Medienwelten

28. April 2012

Piratenpartei – ein deutsches Phänomen?

Alle Augen richten sich auf die deutsche Piratenpartei, seit die Wahlumfragen sie nahe an den zweistelligen Bereich katapultiert haben. Nach dem jüngsten ZDF-Politbarometer ist die bundesweite Erfolgswelle noch nicht verebbt. In der Umfrage vom 27.4. 2012 verbessert sich die Piratenpartei um einen Punkt auf neun Prozent, während die FDP bei 3% dümpelt. Offensichtlich hat die Häme der FDP bis lang wenig geholfen, welche die Piraten als „Linkspartei mit Internetanschluss“ bezeichnen. FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr nennt gegenüber dem SPIEGEL auch den Hintergrund: „Bei Transparenz und anderen Dialogformen im Internet waren wir mal Vorreiter“, sagte Bahr. „Zuletzt haben wir das jedoch vernachlässigt.“

Was mich allerdings mehr interessiert als diese Wahlkampfauseinandersetzungen ist die Frage, ob mit der Piratenpartei die mit dem Internet vertrauten Generationen eine eigene politische Plattform finden, die den traditionellen Parteien gefährlich werden könnte. Oder geht es um eine Ein-Themenpartei, die als Protestpartei schnellen Erfolg in der deutschen politischen Landschaft verspricht, wie es Thomas Isler in der letzten Ausgabe der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag (22.4.2012) vermutet. Er vergleicht die Piraten mit der schweizerischen Autopartei, die eine Reaktion auf das damalige Aufkommen der Grünen waren: „Was dieser die ‚freie Fahrt für freie Bürger‘ war, ist den Piraten der freie Download, und statt Tempolimiten bekämpfen sie Schranken im Internet. In ihrem schmalen politischen Programm fällt vor allem die Forderung nach allerlei Gratisdiensten auf: für Netzzugang, Nahverkehr, Grundeinkommen.“  Das scheint auf eine Protestpartei mit relativ beliebigen populistischen Forderungen hinzudeuten.

Der Autor des Beitrags in der NZZ am Sonntag kommt dann aber zu einem weiteren – und diesmal positiveren – Schluss, wenn er schreibt: „Die wahre Innovation der Piratenpartei liegt darin, dass sie als erste begriffen hat, wie das Internet Debatte und Meinungsbildung verändert hat. Und dass sie dies zur Gestaltung neuer demokratischer Verfuhren und direkter Einflussnahme nutzen möchte. Das ist der Grund, wieso die Piraten in Deutschland so erfolgreich sind wie sonst nirgends auf der Welt.“

Richtig ist sicher, dass sich die Piraten als Partei der Bürgerbeteiligung zu profilieren suchen – z.B. im Wahlprogramm zur Wahl in NRW:

„Die PIRATEN NRW streben an, dass im repräsentativen demokratischen System NRW direktdemokratische Elemente wie Bürger- oder Volksentscheide vereinfacht und optimiert werden. Die Bürger sollen die Möglichkeit erhalten, über den Rhythmus der Legislaturperioden hinaus jederzeit über politische Fragen abstimmen zu können. Wir stehen für eine konsequente Umsetzung von Artikel 20 des Grundgesetzes, der besagt, dass die Staatsgewalt „vom Volke in Wahlen und Abstimmungen“ ausgeht.“

Dabei ist die Frage  nach einer verstärkten Bürgerbeteiligung nicht von den Piraten erfunden worden, was zum Beispiel die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 deutlich macht. Hier waren zu Beginn eher die Grünen die Partei der Bürgerbeteiligung und der protestierenden „Wutbürger“. Doch die Verknüpfung direktdemokratischer Elemente mit den Möglichkeiten des Netzes haben dann die Piraten aufgenommen und gewissermassen die Meinungsführerschaft übernommen. Dazu kommt die zunehmende Diffusität der deutschen politischen Szene – mit der Sozialdemokratisierung der Merkel-CDU. In diesem Sinne ist der Erfolg der Piraten typisch deutsch, wie Thomas Isler diesen einschätzt: „Das sind die Gründe, wieso die Piratenpartei in Deutschland blüht – und wieso sie in der Schweiz über kaum über ein Prozent Wähleranteil gekommen ist. Es gibt hierzulande direktdemokratische Ventile und gerade auf kommunaler Ebene viele niederschwellige Möglichkeiten der Einflussnahme. Und wenn enttäuschte Wähler leere Projektionsflächen brauchen, finden sie diese eher bei AbspaItungen von traditionellen Parteien, etwa bei den Grünliberalen oder bei der BDP.“

Was bei dieser Analyse fehlt ist allerdings der Bezug zu den spezifischen Themen einer Gesellschaft, die immer stärker durch die weltweite Vernetzung, die Globalisierung und die Probleme der Datenkommunikation geprägt ist. Die Fragen der Netzkommunikation können immer weniger als Randprobleme, die nur Experten interessieren, abgetan werden. Urheberrecht, Persönlichkeitsrechte, freier Austausch im Netz betreffen alle Menschen – weil sie zu fast hundert Prozent auch Internetnutzer sind. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Jungen als Angehörige der sog. „Netzgeneration“ sich besonders von den Piraten angezogen fühlt.

Es ist zwar durchaus möglich, dass sich ausserhalb Deutschlands andere politische Kräfte sich zum Sprachrohr solcher Interessen machen. Doch auch dort sollte man die Piraten nicht vorschnell abschreiben, wenn es ihnen gelingt, die  Probleme der Netzgesellschaft mit der Politkultur ihres eigenen Landes zu vermitteln.

