Medienwelten

22. Juli 2012

Sherry Turkle und ihr Wandel zur Kritikerin der digitalen Medien

Verloren unter 100 Freunden, Sherry Turkle, Soziologie

Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern, München 2012 (Riemann)

Sherry Turkle, Professorin am MIT war unter den Ersten, welche die soziale Funktion der Arbeit mit Computern untersucht hat. Als gelernte Psychoanalytikerin interessierte sie sich schon früh für die virtuellen Welten des Chats und kam zum Ergebnis, dass Jugendliche hier eine Art psychosoziales Moratorium ausleben können, in welchem sie mit ihrem Persönlichkeitsprofil spielen – indem sie z.B. Geschlecht oder Alter verändern.

Nun hat Sherry Turkle mit einem Buch zu Facebook-Generation wieder zugeschlagen. Als Leser fällt zuerst der Umfang des Buches auf – 569 Seiten. Und das ist auch der grösste Ärger dieses Buches. Es berichtet in unzähligen Anekdoten und Aussagen von Jugendlichen mit Furby-, Facebook- und Handy-Erlebnissen die sich oft einfach wiederholen. Dabei handelt es sich nicht um eine kontrollierte qualitative Studie; zu locker sind die von Turkle geführten Gespräche im Buch verarbeitet. Insgesamt nimmt Turkle nochmals alle Aspekte aus dem Zettelkasten ihrer früheren Bücher auf und berichtet detailbesessen vom Umgang mit Robotern und Spielzeugen wie den Furbys. Ein Lektorat, das dieses Buch etwa um die Hälfte gekürzt hätte, wäre hilfreich gewesen und würde es  lesbarer machen.

An sich ist die Lektüre dennoch – vor allem wegen des zweiten Teils –lohnend. Denn Sherry Turkle dokumentiert mit ihrem Buch auch, wie sie sich über die Jahre zur Computer-Skeptikerin entwickelt hat. Das macht schon der Titel deutlich: „Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern.“ Die Kommunikation mit Handys, SMS und über Facebook ersetzt danach zunehmend die direkten persönlichen Gespräche. Dabei geht bei dieser elektronischen Kommunikation alles sehr rationell und man erhält das Gefühl, vernetzt und jederzeit erreichbar zu sein. Zudem schütze einen die digitale Kommunikation davor, dass man wenig kühle oder ablehnende Reaktionen erhält. Denn einer der Vorteile dieser Form der Kommunikation sei es dass man sich hinter der bewussten Nonchalance verstecken könne und alles unter Kontrolle hat (S. 337). Was dies bedeutet, zeigt Turkle am Beispiel von Bradley und Audrey, welche diese Situation als Paradoxon erleben: „Man starrt auf den Computer-Monitor auf dem Schreibtisch oder das Smartphone-Display in seiner Hand. Sie sind passiv und sie gehören einem; das verspricht Sicherheit und Akzeptanz. Im Konkon der elektronischen Nachrichtenvermittlung stellen wir uns unsere Gesprächspartner so vor, wie wir sie gerne hätten; wir schreiben an jenen Teil von ihnen, der uns ein Gefühl von Sicherheit gibt“(S. 435). Ähnlich bei den Eltern, die per Handy dauernd in Verbindung mit ihren Eltern sind. Turkle nennt sie „Helikopter-Eltern“, die allgegenwärtig über ihren Kindern schweben – obwohl sie eigentlich gar nicht wissen, was sie konkret tun (S. 417).

Zwiespältig sind auch Facebook-Kontakte – etwa wenn es um den Wahrheitsanspruch des eigenen Profils geht. Turkle zitiert die achtzehnjährige Nancy: „‘Einerseits ist der Wahrheitsanspruch gering, weil eigentlich niemand die Angaben überprüft‘. Dann verzieht sie das Gesicht und sagt: ‚ Nein, andrerseits ist der Anspruch hoch. Alle anderen schauen, ob du die Wahrheit sagst‘“(S. 312). Dies zeigt, dass Facebook kein virtuelles Medium ist, wo man sich eine künstliche Identität zulegen kann – weil man die „Freunde“ aus dem Alltag kennt. Und dennoch wünscht man sich, etwas vorteilhafter vorzustellen, als man vielleicht wirklich ist. Doch wann ist die Grenze überschritten, wo das nicht mehr akzeptiert wird.

