Medienwelten

4. Juli 2012

Informatikausbildung: ETH Professoren auf dem Holzweg

Gemäss der letzten Ausgabe der NZZ-Sonntagszeitung vom 1. Juli 2012 befürchten ETH-Professoren, dass die Schweiz den Anschluss an die Informatik verliert. Die Forderung deshalb: Informatik-Unterricht gehöre ab der ersten Klasse zum Unterricht der Volksschulen. Denn Programmieren sei genau so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Das erinnert an eine ganz andere Kompetenz, die fast alle Schweizer heute erwerben: das Autofahren. Auch hier muss nicht jeder Fahrzeuglenker seinen eigenen Wagen bauen, warten und reparieren können. Den Ölstand messen, Radwechseln oder eine Batterie überbrücken, das geht gerade noch.

Wer aber mit dem Auto vor allem fahren („navigieren“) will, benötigt andere Kompetenzen: Er/sie muss die Verkehrsregeln kennen, bei einem Unfall erste Hilfe leisten können, die Bedienung des Fahrzeugs, bis hin zum richtigen Einparken, beherrschen…

Ganz ähnlich ist es bei den alltäglichen Kompetenzen im Umgang mit Computern und digitalen Medien: Ich muss die Maschine nicht selbst bauen und programmieren. Dagegen lerne ich, mit Programmen wie Word umzugehen; ich kann bei sozialen Diensten mit Privatheitseinstellungen umgehen, weiss wie ich ein Video erstelle und schneide, eine Präsentation für den Beamer gestalte etc. Man hat das seit den späten 80er Jahren als „Alltagsinformatik“ bezeichnet – als man merkte, dass die Mehrzahl der Nutzer/innen von digitalen Techniken ihre Computer nicht selbst programmierten sondern mit vorgegebenen Programmen arbeiten.

Aus dieser Perspektive versuchen die ETH-Professoren olle Kamellen aus dem Anfang der digitalen Entwicklung wiederzubeleben. Denn damals glaubte man noch, dass jeder Computernutzer sein Maschine in Zukunft selbst programmieren müsse – in Basic, Logo, Pascal  oder einer anderen Computersprache. Computersprachen galten als äquivalent zu anderen Sprachensystemen, die Menschen in der Alphabetisierung zu lernen haben: zur Muttersprache, aber auch zu Symbolsystemen wie der Sprache der Mathematik

Doch von dieser überzogener Bedeutung von Computersprachen als weiteren genuinen Kommunikations- und Ausdrucksformen der Menschen ist der Diskurs über ICT und Schule längst wieder abgekommen. In diesem Sinne kann man heute im Ernst auch  nicht mehr behaupten, dass „zwingend das grundlegende Wissen über die Programmierung“ ab der ersten Klasse der Volksschule vermittelt werden müsse.

Das heisst allerdings nicht, dass Programmieren in einer kindgerechten Form nicht auch in einem überfachlichen  Ansatz – etwa angelehnt an Mathematik oder naturwissenschaftliche Fächer seinen Platz haben kann. Denn damit können Kinder und Jugendliche einen Blick hinter die Oberfläche computerisierter Maschinen werfen – etwa wenn sie mit einer Programmierumgebung wie Scratch konstruktiv und kreativ arbeiten.

Solche Unterrichtsprojekte entsprechen jedoch nicht dem geforderten systematischen Aufbau von Informatik-Kompetenzen ab dem ersten Schuljahr. Vielmehr sind sie Teil eines Ansatzes, der zentrale Medienthemen unter dem Anspruch allgemeiner Bildung an die Volksschule herantragen will: Zur Medienbildung gehört in diesem Sinn, dass man in der Schule Einblicke in die Funktionslogiken von digitalen Medien erhält.

Das Anliegen der Informatikprofessoren betrifft dagegen ein propädeutisches Anliegen für die Vermittlung beruflicher Qualifikationen im Informatikbereich. Dass hier verstärkte Schwerpunkte in der Ausbildung der Gymnasien notwendig sind, ist für diese Stufe nachzuvollziehen. Und auch auf der Sekundarstufe (13.-15.) Altersjahr kann man sich überlegen, ob einige zentrale Inhalte des ICT-Bereichs in den Ansatz einer digitalen Medienbildung einbezogen werden könnte, um Möglichkeiten und Relevanz der Informatik für die heutige Gesellschaft im Unterricht aufzuzeigen. Dies könnte aber durchaus im Rahmen des traditionellen Fächerkanons geschehen.

