Medienwelten

16. September 2012

Das Elend der Facebook-Forschung

Facebook-Forschung ist „in“. Nach dem Motto „publish or perrish“ werden immer neue Studien auf den Markt gepusht. Zwei Beispiele, die in den letzten Tagen medienwirksam in der Presse publiziert wurden, belegen dies.

Fall 1: Die „NZZ am Sonntag berichtet in der Rubrik „Neues aus der Wissenschaft“ vom 12. September 2012 auf S. 59:

„Facebook macht: ‚dick‘

Dass es Zeit frisst, sich in sozialen Netzwerken zu engagieren, ist ein Allgemeinplatz. Britische Forscher haben  nun untersucht, welche Aktivitäten besonders darunter leiden, wenn Studenten sich bei Facebook und Co. Herumtreiben. Das Ergebnis ihrer Studie, die an der Konferenz der British Psychological Society’s Divison of Health Psychology vorgestellt wurde: Die Zeit, die jemand in sozialen Netzwerken verbringt, hat einen negativen Einfluss auf die sportliche Betätigung in der folgenden Woche. Facebook könnte also dazu beitragen, dass man an Gewicht zulegt.“

Manfred Spitzer würde es freuen, dass hier wieder einmal seine Thesen, dass Medien dumm und dich machen, bestätigt wird. Doch die Formulierungen müssen hier bereits vorsichtig machen: Was im Titel als Tatsache daher kommt, wird im letzten Satz zu „könnte“ relativiert. Ein englischer Hintergrundartikel verrät etwas detaillierter, wie die Untersuchung zustandekam:

350 Studierende der Universität Ulster in Nordirland beantworteten Online einen Fragebogen über die Intensität ihrer Netzwerk-Aktivitäten und ihre physische Aktivität. Das Resultat: Die meisten Studierenden nutzen Social Network Sites rund eine Stunde pro Tag. Etwas mehr als die Hälfte betrachten sich als „moderat aktiv“, ein Drittel sieht sich „hoch aktiv“ und 12,7 Prozent schätzen sich als wenig physisch aktiv ein.

Die Autorin der Untersuchung, Wendy Cousins, gibt zu ihrer Untersuchung zu Protokoll: „“Zeit ist eine endliche Ressource; deshalb geht die Zeit, die man in einem sozialen Netzwerk verbringt auf Kosten anderer Aktivitäten. Unsere Studie vermutet, dass die physikalische Aktivität eine diese Aktivitäten sein könnte

In  dieser Fassung verschärfen sich die „Wenn und Aber“ noch: Im Klartext ist ja höchstens abgesichert, dass die Studierenden im Gossen und Ganzen rund eine Stunde mit Facebook verbingen. Und es ist auch nur eine Vermutung, dass dies auf Kosten der physischen Aktivitäten geht. Ob das alles bereits dazu führt, dass Facebook „dick“ macht ist eine pure und doch eher unwahrscheinliche Behauptung.

Fall 2: Die Frankfurter Rundschau hält in der Online- Ausgabe vom 12. September 2012 unter dem Titel Facebook bringt Wähler an die Urnen fest:

Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch – das ist der Effekt, den US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Facebook-Nutzern festgestellt haben. Demnach macht der soziale Einfluss den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler aus.

Eine einzige Facebook-Nachricht kann das Wahlverhalten von Tausenden von Menschen und ihren Freunden beeinflussen. Das haben US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks festgestellt. Während der Wahlen zum US-Kongress im Jahr 2010 schickten die Forscher eine Meldung an das Facebook-Profil dieser Personen. Darin wurden sie aufgefordert, zur Wahl zu gehen. Zudem enthielt der Text einen anklickbaren Button mit der Aufschrift „Ich habe gewählt“.

