Medienwelten

11. Februar 2014

Merkblätter für Facebook & Co.

merkblatt 1

Im meinem diesjährigen F&E-Seminar (Forschung und Entwicklung) an der PH Zürich haben die Studierende aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen zu den Social Media Empfehlungen formuliert – und zwar für Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, sowie für den Umgang mit Bildern. In diese Merkblätter gehen eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus dem Seminar ein:

  1. Kinder und Jugendliche sind nicht mehr so häufige Facebook-Nutzer wie noch vor wenigen Monaten. Ihre neuen Favoriten sind Anwendungen wie WhatsApp, Snapchat oder YouTube. Das bedeutet, dass Empfehlungen nicht mehr so stark facebooklastig sein  dürfen wie früher. Vielmehr sind es eher allgemeine Hinweise zum Umgang mit Social Media, die dann selbständig oder im Rahmen der Thematisierung im Unterricht auf spezifische Anwendungen zu beziehen sind.
  2. Es lohnt sich noch aus einem zweiten Grund, nicht zu konkret zu werden: Anbieter wie Facebook wechseln ihre Einstellungen alle paar Monate. Es bringt also wenig, in einem Merkblatt detailliert die aktuellen Einstellungsmöglichkeiten zu beschreiben, die möglichweise nach wenigen Monaten schon wieder ganz anders aussehen – und durch neue Features mit weiteren Einstellungen zu ergänzen sind.
  3. Wie die Schüler/innen-Befragungen zeigten, sind viele Jugendliche bereits heute recht vorsichtig im Umgang mit den Social Media. Aus diesem Grund sollte auf die Darstellung von Horrorszenarien als Wink mit dem Zaunpfahl verzichtet werden. Vielmehr geht es darum, vorsichtiges Verhalten zu unterstützen und auf wichtige Aspekte hinzuweisen, die beim sicheren Umgang mit sozialen Medien zu beachten sind.
  4. Die Empfehlungen sollen den Spass am Umgang mit Social Media nicht vermiesen, sondern mithelfen, dass gefahrloses Surfen möglich ist.

Hier finden Sie die Merkblätter zu Download bereit. In diesem PDF-Format mit Urheberhinweis dürfen sie frei weitergegeben werden.

6. Februar 2014

Persönliches auf dem Internet preisgeben?

Geben Jugendliche im Internet zu viel Persönliches auf dem Internet preis? Zu dieser Meinung muss man kommen, wenn man auf der Homepage von „SWITCH“ den Kommentar zum „SWITCH Junior Web Barometer 2013“ liest, bei dem 510 Schülerinnen und Schülern eingehend zu ihrem Internetverhalten befragt wurden. Schon fast vorwurfsvoll heisst es dazu: „Privatsphäre im Internet war gestern. Zumindest, wenn man die Jugend von heute fragt“. Und es wird dann wörtlich ausgeführt:

„Ungeachtet der aktuellen Diskussionen um Daten- und Identitätsschutz im Internet geben Kinder und Jugendliche bereitwillig persönliche Daten über sich preis: Gut 80 Prozent der 13- bis 20-Jährigen und immer mehr Sechs- bis Zwölfjährige sind mit ihrem richtigem Namen oder einem Foto für jeden im Internet auffindbar. Auch das Geburtsdatum, liebste Hobbies oder der aktuelle Beziehungsstatus werden offen mit der Netzgemeinde geteilt.“

Doch solche Aussagen sind zwiespältig. Gehen sie doch davon aus, dass Jugendliche an Besten gar nichts Persönliches auf dem Netz posten, weil sie sich damit vielfältigen Gefahren aussetzen. So heisst es zur SWITCH-Umfrage in einem Beitrag von 20 Minuten:  „Im vergangenen Jahr waren 80 Prozent der Befragten ab 13 Jahren im Netz mit ihrem richtigen Namen und einem Selbstporträt zu finden – frei zugänglich für jeden.“

Doch ein völlig anonymer Umgang mit „Social Media“ ist gar nicht denkbar. Wer zum Beispiel auf Facebook jede persönliche Information unterlässt oder im Profil sogar falsche Informationen streut, um nicht erkannt zu werden, hat die Spielregeln sozialer Netzwerke nicht begriffen. Sie dienen dem sozialen Austausch, und man ist hier in der Regel mit Menschen verbunden ist, die  einen auch aus dem realen Leben kennen. Auch wer sich dabei im Profil zu stark schönt, sich unter falschem Namen präsentiert, oder sich mit Eigenschaften versieht, die im realen Leben nicht zutreffen, handelt sich deshalb schnell Glaubwürdigkeitsprobleme ein.

Wenn man in jeder persönlichen Information bereits Gefahren wittert, dann bezieht man sich letztlich auf die Netzdiskussionen der späten Neunzigerjahre – als Chatrooms noch anonym waren und man sich darin mit einem Nickname bewegte. In diesen virtuellen Welten konnte man sich am Besten schützen, wenn man möglichst wenig – auch beim Flirten – von sich preisgab. Die neuen sozialen Medien wie Facebook verknüpfen dagegen die virtuellen Räume des Internets und den realen Alltag viel enger. Aus diesem Grund ist es wenig hilfreich, Jugendlichen zu raten, möglichst nichts Persönliches auf dem Internet zu veröffentlichen. Ein „asozialer“ Gebrauch der sozialen Medien hilft nicht weiter.

