Medienwelten

20. Juli 2013

Lehrplan 21: Ein Schritt zu einer breiten Medienbildung

Der gesamtschweizerische Lehrplan 21 wird auch einen Lehrplan „ICT und Medien umfassen“. Nachdem das offizielle Dokument publiziert ist, möchte ich darauf mit einigen Überlegungen eingehen und den Entwurf auch kritisch würdigen.

Man muss primär attestieren, dass es sich um einen grossen Schritt in Richtung Verankerung von Medieninhalten in der Schule handelt. So wird damit vom gesamten Lehrplanwerk der Schweizer Volksschule anerkannt, dass die heutige Lebenswelt von Medien durchdrungen ist und einen kompetenten und mündigen Umgang mit ihnen erfordert (S.1). Positiv ist auch, dass es gelungen ist, die vielerorts separierten Lehrplanteile einer „Informatik“ und einer „Medienerziehung“ zu integrieren. Allerdings ist mir uneinsichtig geblieben, warum durchgängig von „ICT und Medien“ gesprochen wird; geht es doch letztlich um eine Thematik, die man präziser als „Umgang mit digitalen Medien“ bezeichnen könnte (auch Bücher sind ja heute letztlich digital produzierte Medien).

Dementsprechend ist die Medienbildung breit aufgestellt, wobei sie sich an drei Kompetenzbereichen ausrichtet (S. 5):
– Kennen und Einordnen von Medien
– Auswählen und Handhaben von Medien
– Sich-Einbringen mittels Medien.

Schade ist allerdings, dass die Reflexion auf die Medien – als Kern der Medienbildung – nicht ebenfalls als autonomer Kompetenzbereich definiert wird, sondern in den Aspekt des Sich-Einbringens mittel Medien ausgelagert wurde. Zwar kommen in den konkreten Ausführungen zu Zielen immer wieder Reflexionsaspekte vor; wünschenswert wäre aber eine konsequente Akzentuierung der Medienkritik in einem eigenen Kompetenzbereich, wie er zum Beispiel bereits in den 90er Jahren von Dieter Baacke analytisch, reflexiv und ethisch angedacht wurde.

Die Konkretisierung der Kompetenzbereiche

Gelungen sind die Ausformulierungen von konkreten Zielsetzungen in den Kompetenzbereichen – etwa wenn es beim „Kennen und Einordnen von Medien“ unter fünftens heisst: „Die Schüler und Schülerinnen können Wirkungen der Medien aus sich erkennen und diese bei der Steuerung der Mediennutzung einbeziehen.“ Formuliert werden auf diese Weise – auf drei Altersstufen (sog. „Zyklen“) bezogen –  eine Art von Bildungsstandards, die dann weiter konkretisiert werden. Das beginnt mit sehr elementaren Zielen, wenn es etwa im Rahmen des 1. Zyklus heisst: „Die Schülerinnen und Schüler können Medien aus ihrem Lebensbereich benennen und über deren Inhalte sprechen.“ Auf der Ebene des 3. Zyklus wird es dann komplexer: „Die Schülerinnen und Schüler können argumentieren, wo Chancen und Risiken von Erfahrungen und Handlungen in der physischen Umwelt in medialen Welten und virtuellen Lebensräumen liegen.“ Insgesamt handelt es sich also um eine Spiralcurriculum, das geeignet ist, Erfahrungen aufzubauen und zu vertiefen. Allerdings wird man auf der untersten Ebene die Kinder nicht unterschätzen dürfen: Ob es hier wirklich ein Lernziel sein muss, Medien aus dem eigenen Lebensbereich benennen zu können, ist eher zweifelhaft. Das scheint mir schon fast zu selbstverständlich.

Der Reflex auf die Informatikdebatte

Was besonders auffällt, das ist die Reaktion auf die Debatte um den Informatikunterricht in der Schule. So wird im Kompetenzbereich „Kennen und Einordnen von Medien“ ein Akzent auf Datenstrukturen, Algorithmen und die Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen gelegt. Die verstärkte Aufnahme von Inhalten um Datenstrukturen und Steuerung im Bereich von ICT ist dabei positiv zu werten. Die damit verbundenen Fragen sind in den letzten Jahren in der Diskussion um die Medienbildung etwas zu stark in den Hintergrund getreten.

