Medienwelten

22. Mai 2012

Schnelltest für Facebook-Sucht – eine absurde Idee

Filed under: Digital Life,Internet,Social Media,Uncategorized — heinzmoser @ 11:56
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Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. An der Universität Bergen wurde ein Schnelltest zur Diagnose von Facebooksucht entwickelt. Es mehren sich dazu die Berichte in der Presse und im Internet: So berichtete der PsychologieNachrichten-Blog am 9.5. 2012 über das norwegisches Forscherteam um Cecilie Schou Andreassen von der Universität Bergen, das einen einen Leitfaden, den „Bergen Facebook Addiction Scale“ (BFAS) entwickelte. Etwas deftiger macht das Schweizer Boulevardblatt Blick – ebenfalls am 9. Mai – in Alarmismus: „Facebook-Sucht! Wer ist gefährdet“. Gemeint sind damit nicht die Börsen-Junkies, die seit Wochen hinter den Aktien von Facebook hinterher gierten. Nein, es sind nach dem Bericht die jungen Menschen: „ Die tendenziell jungen User benutzen es so selbstverständlich wie Handy oder Fernsehen. Für manche wird die Nutzung der sozialen Plattform aber zu einer regelrechten Sucht.“

Und worum geht es nun bei dieser Schnelldiagnose? Gestellt werden fünf Fragen:

  • Du brauchst eine Menge Zeit, in welcher du an Facebook denkst oder Aktivitäten auf Facebook planst.
  • Du spürst einen Drang, Facebook immer häufiger zu nutzen.
  • Du benutzst Facebook, um von deinen persönlichen Problemen abzulenken.
  • Du hast ohne Erfolg versucht, deinen Facebook-Gebrauch einzuschränken.
  • Du wirst ruhelos und unruhig, wenn man dir verbietet, auf Facebook zu gehen.
  • Du bist so häufig auf Facebook, dass dies negative Auswirkungen auf deinen Beruf oder dein Studium hat.

Dazu gibt es eine Skala von folgenden Antwortmöglichkeiten: sehr selten/ selten( manchmal/ oft/ sehr oft.

Nun ist der Test sicher nach den Regeln der Kunst entwickelt worden, wie der wissenschaftliche Bericht deutlich macht. Problematisch ist dabei aber die Tatsache, dass er allein mit Studierenden entwickelt wurde – mit der Behauptung, die Resultate auf die gesamte Bevölkerung übertragen zu können. Dazu kommt, dass es von Anfang an klar war, dass Facebook zu den Suchtphänomenen gehört. Denn man entnahm die Testitems anderen Tests zur Suchtdiagnose.

Sauer stösst mir dagegen auf, dass die Fragestellungen der Items eine normative Sicht auf Facebook beinhalten: Der Drang auf Facebook zu gehen, die Zeit, die man auf Facebook verbraucht, werden letztlich negativ konnotiert. Je mehr man das Medium nutzt, desto näher rückt die Suchtfalle. Dahinter steckt eine psychologische Perspektive, indem man den einzelnen und seinen Medienkonsum als abhängigkeitsbedingt  im Blickfeld hat.

Man könnte aber auch argumentieren, dass Facebook ein Teil des digitalen Lebensstils ist, der sich heute entwickelt. Wer in einer solchen Lebenswelt partizipieren will, der wird auch an sozialen Netzwerken wie Facebook teilnehmen. Möglicherweise ist man dann auch fast rund um die Uhr Online (auf dem Handy, auf dem Computer etc.). Und auch die Kommunikationspartner erwarten, wenn sie Meldungen auf Facebook posten, dass man schnell reagiert. Auch wenn man wegen der eigenen Probleme stark mit Facebook beschäftigt, muss dies nicht in Elend führen; es könnte auch der erste Schritt zur Überwindung der Krise sein.

Wer jedoch gemäss der Testautorin  an einem solchen Netzwerk aktiv partizipiert, der braucht eine „Menge Zeit“ und hat auch einen „Drang“, sich mit Facebook häufig zu beschäftigen. Doch kann man dies umstandslos unter „Sucht“ abbuchen? Der Testautorin jedenfalls erhofft sich vom Facebook-Test: “The authors suggest that the BFAS can be used in epidemiological as well as clinical settings.“

Damit verbunden ist eine Medizinalisierung  eines sozialen Phänomens (epidemological bzw. clinical setting). Natürlich können faszinierende soziale Kommunikationsmedien dazu führen, dass einzelne in Abhängigkeit gelangen. Doch heisst das gleich, für alle, die Facebook in ihrem Alltag einen wichtigen Platz einräumen, gleich mit dem Schnelltest zu reagieren?

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