Medienwelten

6. Februar 2014

Persönliches auf dem Internet preisgeben?

Geben Jugendliche im Internet zu viel Persönliches auf dem Internet preis? Zu dieser Meinung muss man kommen, wenn man auf der Homepage von „SWITCH“ den Kommentar zum „SWITCH Junior Web Barometer 2013“ liest, bei dem 510 Schülerinnen und Schülern eingehend zu ihrem Internetverhalten befragt wurden. Schon fast vorwurfsvoll heisst es dazu: „Privatsphäre im Internet war gestern. Zumindest, wenn man die Jugend von heute fragt“. Und es wird dann wörtlich ausgeführt:

„Ungeachtet der aktuellen Diskussionen um Daten- und Identitätsschutz im Internet geben Kinder und Jugendliche bereitwillig persönliche Daten über sich preis: Gut 80 Prozent der 13- bis 20-Jährigen und immer mehr Sechs- bis Zwölfjährige sind mit ihrem richtigem Namen oder einem Foto für jeden im Internet auffindbar. Auch das Geburtsdatum, liebste Hobbies oder der aktuelle Beziehungsstatus werden offen mit der Netzgemeinde geteilt.“

Doch solche Aussagen sind zwiespältig. Gehen sie doch davon aus, dass Jugendliche an Besten gar nichts Persönliches auf dem Netz posten, weil sie sich damit vielfältigen Gefahren aussetzen. So heisst es zur SWITCH-Umfrage in einem Beitrag von 20 Minuten:  „Im vergangenen Jahr waren 80 Prozent der Befragten ab 13 Jahren im Netz mit ihrem richtigen Namen und einem Selbstporträt zu finden – frei zugänglich für jeden.“

Doch ein völlig anonymer Umgang mit „Social Media“ ist gar nicht denkbar. Wer zum Beispiel auf Facebook jede persönliche Information unterlässt oder im Profil sogar falsche Informationen streut, um nicht erkannt zu werden, hat die Spielregeln sozialer Netzwerke nicht begriffen. Sie dienen dem sozialen Austausch, und man ist hier in der Regel mit Menschen verbunden ist, die  einen auch aus dem realen Leben kennen. Auch wer sich dabei im Profil zu stark schönt, sich unter falschem Namen präsentiert, oder sich mit Eigenschaften versieht, die im realen Leben nicht zutreffen, handelt sich deshalb schnell Glaubwürdigkeitsprobleme ein.

Wenn man in jeder persönlichen Information bereits Gefahren wittert, dann bezieht man sich letztlich auf die Netzdiskussionen der späten Neunzigerjahre – als Chatrooms noch anonym waren und man sich darin mit einem Nickname bewegte. In diesen virtuellen Welten konnte man sich am Besten schützen, wenn man möglichst wenig – auch beim Flirten – von sich preisgab. Die neuen sozialen Medien wie Facebook verknüpfen dagegen die virtuellen Räume des Internets und den realen Alltag viel enger. Aus diesem Grund ist es wenig hilfreich, Jugendlichen zu raten, möglichst nichts Persönliches auf dem Internet zu veröffentlichen. Ein „asozialer“ Gebrauch der sozialen Medien hilft nicht weiter.

Das muss allerdings nicht heissen, dass die Empfehlung nicht mehr gilt, vorsichtig mit persönlichen Informationen umzugehen und nicht gleich Adressen, Telefonnummern und privateste Bilder dort allen zugänglich zu machen. Gerade wenn es klar ist, dass ein Profil auf einem sozialen Medium persönliche Informationen verlangt, dann wird zum Problem, welche Informationen man auswählt – und welche man unter keinen Umständen veröffentlichen will.

Manchmal erhält man aber auch den Eindruck, dass das Fordern nach Privatsphäre auf dem Netz und bei Facebook & Co. müssig ist. Wie man seit der NSA-Affäre weiss, landen unsere Daten ohnehin bei den Geheimdiensten. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat die Spionage durch den amerikanischen Geheimdienst heftig kritisiert – weil damit auch das Vertrauen in sein eigenes Unternehmen gelitten hat.

Das soll nicht daran hindern, vorsichtig mit den eigenen Daten umzugehen. Ganz sicher kann aber nur sein, wer sich ganz aus dem Internet ausklinkt – indem man sich zum Beispiel statt dem neusten iphone das Steinhandy von www.i-stone.ch zulegt. Doch wer will das wirklich?

Advertisements

25. Juli 2013

Wie naiv ist die Medienpädagogik?

Filed under: Medien,Medienbildung,Medienpädagogik — heinzmoser @ 10:28
Tags: ,

Ist die Medienpädagogik zu stark auf Medienkritik fixiert? Das ist der Tenor eines Artikels von Philippe Weber und Andreas Pfister in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 25. Juli 2013. Dies sind ganz neue Prügel, welche die Medienpädagogik einstecken muss. Bisher war es gerade umgekehrt: Manfred Spitzer und andere medienkritische Autoren warfen unserer Disziplin einen naiven und verharmlosenden Blick auf die Gefahren der Medien vor. Nur zur Erinnerung ein einschlägiges Zitat aus Spitzers Buch zur „Digitalen Demenz“:

„Aber Herr Spitzer, jetzt übertreiben Sie wirklich maßlos!“, höre ich Medienpädagogen (die von den Medien ja leben und sich aus genau diesem Grund nicht kritisch äußern), Vertreter der freiwilligen Selbstkontrolle und der Medien selbst schon sagen. Das ist zu erwarten. Traurig und aus meiner Sicht viel gefährlicher ist, dass sogar Kirchenvertreter, Politiker, das Gesundheitsministerium, das Bildungs- und Forschungsministerium,die Bundeszentrale für politische Bildung und die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags in das Hohelied auf die digitalenMedien völlig kritiklos einstimmen (S. 26).