Das muss allerdings nicht heissen, dass die Empfehlung nicht mehr gilt, vorsichtig mit persönlichen Informationen umzugehen und nicht gleich Adressen, Telefonnummern und privateste Bilder dort allen zugänglich zu machen. Gerade wenn es klar ist, dass ein Profil auf einem sozialen Medium persönliche Informationen verlangt, dann wird zum Problem, welche Informationen man auswählt – und welche man unter keinen Umständen veröffentlichen will.

Manchmal erhält man aber auch den Eindruck, dass das Fordern nach Privatsphäre auf dem Netz und bei Facebook & Co. müssig ist. Wie man seit der NSA-Affäre weiss, landen unsere Daten ohnehin bei den Geheimdiensten. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat die Spionage durch den amerikanischen Geheimdienst heftig kritisiert – weil damit auch das Vertrauen in sein eigenes Unternehmen gelitten hat.

Das soll nicht daran hindern, vorsichtig mit den eigenen Daten umzugehen. Ganz sicher kann aber nur sein, wer sich ganz aus dem Internet ausklinkt – indem man sich zum Beispiel statt dem neusten iphone das Steinhandy von www.i-stone.ch zulegt. Doch wer will das wirklich?

5. November 2013

Ist der Facebook Hype bei Jugendlichen vorbei?

In meinem Forschungs und Entwicklungsseminar mit Studierenden der PH Zürich stand in diesem Semester wieder die Facebook-Nutzung von Jugendlichen auf dem Programm – diesmal mit genderbezogenen Aspekten.

Facebook sieht bei Jugendlichen „alt“ aus.

Doch da gabs gleich zu Beginn eine Riesenüberraschung: Noch im letzten Jahr hatte ein ähnliches Seminar gezeigt, dass es bei den meisten Jugendlichen dazu gehört, einen Facebook-Account zu haben. Dieses Jahr ist alles anders. Die Studierenden hatten grosse Mühe für ihre Interviews genügend facebookbegeisterte Jugendliche zu finden. Einmal ist die Grenze von 13 Jahren, die bei Facebook besteht zur Hürde geworden. Noch vor wenigen Monaten setzten sich die Kids da lässig darüber hinweg. Doch die Presseberichterstattung hat hier mittlerweile auf die Eltern gewirkt. So gibt es immer mehr, die ihren Sprösslingen Facebook verbieten, wenn sie noch nicht 13 sind.

Aber auch die Jugendlichen selbst sind facebookmüde geworden. Viele haben zwar noch ihren Account, nutzen ihn aber schlecht und mit Unterbrüchen. Und es ist auch kein Beinbruch mehr, wenn man auf Facebook ganz verzichtet. Denn die Karawane des Zeitgeists ist schon weitergezogen. Anstatt Facebook nutzt man die Fotoapp Instagram, die ebenfalls eine Community anbietet. Und ganz gross im Geschäft ist WhatsApp, der Gratisersatz für die altehrwürdigen SMS. Neu dazugekommen sind Anwendungen wie Pinterest oder Ask.fm. Mit anderen Worten: Das Angebot hat sich differenziert und vervielfältigt – und lässt das gute alte Facebook im Regen stehen.

Der Trend zu Smartphones und die leidige Werbung

Womit könnte dies zusammenhängen. Einmal ist sicher der Trend zu Smartphones zu beachten, der bei den Jugendlichen durchzuschlagen beginnt. Hier gibt es eine ganze Menge neuer schlanker Apps, die viel einfacher aufgebaut sind wie das umfangreiche und komplexe Facebook. Sie binden das mobile Netz mit den Handys auf ideale Weise ein – etwa wenn Instagram das Fotografieren auf dem Handy quasi neu erfindet. Zudem herrscht bei Facebook ständig Unruhe, indem alle paar Monate wieder neue Elemente aufgeschaltet und Nutzungsbedingungen verändert werden.

Kommt dazu, dass Facebook immer stärker durch Werbung überfrachtet wird, die sich zwischen die Meldungen von Freunden und Bekannten schiebt. Muss man das wirklich alles liken und anschauen, scheinen sich viele der Computerkids zu fragen.

Bringt Forschung in der Lehrerbildung wirklich nichts?

Diese Ergebnisse wurden an einem Wochenende deutlich, als in der Presse gegen den akademischen Leerlauf in der PH-Forschung vom Leder gezogen wurde. Das wundert mich. Denn solche kleinen Projekte können sehr gut den Puls der Schule nehmen. Die beteiligten Studierenden sehen, dass die Bäume von Facebook nicht in den Himmel wachsen – bevor dies dann möglicherweise in ein paar Monaten auch in Gratiszeitungen und wissenschaftlichen Studien wie JIM oder JAMES breitgeschlagen wird. Und sie können sich schon jetzt überlegen, was das für den Unterricht heisst. Muss man dort heute noch vor Facebook warnen oder sollte man nicht schon stärker auf die „neuen“ Sterne am Internet-Himmel wie WhatsApp oder Ask.fm eingehen?

Solche kleinen Forschungsprojekte mit Studierenden schärfen den Blick und vermitteln neue Erkenntnisse, die in der „offiziellen Forschung“ erst viel später verbreitet werden. Was will man denn noch mehr, wenn Forschen bei Studierenden in der Lehrerbildung Thema sein soll? Nein, forschendes Lernen in diesem Sinn ist gewiss kein „akademischer Leerlauf“.

