Medienwelten

29. Mai 2012

Missverständnisse zu einem Qualitätsfernsehen: Ringier TV gibt auf

Filed under: Digital Life,Medien — heinzmoser @ 21:04
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Die harten Fakten fasst die Werbewoche in einem Lead zusammen: „Ringier stellt per Ende 2012 die Produktion seiner Sendungen für Presse TV ein. Dies betrifft die Formate Cash TV, Gesundheit Sprechstunde, Motor Show TCS und Sonntags Blick Standpunkte. Mehrere Mitarbeitende werden entlassen.“ Der Hintergrund dieser Entwicklung  geht auf die Einführung des Privatfernsehens zurück – und interessant ist die Frage, wie die Schweiz und Deutschland hier unterschiedlich vorgingen:

In Deutschland ging es in den 80er Jahren darum, bei den damals entstehenden Privatfernsehsender das Qualitätsfernsehen zu garantieren. Sendern wie Sat1 oder RTL sollten ihr Programm unabhängigen Anbietern öffnen, um die Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Mit Drittsendeplätzen sollte gemäss Gesetz ein „zusätzlicher Beitrag“ in den Bereichen Kultur, Bildung und Information geliefert werden. Nutzniesser war insbesondere dctp (Development Company for Television Programm mbH) von Alexander Kluge – die 1987 gegründete Plattform für unabhängige Anbieter im deutschen Privatfernsehen. Dctp ist in Deutschland nicht unumstritten, da es schon fast das Monopol für alternative Sendungen besitzt. Und es sind insbesondere die grossen Pressehäuser, die sich damit ein Fenster im Privatfernsehen gesichert haben. So beschrieb Christian Schulte 2002 die Aktivitäten von dctp:

„Die journalistischen Programmsegmente (Reportagen, Interviews und Dokumentationen) werden vor allem von Spiegel TV beigesteuert, aber auch die anderen Partner Stern, Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, BBC sind mit eigenen journalistischen Programmformaten vertreten. Sie verfügen über eigene Redaktionen, die ihre Beiträge in völliger Unabhängigkeit fertig stellen und nach dem Herausgeberprinzip unter den Logo der DCTP ausstrahlen. (Seit Mai 2001 betreibt DCTP gemeinsam mit Spiegel TV den Sender XXP, der inzwischen in sechs deutschen Bundesländern empfangen werden kann.“

Immerhin hat dieses Modell dazu geführt, im Privatfernsehen wichtige qualitative Programmakzente zu setzen.

In der Schweiz dagegen war das Privatfernsehen nie eine ernste Konkurrenz für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Allerdings wollten auch hier die grossen Verlage einen Anteil am Kuchen und konnten sich Sendeplätze über PresseTV  auf DRS 2 sichern. Zwar ging es auch hier offiziell um die Meinungsvielfalt – doch was war Cash TV mehr wie ein Ableger der entsprechenden Zeitschrift? Es war also weniger ein Bildungsauftrag, welcher diese Strategie leitete wie die Möglichkeit, sich als Konkurrenz des öffentlich-rechtlichen Fernsehen medienwirksam zu präsentieren – als Prestigeprojekt, wo Verluste zu Beginn ohne Wimpernzucken in Kauf genommen wurden. Ob – versteckt im zweiten DRS- Programm – Politdiskussionen mit den gleichen Beteiligten wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Bereicherung waren, scheint mir jedenfsalls fragwürdig. Und auch die motor-show von PresseTV ist wohl kaum ein Paradebeispiel für die vielgelobte Meinungsvielfalt. So bleibt das, was Rainer Stadler in der NZZ lobt, als ziemlich erbärmliches Ergebnis der gesamten Strategie: “Doch ermöglichte das Verlegerfernsehen zumindest einen gewissen zusätzlichen journalistischen Pluralismus, was sich etwa in den verschiedenen Talkshow-Konzepten der «Standpunkte» niederschlug.“

Doch letztlich war das Schaufenster der Verlage offensichtlich ein krasses Defizitgeschäft. So hat jetzt Ringier TV jetzt die Reissleine gezogen – und kaum jemand wird die Sendungen vermissen.  Auch Ringier nicht, da sich mit dem Internet ganz andere Möglichkeiten bieten als ein mickriges Fenster in DRS2

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25. Mai 2012

Media Literacy trifft Medienkompetenz

Die amerikanische Medienpädagogin Renee Hobbs hat kürzlich ihr Buch „Digital and Media Literacy. Connecting Culture und Classroom“ veröffentlicht.