Nun aber attakieren die zwei Gymnasiallehrer aus Zug die Medienpädagogik von der anderen Seite:

„Mit missionarischem Eifer ausgerückte Aufklärer und Medienlehrer, gesandt, um angeblich naive Jugendliche vor den Gefahren des Internets zu warnen, sehen sich heute konfrontiert mit einer neuen Situation: Kritik an den Medien ist längst zu einem Allgemeinplatz geworden – auch für Teenager.“

Wan an dem NZZ-Artikel ärgerlich ist, hängt mit dem Verfahren zusammen, das die Autoren anwenden: Erst bauen sie einen Popanz „Medienpädagogik“ auf, dem sie eine naive Form von „missionarischen Eifer“ unterstellen, um dann umso härter auf ihr Konstrukt einzuprügeln. Doch es ist ja keineswegs die Disziplin der Medienpädagogik, welche mit einem naiven Begriff von Mediengefahren hantiert. Vielmehr sind es Mediziner und Neuropsychologen wie Spitzer, sowie in der Schweiz die neue Zielsetzungen suchende Organisation Pro Juventute oder die Suchtprävention betreibenden Fachleute aus der Polizei, welche auf diese Weise Medienaufklärung betreiben.

Wenn die beiden Autoren dagegen von einer fundierten Medienkritik  Einsicht sowohl in die Konstruiertheit der Medien als auch in die Relevanz dieser Konstrukte verlangen, so ist dies eine Position, welche zu den Grundüberlegungen einer Medienbildung gehört. Die Medienpädagogik versteht sich seit ihrem Beginn in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts denn auch nicht als Fundamentalkritik, sondern als Fürsprache für die Medien als Ressource für eine zeitgemässe Erziehung und Bildung – was ja Autoren wie Spitzer so auf die Palme gebracht hat. Schliesslich kann man aus einer medienpädagogischen Perspektive nur zustimmen, wenn die beiden Autoren in der NZZ festhalten: „Je gründlicher die Kritik, desto höher die Einsicht in die Relevanz. Medienkritik ist eine notwendige Voraussetzung, nicht um über Medien zu schimpfen, sondern um Leistungen und Qualität von Medien überhaupt erst wahrnehmen zu können.“

So könnte man den Bericht der NZZ als Sturm im Wasserglas bezeichnen, der hilft das publizistische Sommerloch zu füllen. Doch was ich problematisch finde, das ist die darin ausgesprochene Tendenz, Medienpädagogik auf Medienkritik zu verkürzen. Bereiche wie die Mediendidaktik, wo aufgezeigt wird, wie produktiv mit Medien im Unterricht gearbeitet werden kann, werden nicht erwähnt. Aber auch die Aufgabe, Studierenden in der pädagogischen Ausbildung Wissen zur Mediensozialisation oder grundlegendes Wissen aus den Medienwissenschaften zu vermitteln, wird ausgeblendet. Überall werden hier die Medien als zentrale Ressource für das Leben im 21. Jahrhundert betrachtet – und nicht unter der verkürzenden Formel: Medienpädagogik = (naive) Medienkritik.

Zum Schluss muss aber auch eine Lanze für die Medienkritik gebrochen werden: All die Vorgänge um die grossflächige Datenspionage, die in den letzten Wochen aufgeflogen sind, legen es auch aus aktuellem Anlass nahe, nicht einfach an gutwillige Medien zu glauben, die den heutigen Jugendlichen und Erwachsenen lediglich das Leben erleichtern wollen und Spass und Unterhaltung verschaffen. Je mehr das Internet durch kommerzielle und politische Interessen bestimmt wird, umso wichtiger werden hier auch medienkritische Einsichten. Studierende der PH Zürich haben in einer noch unveröffentlichten Untersuchung die Richtung angegeben, die sie für solche Aktivitäten wichtig finden. Sie wollen den Schülerinnen und Schülern durch Hinweise auf Gefahren der Medien keineswegs den Umgang mit Medien vermiesen. Vielmehr möchten sie diese durch medienkritische Aktivitäten „immunisieren“ und sie darin zu unterstützen, Medien als produktive Ressourcen in Schule und Freizeit medienkompetent zu nutzen. Das hat nun aber rein gar nichts damit zu tun, dass Medien „zum Abschuss“ freigegeben werden sollen,so wie es die beiden Autoren der Medienpädagogik pauschalisierend unterstellen.

22. Juli 2013

Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung

Es hört sich widersprüchlich an: Im Lehrplan 21 sind ICT und Medien erstmals klar und verbindlich positioniert und dennoch droht die Medienbildung damit im gleichen Zug als eigenständiger fachdidaktischer Bereich zu verschwinden.

Diese These hängt mit dem fachübergreifenden Konzept zusammen, dass im Bereich von ICT und Medien verwirklicht wird. Denn die Medienbildung erhält kein eigenes Fach in der Schule, sondern wird unter den „fachübergreifenden Themen“ geführt, die in den bestehenden Fächerkanon integriert werden. Rein taktisch gesehen ist dies eine kluge Lösung, da die Widerstände gegen ein eigenes Fach im Verteilungskampf der schulischen Fächer gross wären. Faktisch ist es zudem einleuchtend, dass Medien in fast allen Fächern der Schule eine Rolle spielen und deshalb dort auch ihren Platz beanspruchen.

Kompetenzen mit Querverweisen

Als Beispiel für diese integrierte Lösung soll hier ein Ausschnitt  zur Zielsetzung genommen werden, die wie folgt formuliert ist: „Die Schülerinnen und Schüler können über Primärerfahrungen, über Medien vermittelt oder in virtuellen Lebensräumen etwas über die Welt erfahren. Sie können sich in den verschiedenen Lebensräumen angemessen verhalten und kennen dabei die entsprechenden Gesetze, Regeln und Wertesysteme“ (S. 11)

Dazu sind folgende Kompetenzen formuliert:

Lehrplan 1

 

Ersichtlich wird hier, dass auf der rechten Seite Querverwiese auf die Lehrpläne anderer Fächer stehen. Für den integrativen Charakter der Medienbildung bedeutet dies, dass der Unterricht wohl in diesen Fächern erfolgt, also im Lehrplan „Sprachen“ oder „Natur, Mensch, Gesellschaft“. Problematisch ist dabei, dass dadurch der Bereich „Medien und ICT“ völlig aufgesplittert und beliebig wird – je nachdem, welche der Querverweise dann gerade im Unterricht aufgenommen werden.

