Medienwelten

29. September 2011

Piraten entern die Politik

Filed under: Digital Life,Internet,Politik — heinzmoser @ 15:53

Die Piratenpartei im Berliner Parlament – ist dies ein ernstzunehmendes politisches Ereignis? Bild.de titelte am 19.9.2011: „Können diese Piraten überhaupt Politik?“ Und in beinahe fast allen Fernsehshows machte man sich über die unsicheren Vertereter der Piraten lustig, deren Hauptbotschaft war, das eigene Programm sei noch in Entwicklung, man sei noch daran, sich  einzuarbeiten. Nochmals Bild dazu: „Das Wahl-Programm könnte von der Hacker-Vereinigung ‚Chaos Computer Club‘ stammen – ein seltsames Sammelsurium ziemlich abstruser Forderungen (http://www.bild.de/politik/inland/piratenpartei/berlin-wahl-piraten-was-steht-im-programm-20036506.bild.html).“

Wenige Tage nach der Wahl sollen die Poraten deutschlandweit nun aber  gar auf 7% der Stimmen kommen – ein Alarmzeichen für die gebeutelte FDP. Doch ist dies wirklich ein ernsthaftes Problem für die deutschen politischen Parteien? Focus Online jedenfalls beruhigt aufgrund der Ergebnisse des Forsa-Wahltrends: „Mehr als eine Protestpartei sind die Piraten nach Meinung der Deutschen offenbar nicht. Nur sechs Prozent glaubten, sie würden wegen ihrer politischen Ziele gewählt. 84 Prozent der Befragten sahen in den Piraten-Anhängern Wähler, die zu den anderen Parteien kein Vertrauen mehr haben. Diese Einschätzung teilten auch 81 Prozent der Piraten-Wähler selbst“ (http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/piratenpartei-wer-waehlt-die-piraten_aid_669862.html).

Wird also das Phänomen der Piraten so schnell verschwinden, wie es aufgetaucht ist? Das muss nicht so sicher sein. Man erinnere sich an den Aufstieg der Grünen in Deutschland und in der Schweiz. Auch diese Partei musste lange mit dem Vorwurf leben, sie habe kein umfassendes Programm, sondern sie sei eine Einthemenpartei, die sich bald überleben werde. Doch wie Fukushima zeigt, hat dieses eine und zentrale Thema eine gewaltige Wirkung. Zudem haben sich die Grünen längst professionalisiert und in der Parteienlandschaft etabliert.

Ähnliches könnte durchaus auch mit den Piraten geschehen. Denn die digitalen Netzt berühren heute jeden einzelnen Bürger – und insbesondere die junge Internet-Generation ist damit angesprochen. Zudem: Wie frei das Internet sein kann, und wo Persönlichkeitsrechte z.B. durch die grossen Internetkonzerne angeknabbert werden, bzw. das vermeintlich freie Netz vom Staat kontrolliert wird,  muss auch die Politik interessieren. Mit der Globalisierung, die eng mit den digitalen Netzen verbunden ist, zeigt sich eine Problematik des 21. Jahrhunderts, die ebenso grossen Sprengstoff entwickeln kann wie die ökologische Frage.  Zumal das Thema Globalisierung auch die dritte Welt, die Ausbeutung der Natur, die Finanz- und Bankenkrise als Subthema durchzieht. Gelingt es den Piraten, sich dieser Themen kompetent anzunehmen, dann wird diese Partei eine Zukunft haben. Ob eine solche Entwicklung glückt, ist ungewiss; aber zu schnell abschreiben sollte man sie nicht.

18. September 2011

iPads im Kindergarten?

Filed under: Medien,Medienpädagogik — heinzmoser @ 11:54

„iPads im Kindergarten sind sinnvoll“, formuliert die Gratiszeitung 20 minuten heute in ihrem Aufmacher. Ja, warum nicht? Das ist genauso sinnvoll, wie ein Notebook, ein PC, ein Handy, eine Digitalkamera etc. etc.  Schliesslich kommt es darauf an, was im Unterricht mit den technischen Hilfsmitteln konkret gemacht, gestaltet und gelernt wird.

Weshalb gibt es immer noch diese Gerätepädagogik, die jede neue Technik zum Wundermittel macht – genauso, wie die Bewahrpädagogik jedesmal den Untergang des Abendlandes darin sieht. Etwas verräterisch ist es allerdings, wenn im Artikel fett herausgehoben als Zwischentitel steht „Noch fehlen Konzepte“. Ich habe mir immer vorgestellt, dass man zuerst Konzepte haben müsste bevor man damit in die Schulen geht…

http://www.20min.ch/digital/dossier/apple/story/-iPads-im-Kindergarten-sind-sinnvoll–23783755

5. September 2011

Die Krise des Service Public

Filed under: Uncategorized — heinzmoser @ 22:43

Ende des letzten Monats war der Verkauf von TeleZüri an die AZ Medien in den Schlagzeilen. Dabei war der Tenor weitgehend zustimmend. Die AZ Medien selbst sahen die Entscheidung als Stärkung ihrer Position im Mittelland von Zürich bis nach Bern. Auch die Mediengewerkschaften reagierten und die Mitarbeiter von TeleZüri reagierten positiv, weil so die Arbeitsplätze gesichert werden konnten. So der Produzent Benno Kälin auf persoenlich.com: „Ich finde es eine sehr gute Lösung. Peter Wanner beweist mit Tele M1 täglich, dass er professionelles Privatfernsehen machen kann.“