20. Juli 2013

Lehrplan 21: Ein Schritt zu einer breiten Medienbildung

Der gesamtschweizerische Lehrplan 21 wird auch einen Lehrplan „ICT und Medien umfassen“. Nachdem das offizielle Dokument publiziert ist, möchte ich darauf mit einigen Überlegungen eingehen und den Entwurf auch kritisch würdigen.

Man muss primär attestieren, dass es sich um einen grossen Schritt in Richtung Verankerung von Medieninhalten in der Schule handelt. So wird damit vom gesamten Lehrplanwerk der Schweizer Volksschule anerkannt, dass die heutige Lebenswelt von Medien durchdrungen ist und einen kompetenten und mündigen Umgang mit ihnen erfordert (S.1). Positiv ist auch, dass es gelungen ist, die vielerorts separierten Lehrplanteile einer „Informatik“ und einer „Medienerziehung“ zu integrieren. Allerdings ist mir uneinsichtig geblieben, warum durchgängig von „ICT und Medien“ gesprochen wird; geht es doch letztlich um eine Thematik, die man präziser als „Umgang mit digitalen Medien“ bezeichnen könnte (auch Bücher sind ja heute letztlich digital produzierte Medien).

Dementsprechend ist die Medienbildung breit aufgestellt, wobei sie sich an drei Kompetenzbereichen ausrichtet (S. 5):
– Kennen und Einordnen von Medien
– Auswählen und Handhaben von Medien
– Sich-Einbringen mittels Medien.

Schade ist allerdings, dass die Reflexion auf die Medien – als Kern der Medienbildung – nicht ebenfalls als autonomer Kompetenzbereich definiert wird, sondern in den Aspekt des Sich-Einbringens mittel Medien ausgelagert wurde. Zwar kommen in den konkreten Ausführungen zu Zielen immer wieder Reflexionsaspekte vor; wünschenswert wäre aber eine konsequente Akzentuierung der Medienkritik in einem eigenen Kompetenzbereich, wie er zum Beispiel bereits in den 90er Jahren von Dieter Baacke analytisch, reflexiv und ethisch angedacht wurde.

Die Konkretisierung der Kompetenzbereiche

Gelungen sind die Ausformulierungen von konkreten Zielsetzungen in den Kompetenzbereichen – etwa wenn es beim „Kennen und Einordnen von Medien“ unter fünftens heisst: „Die Schüler und Schülerinnen können Wirkungen der Medien aus sich erkennen und diese bei der Steuerung der Mediennutzung einbeziehen.“ Formuliert werden auf diese Weise – auf drei Altersstufen (sog. „Zyklen“) bezogen –  eine Art von Bildungsstandards, die dann weiter konkretisiert werden. Das beginnt mit sehr elementaren Zielen, wenn es etwa im Rahmen des 1. Zyklus heisst: „Die Schülerinnen und Schüler können Medien aus ihrem Lebensbereich benennen und über deren Inhalte sprechen.“ Auf der Ebene des 3. Zyklus wird es dann komplexer: „Die Schülerinnen und Schüler können argumentieren, wo Chancen und Risiken von Erfahrungen und Handlungen in der physischen Umwelt in medialen Welten und virtuellen Lebensräumen liegen.“ Insgesamt handelt es sich also um eine Spiralcurriculum, das geeignet ist, Erfahrungen aufzubauen und zu vertiefen. Allerdings wird man auf der untersten Ebene die Kinder nicht unterschätzen dürfen: Ob es hier wirklich ein Lernziel sein muss, Medien aus dem eigenen Lebensbereich benennen zu können, ist eher zweifelhaft. Das scheint mir schon fast zu selbstverständlich.

Der Reflex auf die Informatikdebatte

Was besonders auffällt, das ist die Reaktion auf die Debatte um den Informatikunterricht in der Schule. So wird im Kompetenzbereich „Kennen und Einordnen von Medien“ ein Akzent auf Datenstrukturen, Algorithmen und die Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen gelegt. Die verstärkte Aufnahme von Inhalten um Datenstrukturen und Steuerung im Bereich von ICT ist dabei positiv zu werten. Die damit verbundenen Fragen sind in den letzten Jahren in der Diskussion um die Medienbildung etwas zu stark in den Hintergrund getreten.

Insgesamt scheint es mir richtig, auf der Volksschulstufe auf einen fächerorientierten Informatikunterricht zu verzichten, aber allgemeinbildendes Hintergrundwissen zur Informatik  im Unterricht aufzunehmen. Das ist ähnlich wie bei elektrischen Geräten, wo man wissen will, wie es funktioniert, wenn man den Strom ein- und ausschaltet. Problematisch erschiene es dagegen, das Programmieren unter der Analogie einer grundlegenden „Alphabetisierung“ in der Volksschule zu forcieren. Denn die technisch geregelten Computersprachen sind doch stark von der natürlichen Sprache zu unterscheiden. Dass die fachbezogene Anbindung der informatischen Kenntnisse lediglich an zwei Stellen in Richtung der Mathematik erwähnt wird,  zeigt allerdings noch Handlungsbedarf. Es wäre sicher sinnvoll im Rahmen der Fachdidaktik Mathematik einen noch stärkeren informatischen Akzent zu legen.

