Medienwelten

16. September 2012

Das Elend der Facebook-Forschung

Facebook-Forschung ist „in“. Nach dem Motto „publish or perrish“ werden immer neue Studien auf den Markt gepusht. Zwei Beispiele, die in den letzten Tagen medienwirksam in der Presse publiziert wurden, belegen dies.

Fall 1: Die „NZZ am Sonntag berichtet in der Rubrik „Neues aus der Wissenschaft“ vom 12. September 2012 auf S. 59:

„Facebook macht: ‚dick‘

Dass es Zeit frisst, sich in sozialen Netzwerken zu engagieren, ist ein Allgemeinplatz. Britische Forscher haben  nun untersucht, welche Aktivitäten besonders darunter leiden, wenn Studenten sich bei Facebook und Co. Herumtreiben. Das Ergebnis ihrer Studie, die an der Konferenz der British Psychological Society’s Divison of Health Psychology vorgestellt wurde: Die Zeit, die jemand in sozialen Netzwerken verbringt, hat einen negativen Einfluss auf die sportliche Betätigung in der folgenden Woche. Facebook könnte also dazu beitragen, dass man an Gewicht zulegt.“

Manfred Spitzer würde es freuen, dass hier wieder einmal seine Thesen, dass Medien dumm und dich machen, bestätigt wird. Doch die Formulierungen müssen hier bereits vorsichtig machen: Was im Titel als Tatsache daher kommt, wird im letzten Satz zu „könnte“ relativiert. Ein englischer Hintergrundartikel verrät etwas detaillierter, wie die Untersuchung zustandekam:

350 Studierende der Universität Ulster in Nordirland beantworteten Online einen Fragebogen über die Intensität ihrer Netzwerk-Aktivitäten und ihre physische Aktivität. Das Resultat: Die meisten Studierenden nutzen Social Network Sites rund eine Stunde pro Tag. Etwas mehr als die Hälfte betrachten sich als „moderat aktiv“, ein Drittel sieht sich „hoch aktiv“ und 12,7 Prozent schätzen sich als wenig physisch aktiv ein.

Die Autorin der Untersuchung, Wendy Cousins, gibt zu ihrer Untersuchung zu Protokoll: „“Zeit ist eine endliche Ressource; deshalb geht die Zeit, die man in einem sozialen Netzwerk verbringt auf Kosten anderer Aktivitäten. Unsere Studie vermutet, dass die physikalische Aktivität eine diese Aktivitäten sein könnte

In  dieser Fassung verschärfen sich die „Wenn und Aber“ noch: Im Klartext ist ja höchstens abgesichert, dass die Studierenden im Gossen und Ganzen rund eine Stunde mit Facebook verbingen. Und es ist auch nur eine Vermutung, dass dies auf Kosten der physischen Aktivitäten geht. Ob das alles bereits dazu führt, dass Facebook „dick“ macht ist eine pure und doch eher unwahrscheinliche Behauptung.

Fall 2: Die Frankfurter Rundschau hält in der Online- Ausgabe vom 12. September 2012 unter dem Titel Facebook bringt Wähler an die Urnen fest:

Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch – das ist der Effekt, den US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Facebook-Nutzern festgestellt haben. Demnach macht der soziale Einfluss den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler aus.

Eine einzige Facebook-Nachricht kann das Wahlverhalten von Tausenden von Menschen und ihren Freunden beeinflussen. Das haben US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks festgestellt. Während der Wahlen zum US-Kongress im Jahr 2010 schickten die Forscher eine Meldung an das Facebook-Profil dieser Personen. Darin wurden sie aufgefordert, zur Wahl zu gehen. Zudem enthielt der Text einen anklickbaren Button mit der Aufschrift „Ich habe gewählt“.

Bei einem Teil der Probanden wurde diese Nachricht zudem in Verbindung mit dem Hinweis angezeigt, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits betätigt hätten. Das Ergebnis: Nur jene Gruppe, welche die Nachricht zusammen mit diesem Hinweis erhalten hatte, wies eine höhere Wahlbeteiligung auf. Dies zeige, dass der soziale Aspekt bei Internet-Netzwerken ausschlaggebend für die Beeinflussung der Nutzer sei, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin ‚Nature‘.“

Diese Studie scheint mir zwar plausibler, doch ein Rest der Spekulation bleibt auch hier. Doch betrachten wir die Untersuchung mithilfe der im FR- Artikel wiedergegeben Details noch etwas genauer. So wird hier das durchaus professionelle Setting der Forschungsarbeit geschildert:

„Die Forscher führten ihr Experiment am 2. November 2010 durch, dem Tag der Kongress-Wahlen in den USA. An diesem Tag erhielten knapp 61 Millionen US-amerikanische Facebook-Nutzer auf ihrer Profil-Seite alle gleichzeitig ein Statement an der Spitze ihrer Facebook-Neuigkeiten. Darin wurden sie daran erinnert, dass heute Wahltag sei, und aufgefordert, wählen zu gehen. Zudem enthielt die Nachricht einen Link auf umliegende Wahllokale sowie einen „Ich habe gewählt“-Button, mit dem die Nutzer ihren Urnengang für ihre Facebook-Freunde sichtbar bestätigen konnten.