Generell braucht die Volksschule keine Aufwertung einer scheinbar unterbewerteten Informatik, sondern vermehrte Anstrengungen in der Medienbildung. In den Schulen sollte die Arbeit mit Medien generell so selbstverständlich sein wie in anderen Bereich der Arbeitswelt. Darin müssten Schülerinnen und Schüler unterstützt werden – und auch auf Risiken und Gefahren hingewiesen werden, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Wenn Kinder in  der Volksschule für das Arbeiten mit Medien motiviert werden und für ihre alltäglichen Arbeiten in der Schule (Referate, Schreiben von Texten, Präsentationen etc.) immer selbstverständlicher auf neue Medien zurückgreifen, dann wächst auch das Interesse an der Informatik und der Wunsch mehr über diesen Bereich und das dahinterstehende Wissen zu erfahren – ja vielleicht auch, bei der eigenen Berufswahl die Informatik als eine der spannendsten Arbeitsgebiete in der heutigen Gesellschaft einzubeziehen.

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2 Kommentare »

  1. Selbstverständlich erfolgt in dem Pflichtfach Informatik, wie es von der Gesellschaft für Informatik (in der Bundesrepublik Deutschland) gefordert wird, auch der systematische Aufbau von Kompetenzen. Offenbar haben Sie nicht beachtet, dass Ihr Autofahrargument ein wenig in die Irre führt, schließlich sind einige Kompetenzen aus der Physik und der Mathematik unabdingbare Voraussetzungen für das Verstehen einiger Elemente, die auch für die Fahrtauglichkeitsprüfung benötigt werden, denken Sie z.B. an die Kompetenz, einen Bremsweg abschätzen zu können.

    Übertragen wir dieses Argument in die Welt der Informatik: ohne grundlegende Kompetenzen aus dem Bereich »Rechnernetze und verteilte Systeme« — exemplarisch: Unterschiede zwischen TCP- und UDP-basierten Diensten — kann man nicht erklären, wieso SMS nicht immer ankommen. Darüber hinaus sollte klar sein, dass die Informatikprofessoren der ETH Zürich primär keine fachdidaktische Expertise aufweisen und es der Fachdidaktik Informatik obliegt, geeignete Szenarien zu entwickeln, um Informatische Bildung umzusetzen – selbst für den Kindergarten ist dies inzwischen nötig.

    Eins sollte jedoch klar sein: es gibt keine Medienbildung ohne grundlegende Informatischen Bildung.

    Kommentar von L. Humbert — 7. Juli 2012 @ 17:01 | Antwort

  2. Der Vergleich ein Auto zu bauen mit dem Programmieren könnte viel falscher nicht sein. Beim Programmieren geht es nicht darum einen Computer zu bauen, sondern einen Computer zu benutzen. In dieser Hinsicht ist Programmieren dasselbe wie Auto fahren und Word u.ä. zu benutzen mit Taxifahren vergleichbar. Ein wesentlicher Teil des Programmierens ist auch das Finden des Lösungswegs. Auch hier der Vergleich mit dem Autofahren: Das Planen der Route im Gegensatz zu Taxifahren, wo es genügt das Ziel zu nennen und der Taxichauffeur findet den Weg.
    Ausserdem sieht der Autor die Programmierung viel zu eng. Die grösste Anzahl der Computer wird heute nicht für Textverarbeitung eingesetzt, sondern zu Steuerung. Es gibt heute kaum noch eine Waschmaschine, einen Geschirrspüler, eine Kaffeemaschine u.s.w. ohne einen eingebauten Computer zur Steuerung. Diese Computer müssen alle programmiert werden. Um z.B. eine Kaffeemaschinensteuerung zu programmieren ist Medienkompetenz völlig überflüssig, hingegen sind grundlegende Kenntnisse der Physik sehr wohl gefragt. Wenn wir unsern Kindern das Programmiern nicht lehren, so wird die Wirtschaft nach Ausländern schreien und z.B. Inder einstellen. Was sollen unsere Kinder noch an Jobs erhalten? Vielleicht Abfallkübel leeren?

    Kommentar von Johann Joss — 27. August 2012 @ 17:59 | Antwort


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