„Primäre Erfahrungen“ und Tastaturschreiben

An einigen Stellen wirkt der Lehrplan aber auch etwas altbacken. So wird mehrfach auf den Unterschied zwischen virtuellen und realen (primären) Erfahrungen Bezug genommen. An einer heisst es dazu: „ Die Schülerinnen und Schüler können an einfachen Beispielen Vor- und Nachteile von Primärerfahrungen, Medienbeiträgen und Erfahrungen in virtuellen Lebensräumen beschreiben (z.B. als Naturerlebnis, Film, Geschichte, Lernprogramm)“ (S.11). Hier wird die Medienpädagogik der 90er Jahre aufgenommen, wo das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität bzw. der Flucht aus der Realität ein grosses Thema war. Seit den Web 2.0 und den Sozialen Medien wissen wird, wie stark diese beiden Bereich miteinander verflochten sind. Es sind keine unterschiedlichen Lebensräume, wie es die Autoren suggerieren. Um es ganz klar zu sagen. Für viele heutige Kinder und Jugendliche sind Medienerfahrungen in vielen Lebensbereichen auch zu Primärerfahrungen geworden.

Etwas merkwürdig wirkt der im Folgenden zitierte Abschnitt zum Tastaturschreiben:

Tastaturschreiben

Es wird hier richtig gefragt, wie stark das Zehnfingersystem in der Volksschule angesichts der ganz unterschiedlichen Eingabesysteme heutzutage noch bedeutsam sei. Schon auf dem Handy ist es ja kaum möglich mit zehn Fingern zu schreiben. Trotzdem soll dann schon im 1. Zyklus ergonomisch und „richtig“ getippt werden. Es sieht also so aus, dass das Zehnfingersystem dann doch wieder durch die Hintertür hereinkommt – und wenn auch nur im 2. Zyklus im Rahmen der individuellen Schulung mittels „geeigneter“ Tastaturschreibprogramme. Diese Bocksprünge sind nicht richtig nachzuvollziehen – vor allem wenn man sieht, wie schnell sich die Eingabesysteme in der digitalen Alltagswelt verändern.

Der zweite Teil der hier formulierten Überlegungen wird auf die Probleme eingehen, die man sich mit dem fächerübergreifenden Konzept der Medienbildung im Lehrplan 21 einhandelt. Diese sind meines Erachtens gravierend. Deshalb steht er unter dem Titel: „Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung“

6. Juli 2013

Lernen mit sozialen Medien – eine Rezension

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Nachdem Facebook und soziale Medien die Nutzung des Internets bei Jugendlichen immer mehr prägen, ist es auch für Schulen zu einem zentralen Diskussionsthema geworden. Da kommt es gerade richtig, wenn Philippe Wampfler einen Leitfaden zu diesem Thema geschrieben hat (Facebook, Blogs und Wikis in der Schule, Göttingen 2013). Denn nicht immer ist so ganz klar, was man mit Medien wie dem Facebook-Account in der Schule anfangen könnte – und ob vielleicht der Hype um die „Social Media“ nicht reichlich übertrieben ist.

Der Autor führt in seinem Buch erste einmal kundig in das Thema der sozialen Medien ein und betont, dass soziale Netzwerke im Kern aus Profilen bestehen, die im Austausch von Inhalten Beziehungen zueinander aufbauen. Mit anderen Worten: Es sind vor allem kommunikative Funktionen, welche diese bestimmen. Dabei ist die Reziprozität der Kommunikation besonders wichtig, wie sie unter dem Stichwort des Web 2.0 als partizipatives Mitmachnetz betont wird.

In diesem Zusammenhang sieht Wempfler ein enormes Potenzial für Schule und Schulentwicklung. So würden auch immer mehr Anwendungen entwickelt, welche die Bedürfnisse von Lehrpersonen berücksichtigen – etwa das Programm Facebook für Schulen mit dem dazugehörigen „Educators Guide“, der technische Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten in der Schule zeige. Besonders zentral ist für den Autor der Beitrag der sozialen Medien zum Wissensmanagement:

„Der entscheidende Schritt ist, Social Media als ein Werkzeug für Wissensmanagement zu verstehen. Dazu müssen die Vorurteile ausgeräumt werden, auf Facebook würden hauptsächlich unterhaltsame Bilder publiziert und Twitter diene dazu, Kalauer zum Zeitgeschehen abzusondern. Fast alle relevanten Inhalte sind auch in Social Media präsent: Zeitungsartikel, Fachaufsätze und Studien werden verlinkt, kommentiert und diskutiert, in Netzwerken von Fachpersonen“ (S. 99).

Aber es geht dabei nicht nur um die Aneignung des Wissens, sondern im Sinne des Web 2.0 soll von Schülerinnen und Schülern sowie von Lehrpersonen immer mehr auch user generated content entwickelt werden. Das Lernen selbst verändere sich. Es werde individueller, freiwilliger und offener: „Dabei löst es sich von einem institutionellen Rahmen, der Zeit und Raum strukturiert. Immer häufiger treten neben schulisch strukturierte Lernprozesse private, selbstgesetzte, vernetzte“ (S. 107).