600.000 dieser Nutzer erhielten eine modifizierte, sogenannte „soziale Nachricht“, die zusätzlich angab, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits angeklickt hatten. Dazu erschienen auch Fotos der jeweiligen Freunde. Zur Kontrolle gab es noch eine dritte Gruppe, der keine der beiden Meldungen auf ihrer Facebook-Seite angezeigt wurde. Dabei gewährleistete der Umfang aller drei Versuchsgruppen und die zufällige Auswahl der Personen, dass mögliche Effekte auch tatsächlich auf die Facebook-Nachricht zurückgeführt werden konnten, erklären die Forscher.“

Die Resultate werden dann unter dem Zwischentitel „Die Facebook-Nachricht erzeugte 60.000 neue Wähler“ geschildert: „Der soziale Einfluss machte den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler“, fasst Fowler das Ergebnis der Studie zusammen. Denn weder die Aufforderung zur Wahl noch der „Gewählt“-Button hätten die Testpersonen zum Wahlgang veranlasst. Nur die Verbindung mit dem zusätzlichen Hinweis, dass Freunde auf Facebook den Button bereits betätigt hatten, führten zu einer erhöhten Wahlbeteiligung. Die Forscher hatten nach Ende des Wahltags anhand der Wählerverzeichnisse nachgeprüft, wer von den Nutzern tatsächlich wählen gegangen war. Sie errechneten, dass insgesamt 60.000 neue Wähler durch die „soziale Nachricht“ dazugewonnen wurden.

Unbestritten ist sicher der Zusammenhang, zumal der mobilisierende Effekt von sozialen Medien zum Beispiel auch von Twitter und Handy im arabischen Frühling berichtet wird. Fraglich scheint mir dagegen, ob Facebook“ 60 000 neue Wähler erzeugt und ob man daraus schliessen kann: „Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch“. Denn wie wollen wir wissen, ob es wirklich diese Facebook-Nachricht war, welche die 60‘000 Personen zur Wahl veranlasste? Empirisch lässt sich lediglich ein Zusammenhang zwischen einer versandten Botschaft und dem Wählen feststellen – doch es muss offen bleiben, welche Motive sich hinter dem Wählen verbergen. Jedenfalls lässt sich nicht so leicht ein Ursache-Wirkungsverhältnis konstruieren. Auch der Umkehrschluss ist kaum so einfach – nämlich, dass ich nur meine Freunde vor Wahlen anzuschreiben brauche, um neue Wählerschichten zu „erzeugen“. Zumal die Definition von „engen“ Freunden als jenen, mit denen ich am Häufigsten auf Facebook kommuniziere, nicht unproblematisch ist.

Doch letztlich geht es um eine weit allgemeinere Nutzanwendung, die man sich von solchen Untersuchungen erhofft, wie aus einem von SPIEGEL Online zitierten Kommentar zu dieser Untersuchung deutlich wird: Sinan Aral von der New York University träumt bereits von gezielten Eingriffen in menschliche Netze, um positives Verhalten zu verstärken und negatives zu stoppen. Beispielsweise könne man versuchen, Menschen dazu zu bringen, gesünder zu leben. ‚Die Erforschung sozialer Beeinflussung kann dramatische Auswirkungen auf Produkte, Politik und die öffentliche Gesundheit haben‘, schreibt er in einem ‚Nature‘-Kommentar.“ Nur. Was geschieht, wenn wir in Zukunft auf unserem Facebook-Account vor jeder Wahl von hunderten unserer „Freunde“ solche Wahlempfehlungen erhalten? Vielleicht führt das ja dazu, dass wir gerade nicht wählen gehen, obwohl wir es eigentlich vorgesehen hatten, oder dass wir aus Ärger den Facebook Account gleich ganz löschen. Es könnte gut sein, dass sich solche Effekte immer mehr auflösen – je aggressiver Aufforderungen und Werbebotschaften auf dem Kanal „Facebook“ gepusht werden.

Die Problematik mit dem Ziehen von Schlüssen ist im Übrigen beim Beispiel der nordirischen Umfrage zur Intensität der Aktivitäten im sozialen Netzwerk ähnlich. Auch hier wird der Zusammenhang einfach zu einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis umgedeutet. Damit wird gleich argumentiert wie im legendären Beispiel mit den Störchen, die immer im Frühling in unseren Breitengraden auftauchen, wenn besonders viele Kinder auf die Welt kommen. Wer wollte daraus aber schliessen, dass der Storch die Kinder bringt?

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