Medienwelten

31. Oktober 2011

Chancengleichheit beim PC – medienpädagogische Verrenkungen

Filed under: Digital Divide,Medienpädagogik — heinzmoser @ 10:52

Im Zürcher TagesAnzeiger hiess letzte Woche eine Schlagzeile auf der Titelseite (26. Oktober 2011): Je ärmer die Familie, desto früher haben die Kinder ihren eigenen PC“. Eigentlich eine positive Meldung: Das Problem der Chancengleichheit spielt offensichtlich bei den digitalen Medien heute kaum mehr eine Rolle . So heisst es im Text sogar umgekehrt: „Kinder von ärmeren und weniger gebildeten Eltern sind tendenziell früher im Besitz eines Computers als ihre Kollegen aus Familien mit einem höheren sozioökonomischen Status.“

Doch ist das ein bildungspolitischer Erfolg? Schon der Untertitel des Artikel streut erste Zweifel: „Eine neue Studie zeigt, dass viele Zürcher Primarschüler unbegleitet im Internet surfen.“ Haben also die Unterschichten erst einmal den Anschluss geschafft, so ist die Form, in welcher sie die Computer nutzen, trotzdem wieder verkehrt. Schmuddelkinder bleiben Schmuddelkinder, auch wenn sie den Computer im Kinderzimmer stehen haben. Auch hier liefert der Artikel die dazu gehörige Argumentation: „Bloss 11 Prozent der Primarschulkinder werden in der Regel  von den Eltern begleitet. 62 Prozent sitzen allein vor dem Bildschirm. Auch hier schneiden Kinder aus ärmeren Verhältnissen schlechter ab. Sie dürfen eher, ohne zu fragen ins Internet und müssen weniger strikte Regeln einhalten. Die Kinder sind auch schlecht informiert über die Gefahren im Internet, und bei rund 35 Prozent ortet die Studie erste Anzeichnen von Onlinesucht.“

Nun sind die berichteten Fakten nicht vom Tisch zu wischen. Auch die von uns 2003-2006 durchgeführte Nationalfonds Studie zum Thema Migration und Medien (Bonfadelli u.a. 2008) zeigte, dass z.B. strenge Fernsehregeln bei türkischen Eltern nicht so gut ankamen. Sie fanden hier die Schweizer eher zu streng. Oft lief der Fernsehe nebenbei den ganzen Tag, ohne dass man sich darauf konzentrierte oder gar süchtig war. Wir interpretierten dies damals aber primär als kulturellen Unterschied. Die von uns befragten türkischen Eltern fanden die strikten Kontrollen der Schweizer/innen etwas gar übertrieben. Ebenso wurde schon in der damaligen Studie deutlich, dass der Computer häufig  im Kinderzimmer stand und die Jugendlichen die Experten der Familie waren, die Informationen aus der Türkei suchten oder mit Angehörigen stellvertretend chatteten. Doch soll man dieses „unbegleitete“ Surfen gleich als negativ verurteilen?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Unterschicht und bürgerlicher Mittelschicht, die sich auch im Umgang mit Computern niederschlagen. Das betrifft auch den Umgangston, die Formen der Computernutzung – und möglicherweise ist bei Auswüchsen wie Happy Slapping oder Cybermobbing das stärker körperbetonte Verhalten von Kindern aus unteren Schichten mitbeteiligt. Trotzdem sollte man den Computer nicht generell zum Problemmedium für Kinder aus unteren Schichten erklären. Es wäre hier an die Studie von Ulrike Wagner (2008)  zum Medienhandeln in der Hauptschule zu denken, die betont, dass Medienverhalten in einem engen Zusammenhang zum gesamten Lebensalltag der Jugendlichen steht und darin verwoben ist. Die Studie unterschlägt Problemzonen im Umgang von Hauptschüler/innen nicht, sieht aber auch die positiven Seiten. Vor allem beim Umgang mit Bildern und präsentativen Ausdrucksformen verfügen diese Jugendlichen über positive Potenziale, die vermehrt auch von der Schule genutzt werden könnten. So zeichnet die Studie von Wagner ein durchaus positives Bild für Jugendliche aus dem „unteren“ Bildungsbereich: „Die Hauptschülerinnen und Hauptschüler haben überwiegend eine niedrige Hemmschwelle im Umgang mit multifunktionalen Medien. Das ‚Einfach Machen‘ ist für sie in ihrer Freizeit selbstverständlich. Sie nehmen dabei die damit verbundenen Herausforderungen und Schwierigkeiten zu meistern (gegebenenfalls mit Unterstützung) gerne an.“ (S. 235).