Das alles sind neue Probleme der digitalen Welt. Doch sie laufen alle auf die Frage zu, wie es denn mit den tieferen und persönlichen Gefühlen bestellt sei. So meint Turkle: „Die Bande, die wir im Internet knüpfen, sind letztlich nicht die Bande, die uns aneinander binden. Aber sie beschäftigen uns fortwährend. Wir verschicken ständig Nachrichten: beim Abendessen mit der Familie, beim Joggen, beim Autofahren, auf dem Spielplatz mit unseren Kindern.“(S. 469).

Es ist wichtig, dass die kritischen Bemerkungen zu den sozialen Medien diskutiert werden – zumal der grösste Hype schon wieder vorbei zu sein scheint. So nehmen in den USA die Facebook-Mitgliedschaften wieder ab, und auch bei uns stellen sich Handy-User immer häufiger die Art von Fragen welche das Buch von Turkle prägen. Das bedeutet nicht, dass die digitalen Medien einfach wieder aus unserem Leben verschwinden werden. Aber sie müssen noch jenen Platz im Alltag finden, der sie in sinnvoller Weise in den Alltag integriert. Und dazu kann das Buch von Turkle einen Denkanstoss geben.

16. Juli 2012

Fernsehen verhindert das Erlernen elementarer Fertigkeiten – Wie die Sonntagszeitung einen Buhmann aufbaut.

In der SonntagsZeitung vom 15. Juli 2012 findet sich auf S. 9 der Titel: „Vorschulkinder: Mehr als zwei Stunden TV.“ Und im Untertitel wird dann nachgeschoben: „Zu viel Fernsehen verhindert bei fast jedem zweiten Knirps das Erlernen elementarer Fertigkeiten.“

Doch wie kommt die Zeitung zu dieser mit heisser Nadel gestrickten Erkenntnis?

Schritt 1: Die zwei Stunden Fernsehen bei Vorschulkindern stammen aus den jüngsten Zahlen des Forschungsdienstes Public Data. Sie dürften sicher zutreffen und bilden sozusagen das wissenschaftliche Rückgrat des Artikels.

Schritt 2: Die Journalistin interviewt dann die Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind , die es für bedenklich hält, dass Vorschulkinder morgens zwischen sieben und neun Uhr vor dem Fernseher sitzen: „Schauen die Kinder schon vor der Krippe oder dem Kindergarten TV, sind sie müde, bevor ein spannender Tag richtig beginnt.“ Es gebe denn auch zunehmend Kinder, die im Kindergartenalter elementare Fähigkeiten noch nicht beherrschten. So fehle das Wissen, eine Schere zu benutzen oder den Hampelmann zu machen. Doch heisst das bereits, dass damit elementare Fähigkeiten nicht mehr gelernt werden? Dass Kinder wegen des Fernsehens keine Schere mehr benutzen können, tönt doch eher etwas überkandidelt. Und es gibt auch Fernsehprogramme wie die Sendung mit der Maus oder Bob der Baumeister, die durchaus versuchen, selbst elementare Fähigkeiten zu vermitteln.

Doch Schritt zwei im Artikel der Sonntagszeitung ist ziemlich beliebig: Man nehme eine Expertenmeinung und schon lässt sich eine abgesicherte Aussage heraus destillieren  – doch je nach befragter Person könnte auch ganz Anderes herauskommen. Nehmen wir an die Journalistin hätte einen imaginären Professor K.  interviewt, der befindet, Fernsehen führe früh dazu, sich Kenntnisse in der Schriftsprache anzueignen. Dann könnte die Unterzeile lauten: „Häufiges Fernsehen verbessert bei Vorschulkindern die sprachliche Kompetenz.“

Oder man könnte den Mediziner S. konsultieren, der findet, dass Kinder, di zu viel vor dem Fernsehe sitzen, zu viele Chips futtern und dick werden. Dann hiesse das Resultat: „Zu viel Fernsehen macht schon Vorschulkinder kugelrund.“ Und Dr. S. könnte in einem Interview anmerken, dass Fernsehgeschichten wie Pingu oder die Sendung mit der Maus Kinder anregen, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Wie wäre es hier mit dem Untertitel: „Doch Fernsehen macht Kinder auch schlau.“

Man kann das Ganze noch weiterspinnen und kommt dann auf viele weitere Ideen. Und man soll und darf auch kritisch gegenüber einem übertriebenen Fernsehkonsum von Vorschulindern eingestellt sein. Das Fernsehen sollte nicht als Babysitter dienen, womit die Eltern ihre Sprösslinge ruhig stellen. Trotzdem ist es Mumpitz, dass dieser bei „fast jedem zweite Knirps das Erlernen elementarer Fähigkeiten“ verhindert. Denn es gibt schlicht keine Untersuchungen, die diesen Wirkungszusammenhang belegen könnten. Und auch die Warnung der Experten vor „schwer korrigierbaren Schäden“ scheint mir etwas gar pauschal.

