Medienwelten

7. Dezember 2011

Musik downladen – Kriminalisierung der jugendlichen User

Filed under: Digital Life,Internet,Medien,Urheberrecht — heinzmoser @ 20:07

Gegenüber vielen anderen europäischen Ländern darf man in der Schweiz straflos Musik downladen, sofern man nicht selber – wie bei manchen Musik-Sharing-Tools vorausgesetzt – damit zum Anbieter dieser Musikstücke wird, indem man diese gleichzeitig selbst zum Download anbietet. Die Regel scheint eigentlich ganz vernünftig, da sie es ermöglichen soll, die eigenen Lieblingsplatten, die man einmal gekauft hat, den Freunden weiterzugeben. Doch das Volumen der heruntergeladenen Stücke ist riesig. So sollen bis zu einem Drittel aller über 15-Jährigen gratis Musik, Filme und Spielfilme herunterladen (vgl. dazu den Artikel in 20 minuten: http://www.20min.ch/news/schweiz/story/27527052).

Die SP Nationalrätin Géraldine Savary hat denn auch in einem Postulat angeregt, Massnahmen zur Bekämpfung dieser Praktiken zu erlassen. Unterstützt wurde sie nicht zuletzt von der betroffenen Industrie, die um ihre Einnahmen fürchtet. Und es schleckt auch keine Geiss weg, dass gerade Musik- und Filmindustrie in den letzten Jahren unter den schwindenden Einnahmen leiden.

Trotz all dieser Lobbyarbeit hat der schweizerische  Bundesrat indessen beschlossen, an der bisherigen Regelung nichts zu ändern. In seinem Bericht stellt der Bundesrat angesichts verschiedener Studien, die er auswertet, zu Musik/Tonträgern, Videospielen und Filmunterhaltung fest: „Zusammen sind diese drei Sektoren für 1.23 Milliarden CHF oder 11.5 % des Gesamtumsatzes verantwortlich, was rund  0.23 % des Schweizer Bruttoinlandproduktes entspricht. Dieser Umsatz ist trotz der trotz derTauschbörsen in den letzten Jahren mehr oder weniger konstant geblieben.“ Es wird also schlicht bezweifelt, ob die Umsatzeibussen so bedeutend sind, wie das im Allgemeinen kolportiert wird. Vielfach kaufen Jugendliche später auch eine CD, wenn Ihnen ein Musikstück, das sie heruntergeladen haben, gefallen hat. Zudem wachsen die Ausgaben für den Sektor der Freizeit in der postmodernen Gesellschaft insgesamt an.

Mit Bezug auf eine niederländische Studie wird dann betont, dass diese Problematik auch durch Verschiebungen der Budgets aufgefangen werde.  So konsumierten die stärksten Nutzer nichtlizenzierter Kopien „zwar Musik als solche aus dem Internet zu sehr geringen Kosten, verwenden aber in der Folge die so erzielten Einsparungen für Konzerte und Merchandising,“ Dennoch ist zu bezweifeln, ob diese „Umnutzung“ und „Erosion“ der bisherigen Gewinne aus Tonträgern durch die neuen Formen 1:1 ersetzt werden können.

Interessanter und realistischer ist ein  zweiter Gedanke aus dem Bericht des schweizerischen Bundesrates: Er geht von der Masse der heruntergeladenen Dateien aus und kommt zum Ergebnis, dass schon das Volumen  der Rechtsverletzungen eine gerichtliche Durchsetzung in traditioneller Weise verunmögliche – ausser man würde zusätzlich für den Musikbereich 170  Staatsanwälte einstellen. Und damit tendiert der Bundesrat zu folgender Lösung:

„Der schweizerische Gesetzgeber hat sich bezüglich derjenigen Probleme, welche durch die Verbesserung der Kopiermöglichkeiten wie auch Vereinfachung der Verbreitung entstanden sind, für die folgende Lösung entschieden: Die Nutzung für den Eigengebrauch wurde durch das Gesetz erlaubt und die Erlaubnis mit einem Vergütungsanspruch verbunden. Dadurch wurden die Konsumenten aus der Illegalität herausgeführt und gleichzeitig die vermögensmässigen Interessen der Rechteinhaber gewahrt. Demgegenüber sollen diejenigen Fälle verhindert werden, in welchen die Konsumenten als trittbrettfahrende Anbieter auf dem Markt auftreten und damit einen erheblichen Schaden verursachen.“

Diese Lösung mag den betroffen Musikproduzenten nicht gefallen. Doch ebenso wenig scheint es plausibel, gesetzliche Massnahmen anzustreben, bei denen eine Kriminalisierung weiter Teile der Jugend vorprogrammiert ist – wobei zudem die Durchsetzung der neuen Rechtsnorm ohnehin kaum machbar wäre. So scheint mir hier Reformverweigerung und die Ausrichtung am bestehenden Gesetz für einmal keine schlechte Lösung.

Ich bin auch nicht so pessimistisch, dass sich dadurch die Förderung junger Musiker und Rockgruppen verunmöglicht. Es werden aber neben den traditionellen Musikproduzenten andere Kanäle und Möglichkeiten wichtig: Erweiterung der Auftrittsmöglichkeiten, das Internet als Produktions- und Distributionskanal, Stipendien für begabte Musiker, etc. Paradoxerweise wird gerade die Beibehaltung einer traditionellen Regel bedeuten, dass Innovation und neue Lösungen die erstarrten Regeln des Musikbusiness zwingen, sich neu und anders zu definieren.

Bericht des Bundesrats zur unerlaubten Werknutzung über das Internet: http://www.bfm.admin.ch/content/dam/data/pressemitteilung/2011/2011-11-30/ber-br-d.pdf

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