Medienwelten

22. Februar 2012

Ting und Tiptoi – Top oder Flop der Hörstifte?

Multimedia im Kinderzimmer wurde als Thema an der diesjährigen Didacta in Hannover stark propagiert. Wassilios Fthenakis betonte als Didacta-Präsident: Digitale Medien sind keine Ersatz für das Buch, aber eine Bereicherung – auch schon für unter Zehnjährige“ (zit. nach Focus-Online vom 15.2. 2012).

Besonders im Fokus standen audiodigitale Lernsysteme wie Tiptoi (Ravensburger) und Ting  (Brockhaus und weitere Verlage). Beides sind Lesestifte, die Audio abspielen, wenn Kinder in einem Buch bestimmte Wörter oder Zeichen antippen. Seit dem Herbst 2010 hat allein Ravensburger zwei Millionen solcher Produkte für Kinder ab 4 Jahren verkauft.

Doch welches ist der Wert dieser neuen technischen Innovation fürs Kinderzimmer wirklich? Wir haben Ting von Brockhaus getestet. :

Einfach geht die Installation über den USB-Eingang des Computers und die Anmeldung der gekauften Bücher. Dann kann man gleich loslegen, wobei der Stift nicht allzu zu gross ist und gut in der Hand liegt. Positiv ist zudem bei Ting, dass auch weitere Verlage als Brockhaus mit dabei sein – z.B. auch die schönen Kinderbücher von „ars edition“

Beim mitgelieferten Set zum Hörstift war „Mein erster Brockhaus“ als Buch dabei. Nach Klappentext sind in diesem Buch rund 1500 Alltagsgeräusche, Dialoge, Reime, Lieder und Texte zum Hören versteckt. So kann man Wörter („Kerze“, Kette“) per Hörstift auf Englisch übersetzen lassen. Hält man den Stift auf Bilder wie das im Buch abgebildete Karussell, so tönt es gleich: „Herein spaziert, herein spaziert und  fahren Sie mit“. Und bei einer Abbildung von Nägeln tönt es „Und jetzt mal still gestanden, Jungs, sonst schlägt sich Meister Heinrich wieder auf die Finger!“ Vielfältige Audioreize können so mit dem Lesen verbunden werden – wobei Kinder neugierig sind, was sich denn jetzt wieder für ein Audioimpuls hinter einer Zeichnung versteckt.

Es gibt allerdings keine aufbauende Lernstrategie bzw. einen vorgegebenen Ablauf, wie man sich für das „Erste Lexikon“ klickt. Nach Lust und Laune durchforscht man das Buch. Dies wirkt auf der einen  Seite sympathisch; es stellt sich aber auch die Frage, wie hoch denn der Lernertrag des relativ ziellosen Surfens wirklich ist. Und zweitens gibt es insgesamt einige wenige Kategorien von Audioimpulsen, die immer wieder vorkommen: da dürfte sich der Reiz des Ganzen doch sehr schnell abbrauchen.

Der zweite Versuch: Mit Ting erforschen wir eine schön gestaltetes Kinderbuch: „Das Wimmelbuch. Eine Reise durch die Zeit“, geschrieben von Ulla Bartl. In grossen Bildern werden hier vergangene Zeiten, von Steinzeit und altem China bis zu New York im 21.Jahrhundert illustriert. Die einzelnen Bilder sind voll von Gebäuden, Landschaften und Personen – ein richtiges Gewimmel. Für Kinder ist es eine Lust, diese Bilder anzuschauen und dann gezielt zu suchen, was auf den einzelnen Blättern nicht stimmt. So wird in die Steinzeit ein Dinosaurier hineinklamüsert,  oder in einer Höhle brennt eine elektrische Lampe. Diese Fehlersuche macht Spass, nur braucht man dazu den Stift noch überhaupt nicht. Was leistet nun dieser? Klickt man die Steinzeit an, dann gibt es kleine informative Hörszenen zur Steinzeit – etwa zu den Fellkleidern in der Steinzeit. Oder es wird auf der Flöte eine Tanzmelodie gespielt, die nach dem Sprecher auch zur Geisterbeschwörung dient.  Gesamtbefund zum Wimmelbuch: Ein ganz tolles Buch für Kinder, die sich spielerisch mit dieser Zeit auseinandersetzen. Doch dazu braucht es den Stift eigentlich gar nicht. Dieser ist zwar ein netter Zusatz, doch das Buch überzeugt auch „ohne“.