Digital and Media Literacy: Connecting Culture and Classroom (Pa... Cover Art

Dieses Buch sollte auch im deutschsprachigen Raum schon deshalb gelesen werden, da es einige Vorurteile gegen die Medienpädagogik made in USA Lügen straft:

– Seit den Büchern von Neil Postman in den 80erJahren des  letzten Jahrhunderts betrachtete man die amerikanische Medienpädagogik als stark bewahrpädagogisch und moralisch aufgeladen. Man erinnere sich: Die Medien enthüllen alle Geheimnisse der Erwachsenen (Sex, Drogen etc.) und setzen die Kinder diesen negativen Seiten des Gesellschaft schutzlos ein. Soll man Kinder davor zu bewahren – oder sollen sie sich eher damit aktiv auseinandersetzen. Postman hätte eher für die erste Position votiert. Hobbs geht es um die zweite.

–  Die amerikanische Medienpädagogik kam stark von den Sprachwissenschaften her und war sehr analytisch orientiert. Es ging zentral darum, Medienbotschaften zu entschlüsseln. James Potter sieht zum Beispiel folgende Fähigkeiten im Zentrum medienpädagogischen Handelns:

– Analysis, indem eine Botschaft in ihre bedeutungsvollen Elemente aufgespalten wird;
– Evaluation, indem die Elemente bewertet werden;
– Gruppieren – indem bestimmt wird, welche Elemente zusammenpassen;
– Induktion – indem man auf ein Muster über kleines Set von Elementen schliesst:
– Deduktion, indem man allgemeine Prinzipien nur Erklärung herausarbeitet;
– Synthesis, in welcher man die Elemente in einer neuen Struktur fasst;
– Abstrahieren, indem man die Essenz der Botschaft in einer klaren und knappen Beschreibung formuliert“ (Potter 2011, 15)

Auch bei Hobbs spürt man den analytischen Blick in ihrem Buch noch -manchmal fast etwas zu stark. Dennoch geht es hier viel stärker auch um Gestalten und soziales Handeln, in welchen das Reflektieren über die Medien eingebunden ist. Film und Fernsehen werden zudem durch viele Unterrichtsbeispiele aus dem  Umgang mit digitalen Medien ergänzt. In einem Beispiel heisst es dazu:

„Wähle einen Freund/Freundin, ein Familienmitglied oder eine andere erwachsene Person aus, um sie über ihre Erfahrungen mit Online Beziehungen zu befragen. Schreib  die wichtigsten Ideen und Details auf; mach dann eine kurze  Zusammenfassung der Schlüsselideen“ (S. 140).

Auch Renee Hobbs entwickelt ein Schema der wichtigsten Fähigkeiten, welche im Unterricht zu fördern sind.  Doch sie bezeichnet diese als „fünf kommunikative Kompetenzen“  und nähert sich schon im Sprachgebrauch dem Kompetenzbegriff an, wie er im deutschsprachigen Raum  üblich ist. Sie unterscheidet zwischen:

– Zugang finden, nämlich das Finden und Austauschen von geeigneten und relevanten Informationen, bzw. die Nutzung von Medientexten und technologischen Werkzeugen.
– Analysieren: Die Nutzung des kritischen Denkens , um Botschaften und empfangendes Publikum in die Analyse einzubeziehen.
– Gestalten: Inhalte entwickeln und gestalten, um Kreativität und Vertrauen im Selbstausdruck zu finden.
– Reflektieren: Die Auswirkungen der medialen Botschaften und der technischen Werkzeuge auf unser Denken und Handeln im Alltag beziehen.
– Handeln: Individuell und gemeinsam arbeiten, um Wissen auszutauschen und Probleme in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Community zu lösen (S.12).

Vergleicht man diese Fassung der „Media Literacy“ mit den Medienkompetenzen, wie sie Dieter Baacke entwickelt hat, so sind die Unterschiede nicht mehr sehr gross. Mediengestaltung, Reflektieren und Handeln findet man explizit in diesem Konzept wieder. Und die Analyse könnte man mit dem Gedanken einer Medienkunde verbinden, wie sie Baacke vorschlug. Es scheint also, dass sich die Überlegungen zur Media Literacy im angloamerikanischen Raum und jene zur Förderung von Medienkompetenz in unseren Breitengraden stark annähern. Das lässt darauf hoffen, dass sich der internationale Diskurs über Medien in den nächsten Jahren vertiefen lässt und nicht mehr isoliert nebeneinander her läuft.