Weiteres zur vom TagesAnzeiger zitierten Studie: http://zischtig.ch

Bonfadelli, Heinz u.a. (2008): Jugend, Medien und Migration: Empirische Ergebnisse und Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Wagner, Ulrike (Hrsg) (2008): Medienhandeln in Hauptschulmilieus. Mediale Interaktion und Produktion als Bildungsressource. München: kopaed

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26. Oktober 2011

Tag der (Nicht-) Medienkompetenz

Filed under: Digital Life,Internet,Mediengewalt,Medienpädagogik — heinzmoser @ 09:00

Viele Ereignisse  haben spezielle Tage, die ihre Schatten werfen. Da gibt es den Tag des Apfels, den Tag des Handwerks, den Tag der Kranken, den Tag der gesunden Ernährung, den Weltlachtag, den Tag der Sonne, den Tag des Gartens  etc. Und nun gibt es in der Schweiz also einen 1. Nationalen Tag der Medienkompetenz. Gedenktage sind immer etwas zwiespältig: Man fokussiert sich einmal im Jahr auf ein Ereignis, um es dann mit gutem Gewissen abzuhaken. Auf der anderen Seite  kann man an einem solchen Tag Bilanz ziehen und Bewusstsein schaffen. Doch braucht es wirklich auch noch einen Tag der Medienkompetenz? Und vor allem, wofür soll der Tag für Medienkompetenz stehen?

Der Tag der Medienkompetenz ist nämlich eigentlich ein Tag der Nicht-Medienkompetenz. Wenn man die Website dazu ansteuert, fällt erst einmal ins Auge ,dass es dort heisst: „ Der zentrale Anlass in Fribourg besteht aus dem Nationalen Fachforum Jugendmedienschutz.“ Und Bunderat Didier Burkhalte meint dementsprechend in seinem Grusswort „Internet, Soziale Netzwerke, Smartphones, Computerspiele: Digitale Medien faszinieren und bereichern unseren Alltag, das Berufsleben und vieles mehr. Es stellen sich aber auch Fragen nach der altersgerechten Nutzung und nach dem Schutz von Kindern und Jugendlichen vor möglichen Gefahren wie Gewalt, Pornografie oder unerwünschten Kontakten.“

Natürlich ist der Jugendmedienschutz ein wichtiges Thema, das verstärkt thematisiert werden muss. Doch wenn es um einen „Nationalen Tag der Medienkompetenz“ geht, hätte ich erwartet, dass man erst einmal  gelungene Medienprojekte vorstellt, auch festhält, wie medienkompetent unsere Gesellschaft und vor allem die Jugendlichen  heute geworden sind („Yes, wie can“, würde vielleicht ein bekannter Zeitzeuge dazu sagen).

Der Tag der Medienkompetenz ist dagegen eine Mogelpackung:  Hier geht es darum, um wieder einmal aufzuzeigen, wie wenig kompetent die heranwachsende Generation ist, und dass da noch ein gewaltiger Nachholbedarf an Wissen um Gefahren und Risiken besteht. Förderung von Medienkompetenz heisst deshalb, dass es an diesem Tag vor allem um die Schulung der Nicht-Kompetenten geht. So soll an diesem Tag Gelegenheit bestehen, „Strategien und Massnahmen zur Förderung in Medienkompetenzen in unterschiedlichen Settings (Peers, Familie, Schule, Freizeit) zu diskutieren.“

Das ist ja alles nicht falsch. Dennoch ist es schade, dass hier eine Chance vertan wird: Alle Risiken und Gefahren werden nochmals aufgetischt; was vergessen wird, ist die Medienkompetenz der heutigen Jugendlichen und ihr Spass an den Medien, sowie die Chancen und Ressourcen , die damit für unsere Gesellschaft verbunden sind.

Link zum Tag der Medienkompetenz:  http://mewiko.ch

22. Oktober 2011

JIM- und KIM-Studien – ein Auslaufmodell?