Was dies bedeutet, wird klarer, wenn man die Querverweise in der zugeordneten Fachdidaktik nachschlägt – etwa die unter 1 a und b genannten: Im Lehrplan Sprachen findet man dazu unter dem Titel des monologischen Sprechens:

Lehrplan 2

Die Kompetenzen der Medienbildung lassen sich zwar auf die Formulierungen der Fachdidaktik Sprachen beziehen; dort geht es aber nur am Rand um Fragen einer Medienbildung. Wesentlich ist die Fähigkeit, Erlebnisse und Erfahrungen in Worte zu fassen oder Beobachtungen wiederzugeben. Die Intention der im Lehrplan ICT und Medien beschriebenen Kompetenzen sind hier keine schwergewichtigen Ziele mehr. Es könnte deshalb leicht passieren, dass diese im Zug der Stoffüberlastung in den Sprachfächern dann ganz vergessen gehen.

Unklare Zuständigkeiten

Noch problematischer ist es, wenn zu den Kompetenzen im Bereich der Medienbildung gleich eine ganze Auswahlsendung von Querverweisen mitgeliefert wird, wie etwa bei folgendem Beispiel:

Lehrplan 3

Es ist ja gut und richtig, dass die Nutzung der Medien für den eigenen Lernprozess in vielfältiger Weise erfolgen sollte. Doch hinter dem Potpourri der der Querverweise verschwindet der Gedanke der Medienbildung – nämlich, dass es darum geht, diese Auswahl der Medien medienkritisch zu begleiten und dabei die verschiedenen Möglichkeiten miteinander zu vergleichen. So bezieht sich einer dieser Querverweise auf die Schreibstrategien im Französischunterricht: „Die Schülerinnen und Schüler können eigene Schreibstrategien zielgerichtet anwenden, wenn sie nach Bedarf unterstützt werden (z.B. Informationen sammeln, Mindmap, Cluster erstellen, um den Text vorzustrukturieren, Vokabular in verschiedenen Medien selbstständig suchen, Text überarbeiten durch sorgfältiges Nachlesen und ins Reine schreiben).“ Auch hier spielen Fragen der Medienwahl wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Zum Schluss  stellt sich die Frage, was mit den Inhalten geschieht, die keine Querverweise auf die Fächer enthalten. Auch sie müssen ja integriert und in einem Fachbezug unterrichtet werden. Fallen Sie vielleicht zum Vorneherein schon weg, weil sie gleichsam im luftleeren Raum stehen? Oder ist hier die Nische, welche für die Fachdidaktik ICT und Medien übrig bleibt?

Wer bildet für den Lehrplan aus?

Soweit sind Fragen des Unterrichts betroffen, die mich als Medienpädagoge nachdenklich stimmen. Dazu kommt aber auch die Frage nach der Vermittlung an der Hochschule. Wo sollen diese an den Schulfächern ausgerichteten Medieninhalte in der Lehrpersonenausbildung vermittelt werden? Sind es die Fachdidaktiken der Fächer, die in den Querverweisen bezeichnet sind, oder gibt es (weiterhin) eine eigenständige Fachdidaktik „ICT und Medien“ an den PH’s. Wenn man allein von den Querverweisen ausgeht, dann könnten die zugeordneten Fachdidaktiken ja  schnell zur Überzeugung kommen, eine eigenständige Fachdidaktik Medienbildung sei überflüssig. Ein unerwünschtes Szenario wäre es wohl, auf der einen Seite Professuren für Informatik zu schaffen und den Rest gleich an die einzelnen Fächer zu delegieren. Was so zukunftsweisend als Lehrplan „ICT und Medien“ daherkommt, könnte sich unter ungünstigen Umständen als Danaergeschenk entpuppen.

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man als Vergleichsbeispiel den ebenfalls fächerübergreifenden Lehrplan zu Beruflichen Orientierung beizieht. Hier gibt es viel weniger Querverweise, und man spürt heraus, dass es um eine unbestrittene Thematik mit einem eigenen Schwergewicht geht. Auch die Verortung ist klar: „Es ist zu empfehlen, dass die Verantwortung für die Berufliche Orientierung in der Schule bei einer Klassenlehrerein oder einem Klassenlehrer liegt. Sie oder er kennt die Schülerinnen und Schüler in der Regel am besten und kann sie darum in dieser anspruchsvollen Phase individuell und professionell betreuen.“ (S.3)

Ein stützender Rahmen ist zwingend

Meines Erachtens hat dieser Lehrplan nur dann eine Chance, wenn er die fachdidaktischen Inhalte der Medien nicht einfach aufsplittert und verteilt. Vielmehr müssen in die Thematik der betroffenen Schulfächer breite Medienthemen einbezogen werden, die medienbildnerischen Überlegungen Raum und Inhalt geben. Wenn es schon kein Fach „Medien und ICT“ gibt, dann müssten in den zugehörigen Fächern zeitliche Gefässe geschaffen werden, wo gezielt und vertieft die Perspektive der Medienbildung Eingang findet. Genau darauf hätte die Fachdidaktik der Medienbildung die Studierenden vorzubereiten – und nicht die anderen Fachdidaktiken, deren Sichtweise von ganz anderen fachlichen Überlegungen bestimmt wird. Wenn es zutrifft, dass die Bildung der eigenen Persönlichkeit, der kulturellen Identität, der Erwerb personaler und sozialer Kompetenzen heute auch in der Auseinandersetzung mit Medien geschieht (S.1), so ist es unabdingbar, dass diese Auseinandersetzung in der Schule von medienpädagogisch geschulten Lehrpersonen aufgenommen wird.

Zudem wäre es sinnvoll, über die Schuljahre von den Schülerinnen und Schülern ein Portfolio Medienbildung erarbeiten zu lassen, das der fachübergreifenden Thematik der Medien einen festen Rahmen gibt und immer wieder auf wesentliche Gesichtspunkte der Medienbildung zurückführt. Darin könnte jener Kern der Auseinandersetzung mit den Medien deutlich werden, der sonst in der Zersplitterung der Medienbildungsinhalte zerfasert und verloren geht.

20. Juli 2013

Lehrplan 21: Ein Schritt zu einer breiten Medienbildung

Der gesamtschweizerische Lehrplan 21 wird auch einen Lehrplan „ICT und Medien umfassen“. Nachdem das offizielle Dokument publiziert ist, möchte ich darauf mit einigen Überlegungen eingehen und den Entwurf auch kritisch würdigen.