22. Mai 2012

Schnelltest für Facebook-Sucht – eine absurde Idee

Filed under: Digital Life,Internet,Social Media,Uncategorized — heinzmoser @ 11:56
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Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. An der Universität Bergen wurde ein Schnelltest zur Diagnose von Facebooksucht entwickelt. Es mehren sich dazu die Berichte in der Presse und im Internet: So berichtete der PsychologieNachrichten-Blog am 9.5. 2012 über das norwegisches Forscherteam um Cecilie Schou Andreassen von der Universität Bergen, das einen einen Leitfaden, den „Bergen Facebook Addiction Scale“ (BFAS) entwickelte. Etwas deftiger macht das Schweizer Boulevardblatt Blick – ebenfalls am 9. Mai – in Alarmismus: „Facebook-Sucht! Wer ist gefährdet“. Gemeint sind damit nicht die Börsen-Junkies, die seit Wochen hinter den Aktien von Facebook hinterher gierten. Nein, es sind nach dem Bericht die jungen Menschen: „ Die tendenziell jungen User benutzen es so selbstverständlich wie Handy oder Fernsehen. Für manche wird die Nutzung der sozialen Plattform aber zu einer regelrechten Sucht.“

Und worum geht es nun bei dieser Schnelldiagnose? Gestellt werden fünf Fragen:

  • Du brauchst eine Menge Zeit, in welcher du an Facebook denkst oder Aktivitäten auf Facebook planst.
  • Du spürst einen Drang, Facebook immer häufiger zu nutzen.
  • Du benutzst Facebook, um von deinen persönlichen Problemen abzulenken.
  • Du hast ohne Erfolg versucht, deinen Facebook-Gebrauch einzuschränken.
  • Du wirst ruhelos und unruhig, wenn man dir verbietet, auf Facebook zu gehen.
  • Du bist so häufig auf Facebook, dass dies negative Auswirkungen auf deinen Beruf oder dein Studium hat.

Dazu gibt es eine Skala von folgenden Antwortmöglichkeiten: sehr selten/ selten( manchmal/ oft/ sehr oft.

Nun ist der Test sicher nach den Regeln der Kunst entwickelt worden, wie der wissenschaftliche Bericht deutlich macht. Problematisch ist dabei aber die Tatsache, dass er allein mit Studierenden entwickelt wurde – mit der Behauptung, die Resultate auf die gesamte Bevölkerung übertragen zu können. Dazu kommt, dass es von Anfang an klar war, dass Facebook zu den Suchtphänomenen gehört. Denn man entnahm die Testitems anderen Tests zur Suchtdiagnose.

Sauer stösst mir dagegen auf, dass die Fragestellungen der Items eine normative Sicht auf Facebook beinhalten: Der Drang auf Facebook zu gehen, die Zeit, die man auf Facebook verbraucht, werden letztlich negativ konnotiert. Je mehr man das Medium nutzt, desto näher rückt die Suchtfalle. Dahinter steckt eine psychologische Perspektive, indem man den einzelnen und seinen Medienkonsum als abhängigkeitsbedingt  im Blickfeld hat.

Man könnte aber auch argumentieren, dass Facebook ein Teil des digitalen Lebensstils ist, der sich heute entwickelt. Wer in einer solchen Lebenswelt partizipieren will, der wird auch an sozialen Netzwerken wie Facebook teilnehmen. Möglicherweise ist man dann auch fast rund um die Uhr Online (auf dem Handy, auf dem Computer etc.). Und auch die Kommunikationspartner erwarten, wenn sie Meldungen auf Facebook posten, dass man schnell reagiert. Auch wenn man wegen der eigenen Probleme stark mit Facebook beschäftigt, muss dies nicht in Elend führen; es könnte auch der erste Schritt zur Überwindung der Krise sein.

Wer jedoch gemäss der Testautorin  an einem solchen Netzwerk aktiv partizipiert, der braucht eine „Menge Zeit“ und hat auch einen „Drang“, sich mit Facebook häufig zu beschäftigen. Doch kann man dies umstandslos unter „Sucht“ abbuchen? Der Testautorin jedenfalls erhofft sich vom Facebook-Test: “The authors suggest that the BFAS can be used in epidemiological as well as clinical settings.“

Damit verbunden ist eine Medizinalisierung  eines sozialen Phänomens (epidemological bzw. clinical setting). Natürlich können faszinierende soziale Kommunikationsmedien dazu führen, dass einzelne in Abhängigkeit gelangen. Doch heisst das gleich, für alle, die Facebook in ihrem Alltag einen wichtigen Platz einräumen, gleich mit dem Schnelltest zu reagieren?