Grundsätzlich ist die digitale Revolution mit dem Hörstift weniger ein Sturm als ein laues Lüftchen. Es ist ein nettes Gadget, in Kinderbücher auf diese Weise auf Knopfdruck Hörelemente einbauen zu können. Doch wenn jetzt die digitalen Tablets und iPads – und später vielleicht Ebooks – kommen, wo auf Berührung Filme und Musik abgespielt werden, ist der Hörstift nur eine Vorform für digitale Animationen. Dies erinnert mich an die Kindercomputer, die in den Neunzigerjahren mit grossem Trara Kinder in die digitale Welt einführen sollten. Auch diese blieben mehr oder weniger ein Flop, weil die Kids viel lieber mit dem „richtigen“ PC der Eltern spielten. Hörstifte erscheinen mir deshalb ein untauglicher Versuch für die angeschlagene Buchbranche, den Weg ins Digitalzeitalter auf der eigenen Plattform der Printtechnologie doch noch zu schaffen. Herausgekommen ist ein Klon, der weder Fisch noch Vogel ist. Überlebensfähigkeit: fraglich.

 

Update:

Dazu auch mein Beitrag zu Lesestiften, Kindertablets  und Apps für Handys und Tablets

13. Februar 2012

Apple – die kleine (oder auch grössere) Verführung der Schulen

Filed under: HAndy,Medien,Medienpädagogik — heinzmoser @ 11:55

Apple lanciert Grossangriff auf Schweizer Bildungsmarkt“ titelt der heutige TagesAnzeiger in seiner Online Ausgabe. Dies ist nach dem Artikel der Hintergrund: „Der Computer- und Softwarekonzern Apple  plant zurzeit eine Marketing-Strategie zur Eroberung des Schweizer Bildungsmarktes. Im Fokus stehen dabei die Lehrer, die für eine maximale Verbreitung von Apple-Produkten an Schulen sorgen sollen, wie die Zeitung «Sonntag» schreibt.“ Und wenn  man dann auf den „Sonntag“ zurückgreift, so heisst es dort:

„Nach Angaben des internationalen Forschungsinstituts Gartner hat Apple im Schweizer Bildungsbereich bereits einen Marktanteil von 70,4 Prozent. Und das ist erst der Anfang: Mit Geräten wie dem iPad und neuer Lern-Software wird die Marktmacht weiter wachsen.“

Nun ist Apple schon immer in schweizerischen Bildungssystem führend gewesen – als „kleine, aber feine“ Alternative zu Windows. Davon scheint Apple heute noch zu zehren, wenn die Firma zum Halali auf die schweizerischen Schulen bläst. Doch eines sollte man nicht vergessen: Apple ist mit seinem geschlossenen System heute selbst zum Monopolisten geworden, der alles tut, um seine Marktmacht auszuspielen. So wird ja genauestens überwacht, was in Apples App-Shop noch durchgeht. Und im Streit zwischen Apple und Samsung wird mit knallharten Bandagen gefochten.

Doch die traditionelle Rolle des gefürchteten Herausforderers des globalen Drachens namens „Windows“ wirkt im Bildungsbereich bis heute nach. So ist es kein Wunder, dass es in der Schule heute primär von  iPhones oder iPads gesprochen wird, nicht aber von androidbasierten Lösungen. Denn Apple gewinnt nach wie vor alle Sympathiepunkte.