Man muss primär attestieren, dass es sich um einen grossen Schritt in Richtung Verankerung von Medieninhalten in der Schule handelt. So wird damit vom gesamten Lehrplanwerk der Schweizer Volksschule anerkannt, dass die heutige Lebenswelt von Medien durchdrungen ist und einen kompetenten und mündigen Umgang mit ihnen erfordert (S.1). Positiv ist auch, dass es gelungen ist, die vielerorts separierten Lehrplanteile einer „Informatik“ und einer „Medienerziehung“ zu integrieren. Allerdings ist mir uneinsichtig geblieben, warum durchgängig von „ICT und Medien“ gesprochen wird; geht es doch letztlich um eine Thematik, die man präziser als „Umgang mit digitalen Medien“ bezeichnen könnte (auch Bücher sind ja heute letztlich digital produzierte Medien).

Dementsprechend ist die Medienbildung breit aufgestellt, wobei sie sich an drei Kompetenzbereichen ausrichtet (S. 5):
– Kennen und Einordnen von Medien
– Auswählen und Handhaben von Medien
– Sich-Einbringen mittels Medien.

Schade ist allerdings, dass die Reflexion auf die Medien – als Kern der Medienbildung – nicht ebenfalls als autonomer Kompetenzbereich definiert wird, sondern in den Aspekt des Sich-Einbringens mittel Medien ausgelagert wurde. Zwar kommen in den konkreten Ausführungen zu Zielen immer wieder Reflexionsaspekte vor; wünschenswert wäre aber eine konsequente Akzentuierung der Medienkritik in einem eigenen Kompetenzbereich, wie er zum Beispiel bereits in den 90er Jahren von Dieter Baacke analytisch, reflexiv und ethisch angedacht wurde.

Die Konkretisierung der Kompetenzbereiche

Gelungen sind die Ausformulierungen von konkreten Zielsetzungen in den Kompetenzbereichen – etwa wenn es beim „Kennen und Einordnen von Medien“ unter fünftens heisst: „Die Schüler und Schülerinnen können Wirkungen der Medien aus sich erkennen und diese bei der Steuerung der Mediennutzung einbeziehen.“ Formuliert werden auf diese Weise – auf drei Altersstufen (sog. „Zyklen“) bezogen –  eine Art von Bildungsstandards, die dann weiter konkretisiert werden. Das beginnt mit sehr elementaren Zielen, wenn es etwa im Rahmen des 1. Zyklus heisst: „Die Schülerinnen und Schüler können Medien aus ihrem Lebensbereich benennen und über deren Inhalte sprechen.“ Auf der Ebene des 3. Zyklus wird es dann komplexer: „Die Schülerinnen und Schüler können argumentieren, wo Chancen und Risiken von Erfahrungen und Handlungen in der physischen Umwelt in medialen Welten und virtuellen Lebensräumen liegen.“ Insgesamt handelt es sich also um eine Spiralcurriculum, das geeignet ist, Erfahrungen aufzubauen und zu vertiefen. Allerdings wird man auf der untersten Ebene die Kinder nicht unterschätzen dürfen: Ob es hier wirklich ein Lernziel sein muss, Medien aus dem eigenen Lebensbereich benennen zu können, ist eher zweifelhaft. Das scheint mir schon fast zu selbstverständlich.

Der Reflex auf die Informatikdebatte

Was besonders auffällt, das ist die Reaktion auf die Debatte um den Informatikunterricht in der Schule. So wird im Kompetenzbereich „Kennen und Einordnen von Medien“ ein Akzent auf Datenstrukturen, Algorithmen und die Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen gelegt. Die verstärkte Aufnahme von Inhalten um Datenstrukturen und Steuerung im Bereich von ICT ist dabei positiv zu werten. Die damit verbundenen Fragen sind in den letzten Jahren in der Diskussion um die Medienbildung etwas zu stark in den Hintergrund getreten.

Insgesamt scheint es mir richtig, auf der Volksschulstufe auf einen fächerorientierten Informatikunterricht zu verzichten, aber allgemeinbildendes Hintergrundwissen zur Informatik  im Unterricht aufzunehmen. Das ist ähnlich wie bei elektrischen Geräten, wo man wissen will, wie es funktioniert, wenn man den Strom ein- und ausschaltet. Problematisch erschiene es dagegen, das Programmieren unter der Analogie einer grundlegenden „Alphabetisierung“ in der Volksschule zu forcieren. Denn die technisch geregelten Computersprachen sind doch stark von der natürlichen Sprache zu unterscheiden. Dass die fachbezogene Anbindung der informatischen Kenntnisse lediglich an zwei Stellen in Richtung der Mathematik erwähnt wird,  zeigt allerdings noch Handlungsbedarf. Es wäre sicher sinnvoll im Rahmen der Fachdidaktik Mathematik einen noch stärkeren informatischen Akzent zu legen.

„Primäre Erfahrungen“ und Tastaturschreiben

An einigen Stellen wirkt der Lehrplan aber auch etwas altbacken. So wird mehrfach auf den Unterschied zwischen virtuellen und realen (primären) Erfahrungen Bezug genommen. An einer heisst es dazu: „ Die Schülerinnen und Schüler können an einfachen Beispielen Vor- und Nachteile von Primärerfahrungen, Medienbeiträgen und Erfahrungen in virtuellen Lebensräumen beschreiben (z.B. als Naturerlebnis, Film, Geschichte, Lernprogramm)“ (S.11). Hier wird die Medienpädagogik der 90er Jahre aufgenommen, wo das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität bzw. der Flucht aus der Realität ein grosses Thema war. Seit den Web 2.0 und den Sozialen Medien wissen wird, wie stark diese beiden Bereich miteinander verflochten sind. Es sind keine unterschiedlichen Lebensräume, wie es die Autoren suggerieren. Um es ganz klar zu sagen. Für viele heutige Kinder und Jugendliche sind Medienerfahrungen in vielen Lebensbereichen auch zu Primärerfahrungen geworden.

Etwas merkwürdig wirkt der im Folgenden zitierte Abschnitt zum Tastaturschreiben:

Tastaturschreiben

Es wird hier richtig gefragt, wie stark das Zehnfingersystem in der Volksschule angesichts der ganz unterschiedlichen Eingabesysteme heutzutage noch bedeutsam sei. Schon auf dem Handy ist es ja kaum möglich mit zehn Fingern zu schreiben. Trotzdem soll dann schon im 1. Zyklus ergonomisch und „richtig“ getippt werden. Es sieht also so aus, dass das Zehnfingersystem dann doch wieder durch die Hintertür hereinkommt – und wenn auch nur im 2. Zyklus im Rahmen der individuellen Schulung mittels „geeigneter“ Tastaturschreibprogramme. Diese Bocksprünge sind nicht richtig nachzuvollziehen – vor allem wenn man sieht, wie schnell sich die Eingabesysteme in der digitalen Alltagswelt verändern.

