Medienwelten

5. März 2014

Wie medienkritisch sind Lehrkräfte eingestellt?

Empirische Studien haben in den letzten Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Computer und andere digitale Medien in der Schule von den Lehrkräften zu wenig genutzt werden. Das hat sich auch dort nicht stark geändert, wo die Ausstattung mit Geräten verbessert wurde. Sogar dort wo die Politik millionenschwer neues Gerät installieren liess, wurde die gewünschte Nachhaltigkeit oft nicht erreicht.

Ein Grund war, dass die Studierenden in der Lehrerbildung sehr lange stark medienkritisch eingestellt waren. Ihr Ziel war es in diesem Bereich, die Kinder vor den Gefahren der Medien zu bewahren und als Ausgleich gegenüber einer technisierten Kultur das Tun und Handeln mit realen Dingen in den Vordergrund zu stellen. Solche Lehrkräfte stöhnten. „Nicht auch noch Fernsehen und Computer in der Schule, und Handys schon gar nicht!“

In den letzten Jahren konnte man aber als Dozierender der Medienpädagogik beobachten, wie stark die Widerstände der Studierenden abgenommen haben. Sie brauchen Computer und Laptops, ja auch neuerdings Tablets ganz selbstverständlich im Rahmen ihres Studiums. Und sie unterscheiden sich kaum mehr von anderen jungen Erwachsenen, wenn sie ihre Handys zücken, den Facebook Account abrufen oder mit WhatsApp kommunizieren.

Aufgrund dieser neuen Situation wollten meine Kollegen Walter Scheuble, Sara Signer Klaus Rummel und ich genauer wissen, was sich bei den Studierenden der PH Zürich verändert hat. Als Auftrag des Prorektorats Ausbildung befragten wir die Studierenden eines ganzen Jahrgangs, wobei vor allem die neue Studienstruktur im Mittelpunkt stand. Fruchtbar scheint für die Medienbildung vor allem das grosse Praktikum (Quartalspraktikum) zu sein, wo die Studierenden auch Medienprojekte im Unterricht durchführen. Sie wollen hier zwar auch Medienkritik betreiben, aber nicht als grundsätzliche Ablehnung von Medien in der Schule. Vielmehr sind sie der Überzeugung, dass Jugendliche, die sich mit den Gefahren der Medien auskennen, den Spass des Umgangs mit Medien ohne Ängste und selbstbewusster auskosten können. Und sie setzen Medien als willkommenes Hilfsmittel, das noch neue Dimensionen in den Unterricht hineinträgt,  ganz pragmatisch ein.

Die Studie der PH Zürich ist unter folgendem Link abzurufen. Ich selbst habe darüber an der PH Ludwigsburg einen zusammenfassenden Vortrag gehalten, der hier online erreichbar ist.

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11. Februar 2014

Merkblätter für Facebook & Co.

merkblatt 1

Im meinem diesjährigen F&E-Seminar (Forschung und Entwicklung) an der PH Zürich haben die Studierende aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen zu den Social Media Empfehlungen formuliert – und zwar für Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, sowie für den Umgang mit Bildern. In diese Merkblätter gehen eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus dem Seminar ein:

  1. Kinder und Jugendliche sind nicht mehr so häufige Facebook-Nutzer wie noch vor wenigen Monaten. Ihre neuen Favoriten sind Anwendungen wie WhatsApp, Snapchat oder YouTube. Das bedeutet, dass Empfehlungen nicht mehr so stark facebooklastig sein  dürfen wie früher. Vielmehr sind es eher allgemeine Hinweise zum Umgang mit Social Media, die dann selbständig oder im Rahmen der Thematisierung im Unterricht auf spezifische Anwendungen zu beziehen sind.
  2. Es lohnt sich noch aus einem zweiten Grund, nicht zu konkret zu werden: Anbieter wie Facebook wechseln ihre Einstellungen alle paar Monate. Es bringt also wenig, in einem Merkblatt detailliert die aktuellen Einstellungsmöglichkeiten zu beschreiben, die möglichweise nach wenigen Monaten schon wieder ganz anders aussehen – und durch neue Features mit weiteren Einstellungen zu ergänzen sind.
  3. Wie die Schüler/innen-Befragungen zeigten, sind viele Jugendliche bereits heute recht vorsichtig im Umgang mit den Social Media. Aus diesem Grund sollte auf die Darstellung von Horrorszenarien als Wink mit dem Zaunpfahl verzichtet werden. Vielmehr geht es darum, vorsichtiges Verhalten zu unterstützen und auf wichtige Aspekte hinzuweisen, die beim sicheren Umgang mit sozialen Medien zu beachten sind.
  4. Die Empfehlungen sollen den Spass am Umgang mit Social Media nicht vermiesen, sondern mithelfen, dass gefahrloses Surfen möglich ist.

Hier finden Sie die Merkblätter zu Download bereit. In diesem PDF-Format mit Urheberhinweis dürfen sie frei weitergegeben werden.

5. November 2013

Ist der Facebook Hype bei Jugendlichen vorbei?

In meinem Forschungs und Entwicklungsseminar mit Studierenden der PH Zürich stand in diesem Semester wieder die Facebook-Nutzung von Jugendlichen auf dem Programm – diesmal mit genderbezogenen Aspekten.

Facebook sieht bei Jugendlichen „alt“ aus.

Doch da gabs gleich zu Beginn eine Riesenüberraschung: Noch im letzten Jahr hatte ein ähnliches Seminar gezeigt, dass es bei den meisten Jugendlichen dazu gehört, einen Facebook-Account zu haben. Dieses Jahr ist alles anders. Die Studierenden hatten grosse Mühe für ihre Interviews genügend facebookbegeisterte Jugendliche zu finden. Einmal ist die Grenze von 13 Jahren, die bei Facebook besteht zur Hürde geworden. Noch vor wenigen Monaten setzten sich die Kids da lässig darüber hinweg. Doch die Presseberichterstattung hat hier mittlerweile auf die Eltern gewirkt. So gibt es immer mehr, die ihren Sprösslingen Facebook verbieten, wenn sie noch nicht 13 sind.