Es stellt sich so die Frage, welche Bedeutung die Institution  Schule in einer von Medien geprägten Zukunft noch haben wird. Schon heute ist nach Wempfler nicht auf die Schule angewiesen, wenn man eine Sprache wie Chinesisch lernen wolle. Apps und Smartphones ermöglichten hier ein multimediales Lernen – bis hin zum Austausch mit Chinesisch sprechenden Lehrerinnen und Lehrern.  Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Videos der Khan-Academy, die heute schon vielen Jugendlichen als Nachhilfeunterricht in mathematisch-naturwissenschaftlichn Fächern dienten.

Was sich beim Lesen dieses Buches allerdings im Verlauf der Lektüre immer deutlicher zeigt, das ist die Herkunft des Autors aus dem Gymnasialbereich. Wenn es ums Recherchieren, um das Schreiben in Wikis und Blogs geht, sind es immer kognitive und kommunikative Aktivitäten, in denen die Social Media ihre Stärken beweisen. Doch die dabei vorausgesetzte sprachliche und argumentative Souveränität dürfte auf der Volksschulstufe noch weitgehend fehlen. Beim selbständigen Lernen in Projekten orientiert sich Wempfler denn auch am Gymnasium – etwa wenn er das „Freie Abiprojekt Methodos“ als Beispiel heranzieht. Dagegen wird das in der Schweiz wichtigste Netzwerk für die Volksschulen, das educanet², an keiner Stelle erwähnt – auch nicht dort, wo es um die persönlichen Lernnetzwerke geht.

Wie frei kann aber das Lernen in der Volksschule generell gestaltet werden? Hier geht der Trend im Moment eher auf die Standardisierung und die Festlegung sowie Überprüfung  von Grundkompetenzen hin. Auch der eben vorgestellte Lehrplan 21 beisst sich mit den vorgestellten Idealen einer dialogischen Kommunikation in Netzwerken, die – so Wempfler – „Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen“. Der Sympathie für offene Lernformen kann man sich anschliessen, allerdings mit drei Relativierungen:

1. Gerade in der Volksschule kann man die dialogischen Fähigkeiten (Schreiben, Lesen und Texte reflektieren) die bei der Arbeit in Netzwerken notwendig sind, nicht einfach voraussetzen. Etwas wenig steht jedoch im Buch dazu, wie diese Kompetenzen in Primar- und Sekundarschule schrittweise erst aufgebaut werden können. So fehlen zum Beispiel Hinweise zu den WebQuests, die geeignet sind Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu selbständigem Arbeiten mit den Inhalten des Netzes zu unterstützen. Aber auch die Bedeutung des visuellen Lernens, das mit Fotos und Videos stark auch Veranschaulichung ermöglicht, tritt zu wenig deutlich hervor. Wie diese Seite des digitalen Lernens verstärkt genutzt werden kann, zeigt zum Beispiel das von uns an der PH Zürich durchgeführte Sekundarschul-Projekt zu visualisierten Berufswünschen im Berufswahlunterricht.

2. Zwar ist die Forderung, dass die Schule die zentrale Bedeutung von Kooperation, Dialog, Wissensmanagement  und persönlichen Netzwerken stärker anerkennen müsste gerechtfertigt. Allerdings schwingt in der Begeisterung für informelles Lernen, learner generated content und MOOCS (Massive Open Online Course) manchmal ein etwas euphorischer Ton hinein. So wird unterschätzt, dass in viele Lehrmittel auch ein inhaltliches und methodisches Knowhow einfliesst, das bei manchen holprigen Online-Vorlesungen auf MOOCS-Basis oder ad hoc entwickelten Lerneinheiten vermisst wird. Die Expertise der Fachdidaktiken sollte jedenfalls für die Gestaltung des Unterrichts nicht unterschätzt werden

3. Es stellt sich auch die Frage, ob es ausreichen würde, die Schule auf die Abgabe von Zertifikaten und Prüfungsleistungen zu reduzieren, während das Lernen selbst an Netzgemeinschaften und privates Engagement ausgelagert würde. Meines Erachten würde dann der heute viel beschworene digitale Graben erst richtig ausgehoben. Ehrgeizige Mittelschichteltern würden alles tun, um ihre Kinder mit den besten und ausgeklügeltsten Netzangeboten zu füttern, während die schwachen Schülerinnen und Schülern beim selbstorganisierten Lernmenü auf der Strecke blieben.

 

27. Juni 2013

Aufklären über die Gefahren des Internets

Zum pädagogischen Standardprogramm gehört es heute, davor zu warnen, Informationen naiv aufs Internet zu stellen, die später z.B. von Arbeitgebern aufgespürt werden. Freizügige Partybilder oder Hochstimmung beim Kiffen sollten deshalb fürs Internet ein „No Go“ sein.  Die meisten Schülerinnen und Schüler haben das heute auch begriffen und gehen vorsichtiger mit dem Internet um. Dennoch hat die EU-Kids-Studie kürzlich festgestellt; dass mehr als die Hälfte der in der Schweiz lebenden Kinder einem oder mehreren Risiken bei der Internetnutzung ausgesetzt ist.  Es wird denn auch gefordert, dass die Prävention von Risiken im Internet alle Kinder und  Jugendlichen erreichen sollte.