Der zweite Teil der hier formulierten Überlegungen wird auf die Probleme eingehen, die man sich mit dem fächerübergreifenden Konzept der Medienbildung im Lehrplan 21 einhandelt. Diese sind meines Erachtens gravierend. Deshalb steht er unter dem Titel: „Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung“

5. Februar 2013

Digital Citizenship – eine neue medienpädagogische Perspektive

Digital-Citizenship-in-Schools-9781564842329

Die Gefahren des Internets werden immer wieder in Presse und TV zum Thema gemacht. Gestern – 4.2.2013 wurde bei Frank Plasberg über „Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?“ diskutiert. Und am 5.2.2013 hiess es in 20 Minuten Online: „Ein 47-Jähriger aus dem Berner Oberland gibt sich als sexy Mädchen aus, um an Nacktvideos von 15- bis 17-Jährigen zu kommen.

Bewahrpädagogisch kann man darauf mit Medienverboten reagieren und versuchen Kindern erzieherisch enge Grenzen zu setzen. Nur funktioniert dies in einer Gesellschaft immer weniger, die in den letzten Jahren immer stärker mediatisiert wurde – von Spielkonsolen, bis hin zu Smartphones und Laptops. Und schliesslich helfen blosse Verbote wenig, wenn es darum geht, einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu finden, wie es im Erwachsenenleben heute notwendig ist. Das führt zur Frage nach der  Vermittlung von Medienkompetenzen, um den Umgang mit Medien zu beherrschen. Auch das kann allerdings problematisch sein, denn die heutigen Medienkompetenzen sind möglicherweise in fünf Jahren wieder total veraltet. Und oft betonen Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenzen zu stark die technischen Aspekte der Mediennutzung.

Schwierig sind aber auch einseitige Wirkungshypothesen – also etwa die oben formulierte These, dass uns Apple und Co. Doof machen. Was man oft vergisst, ist die soziale Einbettung der digitalen Medien, über welche Wirkungen erst zustande kommen. Wenn man z.B. Facebook nimmt, dann sollte man nicht davon ausgehen, dass wohlmeinende Internetaktivisten dadurch das Kommunikationsverhalten der Menschen verbessern wollten (alle „liken“ sich auf Facebook). Vielmehr geht es bei den „Sozialen Medien“ um handfeste ökonomische Interessen, was nicht erst seit dem Börsengang von Facebook deutlich wurde. So ist es kein Geheimnis, dass die beworbene Produkte nur „gelikt“ werden wollen. An einem kritischen „Dislike“-Button ist denn auch keiner interessiert. Und dass immer mehr Produkte die User als Freunde aufs Netz lotsen wollen ist ebenfalls kaum überraschend.

Geht man von dieser sozialen Einbettung der digitalen Medien aus, so ist die Perspektive einer „Digital Citizenship“ interessant, die in der amerikanischen Medienpädagogik diskutiert wird. Wie etwa Mike Ribble betont, ist eine digitale Gesellschaft entstanden, die von der Erziehung bis zur Arbeitswelt und zur Ökonomie heute alle Bereiche betrifft. Jeder Alltag ist damit auch zum „digitalen“ Alltag und jeder Bürger auch zum „digitalen“ Bürger geworden. Was aber dieser neue Status des „digital citizen“ bedeutet und welche Anforderungen an diesen Bürger und einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu stellen sind, das scheint mir die zentrale Frage zu sein.

Hier hat allerdings auch das amerikanische Konzept von „digital citizenship“ seine Schwäche. So stellt Ribble neun Elemente vor, die dafür zentral seien – etwa der umfassende Zugang, der digitale Kommerz, digitale Literacy, digitale Etikette oder digitales Recht. Diese sollen den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, um den „richtigen“ Umgang mit den Medien zu lernen.

Nur ist da das grosse Problem, dass diese digitale Gesellschaft im Status des Werdens ist. Oft gibt es noch keine eindeutigen Regeln, die bereits vorliegen und nur noch angewandt und als klare Verhaltensregeln vermittelt werden können. So heisst es im Buch von Mike Ribble (S. 96):

„Scenario 2: When hanging out with friends, one student gets a cell phone call and conducts a conversation within the group. What is the proper etiquette when using a mobile phone in a public place?“ Doch was ist hier die „proper etiquette“? Je selbstverständlicher der Handygrbauch ist, desto stärker kann sich diese Etiquette verändern. Unter handygewohnten Jugendlichen nimmt man vielleicht den Anruf an und bezieht die umstehenden Kolleg/innen in Gespräch ein, während mancher ältere Handynutzer fast fluchtartig einen abgelegeneren Ort aufsucht.

Je stärker die digitalen Medien die Gesellschaft durchdringen, umso häufiger werden solche Situationen, wo es die eindeutige und klare Lösung nicht mehr gibt:

– Bei welchen Lebensereignissen darf man mit Email oder SMS reagieren – und wo wäre eine persönlichere Reaktion angefragt (Todesfälle, Hochzeiten etc.)

– Wo ist es von Vorteil, Texte auf einem Ebook zu lesen, und wo möchte man nach wie vor ein gedrucktes Buch oder ein gedrucktes Papier?

– Wie hat sicher der Musikmarkt mit dem Internet verändert und was bedeutet dies für das Urheberrechts

– Was versteht man unter Multi-tasking – und gibt es Situationen, wo dies spezifische Vor- oder Nachteile für das Lernen hat?

– Wo beziehe ich meine politischen Informationen – Online oder aus abonnierten Zeitungen und Zeitschriften?

Das Dilemma ist bei all diesem Fragen: Als Digital Citizen komme ich nicht darum herum, mir solche Fragen zu stellen und handhabbare Antworten zu finden. Doch diese Lösungen sind zu vielen Fragen nicht eindeutig. Alte Regeln werden brüchig, weil sie zur digitalen Gesellschaft nicht mehr passen; manches bleibt unverbindlich – oder es bilden sich neue Regeln erst langsam heraus.