Filed under: Internet,Medien,Medienwissenschaft — heinzmoser @ 09:05

Wer medienpädagogisch einen Überblick über die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen erhalten wollte, profitierte in den letzten Jahren von den regelmässig durchgeführten Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest. Hier wird die Nutzung von Medien wie Fernsehen, Computer und Internet detailliert erforscht und in jährlichem Rhythmus  upgedated (http://www.mpfs.de/)

Doch leider wird es immer schwieriger, in Seminaren und Publikationen mit diesen Daten zu arbeiten. Denn früher war es zwar sinnvoll, Kategorien wie Radio, Fernsehen, Computer etc. in den Mittelpunkt zu stellen.  Was sagt aber im Zeitalter der Medienkonvergenz eine Kategorie wie Fernsehen noch aus? Jugendliche gucken Fernsehen auf dem Computer – und dies häufig  über YouTube, aber auch in der Form des  Streaming auf  Wilmaa oder Zattoo.  Oder sie rufen die Mediatheken von ZDF, ARD und anderen Sendern auf dem Internet ab. Und manche Kids nutzen bereits das Smartphone oder den iPad als ihr „Fernsehgerät“ Natürlich besteht eine Möglichkeit darin, die Nutzungsform „Fernsehen“ unter den Stichworten „Internet“oder „Handy“ genauer zu erheben. Doch die Analyse wird dann – gerade für Studierende – immer komplexer zu handhaben.

Was heisst es z.B. wenn davon gesprochen wird, dass das Leitmedium „Fernsehen“ immer mehr vom Leitmedium „Computer“ abgelöst wird? Vielleicht schauen ja die Jugendlichen einfach mehr Fernsehfilme auf dem Computer. Und was heisst „fernsehen“ überhaupt. Sind YouTube File einfach dann unter „Fernsehen“ abzubuchen, wenn sie ursprünglich für einen der Fernsehkanäle produziert wurden?

Wahrscheinblich wird die Nutzungsforschung umdenken müssen. Anstelle der Geräte, die benutzt werden, müssen stärker die Funktionen in den Mittelpunkt treten: Wie häufig und in welcher Form werden von Jugendlichen Filme und Serien geschaut oder Musik gehört? Mir scheint. dass sich die alte Form der Nutzungsstudien in der aktuellen Medienlandschaft überholt hat. Neue Ideen sind hier für ein aktuelles Forschungsprogramm gefragt.

8. Oktober 2011

Compute Continuum und mobiles Lernen

Filed under: Internet,Medienpädagogik — heinzmoser @ 07:40

Die Zukunft der Medienwelt beschreibt der Paul Otellini, CEO der Firma Intel nach einem Bericht der NZZ vom 6. Oktober 2011 als „Compute Universe“. Danach gebe es einen einschneidenden Wandel „weg vom PC hin zum PC, weg vom Personalcomputer zu einer Anwendung, bei der ein Benutzer über eine Vielzahl von verteilten Computern gebietet. Es geht nicht um Tablet-PC contra Netbook oder Smartphone contra Desktop-PC, sondern um ein Miteinander von unterschiedlichen Hardware-Plattformen und Betriebssystemen, die gemeinsam – so Otellini – ein ‚Compute Continuum‘ bilden.

Vernetzung bedeutete bis heute, dass ein PC als Schaltzentrale im Mittelpunkt stand. Wer Daten in der Cloud parkierte, „lagerte“ diese ins Netz „aus“. Filme oder Fotos wurden auf den PC übertragenn, dort geschnitten und anschliessen von der Zentrale aus aufs Netz geladen.  Genau das wird sich aber im Zeitalter des mobilen Computing verändern. Weil alle diese Geräte kleine Computer sind, brauch es keine zentrale Stelle in diesem Netz mehr.

Für Medienpädagogen bedeutet das, weg von einer Gerätepädagogik zu kommen, wo es z.B. um einen Einsatz  von Handys geht, die plötzlich den Computer abzulösen scheinen. Es braucht weder eine Handypädagogik noch eine iPad-Pädagogik sondern Konzepte des mobilen Lernens, die für die Schule umsetzt, was dieses „Comute Continuum“ verspricht. Gerade im Zusammenwirken der Medien ergeben sich viele interessante Arbeitsformen – ob in der Schule, privat oder am Arbeitsplatz.

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