Medienwelten

29. Dezember 2012

Online-Kommentare – auf dem Vormarsch

Foren sind immer leer, wenn man sie einrichtet, um auf dem Internet spannende Diskussionen zu initiieren. Vor allem die traditionellen Zeitungen hatten lange Mühe, Leserinnen und Leser in ihren Online-Ausgaben zu Kommentaren auf die redaktionellen Zeitungsartikel zu bewegen

Es handelt sich hier vor allem um ein Problem der Generationen. Ältere Leserinnen und Leser bevorzugen bis heute den Leserbrief, wenn sie sich zu Presseberichten äussern wollen. Dies hat ja auch unbestreitbare Vorteile: Man kann sich seine Meinungsäusserung zwei- oder dreimal überlegen und korrigieren, bevor man sie abschickt. Was zudem eine spontane Reaktion ist („Das muss dazu endlich mal gesagt sein“), bereut man vielleicht aus einer grösseren Distanz. So überschläft man einen Leserbrief erst einmal eine Nacht und beschliesst am nächsten Tag, ihn gar nicht abzuschicken.

Allerdings kommt bei den Jüngeren, die sich gewohnt sind, auf Facebook  zu posten, doch einiges in Bewegung. Gratiszeitungen wie 20 Minuten, die sich auch in den Inhalten stark auf ein jüngeres Publikum ausrichten, haben viel weniger Mühe mit ihrer Kommentarfunktion. Dies hat die genannte Zeitung kürzlich in eigener Sache mit einem Artikel aufgezeigt. Schon die Zahl der eigegangenen Kommentare ist beeindruckend: So wurden von Leserinnen und Lesern der Zeitung knapp 1,4 Millionen Kommentare verfasst. Erläuternd wird im Bericht eine Studie des Zürcher Instituts für Publizistikwissenschaft zitiert, wonach täglich 59 Prozent der 20-Minuten-Online-Nutzer nach eigener Auskunft täglich oder fast täglich die Kommentare lesen. Für die Konsumenten von Online-Zeitungen sind damit die Kommentare ebenso wichtig, wie das für die Leserbriefspalten der Zeitungen gilt – dort eine der beliebtesten Rubriken. Womit diese Beliebtheit zu tun hat, wird ebenfalls angedeutet: „Der Hauptgrund ist, dass die Leute wissen wollen, was andere zu dem Thema denken und dabei viel Spass haben und sich auch richtig ärgern können. ‚Kommentare haben etwas Voyeuristisches, sie sind wie Reality-TV im News-Bereich. Auch das Fremdschämen für peinliche Äusserungen von anderen übt eine grosse Faszination auf die Leser aus, was zu einem hohen Unterhaltungswert führt‘, erläutert Medienforscher Thomas Friemel die Ergebnisse einer Studie der Universität Zürich.“

20 Minuten ist aber keine Ausnahme. Auch bei Angeboten wie SPIEGEL-Online, die stark von einem internetaffinen Publikum genutzt werden, haben sich Foren zu einzelnen Artikeln eingespielt. So heisst es auf der Website: „Auf SPIEGEL ONLINE finden Sie das größte aktuelle Diskussionsforum im deutschsprachigen Internet mitmachen ist einfach und kostenlos.“ Sogar bei der FAZ finden sich zu den Honoraren von Peer Steinbrück immerhin über 70 Leserkommentare.

In Zukunft dürften sich den Online Zeitungen allerdings zwei Probleme noch verstärkt stellen:

1.  Der einfache und kostenlose Zugang zu Mitmachforen besteht nur so lange, wie die Zeitungen kostenlos sind. Im Moment besteht nun aber gerade der Trend, Online-Ausgaben wie bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) kostenpflichtig zu machen. Dies wird vor allem jüngere Leserinnen und Leser ausschliessen – also jene Internetgeneration, die mit dem aktiven Umgang auf dem Internet am wenigsten Probleme hat. Mindestens ist zu fragen, ob traditionelle Leserinnen und Leser, die zusätzlich noch die Online-Ausgabe für ihr Tablet abonnieren, so schreibfreudig sind.

2. Mit der überhandnehmenden Anzahl von eingereichten Kommentaren ergibt sich ein zweites Problem, nämlich jenes der Selektion. So werden die Kommentare,  wie ebenfalls in 20 Minuten aufgezeigt wurde, dort vor Erscheinen durch ein Team von 17 nebenberuflichen „Freischaltern“ gesichtet und geprüft. Dazu heisst es: „Von den rund 1,4 Millionen Leser-Kommentaren, die 2012 eingingen, wurde etwas mehr als eine halbe Million gelöscht. Also knapp zwei Fünftel. Die Redaktion erhält täglich Mails mit Beschwerden wie «Meine Kommentare werden immer gelöscht» oder ‚Nur weil euch meine Meinung nicht passt, wird mir ein Maulkorb umgehängt‘. Doch eine Blacklist oder Ähnliches gibt es nicht. Jeder Kommentar wird bearbeitet. Dabei wird nicht nach Gutdünken gelöscht, sondern anhand definierter Standards.“