Wenn es jedoch darum geht, dass digitale Bürger selbstverantwortlich in dieser neuen Gesellschaftsform handeln, kann dies auch eine medienpädagogische Chance darstellen. Anstatt fixe Lösungen durchzusetzen oder auf unsicheren Normen als den einzig Gültigen zu beharren, müsste es stärker darum gehen, die Problematiken zu verstehen, die dahinter stehen.  Erst dann kann beurteilt werden, ob sie als Lösungen für den digitalen Alltag tragbar sind. Denn wenn es darum geht, dass junge Menschen verantwortungsvolle digital citizens werden, dann müssten sie selber an der Herausbildung  und Gestaltung von digitale Lebensstilen beteiligt werden, welche in Zukunft das Fundament des Zusammenlebens darstellen.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die digitalen Netze nicht nur positive Seiten haben. Auch Kriminalität, Mobbing und Gewalt gehören dazu. Allerdings ginge es hier nicht primär um externe Verbote, Warnungen und alarmistische Botschaften. Im Sinne des Empowerment müssten Kinder und Jugendliche hier vor allem angeleitet werden, wie sie sich als digitale Bürger verantwortungsvoll verhalten und sich gegen Übergriffe wehren können.

9. Dezember 2012

Gefahren im Internet und die allgegenwärtige Verunsicherung

Zwei Fälle in der gleichen Woche zu den Social Media haben Aufmerksamkeit in der Presse erregt: Da war erst einmal der Fall eines 22-Jährigen aus dem Kanton Zürich. Der ehemalige Gymnasiast war empört, dass ihm seine 290 Freunde nicht zum Geburtstag gratulierten. Deshalb kündigte er auf seinem Facebook-Profil an, er werde sie alle vernichten. Denn es sei keine Frage der Freundlichkeit, sondern eine Frage von Respekt und Ehre. Jetzt könne sie niemand mehr schützen. Mit „Pow!!!!, Pow!!!!, Pow!!, endete seine Statusmeldung.

Nachdem eine Mitschülerin die Schulleitung und diese die Polizei informierte, kam es zur Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl der junge Mann seine unüberlegte Handlungsweise bedauerte und deutlich machte, dass er nie einen Amoklauf beabsichtigte, wurde er schuldig gesprochen und zu einer Busse von fast 14’000 Franken verurteilt. Der Verurteilte sieht sich auch selbst als Opfer: „Eine solche Polizeiaktion war übertrieben und sehr belastend für mich.“

Der zweite Fall handelt von einem Video, da auf YouTube auftauchte: So soll ein Jugendlicher ein Sex-Video seiner Ex-Freundin auf Facebook gepostet haben. Der Zürcher Tages-Anzeiger dazu: „Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung ’20 Minuten‘ schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. “

Noch am gleichen Tag haben über 15’000 User das Video abgerufen. Es soll insbesondere auch in ganzen Primarschulklassen die Runde gemacht haben.

Die beiden Fälle zeigen  auf der einen Seite das Gefahrenpotenzial der Sozialen Medien an – schliesslich ist es für die Opfer, wie es der erste Fall zeigt, kaum abschätzbar, wie ernst ein „schlechter Witz“ gemeint ist. So belegen die Fälle auch, dass  es keine Schonzeit mehr für die Täter gibt und es zu Recht bis hin zur gerichtlichen Verurteilung kommt.

Dennoch sind oft auch die Täter in gewisser Weise Opfer der neuen und noch nicht bewältigten Veränderungen, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Denn die neuen flüchtigen Kommunikationsformen verleiten leicht dazu , sich auf eine Weise zu äussern, die man nach etwas Nachdenken besser unterlassen hätte. Mit anderen Worten:  Es fehlt im digitalen Zeitalter für viele noch Das Gespür dafür, was möglich ist, und was nicht geht.

Das entschuldigt solches Fehlverhalten nicht, macht aber deutlich, wo  Hebel anzusetzen ist. Es bedarf einer Medienbildung, welche nicht  technische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht und daraus Konsequenzen zieht. Das müssen nicht nur Fragen des Mobbing und der Gewalt  sein.   Genauso geht es darum, wie zum Beispiel das Liken auf Facebook zu bewerten ist – als Selbstausdruck eigener Bedürfnisse oder als Schritt zum gläsernen Konsumenten, der damit ohne bewusstes Überlegen nur die Interessen der Auftrag gebenden Firmen und Institutionen erfüllt. Gefragt werden könnte auch, wie weit man verpflichtet ist, immer Online zu sein, oder ob es auch geht, ein  SMS oder eine E-Mail verspätet oder gar nicht zu beantworten. Und ist es nicht so, dass man sich auch bei 800 Facebook-Freunden noch einsam fühlen kann?

Die Gewaltproblematik ist nur eine Facette der neuen Medien. So wichtig es ist, hier Auswüchsen klar entgegenzutreten, so wichtig ist es auch, Antworten auf die täglichen Verunsicherungen zu finden, der alle Nutzer der   sozialen Medien fast täglich begegnen.

31. Oktober 2012

Zweijährige im Internet

 

 

Nach einer schwedischen Studie nutzen schon 40 Prozent aller zweijährigen Schweden das Internet. Diese Pressemeldung erregte letzte Woche Aufsehen und erschreckte viele Leserinnen und Leser: Werden bald die Zweijährigen stundenlang am Internet verbringen, das so den Babysitter ersetzt.

Doch die Aufregung ist nicht so gross, wenn man auf die Daten hinsieht.  Warum sollen kleine Kinder nicht einmal ein einfaches Spiel oder ein bewegtes Bilderbuch Online nutzen?

Auf jeden Fall dürften sowohl das Interesse wie die Fähigkeiten der Kleinsten, sich im Internet zu bewegen und zielgerecht zu navigieren, wenig ausgeprägt sein. Die kognitiven Anforderungen des Netzes, welche Textverständnis und abstrakte Orientierungsmöglichkeiten umfassen, sind schlicht zu hoch. Wer sich für eine detailliertere Analyse interessiert, den verweise ich auf meinen ausführlichen Artikel „Knirpse im Internet“ im Journal 21.