Insgesamt scheint es mir richtig, auf der Volksschulstufe auf einen fächerorientierten Informatikunterricht zu verzichten, aber allgemeinbildendes Hintergrundwissen zur Informatik  im Unterricht aufzunehmen. Das ist ähnlich wie bei elektrischen Geräten, wo man wissen will, wie es funktioniert, wenn man den Strom ein- und ausschaltet. Problematisch erschiene es dagegen, das Programmieren unter der Analogie einer grundlegenden „Alphabetisierung“ in der Volksschule zu forcieren. Denn die technisch geregelten Computersprachen sind doch stark von der natürlichen Sprache zu unterscheiden. Dass die fachbezogene Anbindung der informatischen Kenntnisse lediglich an zwei Stellen in Richtung der Mathematik erwähnt wird,  zeigt allerdings noch Handlungsbedarf. Es wäre sicher sinnvoll im Rahmen der Fachdidaktik Mathematik einen noch stärkeren informatischen Akzent zu legen.

„Primäre Erfahrungen“ und Tastaturschreiben

An einigen Stellen wirkt der Lehrplan aber auch etwas altbacken. So wird mehrfach auf den Unterschied zwischen virtuellen und realen (primären) Erfahrungen Bezug genommen. An einer heisst es dazu: „ Die Schülerinnen und Schüler können an einfachen Beispielen Vor- und Nachteile von Primärerfahrungen, Medienbeiträgen und Erfahrungen in virtuellen Lebensräumen beschreiben (z.B. als Naturerlebnis, Film, Geschichte, Lernprogramm)“ (S.11). Hier wird die Medienpädagogik der 90er Jahre aufgenommen, wo das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität bzw. der Flucht aus der Realität ein grosses Thema war. Seit den Web 2.0 und den Sozialen Medien wissen wird, wie stark diese beiden Bereich miteinander verflochten sind. Es sind keine unterschiedlichen Lebensräume, wie es die Autoren suggerieren. Um es ganz klar zu sagen. Für viele heutige Kinder und Jugendliche sind Medienerfahrungen in vielen Lebensbereichen auch zu Primärerfahrungen geworden.

Etwas merkwürdig wirkt der im Folgenden zitierte Abschnitt zum Tastaturschreiben:

Tastaturschreiben

Es wird hier richtig gefragt, wie stark das Zehnfingersystem in der Volksschule angesichts der ganz unterschiedlichen Eingabesysteme heutzutage noch bedeutsam sei. Schon auf dem Handy ist es ja kaum möglich mit zehn Fingern zu schreiben. Trotzdem soll dann schon im 1. Zyklus ergonomisch und „richtig“ getippt werden. Es sieht also so aus, dass das Zehnfingersystem dann doch wieder durch die Hintertür hereinkommt – und wenn auch nur im 2. Zyklus im Rahmen der individuellen Schulung mittels „geeigneter“ Tastaturschreibprogramme. Diese Bocksprünge sind nicht richtig nachzuvollziehen – vor allem wenn man sieht, wie schnell sich die Eingabesysteme in der digitalen Alltagswelt verändern.

Der zweite Teil der hier formulierten Überlegungen wird auf die Probleme eingehen, die man sich mit dem fächerübergreifenden Konzept der Medienbildung im Lehrplan 21 einhandelt. Diese sind meines Erachtens gravierend. Deshalb steht er unter dem Titel: „Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung“

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6. April 2012

Digital Natives – Die Wolpertinger des Medienzeitalters

Die „Digital Natives“ sind zum geflügelten Wort der Medienpädagogik geworden – also jene Generation, die seit den frühen 80er-Jahren mit Computern aufgewachsen ist. Dies im Gegensatz zu den „Digital Immigrants“, die als ältere Generation nie so  wie die „Natives“ mit den digitalen Medien umgehen wird. Marc Prensky, der diesen Begriff geprägt hat, führt dafür eine neurobiologische Begründung an:  „Based on the latest research in neurobiology, there is no longer any question that stimulation of various kinds actually changes brain structures and affects the way people think, and that these transformations go on throughout life“ (S. 1).

So gut dieser Begriff bei bildungspolitischen Debatten ankommt, so ungeklärt ist er auf der wissenschaftlichen Ebene.  Auch die neurobiologisch begründete Stimulation des Gehirns bleibt eine sehr vage Behauptung.  Beim Vergleich zwischen „Natives“ und „Immigrants“ handelt es sich letztlich um eine reine Analogie zu Migrationstheoremen.  Wie bei den bayerischen Fabelwesen der Wolpertinger werden hier Facetten aus mehreren Bereichen miteinander verquickt.

