Medienwelten

6. April 2012

Digital Natives – Die Wolpertinger des Medienzeitalters

Die „Digital Natives“ sind zum geflügelten Wort der Medienpädagogik geworden – also jene Generation, die seit den frühen 80er-Jahren mit Computern aufgewachsen ist. Dies im Gegensatz zu den „Digital Immigrants“, die als ältere Generation nie so  wie die „Natives“ mit den digitalen Medien umgehen wird. Marc Prensky, der diesen Begriff geprägt hat, führt dafür eine neurobiologische Begründung an:  „Based on the latest research in neurobiology, there is no longer any question that stimulation of various kinds actually changes brain structures and affects the way people think, and that these transformations go on throughout life“ (S. 1).

So gut dieser Begriff bei bildungspolitischen Debatten ankommt, so ungeklärt ist er auf der wissenschaftlichen Ebene.  Auch die neurobiologisch begründete Stimulation des Gehirns bleibt eine sehr vage Behauptung.  Beim Vergleich zwischen „Natives“ und „Immigrants“ handelt es sich letztlich um eine reine Analogie zu Migrationstheoremen.  Wie bei den bayerischen Fabelwesen der Wolpertinger werden hier Facetten aus mehreren Bereichen miteinander verquickt.

Rolf Schulmeister kritisiert an den Konzepten einer Netzgeneration, dass sie die Andersartigkeit heutiger Jugendlicher mystifiziere. So heisst es auf S. 93 seiner Überlegungen: „In dem so beschriebenen Bild der jugendlichen Aktivitäten ist nichts Ungewöhnliches zu sehen. Die Tatsache, dass heute andere Medien genutzt werden als in früheren Zeiten rechtfertigt es nicht, eine ganze Generation als andersartig zu mystifizieren. Im Gegenteil, die Generation, die mit diesen neuen Medien aufwächst, betrachtet sie als ebenso selbstverständliche Begleiter ihres Alltags wie die Generationen vor ihr den Fernseher, das Telefon oder das Radio.“

Aber auch viele Ältere, die z.B. schon in den 80er- oder 90er Jahren im Informatikbereich arbeiteten, können nicht einfach als Immigranten abqualifiziert werden. Auch wenn sie heute 50 oder 60 Jahre alt sind, sind sie nicht einfach inkompetente Nutzer der heutigen Medien. Und angesichts der rasanten Entwicklung im Medienbereich muss man sich auch Fragen, ob die „Natives“ von 2012 nicht wieder die „Immigrants“ von 2020 sein werden.

Ganz abgesehen davon eignet sich eine Sichtweise  nicht, welche die Genrationen nach Jahresringen sortiert. Man muss nur eine JIM-Studie  auswählen, deren Befragte gegen Ende der 80er-Jahre geboren wurden – und die also schon im „PC-Zeitalter“ geboren wurden. So heisst es in der Studie von 2004, dass 85 Prozent der Jugendlichen bereits „Erfahrung mit Online-Diensten“ gesammelt hatten. Umgekehrt bedeutet dies, dass immerhin 15 Prozent der „Net-Generation“ keine Natives waren – auch wenn sie es vom Geburtsjahrgang her sein müssten. Die Problematik wird noch deutlicher, wenn man die nach Schicht gesplitteten Daten nimmt:  „So gelten nur drei Viertel der Hauptschüler, aber 91 Prozent der Gymnasiasten als Internet-Nutzer“, heisst es in der JIM-Studie (S. 32)  wörtlich.  Lange nicht alle Angehörigen einer Generation können also so leicht unter das Konzept „Digital Natives“ subsumiert werden. Das gilt auch noch für heutige Jugendliche, die über Handys und Computer verfügen: Nicht alle sind gleich kompetente und begeisterte Mediennutzer. Manche nutzen Facebook z.B. intensiv und können sich kein Leben mehr ohne Medien vorstellen. Andere ziehen Face-to-Face Kontakte vor und gehen sehr zurückhaltend mit diesem Medien um.