Aber auch die Jugendlichen selbst sind facebookmüde geworden. Viele haben zwar noch ihren Account, nutzen ihn aber schlecht und mit Unterbrüchen. Und es ist auch kein Beinbruch mehr, wenn man auf Facebook ganz verzichtet. Denn die Karawane des Zeitgeists ist schon weitergezogen. Anstatt Facebook nutzt man die Fotoapp Instagram, die ebenfalls eine Community anbietet. Und ganz gross im Geschäft ist WhatsApp, der Gratisersatz für die altehrwürdigen SMS. Neu dazugekommen sind Anwendungen wie Pinterest oder Ask.fm. Mit anderen Worten: Das Angebot hat sich differenziert und vervielfältigt – und lässt das gute alte Facebook im Regen stehen.

Der Trend zu Smartphones und die leidige Werbung

Womit könnte dies zusammenhängen. Einmal ist sicher der Trend zu Smartphones zu beachten, der bei den Jugendlichen durchzuschlagen beginnt. Hier gibt es eine ganze Menge neuer schlanker Apps, die viel einfacher aufgebaut sind wie das umfangreiche und komplexe Facebook. Sie binden das mobile Netz mit den Handys auf ideale Weise ein – etwa wenn Instagram das Fotografieren auf dem Handy quasi neu erfindet. Zudem herrscht bei Facebook ständig Unruhe, indem alle paar Monate wieder neue Elemente aufgeschaltet und Nutzungsbedingungen verändert werden.

Kommt dazu, dass Facebook immer stärker durch Werbung überfrachtet wird, die sich zwischen die Meldungen von Freunden und Bekannten schiebt. Muss man das wirklich alles liken und anschauen, scheinen sich viele der Computerkids zu fragen.

Bringt Forschung in der Lehrerbildung wirklich nichts?

Diese Ergebnisse wurden an einem Wochenende deutlich, als in der Presse gegen den akademischen Leerlauf in der PH-Forschung vom Leder gezogen wurde. Das wundert mich. Denn solche kleinen Projekte können sehr gut den Puls der Schule nehmen. Die beteiligten Studierenden sehen, dass die Bäume von Facebook nicht in den Himmel wachsen – bevor dies dann möglicherweise in ein paar Monaten auch in Gratiszeitungen und wissenschaftlichen Studien wie JIM oder JAMES breitgeschlagen wird. Und sie können sich schon jetzt überlegen, was das für den Unterricht heisst. Muss man dort heute noch vor Facebook warnen oder sollte man nicht schon stärker auf die „neuen“ Sterne am Internet-Himmel wie WhatsApp oder Ask.fm eingehen?

Solche kleinen Forschungsprojekte mit Studierenden schärfen den Blick und vermitteln neue Erkenntnisse, die in der „offiziellen Forschung“ erst viel später verbreitet werden. Was will man denn noch mehr, wenn Forschen bei Studierenden in der Lehrerbildung Thema sein soll? Nein, forschendes Lernen in diesem Sinn ist gewiss kein „akademischer Leerlauf“.

2. September 2013

Lehrplan 21 und Informatik

Um den Lehrplan 21 hat sich eine Diskussion um die Informatik entspannt. Als neuster Vorschlag soll in der Sekundarstufe I der Aspekt „Information“ in den Bereich der technischen Fächer integriert werden. Der Kompromiss hat einiges für sich, enthält allerdings auch Stolpersteine. Dazu mein Artikel im Journal 21

19. August 2013

Stifte, Handys und Tablets für das Kindergarten-Alter

Für unsere Kleinsten kommen immer mehr elektronische Programme und Geräte auf den Markt. An dieser Stelle wurde schon über digitale Hör- und Lesestifte wie Tiptoi berichtet. Mein damaliges Fazit: ein nettes Gadget aber kein „Must“ fürs Kinderzimmer.

Hör- und Lesestifte

Seitdem hat sich in dem Markt viel bewegt. Da gibt es auch Stifte wie Any Book von Franklin, die man selbst bespielen kann, indem man ins Bilderbuch einen Marker klebt. Wer dann diese mit dem Stift berührt, kann die Bilderbuchseite –z.B. von Mama oder Papa vorgelesen – abhören. Doch warum dann nicht gleich richtig vorlesen?

Allerdings kann der Stift mehr als nur selbst aufgenommene Geschichten vorlesen. So schreibt ein Lehrer ganz begeistert. „Von den 3 Stiften ist der AnybookReader ganz besonders für die Schule zu empfehlen, für den Unterricht mit nicht lesenden oder nur schlecht lesenden Schülern. Zum Vorlesen von Wörtern oder Texten, so können sich die Schüler Texte und Arbeitsanweisungen selbständiger erarbeiten und ich als Lehrer kann mich auf Schüler konzentrieren, die bei den Aufgaben selbst Probleme haben.“ Der Lesespass ist allerdings nicht ganz billig – vor allem wenn man mehr als einen Stift benötigt (rund 90€ kostet das gute Stück).

Kindertablets

Ebenfalls wurden in diesem Blog die speziellen Kindertablets besprochen. Ich habe das als ziemlich überflüssiges Angebot empfunden, weil die fast gleich grossen Erwachsenen-Tablets qualitativ ein gutes Stück besser sind – von der Verarbeitung, vom Ton, von der Lesbarkeit des Displays.

Kinderapps

Vor allem in den letzten Monaten haben sich nun die Kinderapps für Handys und Tablets fast explosionsartig vermehrt – vor allem für iOS und Android. Allerdings ist hier zu empfehlen, solche Software vor allem auf dem Tablet und weniger auf dem Handy einzusetzen. Denn wo die Bildschirme animiert werden – und das ist der Sinn der Sache, da haben Kleinkinder grosse Mühe m it ihren Patschhändchen die richtige Stelle auf den Mini-Bildschirmen der Handys zu finden.