Und dankenswerter Weise weist der Artikel auch darauf hin, dass das Thema der Medien auch nach dem Fernsehzeitalter nicht ausgereizt ist. Denn nach dem Generalsekretät der Berner Bildungsdirektion liegt die nächste Gefahr schon in der Luft: „Schon Kindergärtner und Schulanfänger verbringen immer mehr Zeit im Internet.“

11. Juli 2012

Im Auge des Handykriegs – ein Besuch an der Dokumenta13

Filed under: Digital Life,HAndy,Internet,Mediengewalt — heinzmoser @ 20:08
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Kunst ist heute multimedial orientiert – das zeigt die Dokumenta 13 mit ihren vielen medial inszenierten Installationen, den Videos, der Fotokunst. Als Beobachter der Medienwelt hat mich vor allem eine Installation tief berührt – nämlich die Handyaufnahmen aus Syrien, die Rabih Mroué aus Beirut im Hauptbahnhof (The pixelated Revolution) präsentiert. Zuerst sieht man im Raum nur  verschwommene Grossaufnahmen von Menschen, die offensichtlich aus der Perspektive eines Handys fotografiert wurden. Sie richten ihre Waffen auf den Betrachter – und dann haben sie wohl geschossen. Doch die verschwommenen Mörder bleiben weiterhin unbekannt.

Mroué hat hier Videos von YouTube zusammengestellt, die immer die gleiche Situation aus dem syrischen Aufstand zeigen: Aufständische wollen mit ihren Handys die brutale Unterdrückung dokumentieren und werden dabei selbst erschossen, in Homs, Hama oder Duma. Sie benutzen das Handy wie einen Teil ihres Körpers und werden zum Opfer, weil sie die Gefahr zu spät realisieren und kaum bemerken, wie auf sie gezielt wird?

In einem Video das in demselben Raum gezeigt wird versucht der Künstler eine Erklärung des Geschehens: Die Handyfotografen sind so in ihr Geschehen vertieft, das einer virtuellen Gemeinschaft angehört, der gegenüber sie Zeugnis ablegen, dass sie die Realität gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Sie fotografieren, wie das Rohr eines Panzers langsam gegen sie gerichtet wird – und vergessen, dass sie selbst es sind, die direkt in die Schusslinie geraten.  Das Handy wird so zum Auge, das den Gegner fixiert und dann das eigene Sterben dokumentiert. Rabi Mroué im Interview mit dem Deutschlandradio: „ Für mich ist die Re-Inszenierung ein wichtiges Mittel, um einen Abstand herzustellen, denn die Videos zeugen wirklich von großer Gewalt, selbst wenn man kein Blut und keine Leichen sieht. Man weiß, hier geht es um „double-shooting“: um den Augenkontakt zwischen Kameramann und Scharfschützen, und dann hört man einen Schuss, der das Mobiltelefon traf. Wir wissen nicht, ob der Filmende verwundet, getötet oder gerettet wurde. Die Tatsache, dass das Handy von einer Kugel getroffen wurde und auf den Boden fiel, ist bereits Ausdruck großer Gewalt.“

Man erschrickt an diesen Szenen, weil sie zeigen, wie wir glauben, dass die Medien eine Verlängerung unseres physischen Körpers sind, die uns dem Schutz einer globalen Gemeinschaft unterstellen. Wenn wir und Öffentlichkeit verschaffen scheinen wir unangreifbar. Und als Betrachter der Videos nehmen wir selbst die Perspektive der Opfer ein – wir sind es, auf die eine verschwommene Gestalt plötzlich zielt und abdrückt.  Doch welches Glück, wir leben…

4. Juli 2012

Informatikausbildung: ETH Professoren auf dem Holzweg

Gemäss der letzten Ausgabe der NZZ-Sonntagszeitung vom 1. Juli 2012 befürchten ETH-Professoren, dass die Schweiz den Anschluss an die Informatik verliert. Die Forderung deshalb: Informatik-Unterricht gehöre ab der ersten Klasse zum Unterricht der Volksschulen. Denn Programmieren sei genau so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Das erinnert an eine ganz andere Kompetenz, die fast alle Schweizer heute erwerben: das Autofahren. Auch hier muss nicht jeder Fahrzeuglenker seinen eigenen Wagen bauen, warten und reparieren können. Den Ölstand messen, Radwechseln oder eine Batterie überbrücken, das geht gerade noch.