Rolf Schulmeister kritisiert an den Konzepten einer Netzgeneration, dass sie die Andersartigkeit heutiger Jugendlicher mystifiziere. So heisst es auf S. 93 seiner Überlegungen: „In dem so beschriebenen Bild der jugendlichen Aktivitäten ist nichts Ungewöhnliches zu sehen. Die Tatsache, dass heute andere Medien genutzt werden als in früheren Zeiten rechtfertigt es nicht, eine ganze Generation als andersartig zu mystifizieren. Im Gegenteil, die Generation, die mit diesen neuen Medien aufwächst, betrachtet sie als ebenso selbstverständliche Begleiter ihres Alltags wie die Generationen vor ihr den Fernseher, das Telefon oder das Radio.“

Aber auch viele Ältere, die z.B. schon in den 80er- oder 90er Jahren im Informatikbereich arbeiteten, können nicht einfach als Immigranten abqualifiziert werden. Auch wenn sie heute 50 oder 60 Jahre alt sind, sind sie nicht einfach inkompetente Nutzer der heutigen Medien. Und angesichts der rasanten Entwicklung im Medienbereich muss man sich auch Fragen, ob die „Natives“ von 2012 nicht wieder die „Immigrants“ von 2020 sein werden.

Ganz abgesehen davon eignet sich eine Sichtweise  nicht, welche die Genrationen nach Jahresringen sortiert. Man muss nur eine JIM-Studie  auswählen, deren Befragte gegen Ende der 80er-Jahre geboren wurden – und die also schon im „PC-Zeitalter“ geboren wurden. So heisst es in der Studie von 2004, dass 85 Prozent der Jugendlichen bereits „Erfahrung mit Online-Diensten“ gesammelt hatten. Umgekehrt bedeutet dies, dass immerhin 15 Prozent der „Net-Generation“ keine Natives waren – auch wenn sie es vom Geburtsjahrgang her sein müssten. Die Problematik wird noch deutlicher, wenn man die nach Schicht gesplitteten Daten nimmt:  „So gelten nur drei Viertel der Hauptschüler, aber 91 Prozent der Gymnasiasten als Internet-Nutzer“, heisst es in der JIM-Studie (S. 32)  wörtlich.  Lange nicht alle Angehörigen einer Generation können also so leicht unter das Konzept „Digital Natives“ subsumiert werden. Das gilt auch noch für heutige Jugendliche, die über Handys und Computer verfügen: Nicht alle sind gleich kompetente und begeisterte Mediennutzer. Manche nutzen Facebook z.B. intensiv und können sich kein Leben mehr ohne Medien vorstellen. Andere ziehen Face-to-Face Kontakte vor und gehen sehr zurückhaltend mit diesem Medien um.

Dass sich unser Leben mit Facebook, Online-Banking, Handy etc. verändert hat, scheint allerdings nicht zu bestreiten. Die digitalen Medien lassen sich dabei auch nicht mehr einem virtuellen Raum jenseits des realen Alltags zuordnen. Vielmehr gehören die Medien zur Realität dieses Alltags, wobei es allerdings unterschiedliche Spielräume für das alltägliche Handeln gibt.  Während nun aber das Konzept der Digital Natives das generationell Neue und damit auch Gleiche betont, interessiert doch gerade auch die Differenz: Nämlich wie die Menschen, die Medien – auch unterschiedlich – in ihren Alltag einbauen. Dabei können auch Konflikte aufs Tapet kommen – etwa wie man mit der umfassenden Erreichbarkeit durch Handys hält. Ist es gerechtfertigt, einmal einen Tag nicht erreichbar zu sein – oder wird dies im digitalen Zeitalter bereits als unfreundliches Verhalten konnotiert?

Die Frage scheint mir deshalb notwendig, ob das Generationen-Konzept nicht ersetzt werden müsste – z.B. durch Überlegungen zu einem digitalen Lebensstil, den auch die Angehörigen der gleichen Generation in unterschiedlichem Ausmass pflegen. Auf jeden Fall möchten wir an der PH Zürich in einem Forschungsprojekt auf dieser Basis arbeiten. Dabei wird man allerdings auch hier aufpassen müssen, dass man nicht mit einem Idealtypus eines Lebensstils argumentiert, der normativ festlegt, wie man im „digitalen Zeitalter“ sein müsste.