Die Vielseitigkeit des Angebots zeigt aber auch, dass das Spielen und Lernen am Tablet mehr ist als nur ein Hype, dessen Attraktivität nach kurzer Zeit wieder total erlahmt. Eine breite Übersicht über Kinderapps findet sich auf der Website: http://bestekinderapps.de

Positive und negative Seiten solcher sollen hier an einigen Vertretern dieser Kinderprogramme kurz aufgezeigt werden:

schlafgut„Schlaf gut und träum was Schönes“ heisst eine App, die zum Einschlafen der Kleinsten geeignet ist. Die Tiere im Zoo gehen schlafen, wobei die Kinder aufgefordert werden, die Häuser der einzelnen Tiere zu besuchen. Sie können sie dort bewegen oder auch einmal den Elefanten trompeten lassen. Doch dann löschen sie das Licht und die Tiere schlafen gleich ein. Die Geschichte ist also ganz einfach, aber sehr liebevoll animiert. Man kann nun dagegen halten, dass es einem Kind da schnell langweilig wird, wenn es tagtäglich mit dieser Geschichte eischläft. Doch Kinder brauchen eben auch die täglichen Rituale – und eines davon könnte das Lichterlöschen im Zoo sein, von dem die Kinder zum Erstaunen der Erwachsenen – nicht genug bekommen können.

Kleiner-Eisbär-iOS-iPhone-iPad-AndroidAuch Kinderbücher wie „Kleiner Eisbär wohin fährst du“ von Hans de Beer werden als App umgesetzt. Hier steht die wunderschön illustrierte Geschichte – heute ein Kinderbuchklassiker – im  Mittelpunkt, die von einem Vorleser erzählt wird. Der ruhige Charakter des Buches wird auch in seiner elektronischen Fassung unterstrichen, indem es nur wenige Animationen gibt, auf die man klicken kann – und worauf sich z.B. der kleine Eisbär bewegt. Dazu gibt es einen Teil mit Spielen – für mich ein problematischer Aspekt. Denn diese Spiele stören den ruhigen Ablauf der Geschichte. Man stürzt hinein und findet kaum zurück – vor allem wenn ein Spiel über mehrere Levels geht. Da bleibt man dann doch lieber beim ursprünglichen Bilderbuch und animiert es durchs eigene Vorlesen mit Any Book, wenn es denn sein muss.

ZahlenrabeDen früheren Lernprogrammen für den PC nachempfunden ist die App Zahlenrabe, in welcher der Rabe Theo die Zahlen entdeckt. Gegenüber den klassischen Lernprogrammen wird aber nicht mit der Maus geklickt, sondern man wischt über den Bildschirm und setzt so ein Huhn an die für es vorgesehene Stelle, umkreist eine gewisse Anzahl von Schafen oder zeichnet auf dem Bildschirm mit dem Finger Zahlen von 1 bis 5 nach. Und natürlich ist auch hier der Bildschirm liebevoll und spassig animiert – wenn man auf die richtigen Stellen drückt. Allerdings kann man sich fragen, ob es zum Zählen lernen eine spezielle App braucht, oder ob es im realen Alltag nicht genug Gelegenheiten dazu gibt.

Animal OrigamiWenn nun aber kritisiert wird, die elektronischen Apps entführten die Kinder in die künstlichen Welten, so ist dies lange nicht immer der Fall. So gibt es zum Beispiel auch eine ganze Reihe von Bastel-Apps: Eine App wie Animal Origami enthält Anleitungen, wie man Tiere falten kann. Mit Drawnimal kann man mit einfachen Formen Tiere malen. Das iPad dient als Tierkopf, während man die Umrisse mit einem Stift dazu malt. Dazu heisst es auf der Website von iTunes: „Die App hilft dabei, den digitalen Bildschirm mit simpler physischer Interaktion zu verlassen. Drawnimal zeigt Kindern, wie sie können. Die lustigen Animationen motivieren dazu, das Alphabet auf spielerische Art und Weise zu lernen.“ Das sind zweifellos noch bescheidene Ansätze, um Online- und Offline-Welt miteinander in Verbindung zu bringen. Aber eine Richtung für die kommende Entwicklung wird hier aufgezeigt.

 

Was an den Beispielen deutlich wird: Es gibt immer mehr und unterschiedliche Apps. So kann man nicht mehr einfach pauschal urteilen, ob Tablets im Kinderzimmer eine Rolle spielen sollen oder nicht. Das hängt ganz von den Apps und der pädagogischen Haltung der Eltern ab. Vielleicht will man den kleinen Eisbär lieber als Buch haben, findet aber ein animiertes Wimmelbuch für seine Kleinen anregend und lustig. Und neben der Gute-Nacht-Geschichte hat manchmal auch der Zoo Platz, der schlafen geht.

Meine Vermutung

Tablets könnten bald einen Stammplatz in den Kinderzimmern erhalten. Doch sie sind nicht einfach als Babysitter zu gebrauchen. Manche Apps brauchen etwas Anleitung von Papa oder Mama, damit der Spielespass für die Kleinsten auch greift. Und ganz aus den Augen lassen sollte man die Geräte ohnehin nicht. Denn sie sind zu teuer, als dass man sie unbeaufsichtigten Kids als Wurfgeschosse überlassen sollte.

11. August 2013

Hilfe! Facebook will meine Handynummer

Eine nette Überraschung am Sonntagmorgen: Facebook will meinen Account sicherer machen. Da wird doch automatisch die Meldung eingeblendet: „Füge deine Telefonnummer hinzu, um dein Konto zu schützen und mehr.“

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Dabei sollte doch schon jeder  Primarschüler wissen, dass man seine Telefonnummer nicht auf dem Netz publizieren soll. Mindestens steht das überall dort, wo es Empfehlungen zu Facebook und anderen sozialen Medien gibt. Das gilt ab jetzt nicht mehr: Man muss die Telefonnummer angeben, wenn man sich richtig schützen will.  Und warum das alles? Facebook erklärt gemäss der Website Mimikama:

„Dabei handelt es sich um eine Sicherheitsmaßnahme, mit deren Hilfe wir bestätigen können, dass du eine echte Person bist, die nur über ein Facebook-Konto verfügt. Um deine Identität nachzuweisen, musst du lediglich den Anweisungen auf der Seite zum Hinzufügen deiner Handynummer folgen. Sobald wir deine Identität verifizieren können, kannst du erneut auf dein Facebook-Konto zugreifen. Wir werden dich ohne deine Einwilligung nicht per Telefon kontaktieren.“

Und schon auf der Facebook-Meldung steht, dass hier „Nur-Ich“ eingestellt wird. Andere können also meine Handynummer nicht mitlesen. Kann man also Entwarnung geben?