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6. April 2012

Digital Natives – Die Wolpertinger des Medienzeitalters

Die „Digital Natives“ sind zum geflügelten Wort der Medienpädagogik geworden – also jene Generation, die seit den frühen 80er-Jahren mit Computern aufgewachsen ist. Dies im Gegensatz zu den „Digital Immigrants“, die als ältere Generation nie so  wie die „Natives“ mit den digitalen Medien umgehen wird. Marc Prensky, der diesen Begriff geprägt hat, führt dafür eine neurobiologische Begründung an:  „Based on the latest research in neurobiology, there is no longer any question that stimulation of various kinds actually changes brain structures and affects the way people think, and that these transformations go on throughout life“ (S. 1).

So gut dieser Begriff bei bildungspolitischen Debatten ankommt, so ungeklärt ist er auf der wissenschaftlichen Ebene.  Auch die neurobiologisch begründete Stimulation des Gehirns bleibt eine sehr vage Behauptung.  Beim Vergleich zwischen „Natives“ und „Immigrants“ handelt es sich letztlich um eine reine Analogie zu Migrationstheoremen.  Wie bei den bayerischen Fabelwesen der Wolpertinger werden hier Facetten aus mehreren Bereichen miteinander verquickt.

Rolf Schulmeister kritisiert an den Konzepten einer Netzgeneration, dass sie die Andersartigkeit heutiger Jugendlicher mystifiziere. So heisst es auf S. 93 seiner Überlegungen: „In dem so beschriebenen Bild der jugendlichen Aktivitäten ist nichts Ungewöhnliches zu sehen. Die Tatsache, dass heute andere Medien genutzt werden als in früheren Zeiten rechtfertigt es nicht, eine ganze Generation als andersartig zu mystifizieren. Im Gegenteil, die Generation, die mit diesen neuen Medien aufwächst, betrachtet sie als ebenso selbstverständliche Begleiter ihres Alltags wie die Generationen vor ihr den Fernseher, das Telefon oder das Radio.“

Aber auch viele Ältere, die z.B. schon in den 80er- oder 90er Jahren im Informatikbereich arbeiteten, können nicht einfach als Immigranten abqualifiziert werden. Auch wenn sie heute 50 oder 60 Jahre alt sind, sind sie nicht einfach inkompetente Nutzer der heutigen Medien. Und angesichts der rasanten Entwicklung im Medienbereich muss man sich auch Fragen, ob die „Natives“ von 2012 nicht wieder die „Immigrants“ von 2020 sein werden.

Ganz abgesehen davon eignet sich eine Sichtweise  nicht, welche die Genrationen nach Jahresringen sortiert. Man muss nur eine JIM-Studie  auswählen, deren Befragte gegen Ende der 80er-Jahre geboren wurden – und die also schon im „PC-Zeitalter“ geboren wurden. So heisst es in der Studie von 2004, dass 85 Prozent der Jugendlichen bereits „Erfahrung mit Online-Diensten“ gesammelt hatten. Umgekehrt bedeutet dies, dass immerhin 15 Prozent der „Net-Generation“ keine Natives waren – auch wenn sie es vom Geburtsjahrgang her sein müssten. Die Problematik wird noch deutlicher, wenn man die nach Schicht gesplitteten Daten nimmt:  „So gelten nur drei Viertel der Hauptschüler, aber 91 Prozent der Gymnasiasten als Internet-Nutzer“, heisst es in der JIM-Studie (S. 32)  wörtlich.  Lange nicht alle Angehörigen einer Generation können also so leicht unter das Konzept „Digital Natives“ subsumiert werden. Das gilt auch noch für heutige Jugendliche, die über Handys und Computer verfügen: Nicht alle sind gleich kompetente und begeisterte Mediennutzer. Manche nutzen Facebook z.B. intensiv und können sich kein Leben mehr ohne Medien vorstellen. Andere ziehen Face-to-Face Kontakte vor und gehen sehr zurückhaltend mit diesem Medien um.

Dass sich unser Leben mit Facebook, Online-Banking, Handy etc. verändert hat, scheint allerdings nicht zu bestreiten. Die digitalen Medien lassen sich dabei auch nicht mehr einem virtuellen Raum jenseits des realen Alltags zuordnen. Vielmehr gehören die Medien zur Realität dieses Alltags, wobei es allerdings unterschiedliche Spielräume für das alltägliche Handeln gibt.  Während nun aber das Konzept der Digital Natives das generationell Neue und damit auch Gleiche betont, interessiert doch gerade auch die Differenz: Nämlich wie die Menschen, die Medien – auch unterschiedlich – in ihren Alltag einbauen. Dabei können auch Konflikte aufs Tapet kommen – etwa wie man mit der umfassenden Erreichbarkeit durch Handys hält. Ist es gerechtfertigt, einmal einen Tag nicht erreichbar zu sein – oder wird dies im digitalen Zeitalter bereits als unfreundliches Verhalten konnotiert?

Die Frage scheint mir deshalb notwendig, ob das Generationen-Konzept nicht ersetzt werden müsste – z.B. durch Überlegungen zu einem digitalen Lebensstil, den auch die Angehörigen der gleichen Generation in unterschiedlichem Ausmass pflegen. Auf jeden Fall möchten wir an der PH Zürich in einem Forschungsprojekt auf dieser Basis arbeiten. Dabei wird man allerdings auch hier aufpassen müssen, dass man nicht mit einem Idealtypus eines Lebensstils argumentiert, der normativ festlegt, wie man im „digitalen Zeitalter“ sein müsste.

 

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