Doch in Wirklichkeit zeigt dieser Verkauf nur die Bankrotterklärung des öffentlich-rechtlichen Systems der Finanzierung des Service Public im Medienbereich. Geht es doch bei der öffentlichen Förderung eigentlich darum, die kleinen lokalen Sender zu unterstützen, damit sie in einer Landschaft der Pressekonzentration überleben können.  Doch ohne eine gewisse Grösse geht es nicht. So war Tamedia mit dem nicht konzessionierten TeleZüri zu wenig erfolgreich. Vielleicht funktioniert die Aargauer Lösung besser, weil bereits zwei konzessionierte Anbieter unter diesem Dach vertreten sind, die nun zusammen mit dem Zürcher Sender zusammengehen. Das Dilemma ist nur, dass kleine Lokalsender immer noch zu wenig bekommen, um zu rentieren, grössere Player aber Mühe haben, mit den Einschränkungen der zugeteilten Sendegebiete und Konzessionen genügend Masse zu entwickeln.

Mit dem Internet und der sich wandelnden Medienlandschaft scheint zudem die Zeit generell vorbei, um mit den Mitteln der Vergangenheit kulturelle Vielfalt und ein qualitativ hochstehendes Fernsehen zu sichern. Das gilt auch für das Schweizer Fernsehen, das einen Rückgang an Zuschauerzahlen in Kauf nehmen muss. Wenn Generaldirektor Roger de Weck in diesem Zusammenhang von der „Qualité populaire“ spricht, ist das ein merkwürdiges Konstrukt. Originalton von de Weck im Beobachter: „Qualité populaire bedeutet, das breite Pu­blikum mit der immer komplexer werdenden Welt vertraut zu machen. Nicht nur das Interessante zu bieten, wie es Boulevardmedien tun, sondern neben dem Interessanten das Relevante so interessant und verständlich aufzubereiten, dass es das Publikum anspricht.“ Das volkserzieherische Konzept, das breite Publikum mit einer immer komplexer werdenden Welt vertraut zu machen, ist der Mottenkiste der Zeit von Radio Beromünster entsprungen. In den 50er- und 60er Jahren gab es für das Fernsehen noch keine Konkurrenz und die Fernsehnachrichten konnten die Welt erklären. Diese Zeit scheint sich de Weck zurückzuwünschen.

Heute konkurrenziert nicht nur das Fernsehen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sondern der Informations-und Newsbereich verschiebt sich immer mehr aufs  Internet. Das breite Publikum der Jungen liest Zeitung auf dem Netz und schaut sich dort auch Filme und Fernsehsendungen an. You Tube wird bei ihnen zur grossen Gegenspielerin der traditionellen Fernsehunterhaltung.

Auch das Werben mit dem qualitativ hochstehend Angebots im Rahmen des Service public trifft höchstens zum Teil: Wenn die Quoten sinken, dann muss auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen weiter billige Serien einkaufen und bei Casting- und Unterhaltungsshows mitziehen. So ist auch beim Schweizer Fernsehen die versprochene Qualité populaire oft nicht so richtig auszumachen. Wo dann aber das Schweizer Fernsehen das Internet crossmedial nutzen will, sehen wiederum die Verleger ihre Felle davonschwimmen, weil das mit öffentlichen Geldern unterstützte Fernsehen versuche, sich auch im Netz breit zu machen. Diese Plattform brauchen auch die Zeitungsverleger dringend, wenn sie im Internetzeitalter nicht untergehen wollen. Öffentlich rechtliche Konkurrenz sehen sie deshalb mit Stirnrunzeln.

Möglicherweise sind die bisherige Strategie der Finanzierung eines öffentlich-rechtlichen Medienbereichs ein Auslaufmodell. Denn ist es sinnvoll, dass der Staat einen riesigen Apparat des „Push-Mediums“ Fernsehen unterhält, während die heranwachsenden Generationen an ihm vorbei ihre Informationen aus dem Internet beziehen und im Web 2.0 die dort zugänglichen Informationsangebote  als aktive Produser nutzen? Wäre es nicht eher ein wirksamer Service public, wenn anspruchsvolle Informations- und Bildungsangebote über alle Medien hinweg finanziert werden könnten. Das könnten Datenbanken auf dem Internet, informative Internet-Portale, kulturelle Fernsehangebote, Jugendsendungen, interaktive Netzangebote etc. sein.

Jedenfalls sind im Internetzeitalter neue und kreative Ideen gesucht zur Sicherung der Qualité populaire gesucht, wenn ein wirksamer Service public aufrechterhalten werden soll. Es reicht nicht aus, wenn de Weck im Beobachter-Interview meint, dass im Grunde alles ganz einfach sei: „ Die Strategie der SRG ist einfach: Eine attraktive Programmierung lockt die Mehrzahl der Zuschauer und Hörer, die unsere Sendungen via Kanal verfolgen. Und attraktive Internetportale locken die stark wachsende Minderheit von Zuschauern und Hörern, die unsere Sendungen lieber via Internet verfolgen.“ Nur was geschieht dann, wenn die Mehrheit einer mit dem Netz aufgewachsenen Generation die Sendungen lieber via Internet verfolgt – und nur noch eine kleine Minderheit über die teuer subventionierten Kanäle?

Interview mit Roger de Weck: http://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/artikel/18386/

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