Medienwelten

31. Oktober 2012

Zweijährige im Internet

 

 

Nach einer schwedischen Studie nutzen schon 40 Prozent aller zweijährigen Schweden das Internet. Diese Pressemeldung erregte letzte Woche Aufsehen und erschreckte viele Leserinnen und Leser: Werden bald die Zweijährigen stundenlang am Internet verbringen, das so den Babysitter ersetzt.

Doch die Aufregung ist nicht so gross, wenn man auf die Daten hinsieht.  Warum sollen kleine Kinder nicht einmal ein einfaches Spiel oder ein bewegtes Bilderbuch Online nutzen?

Auf jeden Fall dürften sowohl das Interesse wie die Fähigkeiten der Kleinsten, sich im Internet zu bewegen und zielgerecht zu navigieren, wenig ausgeprägt sein. Die kognitiven Anforderungen des Netzes, welche Textverständnis und abstrakte Orientierungsmöglichkeiten umfassen, sind schlicht zu hoch. Wer sich für eine detailliertere Analyse interessiert, den verweise ich auf meinen ausführlichen Artikel „Knirpse im Internet“ im Journal 21.

 

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8. Oktober 2012

Betrügereien bleiben „Beschiss“ – ob virtuell oder real

Filed under: Digital Life — heinzmoser @ 20:15
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Das haben wir doch alle schon in dieser oder einer anderen Variante im Mail-Postkasten gefunden – ein Versprechen, reich zu werden aus dem Internet. So schreibt mir zum Beispiel Bradford Akouvi  aus Togo:

Mein Name ist Bradford Akouvi. Ich bin ein Rechtsanwalt und die persönlichen Anwalt zu einer verstorbenen Herrn Siegfried . Ich möchte wissen, ob wir zusammenarbeiten können. Seit dem Tod meines Klienten, hat seine Rechnung schon mit dem Gleichgewicht von  US$ 8,3 Mio. [  Acht Millionen Drei hunderttausend Dollar] ruhend mit dem Banque Atlantique hier in Lome-Togo, Westafrika.“

Na, da fallen wir aber nicht mehr rein, denkt man sich, nachdem fast jede Woche ähnliche Anfragen unter den Mails landen. Auch Bettelbriefe aus dem Interrnet locken uns nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Als gewiefter Internet-Nutzer schüttelt man nur den Kopf, wenn zum Beispiel eine langjährige Brieffreundin aus dem Senegal bat einen deutschen Rentner um Hilfe für eine junge Frau bittet, die sich angeblich in einem Flüchtlingslager im Senegal befand und an das Geld ihres ermordeten Vaters herankommen musste um ihrem elendigen Schicksal zu entfliehen. Vor allem wenn der Hilferuf mit einem Versprechen verbunden wird, später dann von hohen Geldsummen zu profitieren, läuten die Alarmglocken. Da zielt wieder mal jemand auf die Gier ab, die in uns allen steckt.

Wie ganz anders war es doch, als vor ca. zwei Wochen ein handgeschriebener Brief aus Uganda eintrudelte (per Post versendet natürlich), mit dem Schreiben einer Studentin der „Mengo Nursing School“. Christine Nabacwa schildert darin, dass ihre Eltern bei einem Autounfall verstorben sind. Christine wurde dann in ihren Bildungsbestrebungen von ihrem Onkel unterstützt , bis dieser, wie es das Schicksal eben so will, ebenfalls verstarb. Das Mädchen, mittlerweile Studentin an der Mengo Nursing School steht nun vor ihrem allerletzten Studienjahr. In einem beigelegten Zeugnis zeigt sie die besten Noten, „an excellent performance“. Deshalb die Bitte, ob man ihr nicht das Schulgeld  für das letzte Studienjahr finanzieren könne: „I pray that the Lord puts you in a position to assist me.“ Nach all dem Beschiss im Internet ist hier also ein echter Brief mit einer echten Notlage. Das zieht einem schon fast automatisch das Geld aus der Hosentasche.

Als Internet-Freak lässt es einen nicht los, doch noch einmal auf Google zu gehen. Vielleicht lässt sich da noch mehr über das Nursing Studium an der Mengo School erfahren, wo man ja ein paar hundert Franken investieren will. Doch oh Schreck: Zu Christine Nabacwa findet man weit oben in der Trefferliste von Google einen Artikel aus dem Guardian, der mich an der Menschheit zweifeln lässt. Schon 2003 erhielt nämlich Derek Robinson aus Bristol einen handgeschriebenen Brief aus Uganda von einer Christine Nabacwa, nur diesmal von der  Mackay College School in Kampala. Schon damals wollte die Studentin 560 englische Pfund für ihren Studienabschluss. Das muss also wohl eine Langzeitstudentin sein, wenn sie neun  Jahre später immer noch ihren Studienabschluss im letzten Semester finanzieren muss.

Ein Besuch auf der Website der Website der Mackay College School belegt dann konkret, dass man in Uganda  Wind von der Sache bekommen hat. So heisst es dort auf der Homepage: „When you receive an application for school fee support for Mackay College for nursing from Ms. Nabacuva Christie, you are warned NOT to respond to this. Another name that is used is Christine Nabacwa. Ms. Nabacuva or Nabacwa is not studying at Mackay College but uses Mackay College for asking for school fee support. There is no such Mackay College for nursing.“

Das bringt noch die letzten Illusionen zum Einsturz. Betrügereien auf dem Internet beschränken sich nicht auf die neuen Medien. Nach ähnlichen Vorbildern kann man uns auch mit der guten alten snail-mail abzocken. Die „alten“ Medien sind kein Deut vertrauenswürdiger als die virtuelle Welt des Internets. Es ist eher so, dass die virtuellen Betrügereien eines Herrn Akouvi aus 10 Kilometern gegen den Wind stinken, während der höfliche und saubere handschriftliche Brief von Christine Nabacwa erst einmal ein – ungerechtfertigtes – Vertrauen erzeugen.

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