Medienwelten

7. Juni 2013

Medienbildung und Informatik in der Schule

Filed under: Medienbildung,Medienpädagogik — heinzmoser @ 21:34
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Noch in den Neunzigerjahren ging es darum, ICT im Unterricht unter dem Stichwort der Medienkompetenz zu verankern. Doch in der Zwischenzeit hat sich dieses Verhältnis getrübt. Aus der gemeinsamen Stossrichtung ist Konkurrenz erwachen. Dies ist die Thematik meines kürzlichen Artikels im Journal 21:

Informatik

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8. März 2013

Zoff in der Schweizer Medienwissenschaft und das Mauerblümchendasein der Medienpädagogik

Staub aufgewirbelt hat in den letzten Tagen die Suche der Nachfolge für Heinz Bonfadelli an der Universität Zürich. Weil bei der Wiederbesetzung ein Streit  um die angebliche Bevorzugung deutscher Kandidaten ausgebrochen war, musste die Leitung der Universität das Verfahren zur Berufung eines neuen Publizistikprofessors sistieren. Nun kann man natürlich argumentieren, dass  nach dem Rücktritt von Bonfadelli ein Kenner der schweizerischen Medienlandschaft fehlt. Doch nach dem was man der Presse entnehmen konnte, haben einige der Bewerber/innen schon einige Zeit in der Schweiz gearbeitet. Da sollte es eigentlich möglich sein, sich in diese Probleme der Schweizer Presse einzuarbeiten.

Der Streit erinnert etwas an den Zürcher Gemeinderat. Hier wurde von SVP-Seite kürzlich gefordert, „dass durch Lautsprecher verbreitete Mitteilungen der VBZ nur von Personen gesprochen werden, deren Muttersprache Schweizerdeutsch ist.“ Vielleicht stört man sich ja daran, dass der neue Professor dann möglicherweise geschliffenstes Hochdeutsch an die Uni brächte…

Wenn es schon um Medien und die Universität geht, dann sollte viel mehr beunruhigen, dass es an den Schweizer Hochschulen seit dem Ausscheiden von Christian Doelker seit 2002 keinen Schweizer Lehrstuhl für Medienpädagogik und damit auch keine Ausbildung in diesem Fach gibt. Offensichtlich sah das Institut für Erziehungswissenschaft dank einer Scheuklappenmentalität weder einen Bedarf noch eine Notwendigkeit für eine Nachfolge in diesem Fach. So wird es immer schwieriger, medienpädagogische Stellen an Pädagogischen Hochschulen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Nachdem sich die Notwendigkeit, Lehrpersonen medienpädagogisch stärker auszubilden, angesichts der Vielzahl digitaler Medien, mit denen Kinder und Jugendliche heute umgehen, in den letzten Jahren verstärkt hat,  ist dies schlicht unverantwortlich. Aber auch für den Bereich der Sozialarbeit oder der generellen Medienerziehung wäre ein erziehungswissenschaftlicher Schwerpunkt an einer Schweizer Universität unbedingt erforderlich. Damit ohne solche Studienmöglichkeiten kommt automatisch das zum Tragen, was der Universität im Fall der Nachfolge von Bonfadelli vorgeworfen wird: Es gibt immer weniger schweizerische Bewerber, weil es dazu hierzulande keine qualifizierte Ausbildung mehr gibt. Und auch eine fundierte medienpädagogische Forschung wäre dringend auf ein universitäres Institut angewiesen, das hier Akzente setzt.

4. März 2013

Auch das noch: Tablets für Kinder

Odys PediKindercomputer gibt es seit mehreren Jahren. Früher waren es bunte Laptops, meist mit viel Plastik, welche den Kids den Einstieg in die Computerwelt erleichtern sollten. Wenn Eltern ihre Kids nicht an ihre teuren Desktops und Notebooks lassen wollten, so kam der viel billigere Kindercomputer gerade richtig.