Bei einem Teil der Probanden wurde diese Nachricht zudem in Verbindung mit dem Hinweis angezeigt, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits betätigt hätten. Das Ergebnis: Nur jene Gruppe, welche die Nachricht zusammen mit diesem Hinweis erhalten hatte, wies eine höhere Wahlbeteiligung auf. Dies zeige, dass der soziale Aspekt bei Internet-Netzwerken ausschlaggebend für die Beeinflussung der Nutzer sei, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin ‚Nature‘.“

Diese Studie scheint mir zwar plausibler, doch ein Rest der Spekulation bleibt auch hier. Doch betrachten wir die Untersuchung mithilfe der im FR- Artikel wiedergegeben Details noch etwas genauer. So wird hier das durchaus professionelle Setting der Forschungsarbeit geschildert:

„Die Forscher führten ihr Experiment am 2. November 2010 durch, dem Tag der Kongress-Wahlen in den USA. An diesem Tag erhielten knapp 61 Millionen US-amerikanische Facebook-Nutzer auf ihrer Profil-Seite alle gleichzeitig ein Statement an der Spitze ihrer Facebook-Neuigkeiten. Darin wurden sie daran erinnert, dass heute Wahltag sei, und aufgefordert, wählen zu gehen. Zudem enthielt die Nachricht einen Link auf umliegende Wahllokale sowie einen „Ich habe gewählt“-Button, mit dem die Nutzer ihren Urnengang für ihre Facebook-Freunde sichtbar bestätigen konnten.

600.000 dieser Nutzer erhielten eine modifizierte, sogenannte „soziale Nachricht“, die zusätzlich angab, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits angeklickt hatten. Dazu erschienen auch Fotos der jeweiligen Freunde. Zur Kontrolle gab es noch eine dritte Gruppe, der keine der beiden Meldungen auf ihrer Facebook-Seite angezeigt wurde. Dabei gewährleistete der Umfang aller drei Versuchsgruppen und die zufällige Auswahl der Personen, dass mögliche Effekte auch tatsächlich auf die Facebook-Nachricht zurückgeführt werden konnten, erklären die Forscher.“

Die Resultate werden dann unter dem Zwischentitel „Die Facebook-Nachricht erzeugte 60.000 neue Wähler“ geschildert: „Der soziale Einfluss machte den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler“, fasst Fowler das Ergebnis der Studie zusammen. Denn weder die Aufforderung zur Wahl noch der „Gewählt“-Button hätten die Testpersonen zum Wahlgang veranlasst. Nur die Verbindung mit dem zusätzlichen Hinweis, dass Freunde auf Facebook den Button bereits betätigt hatten, führten zu einer erhöhten Wahlbeteiligung. Die Forscher hatten nach Ende des Wahltags anhand der Wählerverzeichnisse nachgeprüft, wer von den Nutzern tatsächlich wählen gegangen war. Sie errechneten, dass insgesamt 60.000 neue Wähler durch die „soziale Nachricht“ dazugewonnen wurden.

Unbestritten ist sicher der Zusammenhang, zumal der mobilisierende Effekt von sozialen Medien zum Beispiel auch von Twitter und Handy im arabischen Frühling berichtet wird. Fraglich scheint mir dagegen, ob Facebook“ 60 000 neue Wähler erzeugt und ob man daraus schliessen kann: „Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch“. Denn wie wollen wir wissen, ob es wirklich diese Facebook-Nachricht war, welche die 60‘000 Personen zur Wahl veranlasste? Empirisch lässt sich lediglich ein Zusammenhang zwischen einer versandten Botschaft und dem Wählen feststellen – doch es muss offen bleiben, welche Motive sich hinter dem Wählen verbergen. Jedenfalls lässt sich nicht so leicht ein Ursache-Wirkungsverhältnis konstruieren. Auch der Umkehrschluss ist kaum so einfach – nämlich, dass ich nur meine Freunde vor Wahlen anzuschreiben brauche, um neue Wählerschichten zu „erzeugen“. Zumal die Definition von „engen“ Freunden als jenen, mit denen ich am Häufigsten auf Facebook kommuniziere, nicht unproblematisch ist.

