Medienwelten

15. August 2011

Facebook-Sucht

Filed under: Digital Life,Medienwissenschaft,Social Media — heinzmoser @ 12:35

Nun hat auch die Neue Zürcher Zeitung die „Facebook-Sucht“ entdeckt. In der Ausgabe vom 14. 8.2011 (S.45) hiess es darin: „Twitter, E-Mail, Facebook: Ständig sind wir auf der Jagd nach Neuigkeiten. Manchmal artet das zur Sucht aus, die behandelt werden muss.“ Der Jugend-Psychiater Bilke-Hensch meint in demselben Artikel: „‘Facebook-Süchtige‘ haben das unerträgliche Gefühl, dass sie nicht mehr existieren, wenn sie nicht dauernd von anderen wahrgenommen werden“. Als Digital Immigrant“ weiss ich jetzt endlich, warum ich zu historisch weit zurückgebliebenen Zeiten jeden Tag zwanghaft mehrmals zum Briefkasten pilgern musste, wenn die Post nicht um 10 Uhr im Briefkasten lag.

Der NZZ-Artikel zeigt darüber hinaus auf, wie mit jedem neuen Medium wieder der Suchtverdacht als diskursives Argument recykliert wird. Die Lesesucht des 20. Jahrhunderts ging nahtlos in die Fernsehsucht und später in die Computerspielsucht über. Und nun also: Die Facebook-Sucht und die Twitter-Sucht. Kein Wunder, dass da die  Therapeuten bei der Berichterstattung als Gewährspersonen Schlange stehen. Für Sie eröffnet sich damit ein lukratives Betätigungsfeld.

Allerdings wird auf diese Weise auch der Suchtbegriff zunehmen verwaschen. Denn es fehlt eine Substanz wie Alkohol, Heroin oder Haschisch, welche diesen Mediensüchten zugrunde liegen. Zwar können sich durchaus psychische Abhängigkeiten ergeben, mit deren Bewältigung einzelne Schwierigkeiten haben. Doch ist es sinnvoll, hier von „Sucht“ im herkömmlichen Sinn zu sprechen?

Wenn der Artikel ins Zentrum Stellt, dass Facebook-Süchtige Angst haben, nicht mehr zu existieren, wenn sie nicht mehr online-sind, dann ist dies ein Gefühl, das sich weit über das Suchtthema hinaus zeigt.. Zunehmend muss man heute Online sein, wenn man seine Existenz nachweisen will. Und wenn man das nicht tut, wird man aufgefordert: „Bestätigen Sie mir das doch mit einem Mail.“  An vielen Arbeitsplätzen ist man durchgehend Online. Den Zugang zum Internet einfach einmal zwei Wochen abzustellen, um „Suchtprophylaxe“ zu betreiben, wäre hier wohl ein Kündigungsgrund. Sind wir vielleicht alle schon internetsüchtig ?

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