Beruhigend scheint mir das nicht. Nein, wenn man denkt, wie häufig Facebook seine Profileinstellungen wechselt und man sie neu anpasst. Da kann man dann leicht auch mal etwas ändern, was man gar nicht wollte, wenn man die Einstellungen anpasst. Und zudem bin ich skeptisch, wenn ein kommerzielles Unternehmen plötzlich meine Handynummer will – auch wenn man  heute noch hoch und heilig versichert, das werde nie für weitere Zwecke genutzt. Aber auch für Jugendliche ist es wenig hilfreich und verwirrlich, wenn eine Grundregel des Umgangs mit dem Internet plötzlich total umgestossen wird: Man muss zu seiner Sicherheit jetzt genau das tun, was bisher ein „No go“ war – wobei das ja nur für Facebook gilt.

25. Juli 2013

Wie naiv ist die Medienpädagogik?

Filed under: Medien,Medienbildung,Medienpädagogik — heinzmoser @ 10:28
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Ist die Medienpädagogik zu stark auf Medienkritik fixiert? Das ist der Tenor eines Artikels von Philippe Weber und Andreas Pfister in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 25. Juli 2013. Dies sind ganz neue Prügel, welche die Medienpädagogik einstecken muss. Bisher war es gerade umgekehrt: Manfred Spitzer und andere medienkritische Autoren warfen unserer Disziplin einen naiven und verharmlosenden Blick auf die Gefahren der Medien vor. Nur zur Erinnerung ein einschlägiges Zitat aus Spitzers Buch zur „Digitalen Demenz“:

„Aber Herr Spitzer, jetzt übertreiben Sie wirklich maßlos!“, höre ich Medienpädagogen (die von den Medien ja leben und sich aus genau diesem Grund nicht kritisch äußern), Vertreter der freiwilligen Selbstkontrolle und der Medien selbst schon sagen. Das ist zu erwarten. Traurig und aus meiner Sicht viel gefährlicher ist, dass sogar Kirchenvertreter, Politiker, das Gesundheitsministerium, das Bildungs- und Forschungsministerium,die Bundeszentrale für politische Bildung und die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags in das Hohelied auf die digitalenMedien völlig kritiklos einstimmen (S. 26).

Nun aber attakieren die zwei Gymnasiallehrer aus Zug die Medienpädagogik von der anderen Seite:

„Mit missionarischem Eifer ausgerückte Aufklärer und Medienlehrer, gesandt, um angeblich naive Jugendliche vor den Gefahren des Internets zu warnen, sehen sich heute konfrontiert mit einer neuen Situation: Kritik an den Medien ist längst zu einem Allgemeinplatz geworden – auch für Teenager.“

Wan an dem NZZ-Artikel ärgerlich ist, hängt mit dem Verfahren zusammen, das die Autoren anwenden: Erst bauen sie einen Popanz „Medienpädagogik“ auf, dem sie eine naive Form von „missionarischen Eifer“ unterstellen, um dann umso härter auf ihr Konstrukt einzuprügeln. Doch es ist ja keineswegs die Disziplin der Medienpädagogik, welche mit einem naiven Begriff von Mediengefahren hantiert. Vielmehr sind es Mediziner und Neuropsychologen wie Spitzer, sowie in der Schweiz die neue Zielsetzungen suchende Organisation Pro Juventute oder die Suchtprävention betreibenden Fachleute aus der Polizei, welche auf diese Weise Medienaufklärung betreiben.

Wenn die beiden Autoren dagegen von einer fundierten Medienkritik  Einsicht sowohl in die Konstruiertheit der Medien als auch in die Relevanz dieser Konstrukte verlangen, so ist dies eine Position, welche zu den Grundüberlegungen einer Medienbildung gehört. Die Medienpädagogik versteht sich seit ihrem Beginn in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts denn auch nicht als Fundamentalkritik, sondern als Fürsprache für die Medien als Ressource für eine zeitgemässe Erziehung und Bildung – was ja Autoren wie Spitzer so auf die Palme gebracht hat. Schliesslich kann man aus einer medienpädagogischen Perspektive nur zustimmen, wenn die beiden Autoren in der NZZ festhalten: „Je gründlicher die Kritik, desto höher die Einsicht in die Relevanz. Medienkritik ist eine notwendige Voraussetzung, nicht um über Medien zu schimpfen, sondern um Leistungen und Qualität von Medien überhaupt erst wahrnehmen zu können.“

So könnte man den Bericht der NZZ als Sturm im Wasserglas bezeichnen, der hilft das publizistische Sommerloch zu füllen. Doch was ich problematisch finde, das ist die darin ausgesprochene Tendenz, Medienpädagogik auf Medienkritik zu verkürzen. Bereiche wie die Mediendidaktik, wo aufgezeigt wird, wie produktiv mit Medien im Unterricht gearbeitet werden kann, werden nicht erwähnt. Aber auch die Aufgabe, Studierenden in der pädagogischen Ausbildung Wissen zur Mediensozialisation oder grundlegendes Wissen aus den Medienwissenschaften zu vermitteln, wird ausgeblendet. Überall werden hier die Medien als zentrale Ressource für das Leben im 21. Jahrhundert betrachtet – und nicht unter der verkürzenden Formel: Medienpädagogik = (naive) Medienkritik.