Doch letztlich geht es um eine weit allgemeinere Nutzanwendung, die man sich von solchen Untersuchungen erhofft, wie aus einem von SPIEGEL Online zitierten Kommentar zu dieser Untersuchung deutlich wird: Sinan Aral von der New York University träumt bereits von gezielten Eingriffen in menschliche Netze, um positives Verhalten zu verstärken und negatives zu stoppen. Beispielsweise könne man versuchen, Menschen dazu zu bringen, gesünder zu leben. ‚Die Erforschung sozialer Beeinflussung kann dramatische Auswirkungen auf Produkte, Politik und die öffentliche Gesundheit haben‘, schreibt er in einem ‚Nature‘-Kommentar.“ Nur. Was geschieht, wenn wir in Zukunft auf unserem Facebook-Account vor jeder Wahl von hunderten unserer „Freunde“ solche Wahlempfehlungen erhalten? Vielleicht führt das ja dazu, dass wir gerade nicht wählen gehen, obwohl wir es eigentlich vorgesehen hatten, oder dass wir aus Ärger den Facebook Account gleich ganz löschen. Es könnte gut sein, dass sich solche Effekte immer mehr auflösen – je aggressiver Aufforderungen und Werbebotschaften auf dem Kanal „Facebook“ gepusht werden.

Die Problematik mit dem Ziehen von Schlüssen ist im Übrigen beim Beispiel der nordirischen Umfrage zur Intensität der Aktivitäten im sozialen Netzwerk ähnlich. Auch hier wird der Zusammenhang einfach zu einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis umgedeutet. Damit wird gleich argumentiert wie im legendären Beispiel mit den Störchen, die immer im Frühling in unseren Breitengraden auftauchen, wenn besonders viele Kinder auf die Welt kommen. Wer wollte daraus aber schliessen, dass der Storch die Kinder bringt?

7. September 2012

Spitzer, die Zweite: eine Kritik an den Medien, die nicht mehr funktioniert

Kaum eine Zeitung hat in den letzten Tagen nicht über Manfred Spitzers neues Buch zur digitalen Demenz geschrieben. Das erinnert an das Jahr 2005, als der erste Bestseller von Spitzer lanciert wurde: „Vorsicht Bildschirm!: Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“. Das Buch traf auf eine virulente Computerskepsis, erweckte viel Zustimmung und gab Spitzer eine anerkannte Plattform in den Medien. Lehrer und Lehrerinnen, welche im Unterricht Medien einsetzten, wurden sehr schnell von Eltern mit den Thesen von Spitzer konfrontiert. Mit „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ sattelt Spitzer noch einen drauf-  Doch nach meiner Wahrnehmung mit durchzogenem Erfolg.

Schon der Begriff der „Demenz“ ist problematisch, wenn man weiss, welche riesigen familiären Probleme damit verbunden sind, wenn ältere Menschen diese Diagnose erhalten. Da ist der Begriff der „digitalen Demenz“ gegenüber den Betroffenen mehr als unangemessen. Wer zu viel Zeit am Computer verbringt, kann nicht einfach leichthin als „dement“ abgestempelt werden.

Dazu kommt, dass Spitzers Abstützung seiner Thesen auf die Wahrheit empirischer Studien nicht mehr so unangefochten greift wie vor fünf Jahren. Aus irgendwelchen Korrelationen Hiobsbotschaften für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen herauszufiltern, scheint nicht mehr so überzeugend. Das zeigt etwa der TV-Talk von Günther Jauch vom letzten Sonntag (2.September 2012). Verweise auf Studien wurden von den Teilnehmer/innen mit Erfahrungen der eigenen Kindern gekontert. Und daran zeigt es sich sehr schnell, dass die Welt der digitalen Medie nicht einfach in Schwarz-Weiss dargestellt werden kann, sondern viele Zwischentöne besitzt. So heisst es im SPIEGEL-Bericht zur Sendung:

„Drei Gäste versuchen, dagegen anzureden. Der Kindermedienforscher Klaus Peter Jantke hält nichts von einem Medienverbot für Heranwachsende, lässt seinen fünfjährigen Sohn am Laptop Filme auf Englisch sehen. Neue Medien schaffen neue Probleme, sagt Jantke, man solle sich damit gründlich und tiefgründig auseinandersetzen. Er verteidigt das Internet, über das so viele Gedanken ausgetauscht und unzählige Anregungen eingeholt werden.“