 

7. September 2012

Spitzer, die Zweite: eine Kritik an den Medien, die nicht mehr funktioniert

Kaum eine Zeitung hat in den letzten Tagen nicht über Manfred Spitzers neues Buch zur digitalen Demenz geschrieben. Das erinnert an das Jahr 2005, als der erste Bestseller von Spitzer lanciert wurde: „Vorsicht Bildschirm!: Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“. Das Buch traf auf eine virulente Computerskepsis, erweckte viel Zustimmung und gab Spitzer eine anerkannte Plattform in den Medien. Lehrer und Lehrerinnen, welche im Unterricht Medien einsetzten, wurden sehr schnell von Eltern mit den Thesen von Spitzer konfrontiert. Mit „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ sattelt Spitzer noch einen drauf-  Doch nach meiner Wahrnehmung mit durchzogenem Erfolg.

Schon der Begriff der „Demenz“ ist problematisch, wenn man weiss, welche riesigen familiären Probleme damit verbunden sind, wenn ältere Menschen diese Diagnose erhalten. Da ist der Begriff der „digitalen Demenz“ gegenüber den Betroffenen mehr als unangemessen. Wer zu viel Zeit am Computer verbringt, kann nicht einfach leichthin als „dement“ abgestempelt werden.

Dazu kommt, dass Spitzers Abstützung seiner Thesen auf die Wahrheit empirischer Studien nicht mehr so unangefochten greift wie vor fünf Jahren. Aus irgendwelchen Korrelationen Hiobsbotschaften für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen herauszufiltern, scheint nicht mehr so überzeugend. Das zeigt etwa der TV-Talk von Günther Jauch vom letzten Sonntag (2.September 2012). Verweise auf Studien wurden von den Teilnehmer/innen mit Erfahrungen der eigenen Kindern gekontert. Und daran zeigt es sich sehr schnell, dass die Welt der digitalen Medie nicht einfach in Schwarz-Weiss dargestellt werden kann, sondern viele Zwischentöne besitzt. So heisst es im SPIEGEL-Bericht zur Sendung:

„Drei Gäste versuchen, dagegen anzureden. Der Kindermedienforscher Klaus Peter Jantke hält nichts von einem Medienverbot für Heranwachsende, lässt seinen fünfjährigen Sohn am Laptop Filme auf Englisch sehen. Neue Medien schaffen neue Probleme, sagt Jantke, man solle sich damit gründlich und tiefgründig auseinandersetzen. Er verteidigt das Internet, über das so viele Gedanken ausgetauscht und unzählige Anregungen eingeholt werden.“

Liest man weitere Presseberichte und Rezensionen, fällt auch hierauf, dass die Thesen von Spitzer nicht mehr so leicht akzeptiert werden wie vor einigen Jahren. Fast jeder Pressebericht enthält auch eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Buch. Mit Thesen wie „Wir klicken uns das Gehirn weg“ – kann man zwar auf der Bestsellerliste landen, für eine differenzierte Auseinandersetzung taugen diese jedoch wenig.

Schliesslich leben wir alle in einem digitalen Alltag, wo Computer, Handy und andere Medien ihren festen Platz haben. „Allways on“ ist hier immer häufiger das Stichwort – was aber auch bedeutet, dass man sich nicht stundenlang auf die digitalen Medien konzentriert, sondern dass diese im Alltag „mitlaufen“. Das ist nicht immer unproblematisch – etwa wenn man Beziehung über SMS auflöst, noch um Mitternacht bei seiner „Firma auf Draht“ ist etc. Nur mit „digitaler Demenz“ hat dies alles reichlich wenig zu tun.

29. Mai 2012

Missverständnisse zu einem Qualitätsfernsehen: Ringier TV gibt auf

Filed under: Digital Life,Medien — heinzmoser @ 21:04
Tags: , , , ,

Die harten Fakten fasst die Werbewoche in einem Lead zusammen: „Ringier stellt per Ende 2012 die Produktion seiner Sendungen für Presse TV ein. Dies betrifft die Formate Cash TV, Gesundheit Sprechstunde, Motor Show TCS und Sonntags Blick Standpunkte. Mehrere Mitarbeitende werden entlassen.“ Der Hintergrund dieser Entwicklung  geht auf die Einführung des Privatfernsehens zurück – und interessant ist die Frage, wie die Schweiz und Deutschland hier unterschiedlich vorgingen:

In Deutschland ging es in den 80er Jahren darum, bei den damals entstehenden Privatfernsehsender das Qualitätsfernsehen zu garantieren. Sendern wie Sat1 oder RTL sollten ihr Programm unabhängigen Anbietern öffnen, um die Meinungsvielfalt zu gewährleisten. Mit Drittsendeplätzen sollte gemäss Gesetz ein „zusätzlicher Beitrag“ in den Bereichen Kultur, Bildung und Information geliefert werden. Nutzniesser war insbesondere dctp (Development Company for Television Programm mbH) von Alexander Kluge – die 1987 gegründete Plattform für unabhängige Anbieter im deutschen Privatfernsehen. Dctp ist in Deutschland nicht unumstritten, da es schon fast das Monopol für alternative Sendungen besitzt. Und es sind insbesondere die grossen Pressehäuser, die sich damit ein Fenster im Privatfernsehen gesichert haben. So beschrieb Christian Schulte 2002 die Aktivitäten von dctp:

„Die journalistischen Programmsegmente (Reportagen, Interviews und Dokumentationen) werden vor allem von Spiegel TV beigesteuert, aber auch die anderen Partner Stern, Süddeutsche Zeitung, Neue Zürcher Zeitung, BBC sind mit eigenen journalistischen Programmformaten vertreten. Sie verfügen über eigene Redaktionen, die ihre Beiträge in völliger Unabhängigkeit fertig stellen und nach dem Herausgeberprinzip unter den Logo der DCTP ausstrahlen. (Seit Mai 2001 betreibt DCTP gemeinsam mit Spiegel TV den Sender XXP, der inzwischen in sechs deutschen Bundesländern empfangen werden kann.“

Immerhin hat dieses Modell dazu geführt, im Privatfernsehen wichtige qualitative Programmakzente zu setzen.

