breivik ist zwar immer noch einsamer Täter, steht aber gleichzeitig übers Internet in Verbindung mit einer Vielzahl von Einzelpersonen und Gruppierungen. Dies ist mit Machtphantasien verbunden, welche sich in Grössenphantasien äussern, die dann im weltweiten Aufruf des Manifests gipfeln.

Diese Ablösung des Diskurses um die direkten Medienwirkungen, welche Gewalt erzeugen, ist dabei nicht einfach als Auswirkung der medienpädagogischen Diskurse um Gewalt zu sehen. Sie hängt vielmehr damit zusammen, dass mit dem Web 2.0 immer mehr die kommunikativen Strategien im Netz in den Vordergrund rücken. Vielmehr entspricht sie auch einer realen Veränderung in der Welt der Medien. Die Eingebundenheit der Mediengewalt in die gleichzeitig reale und virtuelle Lebenswelt ist in den Auswirkungen eher noch diabolischer zu beurteilen wie das Muster computerspielenden Einzeltäters.  Es ist deshalb auch zu befürchten, dass bei nächsten Attentaten und Amokläufen das Netz und die Social Media zu einer festen Grösse in der Kalkulation der Täter werden.

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