Medienwelten

5. September 2011

Die Krise des Service Public

Filed under: Uncategorized — heinzmoser @ 22:43

Ende des letzten Monats war der Verkauf von TeleZüri an die AZ Medien in den Schlagzeilen. Dabei war der Tenor weitgehend zustimmend. Die AZ Medien selbst sahen die Entscheidung als Stärkung ihrer Position im Mittelland von Zürich bis nach Bern. Auch die Mediengewerkschaften reagierten und die Mitarbeiter von TeleZüri reagierten positiv, weil so die Arbeitsplätze gesichert werden konnten. So der Produzent Benno Kälin auf persoenlich.com: „Ich finde es eine sehr gute Lösung. Peter Wanner beweist mit Tele M1 täglich, dass er professionelles Privatfernsehen machen kann.“

Doch in Wirklichkeit zeigt dieser Verkauf nur die Bankrotterklärung des öffentlich-rechtlichen Systems der Finanzierung des Service Public im Medienbereich. Geht es doch bei der öffentlichen Förderung eigentlich darum, die kleinen lokalen Sender zu unterstützen, damit sie in einer Landschaft der Pressekonzentration überleben können.  Doch ohne eine gewisse Grösse geht es nicht. So war Tamedia mit dem nicht konzessionierten TeleZüri zu wenig erfolgreich. Vielleicht funktioniert die Aargauer Lösung besser, weil bereits zwei konzessionierte Anbieter unter diesem Dach vertreten sind, die nun zusammen mit dem Zürcher Sender zusammengehen. Das Dilemma ist nur, dass kleine Lokalsender immer noch zu wenig bekommen, um zu rentieren, grössere Player aber Mühe haben, mit den Einschränkungen der zugeteilten Sendegebiete und Konzessionen genügend Masse zu entwickeln.

Mit dem Internet und der sich wandelnden Medienlandschaft scheint zudem die Zeit generell vorbei, um mit den Mitteln der Vergangenheit kulturelle Vielfalt und ein qualitativ hochstehendes Fernsehen zu sichern. Das gilt auch für das Schweizer Fernsehen, das einen Rückgang an Zuschauerzahlen in Kauf nehmen muss. Wenn Generaldirektor Roger de Weck in diesem Zusammenhang von der „Qualité populaire“ spricht, ist das ein merkwürdiges Konstrukt. Originalton von de Weck im Beobachter: „Qualité populaire bedeutet, das breite Pu­blikum mit der immer komplexer werdenden Welt vertraut zu machen. Nicht nur das Interessante zu bieten, wie es Boulevardmedien tun, sondern neben dem Interessanten das Relevante so interessant und verständlich aufzubereiten, dass es das Publikum anspricht.“ Das volkserzieherische Konzept, das breite Publikum mit einer immer komplexer werdenden Welt vertraut zu machen, ist der Mottenkiste der Zeit von Radio Beromünster entsprungen. In den 50er- und 60er Jahren gab es für das Fernsehen noch keine Konkurrenz und die Fernsehnachrichten konnten die Welt erklären. Diese Zeit scheint sich de Weck zurückzuwünschen.

Heute konkurrenziert nicht nur das Fernsehen das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sondern der Informations-und Newsbereich verschiebt sich immer mehr aufs  Internet. Das breite Publikum der Jungen liest Zeitung auf dem Netz und schaut sich dort auch Filme und Fernsehsendungen an. You Tube wird bei ihnen zur grossen Gegenspielerin der traditionellen Fernsehunterhaltung.

Auch das Werben mit dem qualitativ hochstehend Angebots im Rahmen des Service public trifft höchstens zum Teil: Wenn die Quoten sinken, dann muss auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen weiter billige Serien einkaufen und bei Casting- und Unterhaltungsshows mitziehen. So ist auch beim Schweizer Fernsehen die versprochene Qualité populaire oft nicht so richtig auszumachen. Wo dann aber das Schweizer Fernsehen das Internet crossmedial nutzen will, sehen wiederum die Verleger ihre Felle davonschwimmen, weil das mit öffentlichen Geldern unterstützte Fernsehen versuche, sich auch im Netz breit zu machen. Diese Plattform brauchen auch die Zeitungsverleger dringend, wenn sie im Internetzeitalter nicht untergehen wollen. Öffentlich rechtliche Konkurrenz sehen sie deshalb mit Stirnrunzeln.

Möglicherweise sind die bisherige Strategie der Finanzierung eines öffentlich-rechtlichen Medienbereichs ein Auslaufmodell. Denn ist es sinnvoll, dass der Staat einen riesigen Apparat des „Push-Mediums“ Fernsehen unterhält, während die heranwachsenden Generationen an ihm vorbei ihre Informationen aus dem Internet beziehen und im Web 2.0 die dort zugänglichen Informationsangebote  als aktive Produser nutzen? Wäre es nicht eher ein wirksamer Service public, wenn anspruchsvolle Informations- und Bildungsangebote über alle Medien hinweg finanziert werden könnten. Das könnten Datenbanken auf dem Internet, informative Internet-Portale, kulturelle Fernsehangebote, Jugendsendungen, interaktive Netzangebote etc. sein.

Jedenfalls sind im Internetzeitalter neue und kreative Ideen gesucht zur Sicherung der Qualité populaire gesucht, wenn ein wirksamer Service public aufrechterhalten werden soll. Es reicht nicht aus, wenn de Weck im Beobachter-Interview meint, dass im Grunde alles ganz einfach sei: „ Die Strategie der SRG ist einfach: Eine attraktive Programmierung lockt die Mehrzahl der Zuschauer und Hörer, die unsere Sendungen via Kanal verfolgen. Und attraktive Internetportale locken die stark wachsende Minderheit von Zuschauern und Hörern, die unsere Sendungen lieber via Internet verfolgen.“ Nur was geschieht dann, wenn die Mehrheit einer mit dem Netz aufgewachsenen Generation die Sendungen lieber via Internet verfolgt – und nur noch eine kleine Minderheit über die teuer subventionierten Kanäle?

Interview mit Roger de Weck: http://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/artikel/18386/

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2 Kommentare »

  1. […] In diesem Blog habe ich vor einigen Wochen Zweifel daran geäussert, ob die öffentlich-rechtlichen Medien in der heutigen Form noch Zukunft haben. Vor allem die Medienkonvergenz stellt  die „öffentlichen Medien“ vor ganz neue Probleme: Wenn Fernsehen und Internet verschmelzen, stellt sich die Frage, ob ein öffentliches Fernsehen nicht ein Auslaufmodell ist, bzw. ob der sog. Service Public nicht neuer Modelle bedarf. Seither werden ähnliche Überlegungen immer häufiger auch öffentlich diskutiert – etwa von Gerhard Schwarz, dem Direktor des Thinktanks Avenir Suisse. So formuliert er seine Ideen im Zürcher TagesAnzeiger unter der Überschrift „Den Service Public neu definieren“ (3. November 2011). […]

    Pingback von Service Public vor dem Aus? « Medienwelten — 7. November 2011 @ 18:18 | Antwort

  2. […] Die Krise des Service public – Blogger Heinz Moser kritisiert den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz, heinzmoser.wordpress.com, 05.09.11 […]

    Pingback von Roger de Weck | Politik. Medien. Öffentlichkeit. — 1. Januar 2012 @ 12:06 | Antwort


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