So richtig diese Bestrebungen zur Aufklärung sind, es fällt dabei eines auf: Die Präventionsstrategie sind heute vor allem indiviualisierend, indem die Gefahren für die einzelnen Nutzer in den Mittelpunkt gestellt werden. Urheber sind dabei böswillige Einzelne, Pädophile oder Gruppen, die z.B. gedankenlos freizügige Bilder aufs Netz stellen.

Doch das Abgreifen von Daten im Netz hat heute schon viel alarmierendere Dimensionen erreicht, wie die jüngsten Enthüllungen des Whistleblowers Eduard Snowden zu den Geheimdiensten belegen. Vor allem betrifft das britische Überwachungsprogramm Tempora uns Mitteleuropäer direkt, wie der folgende Ausschnitt aus einem Bericht des Zürcher Tages-Anzeigers belegt: „Rund ein Dutzend Hochleistungskabel verbinden Europa mit den USA. Etwa ein Drittel davon macht einen Abstecher an die britische Küste. TAT-14, an dessen Bau die Swisscom beteiligt war, war einst das technische Nonplusultra. Heute gehört das Kabel von 15 000 Kilometer Länge zu den alten Eisen. Nach wie vor laufen aber Massen an Gigabytes täglich über TAT-14. Betroffen vom Grossen Lauschangriff der Briten sind auch Schweizer Telefongespräche in die USA, E-Mails über US-Server oder beispielsweise Aktivitäten in sozialen Netzwerken wie Facebook.“

Bedenkt man solche Orwellschen Perspektiven einer Überwachung des Internetverkehrs, dann sind diese Gefahren für die Gesellschaft noch weit gravierender als die zuerst genannten. Vor allem spielen sie sich so stark im Versteckten ab, dass der Normalverbraucher kaum etwas ahnt. Aus diesem Grund wäre es wichtig, wenn die pädagogische Aufklärung nicht bei den individuellen Gefahren Halt macht, sondern auch den Schnüffelstaat mit seinen Geheimdiensten in die Diskussion einbringt. Denn mit solche Praktiken hat das Internet definitiv seine Unschuld verloren.

21. Juni 2013

Die politische Macht der sozialen Medien – Das Beispiel der Türkei

Filed under: Internet,Politik,Social Media — heinzmoser @ 10:39
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Die Bitte, die Analyse der türkischen Arbeitsgruppe „Alternative Informatik“ bekannt zu machen, habe ich mit diesem Beitrag positiv aufgenommen. Der Text dieser Gruppe ist aktuell und belegt, was die sozialen Medien zur politischen Mobilisierung beitragen können. Den Mainstream Medien und der staatlichen Macht gegenüber können so alternative Informationsmöglichkeiten wirksam gegenüber gestellt werden. Wie dabei allerdings auch im Internet über die Informationshoheit gerungen wird, zeigt ein Zitatausschnitt: „Als am 1.Juni die Internetprovider auf staatlichen Druck hin in Taksim und angrenzenden Stadtteilen den Zugang zum mobilen Internet abschalteten, entstanden neue Hashtags wie VPN (Virtual Private Network) und DNS (Domain Name Server), die darüber informierten, wie trotz der Sperren Zugang zum Internet erlangt werden konnte“

Wie gross allerdings die Möglichkeiten sind, über die sozialen Medien nachhaltig eine alternative Öffentlichkeit herzustellen, ist umstritten. Das belegt das Beispiel des IT-Experten Edward Snowden, der als Whistleblower die Praktiken des US-Militärgeheimdienstes NSA ausgeplaudert hat.  Auch Google oder Facebook sind danach vor der Überwachung nicht gefeit.

Der Schatten der Überwachung werden auch im türkischen Bericht deutlich, wenn es heisst: „ Die Öffentlichkeit ist nicht besonders gut informiert, wen es darum geht, dass der ITK-Monopolist TTNET in großen Stil Netzneutralität verletzt und DPI betreibt. Staatsangestellte gingen auch schon so weit anzukündigen, dass sie “das Internet abschalten” könnten.“

Verständlich aber etwas blauäugig scheinen mir deshalb die Forderungen gegenüber kommerziellen Anbietern wie Facebook oder Twitter verstärkt auf alternative Online Tools für Aktivisten zu setzen. Das mag in der aktuellen Situation nützlich sein; fraglich ist, ob auf diese Weise die Überwachung des Internets wirkungsvoll und im grossen Stil umgangen werden kann.

Zum Schluss nochmals der Link in gekürzter Form: http://tinyurl.com/kg34v2k

11. März 2013

Wie gefährlich ist das Internet

Filed under: Digital Life,Internet,Mediengewalt,Medienpädagogik — heinzmoser @ 23:12
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Empirische Studien zur Situation in der Schweiz zeigen, dass die Gefahren des Cybermobbings bei Jugendlichen überschätzt wurden. Einzelfälle, welche in der Presse ausgebreitet wurden, scheinen zu einem gewissen Alarmismus beigetragen zu haben. Dennoch war dies auch mit positiven Effekten verbunden – haben solche Berichte doch gerade Jugendliche vorsichtig gemacht, so dass diese heute sorgfältiger mit Persönlichkeitseinstellungen umgehen. Das heisst aber nicht, dass es immer leicht ist die Anforderungen digitaler Kommunikation mit dem Alltag zu vereinen. Mein kürzlicher Beitrag im Journal 21 versucht eine umfassendere Einschätzung dieser Problematik.