Liest man weitere Presseberichte und Rezensionen, fällt auch hierauf, dass die Thesen von Spitzer nicht mehr so leicht akzeptiert werden wie vor einigen Jahren. Fast jeder Pressebericht enthält auch eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Buch. Mit Thesen wie „Wir klicken uns das Gehirn weg“ – kann man zwar auf der Bestsellerliste landen, für eine differenzierte Auseinandersetzung taugen diese jedoch wenig.

Schliesslich leben wir alle in einem digitalen Alltag, wo Computer, Handy und andere Medien ihren festen Platz haben. „Allways on“ ist hier immer häufiger das Stichwort – was aber auch bedeutet, dass man sich nicht stundenlang auf die digitalen Medien konzentriert, sondern dass diese im Alltag „mitlaufen“. Das ist nicht immer unproblematisch – etwa wenn man Beziehung über SMS auflöst, noch um Mitternacht bei seiner „Firma auf Draht“ ist etc. Nur mit „digitaler Demenz“ hat dies alles reichlich wenig zu tun.

1. September 2012

„Digitale Demenz“ – das holzschnittartige Mantra des Herrn Spitzer

Landauf, landab verbreitet der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer seine medienkritische Botschaft zur „digitalen Demenz“. Seine Botschaft fasst er nun auch in seinem neuen Buch mit dem Titel zusammen: „Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen.“ Computer, Smartphone und Internet bergen nach Spitzer immense Gefahren, da sich das Gehirn bei intensiver Nutzung abbaue – oder wie auf dem Buchrücken in roter Farbe alarmierend festgehalten wird: „Wir klicken unser Gehirn weg.“

Solche Thesen muten reichlich plump an. Doch Spitzer betont immer wieder, dass es „die Wissenschaft“ sei, die zu einem solchen Ergebnis komme: „Wenn schon der gesunde Menschenverstand heute überall und vor allem auch dort, wo man dies nicht vermutet, zu versagen scheint, sollte wenigstens die Wissenschaft im Hinblick auf die Gefahren von Medien eine klare Sprache sprechen“ (S. 290).  Und mit „Wissenschaft“ ist natürlich die Hirnforschung gemeint, nämlich jene Disziplin, von der es in den biografischen Angaben zum Buch heisst, Spitzer sei „einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher“. Wer wagt da noch, seinen Thesen zu widersprechen? Denn Spitzer zitiert eine Unmenge wissenschaftliche Untersuchungen zur Untermauerung seiner Thesen, wobei er im Furor seines Engagements leider öfters vergisst, die Quellen sauber zu belegen, auf die er sich stützt. So verweist er auf „amerikanische Wissenschaftler, welche an einer Studie von über tausend Babys und Eltern erstmals klare negative Auswirkungen des Medienkonsums auf die intellektuelle Entwicklung aufgezeigt habe. In den Anmerkungen als (vgl. Zimmermann et. al 2007 b) gekennzeichnet, findet sich dazu kein Titel in der Literaturangabe. Und das ist leider kein Einzelfall.

Doch solche Unsauberkeiten entkräften Spitzers Argument nicht, wonach er alle seine Thesen empirisch belegen könne. Allerdings überzieht er bei seinen Interpretationen m.E. öfters die Aussagekraft von Untersuchungen.  Ein Beispiel: Spitzer berichtet zum Einfluss des Multitasking auf die geistige Leistungsbereitschaft von einer amerikanischen Studie  an 262 Studenten, von denen 19 Studenten als schwere und 22 Studenten als leichte Medienmultitasker für ein Experiment ausgesondert wurden. Von dieser Hand voll von Studierenden schliesst er dann ganz generell: „Halten wir fest: Menschen, die häufig gleichzeitig mehrere Medien nutzen, weisen Probleme bei der Kontrolle ihres Geistes auf“(S. 234).