11. Mai 2012

Internetpranger – ein problematisches Mittel

Immerhin zwei Mal bin ich heute über den Begriff des Internetprangers gestolpert:

Fall 1: Die Online-Zeitung 20 minuten titelt in der Ausgabe vom 11. Mai 2012: „Wer in der Zürcher Bastel-Boutique Leibundgut stiehlt, landet am Pranger: Fotos der Überwachungskamera werden im Laden an eine Wand gehängt.“ Und die Meinung der Zeitung wird gleich hinzugefügt:  „Die Massnahme ist illegal.“ Der Sachverhalt ist schnell zusammengefasst: Wer an der Kasse von Zürichs grösster Bastel- und Dekorationsboutique zahlt dem fallen die an die Wand gehängten Bildern mit gut erkennbaren Gesichtern auf. Auf die Frage, wer da abgelichtet sei, antworte die Bedienung stets: „Kunden, die nicht gerne zahlen.“ Der darauf von 20 minuten angesprochene Inhaber des Geschäfts rechtfertigt sich: „Es sind von der Überwachungskamera ausgedruckte Screenshots von Leuten, die in unserem Laden gestohlen haben.“

Der Sachverhalt ist in diesem Fall einfach und klar: Einmal verstösst dieser Pranger gegen das Datenschutzgesetz.  Auch die Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) findet diese Art von Pranger problematisch, meint sie doch gegenüber 20 minuten: „Das ist unverhältnismässig. Das Bild-Material gehört in die Hände der Strafverfolgungsbehörde. Wir leben in einem Rechtsstaat“, sagt EDÖB-Mediensprecherin Eliane Schmid.

Wie ist es aber, wenn die Strafverfolgungsbehörden (sprich: die Polizei) sich den Internetpranger selbst zunutze machen, wie dies immer häufiger geschieht (z.B. bei randalierenden Fussball-Fans oder nach Ausschreitungen wie jenen vom 1. Mai).

Fall 2: Hier kommt der Tages-Anzeiger vom 11. Mai 2012 zum Zug, der den Fall eines Mannes schildert, der von der Stadtpolizei Baden an den Internetpranger gestellt wurde: „Es ist samstagmorgens um 3.47 Uhr. Mit roher Gewalt zerrt ein Mann im Muskelshirt an der Eingangsschranke in die Tunnelgarage beim Bahnhof Baden. Als er die Szenerie verlässt, baumelt die Schranke hinunter. Ein alltäglicher Vandalenakt mit einem Sachschaden von 700 Franken.“ Das Bild des Täters erschien darauf in der „Aargauer Zeitung“ und Blick.ch publizierte  ein Video der Tat.

Der Tages-Anzeiger stellt dazu, die Frage, ob dieses Vorgehen nicht übertrieben sei. Durch den Internetpranger hätten Tausende den Mann und sein Gesicht gesehen. Möglicherweise bleibe das Video für immer im Netz – und das bei einem Deliktsbetrag von 700 Franken. Der stellvertretende Kommandant der Stadtpolizei räumte denn auch gegenüber der Zeitung ein, dass der Sachschaden relativ gering sei. Der Polizei sei es bei der Herausgabe des Filmmaterials vor allem um zwei Dinge gegangen: den Täter ermitteln und abschrecken. „Jeder Vandale soll wissen, dass er gefilmt und allenfalls via publizierte Bilder gesucht wird“, sagte stellvertretende Kommandant. Dabei verwies er darauf, dass in Badens Parkhäusern jährlich Vandalismusschäden für 250’000 Franken entstehen.

Nun ist es keine einfache Sache, das Interesse am Datenschutz und jenes an der Gefährdung der Öffentlichkeit durch eine Straftat abzuwägen. Dennoch scheint man heute zugunsten eines schnellen Erfolgs den Internetpranger immer häufiger und leichtfertiger zu nutzen.  Gerade die Bemerkung des Tages-Anzeiger-Journalisten, dass solche Bilder und Videos möglicherweise für immer im Netz bleiben, führt zur Polizei zurück.