5. Februar 2013

Digital Citizenship – eine neue medienpädagogische Perspektive

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Die Gefahren des Internets werden immer wieder in Presse und TV zum Thema gemacht. Gestern – 4.2.2013 wurde bei Frank Plasberg über „Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?“ diskutiert. Und am 5.2.2013 hiess es in 20 Minuten Online: „Ein 47-Jähriger aus dem Berner Oberland gibt sich als sexy Mädchen aus, um an Nacktvideos von 15- bis 17-Jährigen zu kommen.

Bewahrpädagogisch kann man darauf mit Medienverboten reagieren und versuchen Kindern erzieherisch enge Grenzen zu setzen. Nur funktioniert dies in einer Gesellschaft immer weniger, die in den letzten Jahren immer stärker mediatisiert wurde – von Spielkonsolen, bis hin zu Smartphones und Laptops. Und schliesslich helfen blosse Verbote wenig, wenn es darum geht, einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu finden, wie es im Erwachsenenleben heute notwendig ist. Das führt zur Frage nach der  Vermittlung von Medienkompetenzen, um den Umgang mit Medien zu beherrschen. Auch das kann allerdings problematisch sein, denn die heutigen Medienkompetenzen sind möglicherweise in fünf Jahren wieder total veraltet. Und oft betonen Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenzen zu stark die technischen Aspekte der Mediennutzung.

Schwierig sind aber auch einseitige Wirkungshypothesen – also etwa die oben formulierte These, dass uns Apple und Co. Doof machen. Was man oft vergisst, ist die soziale Einbettung der digitalen Medien, über welche Wirkungen erst zustande kommen. Wenn man z.B. Facebook nimmt, dann sollte man nicht davon ausgehen, dass wohlmeinende Internetaktivisten dadurch das Kommunikationsverhalten der Menschen verbessern wollten (alle „liken“ sich auf Facebook). Vielmehr geht es bei den „Sozialen Medien“ um handfeste ökonomische Interessen, was nicht erst seit dem Börsengang von Facebook deutlich wurde. So ist es kein Geheimnis, dass die beworbene Produkte nur „gelikt“ werden wollen. An einem kritischen „Dislike“-Button ist denn auch keiner interessiert. Und dass immer mehr Produkte die User als Freunde aufs Netz lotsen wollen ist ebenfalls kaum überraschend.

Geht man von dieser sozialen Einbettung der digitalen Medien aus, so ist die Perspektive einer „Digital Citizenship“ interessant, die in der amerikanischen Medienpädagogik diskutiert wird. Wie etwa Mike Ribble betont, ist eine digitale Gesellschaft entstanden, die von der Erziehung bis zur Arbeitswelt und zur Ökonomie heute alle Bereiche betrifft. Jeder Alltag ist damit auch zum „digitalen“ Alltag und jeder Bürger auch zum „digitalen“ Bürger geworden. Was aber dieser neue Status des „digital citizen“ bedeutet und welche Anforderungen an diesen Bürger und einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu stellen sind, das scheint mir die zentrale Frage zu sein.

Hier hat allerdings auch das amerikanische Konzept von „digital citizenship“ seine Schwäche. So stellt Ribble neun Elemente vor, die dafür zentral seien – etwa der umfassende Zugang, der digitale Kommerz, digitale Literacy, digitale Etikette oder digitales Recht. Diese sollen den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, um den „richtigen“ Umgang mit den Medien zu lernen.

Nur ist da das grosse Problem, dass diese digitale Gesellschaft im Status des Werdens ist. Oft gibt es noch keine eindeutigen Regeln, die bereits vorliegen und nur noch angewandt und als klare Verhaltensregeln vermittelt werden können. So heisst es im Buch von Mike Ribble (S. 96):

„Scenario 2: When hanging out with friends, one student gets a cell phone call and conducts a conversation within the group. What is the proper etiquette when using a mobile phone in a public place?“ Doch was ist hier die „proper etiquette“? Je selbstverständlicher der Handygrbauch ist, desto stärker kann sich diese Etiquette verändern. Unter handygewohnten Jugendlichen nimmt man vielleicht den Anruf an und bezieht die umstehenden Kolleg/innen in Gespräch ein, während mancher ältere Handynutzer fast fluchtartig einen abgelegeneren Ort aufsucht.

Je stärker die digitalen Medien die Gesellschaft durchdringen, umso häufiger werden solche Situationen, wo es die eindeutige und klare Lösung nicht mehr gibt:

– Bei welchen Lebensereignissen darf man mit Email oder SMS reagieren – und wo wäre eine persönlichere Reaktion angefragt (Todesfälle, Hochzeiten etc.)

– Wo ist es von Vorteil, Texte auf einem Ebook zu lesen, und wo möchte man nach wie vor ein gedrucktes Buch oder ein gedrucktes Papier?

– Wie hat sicher der Musikmarkt mit dem Internet verändert und was bedeutet dies für das Urheberrechts

– Was versteht man unter Multi-tasking – und gibt es Situationen, wo dies spezifische Vor- oder Nachteile für das Lernen hat?

– Wo beziehe ich meine politischen Informationen – Online oder aus abonnierten Zeitungen und Zeitschriften?

