Medienwelten

29. Juni 2012

Profildaten: verschleiern oder offen kommunizieren?

Filed under: Digital Life,Internet,Medienpädagogik,Social Media — heinzmoser @ 20:19
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Chatten von Kinder in ungeschützten virtuellen Räumen erschien Medienpädagogen lange problematisch. Denn es war ein Charakteristikum von Chaträumen, dass man sich mit einem künstlichen Nickname und Profil vorstellte, das höchstens zum Teil der Realität entsprach. Eine der Funktionen der virtuellen Räume schien es zu sein, auch einmal eine andere Identität auszuprobieren – also z.B. als Junge einmal eine weibliche Rolle anzunehmen, um damit konträre Geschlechterreaktionen zu provozieren und mit ihnen zu experimentiere. Auf der anderen Seite empfahlen viele Medienpädagogen Kindern und Jugendlichen, mit den „wahren“ Kontaktdaten vorsichtig umzugehen, da man ja nie wisse, wer letztlich dahinterstecke. Das wurde von Fällen gestützt, wo z.B. ältere Männer mit eine gefakten Profil junge Mädchen im Netz anzumachen oder gar Trefftermine zu vereinbaren versuchten. Und man warnte die Jugendlichen, Daten wie die eigene Adresse, das Geburtsjahr oder gar ein eigenes Foto zu übermitteln, das Jugendliche konkret identifizierbar mache.

Können diese Vorsichtsmassnahmen auch noch die leitenden Regeln für die Neuen Sozialen Dienste  im Netz wie Facebook sein? Wenn es einfach darum geht, vorsichtig zu sein, dann ist das sicher ok. Auf der anderen Seite hat sich der Charakter der Internetkommunikation stark verändert. Virtuelle Welten stehen in einem viel engeren Zusammenhang zum realen Leben als dies früher angenommen wurde. In Facebook sind die Mitglieder keine künstlich zusammengebauten Aavatare mehr wie vielleicht noch im verblichenen Second Life. Sondern wenn ich hier ein Profil erstelle, ist es selbstverständlich, dass ich meine realen Daten benutze. Sonst nimmt es mir niemand ab, wenn ich jemandem eine Freundschaftsanfrage zuschicke. Auch mein Foto muss meiner Erscheinung entsprechen, da ich ja bei vielen Freunden bekannt bin, die wissen, wie ich aussehe. Meine Freunde auf Facebook, die mich aus dem Alltag kennen, wären jedenfalls  sehr überrascht, wenn ich mich fünf Jahre älter und mit einem falschen Foto in meinem Profil darstellte.

Natürlich kann ich Einschränkungen vornehmen, indem ich die Profileinstellungen bearbeite und nicht alle Möglichkeiten freigebe – oder indem ich mit generell überlege, was ich von mir im Internet preisegeben möchte und was nicht. Dennoch kann ich mich nicht einfach in eine fiktive Realität zurückziehen. Denn Facebook und andere soziale Dienste gehören zum ganz normalen sozialen Leben, wo es auch auffällig wird, wenn ich mich anderen nicht so zeige, wie ich bin.

So sind die Resultate der empirischen Untersuchung von PH Studenten keine Überraschung, wenn sie (gemäss einem Artikel in PH-Akzente 2/2012) festhalten, welche Daten Jugendliche offen auf Facebook preisgeben:

– Geschlecht (98,5 %)
– den eigenen Namen (98,5 %)
– Fotos/ Videos von sich selbst (80,5%)
– Altersangabe (65,4%)
-E-Mail-Adresse (55,6 %).

Weite weniger auskunftsfreudig sind die Befragten, wenn es um den Wohnort oder die Telefonnummer geht. Diese geben nur 27,8 respektive 6,6%) an. Sinnvoll kann es auch sein, bei der Wahl der Facebook-Freunde nicht gleich jeden zu nehmen. In unserem Bericht in der Zeitschrift PH-Akzente heisst es dazu „Schon bei der Wahl der Facebook-Freunde setzen die Schülerinnen und Schüler Grenzen. So möchten sie weder Unbekannte in die Liste aufnehmen noch Autoritätspersonen  wie die Eltern oder Lehrpersonen. Sie möchten ihre kleinen Geheimnisse unter sich behalten und Aussenstehenden keinen Zugang geben.“

Dennoch bleibt eine widersprüchliche Aufgabe: Was soll ich zurückbehalten oder vielleicht sogar verfälschen, um im Netz vor unliebsamen Erfahrungen geschützt zu sein. Und wie weit muss ich bei den Fakten bleiben, um als Gesprächspartner noch glaubwürdig zu bleiben.

