Medienwelten

2. Mai 2012

„Handysüchtige Jugendliche“ oder: Wie doof darf Forschung sein?

Filed under: HAndy,Internet,Medienforschung — heinzmoser @ 20:16
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Die neuste Ausgabe der Sonntagszeitung titelte am 29. April 2012: „40 000 JUGENDLICHE SIND HANDYSÜCHTIG“ – eine These die von einer neuen wissenschaftlichen Studie bewiesen wird. Dazu die Sonntagszeitung: „Erstmals untersuchten die Forscher den Umgang von Jugendlichen mit Handys in der Schweiz. Dazu befragten sie rund 1300 junge Erwachsene zwischen 12 und 19 Jahren in allen Landesteilen.“

Es erstaunt allerdings nicht, dass man einen Anteil „handysüchtiger Jugendliche“ – also intensive Handynutzer – findet, wenn man eine bestimmte Population von Nutzern befragt. Und dazu lässt sich dann immer eine alarmistische Schlagzeile formulieren, wenn man die Ergebnisse geschickt hochrechnet.

Würde man eine solche Untersuchung mit Erwachsenen durchführen, würde man genauso folgern, dass viele Erwachsene handysüchtig sind. Man muss ja nur am Morgen mit der S-Bahn in die Stadt Zürich fahren, um zu sehen, wie viele Mitmenschen an ihren Handys hängen. Überhaupt: Wer durch die Stadt geht, sieht überall von Handys angefixte Menschen – viel schlimmer als der „Needle- Park“ der Achtzigerjahre, der wenigstens auf ein bestimmtes Revier beschränkt war.

Laut den Forschern  verlockt vor allem die Multifunktionalität der modernen Mobiltelefone zur übermässigen Nutzung. «Mit dem Handy kann man heute fast alles machen, und man hat es immer dabei.» Dies führe zu einer besonderen emotionalen Bindung. „Das Handy hat die Funktion eines Kuscheltiers“, heisst es im Artikel. Dies ist vielleicht keine abwegige Beobachtung. Sie betrifft jedoch viele Erwachsene genauso wie die Jugendlichen.

Billig sind auch die Schlüsse, die in diesem Artikel gezogen werden. „Die Folgen: Die jungen Menschen kommen in der Schule nicht mehr mit und vernachlässigen soziale Kontakte.“ Genauso gut könnte man behaupten, dass es auch Erwachsene gibt, die ihre Arbeit wegen der Handys vernachlässigen und dadurch Schwierigkeiten am Arbeitsplatz kriegen. Wir beobachten ja immer wieder, dass Menschen ihren Handykonsum übertreiben und nicht wissen, wann Schluss ist.

Warum aber das Handy, wie im obigen Zitat behauptet, zur „Vernachlässigung der sozialen Kontakte“ führen soll, ist  mir nicht einsichtig. Vielmehr ist es doch mit seinen sozialen Diensten in die Art und Weise einbezogen, wie Jugendliche heute ihre Freizeitkontakte managen.

Die Frage stellt sich zudem generell, was „Sucht“ im Bereich der Medien bedeutet, bzw. wie dieser Begriff hier zu definieren ist. Medienpsychologe und Studienverfasser Gregor Waller behauptet jedenfalls: „Die Resultate zeigen, dass tatsächlich eine Handyabhängigkeit als eigenständige Suchtart existiert und dass davon Tausende Jugendliche in der Schweiz betroffen sind“.  Darf ich Ihnen als Leserinnen und Leser dieses Blog dazu noch folgendes Zitat vorlegen: „‘Die Befragten spüren Euphorie, wenn sie eine SMS oder einen Anruf bekommen‘, so Waller.“  Hand aufs Herz: Ist es Ihnen nicht auch schon so gegangen, wenn Sie ihr Smartphone in der Hand halten?

Was hier modisch verbrämt neu aufgelegt wird, sind die alten bewahrpädagogischen Kamellen des letzten Jahrhunderts: Schon in den Sechzigerjahren grassierte die Fernsehsucht und 20 Jahre später dann die ebenso gefährliche Computersucht – alles akribisch bewiesen durch empirische Daten. Was neu dazu kommt, ist höchstens die Tatsache, dass Forschende (aber auch Pädagog/innen) selber  kaum mehr ohne ihr iPhone auskommen – während früher die Medienkritiker  bewusst auf das Teufelszeug von Fernsehen und Computer verzichteten. Und vielleicht ist es denn auch das schlechte Gewissen, das man dann gerne auf die „gefährdeten Jugendlichen“ projiziert.

Es ist manchmal merkwürdig, wenn man in einem Hochschulseminar über die Gefahren des Internets für Kinder und Jugendliche diskutiert – im Wissen darüber, dass die Mehrzahl der Studierenden nicht ohne Smartphone auskommt.  Und noch schlimmer ist hier die „Internetsucht“. Als ich vor einigen Wochen eine medienlose Woche vorschlug, klammerte man das Internet schon deshalb als „unmöglich“ aus, weil Studierende ja auch Studienaufgaben im Internet oder auf einer Lernplattform lösen müssen. Als Dozent für Medienpädagogik gibt man da schnell klein bei – weil man sich ja in eigene Fleisch schneidet, wenn die Studierenden auf „Internetentzug“ sind.

Ja, vielleicht sind wir alle süchtig. Ich gebe es ja zu, dass ich auch ein Smartphone besitze– und dass das auch fast automatisch Abhängigkeiten erzeugt. Da müssen wir doch wenigstens versuchen, Jugendliche und Kinder davon fernzuhalten…

PS: Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser übrigens gemerkt, dass ich bei den Erwachsenen einen Satz eingeschmuggelt habe, der im Originalton der Sonntagszeitung auf Jugendliche gemünzt ist? Hier deshalb das Originalzitat: „Im Fokus steht auch die Schule: Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, kennt das Problem: ‚Wir beobachten immer wieder, dass Jugendliche ihren Handykonsum übertreiben und nicht wissen, wann Schluss ist.‘“

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1 Kommentar »

  1. Vielen Dank für diese Auseinandersetzung mit dem Zeitungsartikel und dem damit verbundenen Hinweis auf diese Studie. Insgesamt sollte man sich diese Studie mal genauer ansehen, da Zeitungsartikel ja immer mit etwas Vorsicht zu genießen sind und die Studie u.U. auch noch weitere spannende Anknüpfungspunkte liefert.

    Was sicherlich noch ein wesentlicher Punkt bei der Nutzung sein dürfte ist das Alter der Jugendlichen und die Verfügung über weitere Medien im Haushalt oder im eigenen Besitz. Zudem sollte man die Daten der „Handysüchtigen“ sich noch einmal vor dem Hintergrund digitaler Ungleichheit ansehen.

    Kommentar von Marc — 3. Mai 2012 @ 04:58 | Antwort


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