Den Einwand, wonach es für jedes Ergebnis einer Studie eine zweite Studie gäbe, die das Gegenteil beweise, kontert Spitzer: „Dem ist jedoch ganz einfach zu entgegnen: Es gibt gute und schlechte Studien“ (S. 316). Spitzer geht natürlich nur auf die „guten“ ein, und das sind ausschliesslich Studien, welche seine Thesen von den Gefahren der Medien bestätigen. Doch wie unangefochten sind diese? So verweist Spitzer z.B. immer wieder auf die „wahrscheinlich weltweit beste Langzeitstudie“ zur Entwicklung von 1037 Neugeborenen, die in Dunedin auf Neuseeland durchgeführt wurde.  Diese soll „bewiesen“ haben, dass die Bildung der Kinder geringer sei, je mehr in der Kindheit ferngesehen wird. Nun gibt es aber auch in Neuseeland eine Diskussion unter Experten, wie diese Studie zu bewerten sei. Michael Gard zum Beispiel ist skeptisch und hat in der Zeitschrift „Childrenz Issues“ die darin publizierten Zusammenhänge als spekulativ und problematisch gekennzeichnet.

Gard  betont, dass es sich im Wesentlichen um korrelative und assoziative Zusammenhänge handle, die nicht umstandslos als ursächliche Wirkungszusammenhänge interpretiert werden können. Dies scheint mir auch die Achillesferse  der Spitzerschen Argumentation. Denn diese bezieht sich immer wieder auf den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und der Aktivierung des Gehirns. Spitzer selbst schränkt bei der Darstellung einer dieser Studien ein, dass statistische Zusammenhänge allein noch nichts über Ursache und Wirkung aussagen, auch wenn die vermutlichen Zusammenhänge plausibel scheinen (S.120). Doch diese Plausibilität, garniert mit Zahlen aus diversesten Studien, wird unter der Hand dann schnell zur unumstösslichen Wahrheit.

Eines seiner Hauptargumente ist dabei, dass jene, die digitale Medien nutzen, nur oberflächlich und mit eingeschränkter Verarbeitungstiefe lernen: „Je oberflächlicher ich einen Sachverhalt behandle, desto weniger Synapsen werden im Gehirn aktiviert, mit der Folge, dass weniger gelernt wird“ (S. 69). Das belege schon der Sprachgebrauch: Früher seien Texte gelesen worden, heute nur noch abgeschöpft, und man surfe, anstatt in die Materie einzudringen. Dies habe in der Konsequenz  Auswirkungen auf das Wachstum der Gehirnareale: „Unser Gehirn funktioniert also in einer wichtigen Hinsicht so ähnlich wie ein Muskel: Wird er gebraucht, wächst er; wird er nicht benutzt, verkümmert er.“ Das physiologische Konzept von Entwicklung, das Spitzer hier aufkocht, wirkt wie ein krudes Evolutionstheorem aus dem 19. Jahrhundert – verpackt in das moderne Gewand der Gehirnforschung. Jedenfalls funktioniert das Konzept der „digitalen Demenz“ genauso grobschlächtig, und es wird nirgends deutlich, auf welche Weise jemand durch Medien dement wird, was das für ihn bedeutet und wie ein solcher Prozess konkret verläuft. So bleibt es bei purer Angstmacherei vor einem undefinierten Verlust geistiger Fähigkeiten.