Zum Schluss muss aber auch eine Lanze für die Medienkritik gebrochen werden: All die Vorgänge um die grossflächige Datenspionage, die in den letzten Wochen aufgeflogen sind, legen es auch aus aktuellem Anlass nahe, nicht einfach an gutwillige Medien zu glauben, die den heutigen Jugendlichen und Erwachsenen lediglich das Leben erleichtern wollen und Spass und Unterhaltung verschaffen. Je mehr das Internet durch kommerzielle und politische Interessen bestimmt wird, umso wichtiger werden hier auch medienkritische Einsichten. Studierende der PH Zürich haben in einer noch unveröffentlichten Untersuchung die Richtung angegeben, die sie für solche Aktivitäten wichtig finden. Sie wollen den Schülerinnen und Schülern durch Hinweise auf Gefahren der Medien keineswegs den Umgang mit Medien vermiesen. Vielmehr möchten sie diese durch medienkritische Aktivitäten „immunisieren“ und sie darin zu unterstützen, Medien als produktive Ressourcen in Schule und Freizeit medienkompetent zu nutzen. Das hat nun aber rein gar nichts damit zu tun, dass Medien „zum Abschuss“ freigegeben werden sollen,so wie es die beiden Autoren der Medienpädagogik pauschalisierend unterstellen.

22. Juli 2013

Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung

Es hört sich widersprüchlich an: Im Lehrplan 21 sind ICT und Medien erstmals klar und verbindlich positioniert und dennoch droht die Medienbildung damit im gleichen Zug als eigenständiger fachdidaktischer Bereich zu verschwinden.

Diese These hängt mit dem fachübergreifenden Konzept zusammen, dass im Bereich von ICT und Medien verwirklicht wird. Denn die Medienbildung erhält kein eigenes Fach in der Schule, sondern wird unter den „fachübergreifenden Themen“ geführt, die in den bestehenden Fächerkanon integriert werden. Rein taktisch gesehen ist dies eine kluge Lösung, da die Widerstände gegen ein eigenes Fach im Verteilungskampf der schulischen Fächer gross wären. Faktisch ist es zudem einleuchtend, dass Medien in fast allen Fächern der Schule eine Rolle spielen und deshalb dort auch ihren Platz beanspruchen.

Kompetenzen mit Querverweisen

Als Beispiel für diese integrierte Lösung soll hier ein Ausschnitt  zur Zielsetzung genommen werden, die wie folgt formuliert ist: „Die Schülerinnen und Schüler können über Primärerfahrungen, über Medien vermittelt oder in virtuellen Lebensräumen etwas über die Welt erfahren. Sie können sich in den verschiedenen Lebensräumen angemessen verhalten und kennen dabei die entsprechenden Gesetze, Regeln und Wertesysteme“ (S. 11)

Dazu sind folgende Kompetenzen formuliert:

Lehrplan 1

 

Ersichtlich wird hier, dass auf der rechten Seite Querverwiese auf die Lehrpläne anderer Fächer stehen. Für den integrativen Charakter der Medienbildung bedeutet dies, dass der Unterricht wohl in diesen Fächern erfolgt, also im Lehrplan „Sprachen“ oder „Natur, Mensch, Gesellschaft“. Problematisch ist dabei, dass dadurch der Bereich „Medien und ICT“ völlig aufgesplittert und beliebig wird – je nachdem, welche der Querverweise dann gerade im Unterricht aufgenommen werden.

Was dies bedeutet, wird klarer, wenn man die Querverweise in der zugeordneten Fachdidaktik nachschlägt – etwa die unter 1 a und b genannten: Im Lehrplan Sprachen findet man dazu unter dem Titel des monologischen Sprechens:

Lehrplan 2

Die Kompetenzen der Medienbildung lassen sich zwar auf die Formulierungen der Fachdidaktik Sprachen beziehen; dort geht es aber nur am Rand um Fragen einer Medienbildung. Wesentlich ist die Fähigkeit, Erlebnisse und Erfahrungen in Worte zu fassen oder Beobachtungen wiederzugeben. Die Intention der im Lehrplan ICT und Medien beschriebenen Kompetenzen sind hier keine schwergewichtigen Ziele mehr. Es könnte deshalb leicht passieren, dass diese im Zug der Stoffüberlastung in den Sprachfächern dann ganz vergessen gehen.

Unklare Zuständigkeiten

Noch problematischer ist es, wenn zu den Kompetenzen im Bereich der Medienbildung gleich eine ganze Auswahlsendung von Querverweisen mitgeliefert wird, wie etwa bei folgendem Beispiel:

Lehrplan 3

Es ist ja gut und richtig, dass die Nutzung der Medien für den eigenen Lernprozess in vielfältiger Weise erfolgen sollte. Doch hinter dem Potpourri der der Querverweise verschwindet der Gedanke der Medienbildung – nämlich, dass es darum geht, diese Auswahl der Medien medienkritisch zu begleiten und dabei die verschiedenen Möglichkeiten miteinander zu vergleichen. So bezieht sich einer dieser Querverweise auf die Schreibstrategien im Französischunterricht: „Die Schülerinnen und Schüler können eigene Schreibstrategien zielgerichtet anwenden, wenn sie nach Bedarf unterstützt werden (z.B. Informationen sammeln, Mindmap, Cluster erstellen, um den Text vorzustrukturieren, Vokabular in verschiedenen Medien selbstständig suchen, Text überarbeiten durch sorgfältiges Nachlesen und ins Reine schreiben).“ Auch hier spielen Fragen der Medienwahl wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Zum Schluss  stellt sich die Frage, was mit den Inhalten geschieht, die keine Querverweise auf die Fächer enthalten. Auch sie müssen ja integriert und in einem Fachbezug unterrichtet werden. Fallen Sie vielleicht zum Vorneherein schon weg, weil sie gleichsam im luftleeren Raum stehen? Oder ist hier die Nische, welche für die Fachdidaktik ICT und Medien übrig bleibt?

Wer bildet für den Lehrplan aus?