 

31. Oktober 2011

Chancengleichheit beim PC – medienpädagogische Verrenkungen

Filed under: Digital Divide,Medienpädagogik — heinzmoser @ 10:52

Im Zürcher TagesAnzeiger hiess letzte Woche eine Schlagzeile auf der Titelseite (26. Oktober 2011): Je ärmer die Familie, desto früher haben die Kinder ihren eigenen PC“. Eigentlich eine positive Meldung: Das Problem der Chancengleichheit spielt offensichtlich bei den digitalen Medien heute kaum mehr eine Rolle . So heisst es im Text sogar umgekehrt: „Kinder von ärmeren und weniger gebildeten Eltern sind tendenziell früher im Besitz eines Computers als ihre Kollegen aus Familien mit einem höheren sozioökonomischen Status.“

Doch ist das ein bildungspolitischer Erfolg? Schon der Untertitel des Artikel streut erste Zweifel: „Eine neue Studie zeigt, dass viele Zürcher Primarschüler unbegleitet im Internet surfen.“ Haben also die Unterschichten erst einmal den Anschluss geschafft, so ist die Form, in welcher sie die Computer nutzen, trotzdem wieder verkehrt. Schmuddelkinder bleiben Schmuddelkinder, auch wenn sie den Computer im Kinderzimmer stehen haben. Auch hier liefert der Artikel die dazu gehörige Argumentation: „Bloss 11 Prozent der Primarschulkinder werden in der Regel  von den Eltern begleitet. 62 Prozent sitzen allein vor dem Bildschirm. Auch hier schneiden Kinder aus ärmeren Verhältnissen schlechter ab. Sie dürfen eher, ohne zu fragen ins Internet und müssen weniger strikte Regeln einhalten. Die Kinder sind auch schlecht informiert über die Gefahren im Internet, und bei rund 35 Prozent ortet die Studie erste Anzeichnen von Onlinesucht.“

Nun sind die berichteten Fakten nicht vom Tisch zu wischen. Auch die von uns 2003-2006 durchgeführte Nationalfonds Studie zum Thema Migration und Medien (Bonfadelli u.a. 2008) zeigte, dass z.B. strenge Fernsehregeln bei türkischen Eltern nicht so gut ankamen. Sie fanden hier die Schweizer eher zu streng. Oft lief der Fernsehe nebenbei den ganzen Tag, ohne dass man sich darauf konzentrierte oder gar süchtig war. Wir interpretierten dies damals aber primär als kulturellen Unterschied. Die von uns befragten türkischen Eltern fanden die strikten Kontrollen der Schweizer/innen etwas gar übertrieben. Ebenso wurde schon in der damaligen Studie deutlich, dass der Computer häufig  im Kinderzimmer stand und die Jugendlichen die Experten der Familie waren, die Informationen aus der Türkei suchten oder mit Angehörigen stellvertretend chatteten. Doch soll man dieses „unbegleitete“ Surfen gleich als negativ verurteilen?

Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Unterschicht und bürgerlicher Mittelschicht, die sich auch im Umgang mit Computern niederschlagen. Das betrifft auch den Umgangston, die Formen der Computernutzung – und möglicherweise ist bei Auswüchsen wie Happy Slapping oder Cybermobbing das stärker körperbetonte Verhalten von Kindern aus unteren Schichten mitbeteiligt. Trotzdem sollte man den Computer nicht generell zum Problemmedium für Kinder aus unteren Schichten erklären. Es wäre hier an die Studie von Ulrike Wagner (2008)  zum Medienhandeln in der Hauptschule zu denken, die betont, dass Medienverhalten in einem engen Zusammenhang zum gesamten Lebensalltag der Jugendlichen steht und darin verwoben ist. Die Studie unterschlägt Problemzonen im Umgang von Hauptschüler/innen nicht, sieht aber auch die positiven Seiten. Vor allem beim Umgang mit Bildern und präsentativen Ausdrucksformen verfügen diese Jugendlichen über positive Potenziale, die vermehrt auch von der Schule genutzt werden könnten. So zeichnet die Studie von Wagner ein durchaus positives Bild für Jugendliche aus dem „unteren“ Bildungsbereich: „Die Hauptschülerinnen und Hauptschüler haben überwiegend eine niedrige Hemmschwelle im Umgang mit multifunktionalen Medien. Das ‚Einfach Machen‘ ist für sie in ihrer Freizeit selbstverständlich. Sie nehmen dabei die damit verbundenen Herausforderungen und Schwierigkeiten zu meistern (gegebenenfalls mit Unterstützung) gerne an.“ (S. 235).

Weiteres zur vom TagesAnzeiger zitierten Studie: http://zischtig.ch

Bonfadelli, Heinz u.a. (2008): Jugend, Medien und Migration: Empirische Ergebnisse und Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Wagner, Ulrike (Hrsg) (2008): Medienhandeln in Hauptschulmilieus. Mediale Interaktion und Produktion als Bildungsressource. München: kopaed

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