Medienwelten

8. März 2013

Zoff in der Schweizer Medienwissenschaft und das Mauerblümchendasein der Medienpädagogik

Staub aufgewirbelt hat in den letzten Tagen die Suche der Nachfolge für Heinz Bonfadelli an der Universität Zürich. Weil bei der Wiederbesetzung ein Streit  um die angebliche Bevorzugung deutscher Kandidaten ausgebrochen war, musste die Leitung der Universität das Verfahren zur Berufung eines neuen Publizistikprofessors sistieren. Nun kann man natürlich argumentieren, dass  nach dem Rücktritt von Bonfadelli ein Kenner der schweizerischen Medienlandschaft fehlt. Doch nach dem was man der Presse entnehmen konnte, haben einige der Bewerber/innen schon einige Zeit in der Schweiz gearbeitet. Da sollte es eigentlich möglich sein, sich in diese Probleme der Schweizer Presse einzuarbeiten.

Der Streit erinnert etwas an den Zürcher Gemeinderat. Hier wurde von SVP-Seite kürzlich gefordert, „dass durch Lautsprecher verbreitete Mitteilungen der VBZ nur von Personen gesprochen werden, deren Muttersprache Schweizerdeutsch ist.“ Vielleicht stört man sich ja daran, dass der neue Professor dann möglicherweise geschliffenstes Hochdeutsch an die Uni brächte…

Wenn es schon um Medien und die Universität geht, dann sollte viel mehr beunruhigen, dass es an den Schweizer Hochschulen seit dem Ausscheiden von Christian Doelker seit 2002 keinen Schweizer Lehrstuhl für Medienpädagogik und damit auch keine Ausbildung in diesem Fach gibt. Offensichtlich sah das Institut für Erziehungswissenschaft dank einer Scheuklappenmentalität weder einen Bedarf noch eine Notwendigkeit für eine Nachfolge in diesem Fach. So wird es immer schwieriger, medienpädagogische Stellen an Pädagogischen Hochschulen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Nachdem sich die Notwendigkeit, Lehrpersonen medienpädagogisch stärker auszubilden, angesichts der Vielzahl digitaler Medien, mit denen Kinder und Jugendliche heute umgehen, in den letzten Jahren verstärkt hat,  ist dies schlicht unverantwortlich. Aber auch für den Bereich der Sozialarbeit oder der generellen Medienerziehung wäre ein erziehungswissenschaftlicher Schwerpunkt an einer Schweizer Universität unbedingt erforderlich. Damit ohne solche Studienmöglichkeiten kommt automatisch das zum Tragen, was der Universität im Fall der Nachfolge von Bonfadelli vorgeworfen wird: Es gibt immer weniger schweizerische Bewerber, weil es dazu hierzulande keine qualifizierte Ausbildung mehr gibt. Und auch eine fundierte medienpädagogische Forschung wäre dringend auf ein universitäres Institut angewiesen, das hier Akzente setzt.

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1 Kommentar »

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Treffend analysiert.

    Kommentar von Thomas — 31. März 2013 @ 11:28 | Antwort


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