Medienwelten

16. Juli 2012

Fernsehen verhindert das Erlernen elementarer Fertigkeiten – Wie die Sonntagszeitung einen Buhmann aufbaut.

In der SonntagsZeitung vom 15. Juli 2012 findet sich auf S. 9 der Titel: „Vorschulkinder: Mehr als zwei Stunden TV.“ Und im Untertitel wird dann nachgeschoben: „Zu viel Fernsehen verhindert bei fast jedem zweiten Knirps das Erlernen elementarer Fertigkeiten.“

Doch wie kommt die Zeitung zu dieser mit heisser Nadel gestrickten Erkenntnis?

Schritt 1: Die zwei Stunden Fernsehen bei Vorschulkindern stammen aus den jüngsten Zahlen des Forschungsdienstes Public Data. Sie dürften sicher zutreffen und bilden sozusagen das wissenschaftliche Rückgrat des Artikels.

Schritt 2: Die Journalistin interviewt dann die Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind , die es für bedenklich hält, dass Vorschulkinder morgens zwischen sieben und neun Uhr vor dem Fernseher sitzen: „Schauen die Kinder schon vor der Krippe oder dem Kindergarten TV, sind sie müde, bevor ein spannender Tag richtig beginnt.“ Es gebe denn auch zunehmend Kinder, die im Kindergartenalter elementare Fähigkeiten noch nicht beherrschten. So fehle das Wissen, eine Schere zu benutzen oder den Hampelmann zu machen. Doch heisst das bereits, dass damit elementare Fähigkeiten nicht mehr gelernt werden? Dass Kinder wegen des Fernsehens keine Schere mehr benutzen können, tönt doch eher etwas überkandidelt. Und es gibt auch Fernsehprogramme wie die Sendung mit der Maus oder Bob der Baumeister, die durchaus versuchen, selbst elementare Fähigkeiten zu vermitteln.

Doch Schritt zwei im Artikel der Sonntagszeitung ist ziemlich beliebig: Man nehme eine Expertenmeinung und schon lässt sich eine abgesicherte Aussage heraus destillieren  – doch je nach befragter Person könnte auch ganz Anderes herauskommen. Nehmen wir an die Journalistin hätte einen imaginären Professor K.  interviewt, der befindet, Fernsehen führe früh dazu, sich Kenntnisse in der Schriftsprache anzueignen. Dann könnte die Unterzeile lauten: „Häufiges Fernsehen verbessert bei Vorschulkindern die sprachliche Kompetenz.“

Oder man könnte den Mediziner S. konsultieren, der findet, dass Kinder, di zu viel vor dem Fernsehe sitzen, zu viele Chips futtern und dick werden. Dann hiesse das Resultat: „Zu viel Fernsehen macht schon Vorschulkinder kugelrund.“ Und Dr. S. könnte in einem Interview anmerken, dass Fernsehgeschichten wie Pingu oder die Sendung mit der Maus Kinder anregen, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Wie wäre es hier mit dem Untertitel: „Doch Fernsehen macht Kinder auch schlau.“

Man kann das Ganze noch weiterspinnen und kommt dann auf viele weitere Ideen. Und man soll und darf auch kritisch gegenüber einem übertriebenen Fernsehkonsum von Vorschulindern eingestellt sein. Das Fernsehen sollte nicht als Babysitter dienen, womit die Eltern ihre Sprösslinge ruhig stellen. Trotzdem ist es Mumpitz, dass dieser bei „fast jedem zweite Knirps das Erlernen elementarer Fähigkeiten“ verhindert. Denn es gibt schlicht keine Untersuchungen, die diesen Wirkungszusammenhang belegen könnten. Und auch die Warnung der Experten vor „schwer korrigierbaren Schäden“ scheint mir etwas gar pauschal.

Und dankenswerter Weise weist der Artikel auch darauf hin, dass das Thema der Medien auch nach dem Fernsehzeitalter nicht ausgereizt ist. Denn nach dem Generalsekretät der Berner Bildungsdirektion liegt die nächste Gefahr schon in der Luft: „Schon Kindergärtner und Schulanfänger verbringen immer mehr Zeit im Internet.“

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