Aktuell sind es nun aber vor allem Tablets, welche ins Kinderzimmer Einzug halten sollen. Und billiger als z.B. ein iPad sind sie allemal. Aber wie gut und sinnvoll sind Kindertablets wirklich? Als Beispiel dafür habe ich mir das Odys Pedi, das man bereits für rund 120 Fr. oder 95€ erhält, angeschaut. Ist das eine günstige Investition in die Medienkompetenz der Kinder?

Der erste Eindruck des in weiss gehaltenen Geräts ist schon deshalb überraschend, weil es aussieht wie ein ganz normales Tablet – bis hin zur eingebauten Kamera. Da gibt es weder angepeppte Ohren oder Plastikrahmen in pink, was nach manchen Herstellern offensichtlich besonders kindgerecht sein soll. Dennoch soll der Tablet PC die Kinderaugen zum Leuchten bringen, wie es auf der Website Pinkies“ heisst: „Dies gelingt natürlich am sinnvollsten mit kindgerechten Inhalten, aber auch mit einem Erscheinungsbild, welches Kinder anspricht. Hier zeigt sich der Odys PEDI schon nach dem Einschalten äußerst putzig.“ Na ja, putzig vielleicht schon, wenn da nicht einige Nachteile wären:

Zwar wird die Normalität des Tablets durch die technische Ausstattung unterstreichen: Der Pedi ist ein Android-Gerät mit farbigem Multitouch-Bildschirm, e-Book Funktion, eingebautem Lautsprecher, der Möglichkeit den Speicher über MicroSD-Karten zu erweitern etc. Leider handelt es sich nicht um die neusten und schnellsten Kompenenten, was die Bedienung eher hakelig macht – und die mit einem Pedi bedachten Kids neidisch auf das iPad der Eltern schielen lässt. So lässt die Lautstärke der eingebauten Lautsprecher zu wünschen übrig, und die Bildschirmauflösung ist eher flau.

Gut gemeint ist sicher auch die Elternkontrolle per Software, indem die Kinder auf einen KidsPlace beschränkt werden können, der nur mit einem speziellen Passwort zu verlassen ist. Hier können dann nur kindergeeignete Webangebote genutzt werden: Der Marktplatz, um neue Apps herunterzuladen, kann gesperrt werden, und man kann auch die Nutzungsdauer einstellen, damit die Kinder nicht schrankenlos auf dem Netz herumkurven. Was ich aber nicht gefunden habe ist ein YouTube oder Internet-Filter, mit dem man Seiten  sperren kann. Der auch ohne Pedi kostenlos erhältliche KidPlace scheint denn auch mehr ein Erwachsenenschutz als ein Kinderschutz. Denn er sollte vor allem beim Herumspielen der Kids mit dem Handy verhindern, dass diese nebenbei gleich noch Apps herunterladen oder zum Beispiel Kalendereinträge löschen.

Was man aber vor allem von einem Kindertablet erwartet, das ist ein hochstehendes pädagogisches Angebot an Software („kindgerechte Inhalte“). Denn da fühlen sich viele Eltern bei der rieseigen Auswahl von  Internetangeboten, Apps und Software nicht sicher und sind froh, wenn sie sich auf die spezielle „Kids Edition“ verlassen können, welche vorinstallierten Content enthält: 50 vorinstallierte Märchen, sowie 10 Hörbücher. Zudem findet man ein Videotrailer vom aktuellen Kinofilm „Sammys Abenteuer 2“, die „Kinderkino“ App und einen Gutschein für 24 Stunden kostenloses Kinderkino im Kinderkino CLUB.

Das hört sich eindrucksvoll an. Doch die vorinstallierten Märchen und Hörbücher entpuppen sich als Gratisangebote ebenso wie alle vorinstallierten Apps. Grimms Märchen als E-book ist zwar für den Hersteller leicht als kostenloses Angebot beizulegen, doch ist zu bezweifeln, ob diese trockenen Bücher allein schon Spiel- und Lernspass garantieren. Vor allem wenn man dann noch ein englisches Buch von Jack London als Beigabe findet („White Feng“). Und ein kurzer Trailer eines Films zusammen mit einem sehr zeitbeschränkten Gutscheincode für kinderkino.de ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Pädagogische Lernprogramme fehlen und für YouTube auf dem Netz braucht es auch keinen Kindercomputer. Pädagogisch ist also von dieser KidsEdition nicht viel zu erwarten. Es ist generell zu bezweifeln, ob es einfach ausreicht, kostenlose Software zu bündeln, um ein Tablet aus pädagogischer Perspektive zu entwickeln. Selbst Gratis-Lernspiele, die bei einigen anderen Kindertablets dabei sind, sind oft sehr einfach gehalten und verlieren ihren Reiz nach ein paar Wiederholungen.