Dass sich unser Leben mit Facebook, Online-Banking, Handy etc. verändert hat, scheint allerdings nicht zu bestreiten. Die digitalen Medien lassen sich dabei auch nicht mehr einem virtuellen Raum jenseits des realen Alltags zuordnen. Vielmehr gehören die Medien zur Realität dieses Alltags, wobei es allerdings unterschiedliche Spielräume für das alltägliche Handeln gibt.  Während nun aber das Konzept der Digital Natives das generationell Neue und damit auch Gleiche betont, interessiert doch gerade auch die Differenz: Nämlich wie die Menschen, die Medien – auch unterschiedlich – in ihren Alltag einbauen. Dabei können auch Konflikte aufs Tapet kommen – etwa wie man mit der umfassenden Erreichbarkeit durch Handys hält. Ist es gerechtfertigt, einmal einen Tag nicht erreichbar zu sein – oder wird dies im digitalen Zeitalter bereits als unfreundliches Verhalten konnotiert?

Die Frage scheint mir deshalb notwendig, ob das Generationen-Konzept nicht ersetzt werden müsste – z.B. durch Überlegungen zu einem digitalen Lebensstil, den auch die Angehörigen der gleichen Generation in unterschiedlichem Ausmass pflegen. Auf jeden Fall möchten wir an der PH Zürich in einem Forschungsprojekt auf dieser Basis arbeiten. Dabei wird man allerdings auch hier aufpassen müssen, dass man nicht mit einem Idealtypus eines Lebensstils argumentiert, der normativ festlegt, wie man im „digitalen Zeitalter“ sein müsste.

 

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1 Kommentar »

  1. Auch ich bin der Meinung, dass eine Unterscheidung zwischen „Digital Immigrants“ und den „Natives“ eher einen Sachverhalt verschleiert als ihn zu verdeutlichen!
    Der Begriff „digitaler Lebensstil“ kann sicherlich besser mit Inhalten gefüllt werden!
    Die Kinder und Jugendlichen nehmen die neusten Entwicklungen im Bereich der IT Technik meist mit großer Begeisterung auf und versuchen sich ihrer zu bedienen. Mit großer Neugier und Freude betreten sie die neue „Cyber-Welt“ und versuchen hier neue Möglichkeiten zu erkunden.
    Derweilen gibt es einen großen Anteil in der „Pädagogen-, Eltern-, und Erwachsenenwelt“, welche sich um diese Aktivitäten der Kinder wenig oder sogar gar nicht kümmern. Die Kinder und Jugendlichen betreten somit einen für sie „rechtsfreie Welt“ in der die Ordnung und Werte des normalen Lebens keine Gültigkeit zu haben scheint. Die heutige Pädagogik (in der offenen und schulischen Jugendarbeit) tut sich sehr schwer auf diese neuen Anforderungen in der Erziehung einzugehen! Fragt man nach den Gründen dieses pädagogischen „Versagens“ sollte man bedenken, dass die gesellschaftlichen Prozesse, welche im Zusammenhang mit Internet, Facebook und Co. seitens der Pädagogik (und offensichtlich auch von der Politik) gänzlich unterschätzt werden.
    Die „Algorithmisierung“ unseres Alltags schreitet offenbar unaufhaltsam voran und die pädagogische Antwort darauf kann nur sein, das Phänomen der „Beschleunigung“ (gut beschrieben von Hartmut Rosa) ernst zu nehmen!
    Die Geschwindigkeit der Entwicklungen in unserer technischen Welt wird immer schneller und scheint dabei zu sein, unsere Gesellschaft, mit ihren Regeln und Werten, zu überholen…
    Wilhelm Rinschen

    Kommentar von Wilhelm Rinschen — 6. April 2012 @ 11:04 | Antwort


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