Ich möchte hier – selbst iPhone User – allerdings nicht einfach applekritisch argumentieren. Gerade mit dem iPhone kann  man im Unterricht der Schulen viel anfangen – etwa wenn man damit kleine Videos aufnimmt und mit iMovie dann noch bearbeitet. Trotzdem ist es merkwürdig, wenn Lehrerinnen und Lehrer, die für OpenSource Produkte werben, dann letztlich doch wieder vorbehaltlos auf Apple stehen. Grundsätzlich geht es doch einfach um guten Unterricht, der mit digitalen Medien realisiert werden kann. Ob dies mit Apple, mit Windows oder vielleicht sogar mit Android-Geräten erreicht werden kann, müsste  für alle Vertreter des Bildungssystems zweitrangig sein. Was aber am Wichtigsten ist: Wir brauchen keinen Monopolisten – auch wenn  er Apple heisst, der letztlich mit seiner Marktmacht bestimmt, wie der über Medien vermittelte Unterricht in den Schulen aussieht.

4. Februar 2012

Kann sich die NZZ ihren Verwaltungsratspräsidenten noch leisten?

Filed under: Medien,Politik — heinzmoser @ 22:34

„Wehe, wehe Wegelin“, so titelt die „Süddeutsche“. Sie bezieht sich damit auf die Klage gegen die Wegelin Bank wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in den USA.  Das ist eigentlich kein Thema für einen Medienblog – wenn nicht da Kurt Hummler wäre, der  ehemalige Wegelin-Chef, der bis heute Verwaltungsratspräsident der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) ist. Darauf hat heute ein Bericht von Radio DRS reagiert. In der Newssendung „Echo der Zeit“ wurde gemutmasst, ob Hummler bei der NZZ Einfluss auf die Berichterstattung nehme und damit besser zurückträte. Die damit verbundene Problematik: „ Nimmt Hummler hier Einfluss auf die Berichterstattung – oder fühlt sich die Zeitung verpflichtet, die Bank ihres Präsidenten zu schützen?“  Der Publizist Karl Lüönd nimmt die NZZ in Schutz: Die Kollegen bei der NZZ seien viel zu integer, eine Einflussnahme Hummlers würden sie sich nicht bieten lassen. Das mag zutreffen.

Doch eigentlich ist es müssig, sich darüber zu streiten, ob es  einen Einfluss auf die Berichterstattung gab oder nicht. Auch wenn Konrad Hummler in allem korrekt gehandelt hätte, wird er sich nicht halten können.  Denn die NZZ, welcher als international renommierte Zeitung gerade in ihrem Wirtschaftsteil eine besondere Kompetenz zugebilligt wird, kann sich einen Verwaltungsratspräsident im Zwielicht einer internationalen Finanzaffäre schlicht nicht leisten. Und auch die Schweiz nicht – für welche die NZZ ein publizistisches Aushängeschild ist. Jedenfalls wird die Glaubwürdigkeit der Zeitung schwer beschädigt, wenn ihr Verwaltungsratspräsident als  (Ex-) Chef jener Bank gilt, die die in den USA wegen Finanzkriminalität am  Pranger steht. Schon der heutige Bericht auf DRS 1 unterstreicht das Dilemma: Jede Meldung der NZZ wird in den nächsten Tagen und Wochen nur noch akribisch darauf gecheckt, wie der Fall Wegelin und seine Folgen in ihren Spalten abgehandelt wird. Man kann deshalb dem Verwaltungspräsidenten nur eines empfehlen: möglichst schnell zurückzutreten.

Update vom 9. Februar 2012

Heute heisst es im Zürcher TagesAnzeiger:

Konrad Hummler gibt NZZ-VR-Präsidium ab

Es ist gekommen, wie es kommen musste – und ich es letzte Woche schon voraussagte: Hummler ist zurückgetreten. Es ist wohl eher Salamitaktik, wenn es dazu heisst, dieser Schritt sei nur interimistisch erfolgt.

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