Wäre es da nicht besser, wenn Eltern, die ihren Kindern einen Tablet schenken wollen, gleich ein gut ausgerüstetes Erwachsenengerät kaufen. Das können sie dann zusammen mit ihrem Kind selbst bestücken – auch mit einer App zur Kindersicherung, wenn es denn sein muss. Bei so einem gemeinsamen Projekt mit ihren Sprösslingen lernen die Eltern dann auch gleich das Gerät und das Angebot der Apps kennen. Das macht beiden Generationen Spass. Wenn man aber glaubt, dass es der Vorteil des Kindertablets sei, sich mit dem Teil nicht befasse zu müssen und es gleich den Kindern in die Hand zu geben, dann sind das Illusionen. Wer ausser Papa und Mama können denn schon Mail-Kontos und das WLAN einrichten? Bei der dürftigen Anleitung, die dem Ganzen beigelegt ist, brauchen kleine Kinder ohnehin erst einmal Hilfe und Anleitung, um  mit dem Gerät klar zu kommen.

Das Fazit ist leicht zu ziehen: Wenn Kindertablets nicht mehr bieten, sind sie ein reichlich überflüssiges Angebot auf dem Computermarkt. Schon weil die Geräte billig sein müssen, schlägt sich das in der Qualität von Hard- und Software nieder.

Hier finden sich Hinweise zu anderen Kindertablets.

5. Februar 2013

Digital Citizenship – eine neue medienpädagogische Perspektive

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Die Gefahren des Internets werden immer wieder in Presse und TV zum Thema gemacht. Gestern – 4.2.2013 wurde bei Frank Plasberg über „Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?“ diskutiert. Und am 5.2.2013 hiess es in 20 Minuten Online: „Ein 47-Jähriger aus dem Berner Oberland gibt sich als sexy Mädchen aus, um an Nacktvideos von 15- bis 17-Jährigen zu kommen.

Bewahrpädagogisch kann man darauf mit Medienverboten reagieren und versuchen Kindern erzieherisch enge Grenzen zu setzen. Nur funktioniert dies in einer Gesellschaft immer weniger, die in den letzten Jahren immer stärker mediatisiert wurde – von Spielkonsolen, bis hin zu Smartphones und Laptops. Und schliesslich helfen blosse Verbote wenig, wenn es darum geht, einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu finden, wie es im Erwachsenenleben heute notwendig ist. Das führt zur Frage nach der  Vermittlung von Medienkompetenzen, um den Umgang mit Medien zu beherrschen. Auch das kann allerdings problematisch sein, denn die heutigen Medienkompetenzen sind möglicherweise in fünf Jahren wieder total veraltet. Und oft betonen Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenzen zu stark die technischen Aspekte der Mediennutzung.

Schwierig sind aber auch einseitige Wirkungshypothesen – also etwa die oben formulierte These, dass uns Apple und Co. Doof machen. Was man oft vergisst, ist die soziale Einbettung der digitalen Medien, über welche Wirkungen erst zustande kommen. Wenn man z.B. Facebook nimmt, dann sollte man nicht davon ausgehen, dass wohlmeinende Internetaktivisten dadurch das Kommunikationsverhalten der Menschen verbessern wollten (alle „liken“ sich auf Facebook). Vielmehr geht es bei den „Sozialen Medien“ um handfeste ökonomische Interessen, was nicht erst seit dem Börsengang von Facebook deutlich wurde. So ist es kein Geheimnis, dass die beworbene Produkte nur „gelikt“ werden wollen. An einem kritischen „Dislike“-Button ist denn auch keiner interessiert. Und dass immer mehr Produkte die User als Freunde aufs Netz lotsen wollen ist ebenfalls kaum überraschend.