Neben diesen prinzipiellen Einwänden gegen das Buch ist allerdings festzuhalten, dass Spitzer bei seiner Diagnose von Problemen, die mit digitalen Medien verbunden sind, lange nicht überall falsch liegt. So betont er im Abschnitt zur „Generation Google“ (S. 209 ff.), dass bei Suche mit Google oft eine Tendenz zur Oberflächlichkeit bestehe. Er bringt dies auf den Punkt mit der Anekdote, dass drei Schüler, die ein Referat über Georgien erstellen sollten, eines über den amerikanischen Bundesstaat Georgia gehalten hätten. Wer über ein Sachgebiet noch nicht viel wisse, werde durch Google auch nicht schlauer. Nur wer schon viel wisse, könne sich leicht mittel Google oder anderer Quellen noch das letzte Bisschen Information holen, das er benötige. Diese Argumentation könnte man noch damit ergänzen, dass ein Aufsatz nicht darin besteht, Textblöcke auf dem Netz per copy und paste zu einem eigenen Text zusammenzufügen, wie das manche Schülerinnen und Schüler praktizieren. Digital Natives „klicken für eine Weile wahllos herum und kommen nie zu einer guten Quelle zurück; sie suchen horizontal (sprich: oberflächlich) nicht vertikal (gehen nicht in die Tiefe)“ (S. 214).

Heisst das aber nicht, dass Schülern Medienkompetenz zu vermitteln wäre, damit sie lernen, solche vertiefte Recherchen durchzuführen? Doch für Spitzer ist dies hoffnungslos; der Begriff der Medienkompetenz hat bei ihm keine Chance. Schnoddrig meint er zu Forderungen nach mehr „Medienkompetenztraining“: „Was würden Sie sagen, wenn jemand das Training von Alkoholkompetenz im Kindergarten oder als Schulfach einführen wollte?“ Nur wäre hier eben zu berücksichtigen, dass kleine Kinder – wie Spitzer in seinem Buch belegt – im Alltag schon sehr häufig Medien benutzen – was beim Alkohol sicher nicht der Fall ist. Auf solche Medienspuren hin Medienkompetenz zu fördern, die übrigens auch Bilderbücher umfasst, scheint mir nichts Verwerfliches. Es ist eben kein „anfixen“, wie es Spitzer den Schulen unterstellt. Sondern der Umgang mit digitalen Medien ist Teil unseres Alltags geworden. Und was im Alltag ohnehin stattfindet als Anlass zur Förderung von Medienkompetenz zu nehmen, kann auch für Lernen und Entwicklung positiv sein. Medienkompetentes Handeln schliesst übrigens auch ein, sich in manchen Situationen gegen die Nutzung eines Mediums zu entscheiden.Das heisst doch nicht, dass auf diese Weise gleich automatisch die „digitale Demenz“ (ein starkes Wort) gefördert wird.

Auch dazu ein Beispiel anhand des Buches von Spitzer: Er polemisiert gegen Smartboards im Klassenzimmer und beschreibt dazu eine Unterrichtssequenz aus einer Deutschstunde. Die Kinder hatten am Smartboard mit verschiedenen Wörtern jeweils eine Vor- und Nachsilbe (sozusagen: interaktiv) als Objekt zu einem passenden Wortstamm zu ziehen. Aus „freund“ und „schaft“ werde so das Wort „Freundschaft“ gebildet. Daran kritisiert Spitzer, dass die „Verarbeitungstiefe“ bei diesem Vorgehen oberflächlich bleibe: „Abschreiben wäre da schon viel besser, denn hierbei müsste das Wort memoriert und erneut geschaffen werden – durch sinnvolle , d.h. die Bedeutung aus einzelnen Zeichen zusammensetzenden Bewegungen“ (S. 80). Mich überzeugt weder das Abschreiben noch das Ziehen, da beides sehr mechanisch geschehen kann. Beide Formen können Elemente eines Unterrichts sein; doch eine Didaktik, die sich im Kern auf solche Methoden beschränkt, ist armselig. Auch ein Unterricht, der sich zugunsten des Spitzerschen Vertiefungsarguments aufs Abschreiben fokussiert, scheint mir eher in die didaktische Steinzeit zurückzuführen. Bei einem medienkompetent strukturierter Unterricht geht es im Übrigen auch nicht darum, Medien flächendeckend einzusetzen – im Sinn dass der Unterricht besser wäre, je häufiger und länger Medien eingesetzt werden. Vielmehr ist die Hauptfrage, wo es sinnvoll ist, Medien einzusetzen, und wo gerade nicht.