Soweit sind Fragen des Unterrichts betroffen, die mich als Medienpädagoge nachdenklich stimmen. Dazu kommt aber auch die Frage nach der Vermittlung an der Hochschule. Wo sollen diese an den Schulfächern ausgerichteten Medieninhalte in der Lehrpersonenausbildung vermittelt werden? Sind es die Fachdidaktiken der Fächer, die in den Querverweisen bezeichnet sind, oder gibt es (weiterhin) eine eigenständige Fachdidaktik „ICT und Medien“ an den PH’s. Wenn man allein von den Querverweisen ausgeht, dann könnten die zugeordneten Fachdidaktiken ja  schnell zur Überzeugung kommen, eine eigenständige Fachdidaktik Medienbildung sei überflüssig. Ein unerwünschtes Szenario wäre es wohl, auf der einen Seite Professuren für Informatik zu schaffen und den Rest gleich an die einzelnen Fächer zu delegieren. Was so zukunftsweisend als Lehrplan „ICT und Medien“ daherkommt, könnte sich unter ungünstigen Umständen als Danaergeschenk entpuppen.

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man als Vergleichsbeispiel den ebenfalls fächerübergreifenden Lehrplan zu Beruflichen Orientierung beizieht. Hier gibt es viel weniger Querverweise, und man spürt heraus, dass es um eine unbestrittene Thematik mit einem eigenen Schwergewicht geht. Auch die Verortung ist klar: „Es ist zu empfehlen, dass die Verantwortung für die Berufliche Orientierung in der Schule bei einer Klassenlehrerein oder einem Klassenlehrer liegt. Sie oder er kennt die Schülerinnen und Schüler in der Regel am besten und kann sie darum in dieser anspruchsvollen Phase individuell und professionell betreuen.“ (S.3)

Ein stützender Rahmen ist zwingend

Meines Erachtens hat dieser Lehrplan nur dann eine Chance, wenn er die fachdidaktischen Inhalte der Medien nicht einfach aufsplittert und verteilt. Vielmehr müssen in die Thematik der betroffenen Schulfächer breite Medienthemen einbezogen werden, die medienbildnerischen Überlegungen Raum und Inhalt geben. Wenn es schon kein Fach „Medien und ICT“ gibt, dann müssten in den zugehörigen Fächern zeitliche Gefässe geschaffen werden, wo gezielt und vertieft die Perspektive der Medienbildung Eingang findet. Genau darauf hätte die Fachdidaktik der Medienbildung die Studierenden vorzubereiten – und nicht die anderen Fachdidaktiken, deren Sichtweise von ganz anderen fachlichen Überlegungen bestimmt wird. Wenn es zutrifft, dass die Bildung der eigenen Persönlichkeit, der kulturellen Identität, der Erwerb personaler und sozialer Kompetenzen heute auch in der Auseinandersetzung mit Medien geschieht (S.1), so ist es unabdingbar, dass diese Auseinandersetzung in der Schule von medienpädagogisch geschulten Lehrpersonen aufgenommen wird.

Zudem wäre es sinnvoll, über die Schuljahre von den Schülerinnen und Schülern ein Portfolio Medienbildung erarbeiten zu lassen, das der fachübergreifenden Thematik der Medien einen festen Rahmen gibt und immer wieder auf wesentliche Gesichtspunkte der Medienbildung zurückführt. Darin könnte jener Kern der Auseinandersetzung mit den Medien deutlich werden, der sonst in der Zersplitterung der Medienbildungsinhalte zerfasert und verloren geht.

20. Juli 2013

Lehrplan 21: Ein Schritt zu einer breiten Medienbildung

Der gesamtschweizerische Lehrplan 21 wird auch einen Lehrplan „ICT und Medien umfassen“. Nachdem das offizielle Dokument publiziert ist, möchte ich darauf mit einigen Überlegungen eingehen und den Entwurf auch kritisch würdigen.

Man muss primär attestieren, dass es sich um einen grossen Schritt in Richtung Verankerung von Medieninhalten in der Schule handelt. So wird damit vom gesamten Lehrplanwerk der Schweizer Volksschule anerkannt, dass die heutige Lebenswelt von Medien durchdrungen ist und einen kompetenten und mündigen Umgang mit ihnen erfordert (S.1). Positiv ist auch, dass es gelungen ist, die vielerorts separierten Lehrplanteile einer „Informatik“ und einer „Medienerziehung“ zu integrieren. Allerdings ist mir uneinsichtig geblieben, warum durchgängig von „ICT und Medien“ gesprochen wird; geht es doch letztlich um eine Thematik, die man präziser als „Umgang mit digitalen Medien“ bezeichnen könnte (auch Bücher sind ja heute letztlich digital produzierte Medien).

Dementsprechend ist die Medienbildung breit aufgestellt, wobei sie sich an drei Kompetenzbereichen ausrichtet (S. 5):
– Kennen und Einordnen von Medien
– Auswählen und Handhaben von Medien
– Sich-Einbringen mittels Medien.

Schade ist allerdings, dass die Reflexion auf die Medien – als Kern der Medienbildung – nicht ebenfalls als autonomer Kompetenzbereich definiert wird, sondern in den Aspekt des Sich-Einbringens mittel Medien ausgelagert wurde. Zwar kommen in den konkreten Ausführungen zu Zielen immer wieder Reflexionsaspekte vor; wünschenswert wäre aber eine konsequente Akzentuierung der Medienkritik in einem eigenen Kompetenzbereich, wie er zum Beispiel bereits in den 90er Jahren von Dieter Baacke analytisch, reflexiv und ethisch angedacht wurde.