Geht man von dieser sozialen Einbettung der digitalen Medien aus, so ist die Perspektive einer „Digital Citizenship“ interessant, die in der amerikanischen Medienpädagogik diskutiert wird. Wie etwa Mike Ribble betont, ist eine digitale Gesellschaft entstanden, die von der Erziehung bis zur Arbeitswelt und zur Ökonomie heute alle Bereiche betrifft. Jeder Alltag ist damit auch zum „digitalen“ Alltag und jeder Bürger auch zum „digitalen“ Bürger geworden. Was aber dieser neue Status des „digital citizen“ bedeutet und welche Anforderungen an diesen Bürger und einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu stellen sind, das scheint mir die zentrale Frage zu sein.

Hier hat allerdings auch das amerikanische Konzept von „digital citizenship“ seine Schwäche. So stellt Ribble neun Elemente vor, die dafür zentral seien – etwa der umfassende Zugang, der digitale Kommerz, digitale Literacy, digitale Etikette oder digitales Recht. Diese sollen den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, um den „richtigen“ Umgang mit den Medien zu lernen.

Nur ist da das grosse Problem, dass diese digitale Gesellschaft im Status des Werdens ist. Oft gibt es noch keine eindeutigen Regeln, die bereits vorliegen und nur noch angewandt und als klare Verhaltensregeln vermittelt werden können. So heisst es im Buch von Mike Ribble (S. 96):

„Scenario 2: When hanging out with friends, one student gets a cell phone call and conducts a conversation within the group. What is the proper etiquette when using a mobile phone in a public place?“ Doch was ist hier die „proper etiquette“? Je selbstverständlicher der Handygrbauch ist, desto stärker kann sich diese Etiquette verändern. Unter handygewohnten Jugendlichen nimmt man vielleicht den Anruf an und bezieht die umstehenden Kolleg/innen in Gespräch ein, während mancher ältere Handynutzer fast fluchtartig einen abgelegeneren Ort aufsucht.

Je stärker die digitalen Medien die Gesellschaft durchdringen, umso häufiger werden solche Situationen, wo es die eindeutige und klare Lösung nicht mehr gibt:

– Bei welchen Lebensereignissen darf man mit Email oder SMS reagieren – und wo wäre eine persönlichere Reaktion angefragt (Todesfälle, Hochzeiten etc.)

– Wo ist es von Vorteil, Texte auf einem Ebook zu lesen, und wo möchte man nach wie vor ein gedrucktes Buch oder ein gedrucktes Papier?

– Wie hat sicher der Musikmarkt mit dem Internet verändert und was bedeutet dies für das Urheberrechts

– Was versteht man unter Multi-tasking – und gibt es Situationen, wo dies spezifische Vor- oder Nachteile für das Lernen hat?

– Wo beziehe ich meine politischen Informationen – Online oder aus abonnierten Zeitungen und Zeitschriften?

Das Dilemma ist bei all diesem Fragen: Als Digital Citizen komme ich nicht darum herum, mir solche Fragen zu stellen und handhabbare Antworten zu finden. Doch diese Lösungen sind zu vielen Fragen nicht eindeutig. Alte Regeln werden brüchig, weil sie zur digitalen Gesellschaft nicht mehr passen; manches bleibt unverbindlich – oder es bilden sich neue Regeln erst langsam heraus.