In der Schweiz dagegen war das Privatfernsehen nie eine ernste Konkurrenz für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Allerdings wollten auch hier die grossen Verlage einen Anteil am Kuchen und konnten sich Sendeplätze über PresseTV  auf DRS 2 sichern. Zwar ging es auch hier offiziell um die Meinungsvielfalt – doch was war Cash TV mehr wie ein Ableger der entsprechenden Zeitschrift? Es war also weniger ein Bildungsauftrag, welcher diese Strategie leitete wie die Möglichkeit, sich als Konkurrenz des öffentlich-rechtlichen Fernsehen medienwirksam zu präsentieren – als Prestigeprojekt, wo Verluste zu Beginn ohne Wimpernzucken in Kauf genommen wurden. Ob – versteckt im zweiten DRS- Programm – Politdiskussionen mit den gleichen Beteiligten wie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Bereicherung waren, scheint mir jedenfsalls fragwürdig. Und auch die motor-show von PresseTV ist wohl kaum ein Paradebeispiel für die vielgelobte Meinungsvielfalt. So bleibt das, was Rainer Stadler in der NZZ lobt, als ziemlich erbärmliches Ergebnis der gesamten Strategie: “Doch ermöglichte das Verlegerfernsehen zumindest einen gewissen zusätzlichen journalistischen Pluralismus, was sich etwa in den verschiedenen Talkshow-Konzepten der «Standpunkte» niederschlug.“

Doch letztlich war das Schaufenster der Verlage offensichtlich ein krasses Defizitgeschäft. So hat jetzt Ringier TV jetzt die Reissleine gezogen – und kaum jemand wird die Sendungen vermissen.  Auch Ringier nicht, da sich mit dem Internet ganz andere Möglichkeiten bieten als ein mickriges Fenster in DRS2

25. Mai 2012

Media Literacy trifft Medienkompetenz

Die amerikanische Medienpädagogin Renee Hobbs hat kürzlich ihr Buch „Digital and Media Literacy. Connecting Culture und Classroom“ veröffentlicht.

Digital and Media Literacy: Connecting Culture and Classroom (Pa... Cover Art

Dieses Buch sollte auch im deutschsprachigen Raum schon deshalb gelesen werden, da es einige Vorurteile gegen die Medienpädagogik made in USA Lügen straft:

– Seit den Büchern von Neil Postman in den 80erJahren des  letzten Jahrhunderts betrachtete man die amerikanische Medienpädagogik als stark bewahrpädagogisch und moralisch aufgeladen. Man erinnere sich: Die Medien enthüllen alle Geheimnisse der Erwachsenen (Sex, Drogen etc.) und setzen die Kinder diesen negativen Seiten des Gesellschaft schutzlos ein. Soll man Kinder davor zu bewahren – oder sollen sie sich eher damit aktiv auseinandersetzen. Postman hätte eher für die erste Position votiert. Hobbs geht es um die zweite.

–  Die amerikanische Medienpädagogik kam stark von den Sprachwissenschaften her und war sehr analytisch orientiert. Es ging zentral darum, Medienbotschaften zu entschlüsseln. James Potter sieht zum Beispiel folgende Fähigkeiten im Zentrum medienpädagogischen Handelns:

– Analysis, indem eine Botschaft in ihre bedeutungsvollen Elemente aufgespalten wird;
– Evaluation, indem die Elemente bewertet werden;
– Gruppieren – indem bestimmt wird, welche Elemente zusammenpassen;
– Induktion – indem man auf ein Muster über kleines Set von Elementen schliesst:
– Deduktion, indem man allgemeine Prinzipien nur Erklärung herausarbeitet;
– Synthesis, in welcher man die Elemente in einer neuen Struktur fasst;
– Abstrahieren, indem man die Essenz der Botschaft in einer klaren und knappen Beschreibung formuliert“ (Potter 2011, 15)

Auch bei Hobbs spürt man den analytischen Blick in ihrem Buch noch -manchmal fast etwas zu stark. Dennoch geht es hier viel stärker auch um Gestalten und soziales Handeln, in welchen das Reflektieren über die Medien eingebunden ist. Film und Fernsehen werden zudem durch viele Unterrichtsbeispiele aus dem  Umgang mit digitalen Medien ergänzt. In einem Beispiel heisst es dazu:

„Wähle einen Freund/Freundin, ein Familienmitglied oder eine andere erwachsene Person aus, um sie über ihre Erfahrungen mit Online Beziehungen zu befragen. Schreib  die wichtigsten Ideen und Details auf; mach dann eine kurze  Zusammenfassung der Schlüsselideen“ (S. 140).

Auch Renee Hobbs entwickelt ein Schema der wichtigsten Fähigkeiten, welche im Unterricht zu fördern sind.  Doch sie bezeichnet diese als „fünf kommunikative Kompetenzen“  und nähert sich schon im Sprachgebrauch dem Kompetenzbegriff an, wie er im deutschsprachigen Raum  üblich ist. Sie unterscheidet zwischen:

– Zugang finden, nämlich das Finden und Austauschen von geeigneten und relevanten Informationen, bzw. die Nutzung von Medientexten und technologischen Werkzeugen.
– Analysieren: Die Nutzung des kritischen Denkens , um Botschaften und empfangendes Publikum in die Analyse einzubeziehen.
– Gestalten: Inhalte entwickeln und gestalten, um Kreativität und Vertrauen im Selbstausdruck zu finden.
– Reflektieren: Die Auswirkungen der medialen Botschaften und der technischen Werkzeuge auf unser Denken und Handeln im Alltag beziehen.
– Handeln: Individuell und gemeinsam arbeiten, um Wissen auszutauschen und Probleme in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Community zu lösen (S.12).

Vergleicht man diese Fassung der „Media Literacy“ mit den Medienkompetenzen, wie sie Dieter Baacke entwickelt hat, so sind die Unterschiede nicht mehr sehr gross. Mediengestaltung, Reflektieren und Handeln findet man explizit in diesem Konzept wieder. Und die Analyse könnte man mit dem Gedanken einer Medienkunde verbinden, wie sie Baacke vorschlug. Es scheint also, dass sich die Überlegungen zur Media Literacy im angloamerikanischen Raum und jene zur Förderung von Medienkompetenz in unseren Breitengraden stark annähern. Das lässt darauf hoffen, dass sich der internationale Diskurs über Medien in den nächsten Jahren vertiefen lässt und nicht mehr isoliert nebeneinander her läuft.

Nächste Seite »

Bloggen auf WordPress.com.