Die Konkretisierung der Kompetenzbereiche

Gelungen sind die Ausformulierungen von konkreten Zielsetzungen in den Kompetenzbereichen – etwa wenn es beim „Kennen und Einordnen von Medien“ unter fünftens heisst: „Die Schüler und Schülerinnen können Wirkungen der Medien aus sich erkennen und diese bei der Steuerung der Mediennutzung einbeziehen.“ Formuliert werden auf diese Weise – auf drei Altersstufen (sog. „Zyklen“) bezogen –  eine Art von Bildungsstandards, die dann weiter konkretisiert werden. Das beginnt mit sehr elementaren Zielen, wenn es etwa im Rahmen des 1. Zyklus heisst: „Die Schülerinnen und Schüler können Medien aus ihrem Lebensbereich benennen und über deren Inhalte sprechen.“ Auf der Ebene des 3. Zyklus wird es dann komplexer: „Die Schülerinnen und Schüler können argumentieren, wo Chancen und Risiken von Erfahrungen und Handlungen in der physischen Umwelt in medialen Welten und virtuellen Lebensräumen liegen.“ Insgesamt handelt es sich also um eine Spiralcurriculum, das geeignet ist, Erfahrungen aufzubauen und zu vertiefen. Allerdings wird man auf der untersten Ebene die Kinder nicht unterschätzen dürfen: Ob es hier wirklich ein Lernziel sein muss, Medien aus dem eigenen Lebensbereich benennen zu können, ist eher zweifelhaft. Das scheint mir schon fast zu selbstverständlich.

Der Reflex auf die Informatikdebatte

Was besonders auffällt, das ist die Reaktion auf die Debatte um den Informatikunterricht in der Schule. So wird im Kompetenzbereich „Kennen und Einordnen von Medien“ ein Akzent auf Datenstrukturen, Algorithmen und die Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen gelegt. Die verstärkte Aufnahme von Inhalten um Datenstrukturen und Steuerung im Bereich von ICT ist dabei positiv zu werten. Die damit verbundenen Fragen sind in den letzten Jahren in der Diskussion um die Medienbildung etwas zu stark in den Hintergrund getreten.

Insgesamt scheint es mir richtig, auf der Volksschulstufe auf einen fächerorientierten Informatikunterricht zu verzichten, aber allgemeinbildendes Hintergrundwissen zur Informatik  im Unterricht aufzunehmen. Das ist ähnlich wie bei elektrischen Geräten, wo man wissen will, wie es funktioniert, wenn man den Strom ein- und ausschaltet. Problematisch erschiene es dagegen, das Programmieren unter der Analogie einer grundlegenden „Alphabetisierung“ in der Volksschule zu forcieren. Denn die technisch geregelten Computersprachen sind doch stark von der natürlichen Sprache zu unterscheiden. Dass die fachbezogene Anbindung der informatischen Kenntnisse lediglich an zwei Stellen in Richtung der Mathematik erwähnt wird,  zeigt allerdings noch Handlungsbedarf. Es wäre sicher sinnvoll im Rahmen der Fachdidaktik Mathematik einen noch stärkeren informatischen Akzent zu legen.

„Primäre Erfahrungen“ und Tastaturschreiben

An einigen Stellen wirkt der Lehrplan aber auch etwas altbacken. So wird mehrfach auf den Unterschied zwischen virtuellen und realen (primären) Erfahrungen Bezug genommen. An einer heisst es dazu: „ Die Schülerinnen und Schüler können an einfachen Beispielen Vor- und Nachteile von Primärerfahrungen, Medienbeiträgen und Erfahrungen in virtuellen Lebensräumen beschreiben (z.B. als Naturerlebnis, Film, Geschichte, Lernprogramm)“ (S.11). Hier wird die Medienpädagogik der 90er Jahre aufgenommen, wo das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität bzw. der Flucht aus der Realität ein grosses Thema war. Seit den Web 2.0 und den Sozialen Medien wissen wird, wie stark diese beiden Bereich miteinander verflochten sind. Es sind keine unterschiedlichen Lebensräume, wie es die Autoren suggerieren. Um es ganz klar zu sagen. Für viele heutige Kinder und Jugendliche sind Medienerfahrungen in vielen Lebensbereichen auch zu Primärerfahrungen geworden.

Etwas merkwürdig wirkt der im Folgenden zitierte Abschnitt zum Tastaturschreiben:

Tastaturschreiben

Es wird hier richtig gefragt, wie stark das Zehnfingersystem in der Volksschule angesichts der ganz unterschiedlichen Eingabesysteme heutzutage noch bedeutsam sei. Schon auf dem Handy ist es ja kaum möglich mit zehn Fingern zu schreiben. Trotzdem soll dann schon im 1. Zyklus ergonomisch und „richtig“ getippt werden. Es sieht also so aus, dass das Zehnfingersystem dann doch wieder durch die Hintertür hereinkommt – und wenn auch nur im 2. Zyklus im Rahmen der individuellen Schulung mittels „geeigneter“ Tastaturschreibprogramme. Diese Bocksprünge sind nicht richtig nachzuvollziehen – vor allem wenn man sieht, wie schnell sich die Eingabesysteme in der digitalen Alltagswelt verändern.

Der zweite Teil der hier formulierten Überlegungen wird auf die Probleme eingehen, die man sich mit dem fächerübergreifenden Konzept der Medienbildung im Lehrplan 21 einhandelt. Diese sind meines Erachtens gravierend. Deshalb steht er unter dem Titel: „Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung“

6. Juli 2013

Lernen mit sozialen Medien – eine Rezension

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Nachdem Facebook und soziale Medien die Nutzung des Internets bei Jugendlichen immer mehr prägen, ist es auch für Schulen zu einem zentralen Diskussionsthema geworden. Da kommt es gerade richtig, wenn Philippe Wampfler einen Leitfaden zu diesem Thema geschrieben hat (Facebook, Blogs und Wikis in der Schule, Göttingen 2013). Denn nicht immer ist so ganz klar, was man mit Medien wie dem Facebook-Account in der Schule anfangen könnte – und ob vielleicht der Hype um die „Social Media“ nicht reichlich übertrieben ist.

Der Autor führt in seinem Buch erste einmal kundig in das Thema der sozialen Medien ein und betont, dass soziale Netzwerke im Kern aus Profilen bestehen, die im Austausch von Inhalten Beziehungen zueinander aufbauen. Mit anderen Worten: Es sind vor allem kommunikative Funktionen, welche diese bestimmen. Dabei ist die Reziprozität der Kommunikation besonders wichtig, wie sie unter dem Stichwort des Web 2.0 als partizipatives Mitmachnetz betont wird.