So geht es darum, Falschinformationen, persönliche Anwürfe und Anfeindungen sowie aus Rechtschreibgründen fast unlesbare Eingaben auszusortieren. Doch was aus Gründen eines seriösen Journalismus unentbehrlich scheint, wird von den Betroffenen rasch als Bevormundung und Zensur betrachtet. Das schadet wiederum dem Image einer freien Bühne des Meinungsaustauschs, wie es die Ideologie des Web 2.0 verspricht. Ein verärgerter User meint zum Beispiel im Internet: Irgendwie erscheinen die Hälfte meiner Kommentare bei Spiegel Online Artikeln nicht. Ich frage mich, ob ich nur etwas falsch mache, oder ob dort wirklich derart kräftig zensiert wird. ‘Ich hatte Donald Trump geraten, die 5 Mio., welche er Obama geben wollte, lieber in ein neues Toupet zu investieren, dass nicht aussieht wie der Hintern eines Cocker Spaniels.‘

9. Dezember 2012

Gefahren im Internet und die allgegenwärtige Verunsicherung

Zwei Fälle in der gleichen Woche zu den Social Media haben Aufmerksamkeit in der Presse erregt: Da war erst einmal der Fall eines 22-Jährigen aus dem Kanton Zürich. Der ehemalige Gymnasiast war empört, dass ihm seine 290 Freunde nicht zum Geburtstag gratulierten. Deshalb kündigte er auf seinem Facebook-Profil an, er werde sie alle vernichten. Denn es sei keine Frage der Freundlichkeit, sondern eine Frage von Respekt und Ehre. Jetzt könne sie niemand mehr schützen. Mit „Pow!!!!, Pow!!!!, Pow!!, endete seine Statusmeldung.

Nachdem eine Mitschülerin die Schulleitung und diese die Polizei informierte, kam es zur Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl der junge Mann seine unüberlegte Handlungsweise bedauerte und deutlich machte, dass er nie einen Amoklauf beabsichtigte, wurde er schuldig gesprochen und zu einer Busse von fast 14’000 Franken verurteilt. Der Verurteilte sieht sich auch selbst als Opfer: „Eine solche Polizeiaktion war übertrieben und sehr belastend für mich.“

Der zweite Fall handelt von einem Video, da auf YouTube auftauchte: So soll ein Jugendlicher ein Sex-Video seiner Ex-Freundin auf Facebook gepostet haben. Der Zürcher Tages-Anzeiger dazu: „Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung ’20 Minuten‘ schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. “

Noch am gleichen Tag haben über 15’000 User das Video abgerufen. Es soll insbesondere auch in ganzen Primarschulklassen die Runde gemacht haben.

Die beiden Fälle zeigen  auf der einen Seite das Gefahrenpotenzial der Sozialen Medien an – schliesslich ist es für die Opfer, wie es der erste Fall zeigt, kaum abschätzbar, wie ernst ein „schlechter Witz“ gemeint ist. So belegen die Fälle auch, dass  es keine Schonzeit mehr für die Täter gibt und es zu Recht bis hin zur gerichtlichen Verurteilung kommt.

Dennoch sind oft auch die Täter in gewisser Weise Opfer der neuen und noch nicht bewältigten Veränderungen, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Denn die neuen flüchtigen Kommunikationsformen verleiten leicht dazu , sich auf eine Weise zu äussern, die man nach etwas Nachdenken besser unterlassen hätte. Mit anderen Worten:  Es fehlt im digitalen Zeitalter für viele noch Das Gespür dafür, was möglich ist, und was nicht geht.

Das entschuldigt solches Fehlverhalten nicht, macht aber deutlich, wo  Hebel anzusetzen ist. Es bedarf einer Medienbildung, welche nicht  technische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht und daraus Konsequenzen zieht. Das müssen nicht nur Fragen des Mobbing und der Gewalt  sein.   Genauso geht es darum, wie zum Beispiel das Liken auf Facebook zu bewerten ist – als Selbstausdruck eigener Bedürfnisse oder als Schritt zum gläsernen Konsumenten, der damit ohne bewusstes Überlegen nur die Interessen der Auftrag gebenden Firmen und Institutionen erfüllt. Gefragt werden könnte auch, wie weit man verpflichtet ist, immer Online zu sein, oder ob es auch geht, ein  SMS oder eine E-Mail verspätet oder gar nicht zu beantworten. Und ist es nicht so, dass man sich auch bei 800 Facebook-Freunden noch einsam fühlen kann?

Die Gewaltproblematik ist nur eine Facette der neuen Medien. So wichtig es ist, hier Auswüchsen klar entgegenzutreten, so wichtig ist es auch, Antworten auf die täglichen Verunsicherungen zu finden, der alle Nutzer der   sozialen Medien fast täglich begegnen.

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