Medienwelten

14. März 2012

Medienpädagogische JIM- und KIM-Studien: ein Auslaufmodell

Filed under: Medienforschung,Medienpädagogik,Medienwissenschaft — heinzmoser @ 09:20
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Nutzungsstudien sind für viele Adressaten medienpädagogischer Forschung der Massstab aller Dinge. In einer Zeit des schnellen Technologiewandels scheinen Daten hilfreich, die zeigen, wie häufig Kindern bestimmte Medien nutzen, über wieviele Computer eine Durchschnittsschule verfügt, in welchem Zeitraum bei Kindern und Jugendlichen  z.B. Medien wie das Handy von Randphänomenen zu unersetzlichen Geräten für Alle werden. Verdienstvoll sind hier z.B. die Studien des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (KIM, JIM), aber auch andere ähnliche Datenerhebungen.

Auch wenn es interessant ist, die sich verändernde Datenstruktur dieser Studien über die Jahre zu verfolgen, so ist dennoch nicht zu übersehen, dass Nutzungsansätze, welche gerätespezifisch orientiert sind, immer stärkere Dysfunktionalitäten aufweisen. Dies können folgenden Beobachtungen verdeutlichen:

– Die Angabe der zeitlichen Dauer, in welcher sich Kinder mit Medien beschäftigen, werden immer schwierig interpretierbar, wenn Jugendlich Zuhause über eine Flatrate verfügen und den Computer einschalten, sobald sie  nach der Schule dort ankommen – um ihn vielleicht erst vor dem Zubettgehen wieder auszuschalten.  Die fünf oder sechs Stunden bedeuten dann nicht mehr, dass man sich spezifisch mit Aktivitäten am Computer beschäftigt; sondern man ist einfach Online und damit auf Empfang. Ähnlich muss man auch bei Handy fragen, was solche Werte  noch bedeuten: die Zeit der aktiven Beschäftigung mit Apps bzw. die Zeit, in welcher man telefoniert und SMS schreibt, oder die Zeit, in welcher das Handy eingeschaltet und die Kinder und Jugendlichen bereit sind, eingehende Meldungen unverzüglich zu beantworten.

– Noch schwieriger wird es, wenn das Medium nicht mehr eindeutigen einem bestimmten Gerätetypus zuzuordnen ist. Wer heute in einem Fragebogen zur Nutzung „Fernsehen“ ankreuzt, bezeichnet damit seine Aktivitäten am physischen Fernsehgerät. Doch in der täglichen Alltagspraxis kann „Fernsehen“ darüber hinaus auch bedeuten: Fernsehsendungen auf  dem Handy  oder auf dem Internet Online angucken. Auf dem Internet kann man zudem Fernsehsendungen  als Stream oder zeitversetzt als Konserve (in den Mediatheken der Sender oder auf YouTube ) ansehen. Manchen Kindern ist es dann vielleicht auch gar nicht mehr klar, ob sie auf YouTube eine Fernsehproduktion anschauen oder sonst einen Film, der hier veröffentlicht wurde.

– Damit werden auch Aussagen wie diejenige, dass sich die Entwicklung vom Leitmedium Fernsehen zum Leitmedium Computer verschieben, bezüglich der empirischen Datenbasis unsicher. Denn wenn ich am Computer vornehmlich nichts anderes tue als Fernsehfilme anzusehen, oder wenn ich gar kein Fernsehgerät mehr habe,  weil ich alles nur noch Online konsumiere, dann machen Aussagen zu einem vorgeblichen „Leitmedium“ nur wenig Sinn. Jedenfalls ist es sehr schwierig eine Aussage wie diejenige der JIM-Studie von 2008 zu interpretieren: „Obwohl in der vorliegenden JIM-Studie zum ersten Mal seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1998 mehr Computer als Fernsehgeräte im persönlichen Besitz von Jugendlichen sind, nimmt das Medium noch immer eine Schlüsselposition ein“ (JIM-Studie 2008, S. 26).

Kann sich die medienpädagogische Forschung  hier nicht neu orientieren, besteht die Gefahr, dass die Rekonstruktion des Nutzerverhaltens von Kindern und Jugendlichen zum Potemkinschen Dorf wird, hinter dem keine verlässliche und ausweisbare Realität mehr steht. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang zu vermuten, dass die medienkonvergente Nutzung von Geräten wie „Fernseher“, „Radio“ oder „Computer“ nur im Zusammenwirken mit qualitativen Studien, welche detailliert auf Nutzungsgewohnheiten von Individuen eingehen, zureichend erforscht werden kann

[Dies ist ein Auszug auf einem ausführlicheren Statement im Rahmen der Sektion Medienpädagogik (Forschungs-Workshop der Sektion am DGfE_kongress in Osnabrück vom März 2012]

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