Diesmal zur Stadtpolizei Zürich. Diese schreibt in einer Broschüre ( „Geschichten aus dem Internet“) zur Internet-Prävention: „Wenn du Fotos und Videos ins Internet stellst, sei dir bewusst, dass andere Personen sie weiter verbreiten können. Denn digitale Bilder sind sehr schnell vervielfältigt und in den falschen Fingern. Einmal im Netz, sind sie für immer gespeichert. Denk auch an deine Zukunft: Vielleicht magst du die Bilder in ein paar Jahren nicht mehr sehen oder sie können dir im privaten oder beruflichen Leben schaden.“

Müsste sich dieselbe Polizei nicht auch selbst an diese Zeilen erinnern, wenn sie junge Leute an den Internetpranger stellt. Denn es könnte ja sein, dass ihnen diese Bilder auch noch dann schaden, wenn die Tat längst verjährt ist.

Und noch eine zweite Bemerkung scheint mir wichtig, die aus einem Urteil über einen Fussball-Fan hervorgeht, der im Februar dieses Jahres  vom Vorwurf des Landfriedensbruchs freigesprochen worden. Die Bilder einer Überwachungskamera, die von den Stadtpolizeien Zürich und Basel ins Netz gestellt wurden, waren für eine Verurteilung als nicht ausreichend befunden worden. Die Neue Zürcher Zeitung vom15. Februar 2012 macht in ihrem Bericht die Gründe für diesen Freispruch deutlich: „Dem Entscheid, die Bilder zu veröffentlichen, lagen dieselben Foto- und Videoaufnahmen zu Grunde wie dem Gerichtsentscheid. Die Anklage beschrieb den Inhalt des Videos wie folgt: ‚Der Beschuldigte war mitten unter den gewaltausübenden Personen, bewegte sich freiwillig mit dieser Gruppe hin und her und war somit Teil dieser gewalttätigen Zusammenrottung.‘ Der Einzelrichter war nach Betrachtung der Aufnahmen aber der Meinung, der Beschuldigte habe sich ‚weg von der Gewalt‘ bewegt. Und auf den Fotos, die als belastendes Material herangezogen wurden, sei ‚so gut wie nichts‘ zu sehen.“

Es stellt sich also die Frage, ob Bilder wirklich das Mittel sind, um Tatsachen objektiv festzuhalten, weil sie die Realität hieb- und stichfest abbilden. Denn letztlich geht es auch bei der Beurteilung von Bildern um eine Interpretation der Wirklichkeit. Es handelt sich also oft nur um eine Pseudo-Sicherheit, wenn man auf die unmittelbare Wahrheit von Bildern vertraut. Es kann sogar sein, dass das vermeintlich unbestechliche Bild mehr von der Wahrheit verschleiert als darauf hinführt.

 

2. Mai 2012

„Handysüchtige Jugendliche“ oder: Wie doof darf Forschung sein?

Filed under: HAndy,Internet,Medienforschung — heinzmoser @ 20:16
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Die neuste Ausgabe der Sonntagszeitung titelte am 29. April 2012: „40 000 JUGENDLICHE SIND HANDYSÜCHTIG“ – eine These die von einer neuen wissenschaftlichen Studie bewiesen wird. Dazu die Sonntagszeitung: „Erstmals untersuchten die Forscher den Umgang von Jugendlichen mit Handys in der Schweiz. Dazu befragten sie rund 1300 junge Erwachsene zwischen 12 und 19 Jahren in allen Landesteilen.“

Es erstaunt allerdings nicht, dass man einen Anteil „handysüchtiger Jugendliche“ – also intensive Handynutzer – findet, wenn man eine bestimmte Population von Nutzern befragt. Und dazu lässt sich dann immer eine alarmistische Schlagzeile formulieren, wenn man die Ergebnisse geschickt hochrechnet.

Würde man eine solche Untersuchung mit Erwachsenen durchführen, würde man genauso folgern, dass viele Erwachsene handysüchtig sind. Man muss ja nur am Morgen mit der S-Bahn in die Stadt Zürich fahren, um zu sehen, wie viele Mitmenschen an ihren Handys hängen. Überhaupt: Wer durch die Stadt geht, sieht überall von Handys angefixte Menschen – viel schlimmer als der „Needle- Park“ der Achtzigerjahre, der wenigstens auf ein bestimmtes Revier beschränkt war.