Wenn Technik einfach blind eingesetzt wird, ist dies – keine Frage – meist kontraproduktiv. Das gilt auch für das Beispiel der Navigationsgeräte im Strassenverkehr, das Spitzer (S. 27 ff.) aufführt.  Es gibt da ja immer wieder Beispiele, wo z.B. LKW-Fahrer vollkommen aufs Navi vertrauen, bis sie auf einer so engen Strasse landen, dass nichts mehr weitergeht. Für Spitzer heisst das: Wer sich auf die technische Hilfe eines Navi verlässt, lernt nicht mehr, sich im Raum selbst örtlich zu orientieren. Denn er lässt navigieren und navigiert nicht mehr selbst (S. 28).

Dies kann ich indessen so nicht nachvollziehen. Wer bei der Fahrt das Navigationssystem benutzt, ist nicht nur passiv („lässt navigieren“). Vielmehr muss man dazu auch immer die Daten mit der Umgebung vergleichen und dabei seine Schlüsse auf den eigenen Standort ziehen. Es geht also darum, die digitalen Daten ins Navigieren in der realen Welt einzubeziehen, nicht aber, blind auf eine Technik zu vertrauen. Genau dazu kann und sollte die Förderung von Medienkompetenz helfen, nämlich die digitalen Medien sinnvoll in den Alltag einzubetten. Die Methode der englischen Taxifahrer, das Wissen zum Gewirr von 25 000 Strassen in London über Prüfungen zu erwerben, scheint mir hier als Alternative für uns als private PKW-Fahrer wenig zu bieten, auch wenn sie nach Spitzer den Hippocampus vergrössert.

Nun werden die Differenzen zu den Konzepten von Spitzer gerade im medienpädagogischen Bereich kaum auszuräumen sein. Denn Spitzer reagiert gehässig und gereizt, sobald die Sprache auf die Medienpädagogik kommt. Für ihn werden Professoren der Medienpädagogik häufig für  das Gegenteil von wissenschaftlicher Aufklärung bezahlt und ihre Untersuchungen werden von der Medienlobby finanziert. Dazu nochmals O-Ton von Spitzer „‘Aber Herr Spitzer, jetzt übertreiben Sie wirklich masslos!‘ höre ich Medienpädagogen (die von den Medien ja leben und sich genau aus diesem Grund nicht kritisch äussern), Vertreter der freiwilligen Selbstkontroille und der Medien selbst schon sagen“ (S. 26). Unerträglich wird es aber, wenn Spitzer zum rhetorischen Knüppel greift und einem Medienpädagogen, der Computerspiele verteidigt, „jegliche pädagogische Kompetenz“ abspricht, weil er glaube, stundenlanges Prügeln und Morden hätten auf einen jungen Menschen keinerlei Auswirkungen (S. 282).

Wie schnell die Pferde mit  Spitzer durchgehen, zeigt ein letztes Zitat zum Medienkonsum von Kleinkindern: „Wenn man sie dann in den (relativ seltenen) zeitlichen Phasen, in denen sie wach, aufmerksam und aufnahmefähig sind, vor ein Bildschirmmedium setzt, dann kann man sie in dieser Zeit auch in den Kohlenkeller sperren“ (S. 145). Auch ich habe gegenüber dem unbegrenzten Fernsehen von Kleinkindern Vorbehalte. Doch mit dem Beispiel des Kohlenkellers suggeriert Spitzer den Missbrauch der schwarzen Pädagogik des 19. Jahrhunderts, was in diesem Zusammenhang völlig unverhältnismässig ist.

Der Alarmismus, der in solchen Passagen aufscheint, ist merkwürdig. Denn Spitzer spitzt so zu, dass seine plakativen Aussagen für die von ihm kritisierten Medien und Talkshows des Fernsehen („Zuweilen verschlägt es mich in Fernsehtalkshows:“) ein gefundenes Fressen sind. Damit verfehlt er aber mit der unaufhörlichen Beschwörung des Mantras der digitalen Demenz selbst jene „Verarbeitungstiefe“, die einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Thema der digitalen Medien gegenüber angebracht wäre.

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