Wer aber mit dem Auto vor allem fahren („navigieren“) will, benötigt andere Kompetenzen: Er/sie muss die Verkehrsregeln kennen, bei einem Unfall erste Hilfe leisten können, die Bedienung des Fahrzeugs, bis hin zum richtigen Einparken, beherrschen…

Ganz ähnlich ist es bei den alltäglichen Kompetenzen im Umgang mit Computern und digitalen Medien: Ich muss die Maschine nicht selbst bauen und programmieren. Dagegen lerne ich, mit Programmen wie Word umzugehen; ich kann bei sozialen Diensten mit Privatheitseinstellungen umgehen, weiss wie ich ein Video erstelle und schneide, eine Präsentation für den Beamer gestalte etc. Man hat das seit den späten 80er Jahren als „Alltagsinformatik“ bezeichnet – als man merkte, dass die Mehrzahl der Nutzer/innen von digitalen Techniken ihre Computer nicht selbst programmierten sondern mit vorgegebenen Programmen arbeiten.

Aus dieser Perspektive versuchen die ETH-Professoren olle Kamellen aus dem Anfang der digitalen Entwicklung wiederzubeleben. Denn damals glaubte man noch, dass jeder Computernutzer sein Maschine in Zukunft selbst programmieren müsse – in Basic, Logo, Pascal  oder einer anderen Computersprache. Computersprachen galten als äquivalent zu anderen Sprachensystemen, die Menschen in der Alphabetisierung zu lernen haben: zur Muttersprache, aber auch zu Symbolsystemen wie der Sprache der Mathematik

Doch von dieser überzogener Bedeutung von Computersprachen als weiteren genuinen Kommunikations- und Ausdrucksformen der Menschen ist der Diskurs über ICT und Schule längst wieder abgekommen. In diesem Sinne kann man heute im Ernst auch  nicht mehr behaupten, dass „zwingend das grundlegende Wissen über die Programmierung“ ab der ersten Klasse der Volksschule vermittelt werden müsse.

Das heisst allerdings nicht, dass Programmieren in einer kindgerechten Form nicht auch in einem überfachlichen  Ansatz – etwa angelehnt an Mathematik oder naturwissenschaftliche Fächer seinen Platz haben kann. Denn damit können Kinder und Jugendliche einen Blick hinter die Oberfläche computerisierter Maschinen werfen – etwa wenn sie mit einer Programmierumgebung wie Scratch konstruktiv und kreativ arbeiten.

Solche Unterrichtsprojekte entsprechen jedoch nicht dem geforderten systematischen Aufbau von Informatik-Kompetenzen ab dem ersten Schuljahr. Vielmehr sind sie Teil eines Ansatzes, der zentrale Medienthemen unter dem Anspruch allgemeiner Bildung an die Volksschule herantragen will: Zur Medienbildung gehört in diesem Sinn, dass man in der Schule Einblicke in die Funktionslogiken von digitalen Medien erhält.

Das Anliegen der Informatikprofessoren betrifft dagegen ein propädeutisches Anliegen für die Vermittlung beruflicher Qualifikationen im Informatikbereich. Dass hier verstärkte Schwerpunkte in der Ausbildung der Gymnasien notwendig sind, ist für diese Stufe nachzuvollziehen. Und auch auf der Sekundarstufe (13.-15.) Altersjahr kann man sich überlegen, ob einige zentrale Inhalte des ICT-Bereichs in den Ansatz einer digitalen Medienbildung einbezogen werden könnte, um Möglichkeiten und Relevanz der Informatik für die heutige Gesellschaft im Unterricht aufzuzeigen. Dies könnte aber durchaus im Rahmen des traditionellen Fächerkanons geschehen.

Generell braucht die Volksschule keine Aufwertung einer scheinbar unterbewerteten Informatik, sondern vermehrte Anstrengungen in der Medienbildung. In den Schulen sollte die Arbeit mit Medien generell so selbstverständlich sein wie in anderen Bereich der Arbeitswelt. Darin müssten Schülerinnen und Schüler unterstützt werden – und auch auf Risiken und Gefahren hingewiesen werden, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Wenn Kinder in  der Volksschule für das Arbeiten mit Medien motiviert werden und für ihre alltäglichen Arbeiten in der Schule (Referate, Schreiben von Texten, Präsentationen etc.) immer selbstverständlicher auf neue Medien zurückgreifen, dann wächst auch das Interesse an der Informatik und der Wunsch mehr über diesen Bereich und das dahinterstehende Wissen zu erfahren – ja vielleicht auch, bei der eigenen Berufswahl die Informatik als eine der spannendsten Arbeitsgebiete in der heutigen Gesellschaft einzubeziehen.

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