11. Juni 2012

Die Lichter gehen bei StudiVZ aus

StudiVZ – bist du schon drin? So heisst es auf der Webseite des vor kurzem noch bedeutendsten Netzwerks in Deutschland. Heute heisst es eher: bist du noch drin? Nach der Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ sollen die VZ-Dienste total umgestaltet werden: Die Netze werden in Zukunft unter dem Namen Poolworks laufen,  wobei  sich die geplante Neuausrichtung allein auf SchülerVZ  konzentriert.  Es wird unter  dem Label Idpool.de weitergeführt . Die Firmenchefin Stefanie Waehlert, welche diese Entwicklung  in „Werbung und Kaufen“ kommentiert, sieht darin einen Befreiungsschlag.  Das neue Portal soll vor allem Funktionalitäten rund um den Austausch Jugendlicher zu ihren Interessen im Zentrum  beinhalten. Angestrebt wird so etwas wie eine edukative Lernplattform.  25 von 70 Mitarbeitern müssen denn auch das Unternehmen verlassen. Für Spiegel  Online heisst das im Klartext:  „Die Firma VZ-Netzwerke wird umbenannt. Die Firmenchefin spricht vom ‚Befreiungsschlag‘ – tatsächlich ist es eine Kapitulation vor Facebook.“

Doch gibt es die Nische der unter 13-Jährigen überhaupt, welche Holtzbrinck  anpeilt, weil Facebook eine Mindest-Altersgrenze von 13 Jahren kennt? Einmal gilt diese Altersgrenze nur pro forma, weil sich viele Jüngere bei der Anmeldung einfach schummeln (vergleiche unsere eigene Untersuchung an der PH Zürich). Facebook scheint sich zudem im Moment selbst zu überlegen, ob es die Altersschwelle offiziell  aufheben will.  Eine Idee ist es dabei, die Facebook-Kontos der Kinder mit jenen ihrer Eltern zu verknüpfen; das berichtet das „Wall Street Journal“. Auf diese Weise läge die Entscheidung bei den Eltern, mit wem sich die Kinder befreunden, und welche Apps sie benutzen dürfen.

Zudem: Gerade die Tatsache, sich im gleichen Netzwerk zu tummeln wie die Älteren, macht Facebook attraktiv. Auf die Frage, weshalb sie jetzt bei Facebook und nicht mehr  bei den VZ-Diensten sind, antworten viele Jugendliche. „Das ist nur etwas für die Kleinen“.  Ob es deshalb wirklich gelingt, den Abstieg mit der Konzentration auf diese Altersnische zu kompensieren, ist fraglich. Jedenfalls haben die VZ-Dienste eine rasanten Abstieg zu verzeichnen:  Waren es im Sommer 2010 noch über 450 Millionen Visits der Website pro Monat gewesen, so sind es heute gerade mal noch gut 50 Millionen. Nach der Reichweitenmessung der Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung erreichten die drei VZ-Netzwerke im Februar 2012 gemeinsam nur noch 3,99 Millionen Unique User. Vor einem Jahr waren es noch 10,80 Millionen. Dabei hatte sich Holtzbrinck gemäss Spiegel Online  die VZ-Dienste erst 2007 für vermutlich 85 Millionen Euro gesichert – als Marktführer in Deutschland, der damals Facebook durchaus Paroli bieten konnte, es in der Folge aber versäumt hat, technisch mit dem sich rasant entwickelnden Facebook Schritt zu halten.

Wie schnell Goldgräber im Netz zu Habenichtsen werden, dafür gibt es noch andere Beispiele:

– MySpace wurde mit seinem sozialen Netzwerk, das auf den Schwerpunk Musik setzte, lange als Konkurrent von MySpace gehandelt. Dies veranlasste die  News Corpdes Medienmoguls  Rupert Murdoch Myspace aufzukaufen. Seither gings jedoch nur bergab. Der Versuch, die Websiter andere multimediale Inhalte, vor allem für Filme zu öffnen, erwies sich als problematisch und vergraulte viele User aus dem Stammpublikum: Anstatt Synergien mit anderen Bereichen des Murdoch-Imperiums zu erzeugen, wandte sich dieses von MySpace ab. Im Januar 2011 entliess  MySpace weltweit 500 Mitarbeiter; der deutsche Standort mit 30 Angestellten wurde komplett geschlossen.

– Es stellt sich zudem die Frage, ob deutschsprachige Netzwerke langfristig überlebensfähig sind. Die untenstehende Grafik von Statista zeigt hier einen Abwärtstrend auch bei Wer-kennt-wen oder Stayfriends. Nur Xing behauptet sich noch als spezifisch deutschsprachiges Projekt.  Doch auch hier gibt es mit Linkeding harte Konkurrenz. Der Mut zur Nische oder zum Lokalen kann zwar gut gemeint sein. Nur besteht die Gefahr, dass Facebook sie alle aufsaugt.

– Eine  Handyfirma wie Palm kann ebenfalls als Mahnung dienen. Palm-Geräte, die einmal als führend galten verpassten den Trend zu den neuen Smartphones. Und wer solche Trends einmal verpasst hat, kommt kaum mehr ins Geschäft – auch wenn das spät entwickelte WebOS durchaus als zukunftsträchtiges Betriebssystem galt. Doch die zögerliche Weiterentwicklung und eine verpatze Übernahme durch den Drucker-Hersteller  HP schaufelten dem Palm-system den Untergang. Ganz ähnlich geht es im Moment dem einstigen Handy-Riesen Nokia.

Die Vermutung zur neuerlichen Restrukturierung der VZ-Dienste: Das wird es nicht viel anders ablaufen wie bei den obenstehenden Beispielen. Denn die Entwicklung einer Lernplattform von Unter 13Jährigen ist etwas völlig anderes wie eine Community à la Facebook. Da ist zu bezweifeln ob das pädagogische Expertenwissens  eines Medienkonzerns dazu ausreicht – vor allem wenn er auf Schrumpfungskurs ist und nicht bereit ist, riesige Summen neu zu investieren.

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