In diesem Zusammenhang sieht Wempfler ein enormes Potenzial für Schule und Schulentwicklung. So würden auch immer mehr Anwendungen entwickelt, welche die Bedürfnisse von Lehrpersonen berücksichtigen – etwa das Programm Facebook für Schulen mit dem dazugehörigen „Educators Guide“, der technische Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten in der Schule zeige. Besonders zentral ist für den Autor der Beitrag der sozialen Medien zum Wissensmanagement:

„Der entscheidende Schritt ist, Social Media als ein Werkzeug für Wissensmanagement zu verstehen. Dazu müssen die Vorurteile ausgeräumt werden, auf Facebook würden hauptsächlich unterhaltsame Bilder publiziert und Twitter diene dazu, Kalauer zum Zeitgeschehen abzusondern. Fast alle relevanten Inhalte sind auch in Social Media präsent: Zeitungsartikel, Fachaufsätze und Studien werden verlinkt, kommentiert und diskutiert, in Netzwerken von Fachpersonen“ (S. 99).

Aber es geht dabei nicht nur um die Aneignung des Wissens, sondern im Sinne des Web 2.0 soll von Schülerinnen und Schülern sowie von Lehrpersonen immer mehr auch user generated content entwickelt werden. Das Lernen selbst verändere sich. Es werde individueller, freiwilliger und offener: „Dabei löst es sich von einem institutionellen Rahmen, der Zeit und Raum strukturiert. Immer häufiger treten neben schulisch strukturierte Lernprozesse private, selbstgesetzte, vernetzte“ (S. 107).

Es stellt sich so die Frage, welche Bedeutung die Institution  Schule in einer von Medien geprägten Zukunft noch haben wird. Schon heute ist nach Wempfler nicht auf die Schule angewiesen, wenn man eine Sprache wie Chinesisch lernen wolle. Apps und Smartphones ermöglichten hier ein multimediales Lernen – bis hin zum Austausch mit Chinesisch sprechenden Lehrerinnen und Lehrern.  Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Videos der Khan-Academy, die heute schon vielen Jugendlichen als Nachhilfeunterricht in mathematisch-naturwissenschaftlichn Fächern dienten.

Was sich beim Lesen dieses Buches allerdings im Verlauf der Lektüre immer deutlicher zeigt, das ist die Herkunft des Autors aus dem Gymnasialbereich. Wenn es ums Recherchieren, um das Schreiben in Wikis und Blogs geht, sind es immer kognitive und kommunikative Aktivitäten, in denen die Social Media ihre Stärken beweisen. Doch die dabei vorausgesetzte sprachliche und argumentative Souveränität dürfte auf der Volksschulstufe noch weitgehend fehlen. Beim selbständigen Lernen in Projekten orientiert sich Wempfler denn auch am Gymnasium – etwa wenn er das „Freie Abiprojekt Methodos“ als Beispiel heranzieht. Dagegen wird das in der Schweiz wichtigste Netzwerk für die Volksschulen, das educanet², an keiner Stelle erwähnt – auch nicht dort, wo es um die persönlichen Lernnetzwerke geht.

Wie frei kann aber das Lernen in der Volksschule generell gestaltet werden? Hier geht der Trend im Moment eher auf die Standardisierung und die Festlegung sowie Überprüfung  von Grundkompetenzen hin. Auch der eben vorgestellte Lehrplan 21 beisst sich mit den vorgestellten Idealen einer dialogischen Kommunikation in Netzwerken, die – so Wempfler – „Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen“. Der Sympathie für offene Lernformen kann man sich anschliessen, allerdings mit drei Relativierungen:

1. Gerade in der Volksschule kann man die dialogischen Fähigkeiten (Schreiben, Lesen und Texte reflektieren) die bei der Arbeit in Netzwerken notwendig sind, nicht einfach voraussetzen. Etwas wenig steht jedoch im Buch dazu, wie diese Kompetenzen in Primar- und Sekundarschule schrittweise erst aufgebaut werden können. So fehlen zum Beispiel Hinweise zu den WebQuests, die geeignet sind Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu selbständigem Arbeiten mit den Inhalten des Netzes zu unterstützen. Aber auch die Bedeutung des visuellen Lernens, das mit Fotos und Videos stark auch Veranschaulichung ermöglicht, tritt zu wenig deutlich hervor. Wie diese Seite des digitalen Lernens verstärkt genutzt werden kann, zeigt zum Beispiel das von uns an der PH Zürich durchgeführte Sekundarschul-Projekt zu visualisierten Berufswünschen im Berufswahlunterricht.

2. Zwar ist die Forderung, dass die Schule die zentrale Bedeutung von Kooperation, Dialog, Wissensmanagement  und persönlichen Netzwerken stärker anerkennen müsste gerechtfertigt. Allerdings schwingt in der Begeisterung für informelles Lernen, learner generated content und MOOCS (Massive Open Online Course) manchmal ein etwas euphorischer Ton hinein. So wird unterschätzt, dass in viele Lehrmittel auch ein inhaltliches und methodisches Knowhow einfliesst, das bei manchen holprigen Online-Vorlesungen auf MOOCS-Basis oder ad hoc entwickelten Lerneinheiten vermisst wird. Die Expertise der Fachdidaktiken sollte jedenfalls für die Gestaltung des Unterrichts nicht unterschätzt werden

3. Es stellt sich auch die Frage, ob es ausreichen würde, die Schule auf die Abgabe von Zertifikaten und Prüfungsleistungen zu reduzieren, während das Lernen selbst an Netzgemeinschaften und privates Engagement ausgelagert würde. Meines Erachten würde dann der heute viel beschworene digitale Graben erst richtig ausgehoben. Ehrgeizige Mittelschichteltern würden alles tun, um ihre Kinder mit den besten und ausgeklügeltsten Netzangeboten zu füttern, während die schwachen Schülerinnen und Schülern beim selbstorganisierten Lernmenü auf der Strecke blieben.

 

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