Medienwelten

29. Mai 2012

Missverständnisse zu einem Qualitätsfernsehen: Ringier TV gibt auf

Filed under: Digital Life,Medien — heinzmoser @ 21:04
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Die harten Fakten fasst die Werbewoche in einem Lead zusammen: „Ringier stellt per Ende 2012 die Produktion seiner Sendungen für Presse TV ein. Dies betrifft die Formate Cash TV, Gesundheit Sprechstunde, Motor Show TCS und Sonntags Blick Standpunkte. Mehrere Mitarbeitende werden entlassen.“ Der Hintergrund dieser Entwicklung  geht auf die Einführung des Privatfernsehens zurück – und interessant ist die Frage, wie die Schweiz und Deutschland hier unterschiedlich vorgingen:

In Deutschland ging es in den 80er Jahren darum, bei den damals entstehenden Privatfernsehsender das Qualitätsfernsehen zu garantieren. Sendern wie Sat1 oder RTL sollten ihr Programm unabhängigen Anbietern öffnen, um die Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Mit Drittsendeplätzen sollte gemäss Gesetz ein „zusätzlicher Beitrag“ in den Bereichen Kultur, Bildung und Information geliefert werden. Nutzniesser war insbesondere dctp (Development Company for Television Programm mbH) von Alexander Kluge – die 1987 gegründete Plattform für unabhängige Anbieter im deutschen Privatfernsehen. Dctp ist in Deutschland nicht unumstritten, da es schon fast das Monopol für alternative Sendungen besitzt. Und es sind insbesondere die grossen Pressehäuser, die sich damit ein Fenster im Privatfernsehen gesichert haben. So beschrieb Christian Schulte 2002 die Aktivitäten von dctp:

„Die journalistischen Programmsegmente (Reportagen, Interviews und Dokumentationen) werden vor allem von Spiegel TV beigesteuert, aber auch die anderen Partner Stern, Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, BBC sind mit eigenen journalistischen Programmformaten vertreten. Sie verfügen über eigene Redaktionen, die ihre Beiträge in völliger Unabhängigkeit fertig stellen und nach dem Herausgeberprinzip unter den Logo der DCTP ausstrahlen. (Seit Mai 2001 betreibt DCTP gemeinsam mit Spiegel TV den Sender XXP, der inzwischen in sechs deutschen Bundesländern empfangen werden kann.“

Immerhin hat dieses Modell dazu geführt, im Privatfernsehen wichtige qualitative Programmakzente zu setzen.

In der Schweiz dagegen war das Privatfernsehen nie eine ernste Konkurrenz für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Allerdings wollten auch hier die grossen Verlage einen Anteil am Kuchen und konnten sich Sendeplätze über PresseTV  auf DRS 2 sichern. Zwar ging es auch hier offiziell um die Meinungsvielfalt – doch was war Cash TV mehr wie ein Ableger der entsprechenden Zeitschrift? Es war also weniger ein Bildungsauftrag, welcher diese Strategie leitete wie die Möglichkeit, sich als Konkurrenz des öffentlich-rechtlichen Fernsehen medienwirksam zu präsentieren – als Prestigeprojekt, wo Verluste zu Beginn ohne Wimpernzucken in Kauf genommen wurden. Ob – versteckt im zweiten DRS- Programm – Politdiskussionen mit den gleichen Beteiligten wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Bereicherung waren, scheint mir jedenfsalls fragwürdig. Und auch die motor-show von PresseTV ist wohl kaum ein Paradebeispiel für die vielgelobte Meinungsvielfalt. So bleibt das, was Rainer Stadler in der NZZ lobt, als ziemlich erbärmliches Ergebnis der gesamten Strategie: “Doch ermöglichte das Verlegerfernsehen zumindest einen gewissen zusätzlichen journalistischen Pluralismus, was sich etwa in den verschiedenen Talkshow-Konzepten der «Standpunkte» niederschlug.“

Doch letztlich war das Schaufenster der Verlage offensichtlich ein krasses Defizitgeschäft. So hat jetzt Ringier TV jetzt die Reissleine gezogen – und kaum jemand wird die Sendungen vermissen.  Auch Ringier nicht, da sich mit dem Internet ganz andere Möglichkeiten bieten als ein mickriges Fenster in DRS2

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