Laut den Forschern  verlockt vor allem die Multifunktionalität der modernen Mobiltelefone zur übermässigen Nutzung. «Mit dem Handy kann man heute fast alles machen, und man hat es immer dabei.» Dies führe zu einer besonderen emotionalen Bindung. „Das Handy hat die Funktion eines Kuscheltiers“, heisst es im Artikel. Dies ist vielleicht keine abwegige Beobachtung. Sie betrifft jedoch viele Erwachsene genauso wie die Jugendlichen.

Billig sind auch die Schlüsse, die in diesem Artikel gezogen werden. „Die Folgen: Die jungen Menschen kommen in der Schule nicht mehr mit und vernachlässigen soziale Kontakte.“ Genauso gut könnte man behaupten, dass es auch Erwachsene gibt, die ihre Arbeit wegen der Handys vernachlässigen und dadurch Schwierigkeiten am Arbeitsplatz kriegen. Wir beobachten ja immer wieder, dass Menschen ihren Handykonsum übertreiben und nicht wissen, wann Schluss ist.

Warum aber das Handy, wie im obigen Zitat behauptet, zur „Vernachlässigung der sozialen Kontakte“ führen soll, ist  mir nicht einsichtig. Vielmehr ist es doch mit seinen sozialen Diensten in die Art und Weise einbezogen, wie Jugendliche heute ihre Freizeitkontakte managen.

Die Frage stellt sich zudem generell, was „Sucht“ im Bereich der Medien bedeutet, bzw. wie dieser Begriff hier zu definieren ist. Medienpsychologe und Studienverfasser Gregor Waller behauptet jedenfalls: „Die Resultate zeigen, dass tatsächlich eine Handyabhängigkeit als eigenständige Suchtart existiert und dass davon Tausende Jugendliche in der Schweiz betroffen sind“.  Darf ich Ihnen als Leserinnen und Leser dieses Blog dazu noch folgendes Zitat vorlegen: „‘Die Befragten spüren Euphorie, wenn sie eine SMS oder einen Anruf bekommen‘, so Waller.“  Hand aufs Herz: Ist es Ihnen nicht auch schon so gegangen, wenn Sie ihr Smartphone in der Hand halten?

Was hier modisch verbrämt neu aufgelegt wird, sind die alten bewahrpädagogischen Kamellen des letzten Jahrhunderts: Schon in den Sechzigerjahren grassierte die Fernsehsucht und 20 Jahre später dann die ebenso gefährliche Computersucht – alles akribisch bewiesen durch empirische Daten. Was neu dazu kommt, ist höchstens die Tatsache, dass Forschende (aber auch Pädagog/innen) selber  kaum mehr ohne ihr iPhone auskommen – während früher die Medienkritiker  bewusst auf das Teufelszeug von Fernsehen und Computer verzichteten. Und vielleicht ist es denn auch das schlechte Gewissen, das man dann gerne auf die „gefährdeten Jugendlichen“ projiziert.

Es ist manchmal merkwürdig, wenn man in einem Hochschulseminar über die Gefahren des Internets für Kinder und Jugendliche diskutiert – im Wissen darüber, dass die Mehrzahl der Studierenden nicht ohne Smartphone auskommt.  Und noch schlimmer ist hier die „Internetsucht“. Als ich vor einigen Wochen eine medienlose Woche vorschlug, klammerte man das Internet schon deshalb als „unmöglich“ aus, weil Studierende ja auch Studienaufgaben im Internet oder auf einer Lernplattform lösen müssen. Als Dozent für Medienpädagogik gibt man da schnell klein bei – weil man sich ja in eigene Fleisch schneidet, wenn die Studierenden auf „Internetentzug“ sind.

Ja, vielleicht sind wir alle süchtig. Ich gebe es ja zu, dass ich auch ein Smartphone besitze– und dass das auch fast automatisch Abhängigkeiten erzeugt. Da müssen wir doch wenigstens versuchen, Jugendliche und Kinder davon fernzuhalten…

PS: Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser übrigens gemerkt, dass ich bei den Erwachsenen einen Satz eingeschmuggelt habe, der im Originalton der Sonntagszeitung auf Jugendliche gemünzt ist? Hier deshalb das Originalzitat: „Im Fokus steht auch die Schule: Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, kennt das Problem: ‚Wir beobachten immer wieder, dass Jugendliche ihren Handykonsum übertreiben und nicht wissen, wann Schluss ist.‘“

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