Medienwelten

7. September 2012

Spitzer, die Zweite: eine Kritik an den Medien, die nicht mehr funktioniert

Kaum eine Zeitung hat in den letzten Tagen nicht über Manfred Spitzers neues Buch zur digitalen Demenz geschrieben. Das erinnert an das Jahr 2005, als der erste Bestseller von Spitzer lanciert wurde: „Vorsicht Bildschirm!: Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“. Das Buch traf auf eine virulente Computerskepsis, erweckte viel Zustimmung und gab Spitzer eine anerkannte Plattform in den Medien. Lehrer und Lehrerinnen, welche im Unterricht Medien einsetzten, wurden sehr schnell von Eltern mit den Thesen von Spitzer konfrontiert. Mit „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ sattelt Spitzer noch einen drauf-  Doch nach meiner Wahrnehmung mit durchzogenem Erfolg.

Schon der Begriff der „Demenz“ ist problematisch, wenn man weiss, welche riesigen familiären Probleme damit verbunden sind, wenn ältere Menschen diese Diagnose erhalten. Da ist der Begriff der „digitalen Demenz“ gegenüber den Betroffenen mehr als unangemessen. Wer zu viel Zeit am Computer verbringt, kann nicht einfach leichthin als „dement“ abgestempelt werden.

Dazu kommt, dass Spitzers Abstützung seiner Thesen auf die Wahrheit empirischer Studien nicht mehr so unangefochten greift wie vor fünf Jahren. Aus irgendwelchen Korrelationen Hiobsbotschaften für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen herauszufiltern, scheint nicht mehr so überzeugend. Das zeigt etwa der TV-Talk von Günther Jauch vom letzten Sonntag (2.September 2012). Verweise auf Studien wurden von den Teilnehmer/innen mit Erfahrungen der eigenen Kindern gekontert. Und daran zeigt es sich sehr schnell, dass die Welt der digitalen Medie nicht einfach in Schwarz-Weiss dargestellt werden kann, sondern viele Zwischentöne besitzt. So heisst es im SPIEGEL-Bericht zur Sendung:

„Drei Gäste versuchen, dagegen anzureden. Der Kindermedienforscher Klaus Peter Jantke hält nichts von einem Medienverbot für Heranwachsende, lässt seinen fünfjährigen Sohn am Laptop Filme auf Englisch sehen. Neue Medien schaffen neue Probleme, sagt Jantke, man solle sich damit gründlich und tiefgründig auseinandersetzen. Er verteidigt das Internet, über das so viele Gedanken ausgetauscht und unzählige Anregungen eingeholt werden.“

Liest man weitere Presseberichte und Rezensionen, fällt auch hierauf, dass die Thesen von Spitzer nicht mehr so leicht akzeptiert werden wie vor einigen Jahren. Fast jeder Pressebericht enthält auch eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Buch. Mit Thesen wie „Wir klicken uns das Gehirn weg“ – kann man zwar auf der Bestsellerliste landen, für eine differenzierte Auseinandersetzung taugen diese jedoch wenig.

Schliesslich leben wir alle in einem digitalen Alltag, wo Computer, Handy und andere Medien ihren festen Platz haben. „Allways on“ ist hier immer häufiger das Stichwort – was aber auch bedeutet, dass man sich nicht stundenlang auf die digitalen Medien konzentriert, sondern dass diese im Alltag „mitlaufen“. Das ist nicht immer unproblematisch – etwa wenn man Beziehung über SMS auflöst, noch um Mitternacht bei seiner „Firma auf Draht“ ist etc. Nur mit „digitaler Demenz“ hat dies alles reichlich wenig zu tun.

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