Wenn es jedoch darum geht, dass digitale Bürger selbstverantwortlich in dieser neuen Gesellschaftsform handeln, kann dies auch eine medienpädagogische Chance darstellen. Anstatt fixe Lösungen durchzusetzen oder auf unsicheren Normen als den einzig Gültigen zu beharren, müsste es stärker darum gehen, die Problematiken zu verstehen, die dahinter stehen.  Erst dann kann beurteilt werden, ob sie als Lösungen für den digitalen Alltag tragbar sind. Denn wenn es darum geht, dass junge Menschen verantwortungsvolle digital citizens werden, dann müssten sie selber an der Herausbildung  und Gestaltung von digitale Lebensstilen beteiligt werden, welche in Zukunft das Fundament des Zusammenlebens darstellen.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die digitalen Netze nicht nur positive Seiten haben. Auch Kriminalität, Mobbing und Gewalt gehören dazu. Allerdings ginge es hier nicht primär um externe Verbote, Warnungen und alarmistische Botschaften. Im Sinne des Empowerment müssten Kinder und Jugendliche hier vor allem angeleitet werden, wie sie sich als digitale Bürger verantwortungsvoll verhalten und sich gegen Übergriffe wehren können.

9. Dezember 2012

Gefahren im Internet und die allgegenwärtige Verunsicherung

Zwei Fälle in der gleichen Woche zu den Social Media haben Aufmerksamkeit in der Presse erregt: Da war erst einmal der Fall eines 22-Jährigen aus dem Kanton Zürich. Der ehemalige Gymnasiast war empört, dass ihm seine 290 Freunde nicht zum Geburtstag gratulierten. Deshalb kündigte er auf seinem Facebook-Profil an, er werde sie alle vernichten. Denn es sei keine Frage der Freundlichkeit, sondern eine Frage von Respekt und Ehre. Jetzt könne sie niemand mehr schützen. Mit „Pow!!!!, Pow!!!!, Pow!!, endete seine Statusmeldung.

Nachdem eine Mitschülerin die Schulleitung und diese die Polizei informierte, kam es zur Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl der junge Mann seine unüberlegte Handlungsweise bedauerte und deutlich machte, dass er nie einen Amoklauf beabsichtigte, wurde er schuldig gesprochen und zu einer Busse von fast 14’000 Franken verurteilt. Der Verurteilte sieht sich auch selbst als Opfer: „Eine solche Polizeiaktion war übertrieben und sehr belastend für mich.“

Der zweite Fall handelt von einem Video, da auf YouTube auftauchte: So soll ein Jugendlicher ein Sex-Video seiner Ex-Freundin auf Facebook gepostet haben. Der Zürcher Tages-Anzeiger dazu: „Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung ’20 Minuten‘ schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. “

Noch am gleichen Tag haben über 15’000 User das Video abgerufen. Es soll insbesondere auch in ganzen Primarschulklassen die Runde gemacht haben.

Die beiden Fälle zeigen  auf der einen Seite das Gefahrenpotenzial der Sozialen Medien an – schliesslich ist es für die Opfer, wie es der erste Fall zeigt, kaum abschätzbar, wie ernst ein „schlechter Witz“ gemeint ist. So belegen die Fälle auch, dass  es keine Schonzeit mehr für die Täter gibt und es zu Recht bis hin zur gerichtlichen Verurteilung kommt.

Dennoch sind oft auch die Täter in gewisser Weise Opfer der neuen und noch nicht bewältigten Veränderungen, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Denn die neuen flüchtigen Kommunikationsformen verleiten leicht dazu , sich auf eine Weise zu äussern, die man nach etwas Nachdenken besser unterlassen hätte. Mit anderen Worten:  Es fehlt im digitalen Zeitalter für viele noch Das Gespür dafür, was möglich ist, und was nicht geht.

Das entschuldigt solches Fehlverhalten nicht, macht aber deutlich, wo  Hebel anzusetzen ist. Es bedarf einer Medienbildung, welche nicht  technische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht und daraus Konsequenzen zieht. Das müssen nicht nur Fragen des Mobbing und der Gewalt  sein.   Genauso geht es darum, wie zum Beispiel das Liken auf Facebook zu bewerten ist – als Selbstausdruck eigener Bedürfnisse oder als Schritt zum gläsernen Konsumenten, der damit ohne bewusstes Überlegen nur die Interessen der Auftrag gebenden Firmen und Institutionen erfüllt. Gefragt werden könnte auch, wie weit man verpflichtet ist, immer Online zu sein, oder ob es auch geht, ein  SMS oder eine E-Mail verspätet oder gar nicht zu beantworten. Und ist es nicht so, dass man sich auch bei 800 Facebook-Freunden noch einsam fühlen kann?