Das Dilemma ist bei all diesem Fragen: Als Digital Citizen komme ich nicht darum herum, mir solche Fragen zu stellen und handhabbare Antworten zu finden. Doch diese Lösungen sind zu vielen Fragen nicht eindeutig. Alte Regeln werden brüchig, weil sie zur digitalen Gesellschaft nicht mehr passen; manches bleibt unverbindlich – oder es bilden sich neue Regeln erst langsam heraus.

Wenn es jedoch darum geht, dass digitale Bürger selbstverantwortlich in dieser neuen Gesellschaftsform handeln, kann dies auch eine medienpädagogische Chance darstellen. Anstatt fixe Lösungen durchzusetzen oder auf unsicheren Normen als den einzig Gültigen zu beharren, müsste es stärker darum gehen, die Problematiken zu verstehen, die dahinter stehen.  Erst dann kann beurteilt werden, ob sie als Lösungen für den digitalen Alltag tragbar sind. Denn wenn es darum geht, dass junge Menschen verantwortungsvolle digital citizens werden, dann müssten sie selber an der Herausbildung  und Gestaltung von digitale Lebensstilen beteiligt werden, welche in Zukunft das Fundament des Zusammenlebens darstellen.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die digitalen Netze nicht nur positive Seiten haben. Auch Kriminalität, Mobbing und Gewalt gehören dazu. Allerdings ginge es hier nicht primär um externe Verbote, Warnungen und alarmistische Botschaften. Im Sinne des Empowerment müssten Kinder und Jugendliche hier vor allem angeleitet werden, wie sie sich als digitale Bürger verantwortungsvoll verhalten und sich gegen Übergriffe wehren können.

9. Dezember 2012

Gefahren im Internet und die allgegenwärtige Verunsicherung

Zwei Fälle in der gleichen Woche zu den Social Media haben Aufmerksamkeit in der Presse erregt: Da war erst einmal der Fall eines 22-Jährigen aus dem Kanton Zürich. Der ehemalige Gymnasiast war empört, dass ihm seine 290 Freunde nicht zum Geburtstag gratulierten. Deshalb kündigte er auf seinem Facebook-Profil an, er werde sie alle vernichten. Denn es sei keine Frage der Freundlichkeit, sondern eine Frage von Respekt und Ehre. Jetzt könne sie niemand mehr schützen. Mit „Pow!!!!, Pow!!!!, Pow!!, endete seine Statusmeldung.

Nachdem eine Mitschülerin die Schulleitung und diese die Polizei informierte, kam es zur Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl der junge Mann seine unüberlegte Handlungsweise bedauerte und deutlich machte, dass er nie einen Amoklauf beabsichtigte, wurde er schuldig gesprochen und zu einer Busse von fast 14’000 Franken verurteilt. Der Verurteilte sieht sich auch selbst als Opfer: „Eine solche Polizeiaktion war übertrieben und sehr belastend für mich.“

Der zweite Fall handelt von einem Video, da auf YouTube auftauchte: So soll ein Jugendlicher ein Sex-Video seiner Ex-Freundin auf Facebook gepostet haben. Der Zürcher Tages-Anzeiger dazu: „Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung ’20 Minuten‘ schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. “

Noch am gleichen Tag haben über 15’000 User das Video abgerufen. Es soll insbesondere auch in ganzen Primarschulklassen die Runde gemacht haben.

Die beiden Fälle zeigen  auf der einen Seite das Gefahrenpotenzial der Sozialen Medien an – schliesslich ist es für die Opfer, wie es der erste Fall zeigt, kaum abschätzbar, wie ernst ein „schlechter Witz“ gemeint ist. So belegen die Fälle auch, dass  es keine Schonzeit mehr für die Täter gibt und es zu Recht bis hin zur gerichtlichen Verurteilung kommt.

Dennoch sind oft auch die Täter in gewisser Weise Opfer der neuen und noch nicht bewältigten Veränderungen, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Denn die neuen flüchtigen Kommunikationsformen verleiten leicht dazu , sich auf eine Weise zu äussern, die man nach etwas Nachdenken besser unterlassen hätte. Mit anderen Worten:  Es fehlt im digitalen Zeitalter für viele noch Das Gespür dafür, was möglich ist, und was nicht geht.

Das entschuldigt solches Fehlverhalten nicht, macht aber deutlich, wo  Hebel anzusetzen ist. Es bedarf einer Medienbildung, welche nicht  technische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht und daraus Konsequenzen zieht. Das müssen nicht nur Fragen des Mobbing und der Gewalt  sein.   Genauso geht es darum, wie zum Beispiel das Liken auf Facebook zu bewerten ist – als Selbstausdruck eigener Bedürfnisse oder als Schritt zum gläsernen Konsumenten, der damit ohne bewusstes Überlegen nur die Interessen der Auftrag gebenden Firmen und Institutionen erfüllt. Gefragt werden könnte auch, wie weit man verpflichtet ist, immer Online zu sein, oder ob es auch geht, ein  SMS oder eine E-Mail verspätet oder gar nicht zu beantworten. Und ist es nicht so, dass man sich auch bei 800 Facebook-Freunden noch einsam fühlen kann?

Die Gewaltproblematik ist nur eine Facette der neuen Medien. So wichtig es ist, hier Auswüchsen klar entgegenzutreten, so wichtig ist es auch, Antworten auf die täglichen Verunsicherungen zu finden, der alle Nutzer der   sozialen Medien fast täglich begegnen.

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