Die Gewaltproblematik ist nur eine Facette der neuen Medien. So wichtig es ist, hier Auswüchsen klar entgegenzutreten, so wichtig ist es auch, Antworten auf die täglichen Verunsicherungen zu finden, der alle Nutzer der   sozialen Medien fast täglich begegnen.

31. Oktober 2012

Zweijährige im Internet

 

 

Nach einer schwedischen Studie nutzen schon 40 Prozent aller zweijährigen Schweden das Internet. Diese Pressemeldung erregte letzte Woche Aufsehen und erschreckte viele Leserinnen und Leser: Werden bald die Zweijährigen stundenlang am Internet verbringen, das so den Babysitter ersetzt.

Doch die Aufregung ist nicht so gross, wenn man auf die Daten hinsieht.  Warum sollen kleine Kinder nicht einmal ein einfaches Spiel oder ein bewegtes Bilderbuch Online nutzen?

Auf jeden Fall dürften sowohl das Interesse wie die Fähigkeiten der Kleinsten, sich im Internet zu bewegen und zielgerecht zu navigieren, wenig ausgeprägt sein. Die kognitiven Anforderungen des Netzes, welche Textverständnis und abstrakte Orientierungsmöglichkeiten umfassen, sind schlicht zu hoch. Wer sich für eine detailliertere Analyse interessiert, den verweise ich auf meinen ausführlichen Artikel „Knirpse im Internet“ im Journal 21.

 

22. August 2012

Crowdfunding – ein unentdecktes Feld für Bildungsprojekte

Crowdfunding ist im Rahmen der Projektfinanzierung ein Ansatz, der in letzter Zeit häufig diskutiert wird. Stellte Karl Marx den Hegelianismus vom Kopf auf die Füsse, so tut das  Crowfunding ähnlich mit der Schwarmintelligenz, die zum Konzept für die Projektfinanzierung mutiert. Viele kleine Anleger und Unterstützer helfen dabei, mit ihrem Beitrag ein grosses Projekt zu realisieren.  Vorbild ist die Plattform Kickstarter in den USA, die aber auch in den deutschsprachogen Ländern ihre Nachahmer gefunden hat.

Doch was soll diese Idee im medienpädagogischen Setting? Vera Marie Rodewald hat aufgrund ihrer Bachelorarbeit über die Plattform startnext.de  in einem Blog angeregt, dass auch im Setting der Schule und  in der <Medienpädagogik Projekte über Crowfunding finanziert werden könnten. Sie berichtet dabei über erste Erfahrungen:

„Da gibt es beispielsweise „Sedicio“ – das größte Schülerfilmprojekt Deutschlands. Hier gelang die Finanzierung. Die Dreharbeiten sind zu einem Großteil abgeschlossen und der Fantasy-Film soll dieses Jahr in den deutschen Programmkinos starten. Ein anderes Projekt sind „Reise-Hörspiele für Kinder!“, ein Projekt zweier Medienpädagogen.“

In einem Beitrag für die neuste Ausgabe der Zeitschrift merz (4, 2012, S. 74-79). Nimmt sie das Thema Crowdfunding nochmal etwas breiter auf und empfiehlt Crowdfunding  für die kultur- und medienpädagogische Projektfinanzierung: „Projekte, die aus den Förderrichtlinien von Stiftungen und Ämtern herausfallen, bekommen mithilfe von Crowfunding, einer alternativen, patrizipativen Finanzierungsform, nun eine weitere Chance für die Umsetzung“ (Rodewald 2012, S. 74)

Ich finde aber, dass man noch einen Schritt weitergehen könnte, als nur bis zur Projektfinanzierung. Gerade für Sach- Wirtschafts- und Gesellschaftskunde bzw. für Mensch und Umwelt Themen  bietet Crowdfunding verschiedene Chancen. So könnten man mit einer Schulklasse gemeinsam erarbeiten, wie man die Förderung eines eigenen Projektes auf einer Crowdfunding-Plattform in die Wege leitet – bis hin zur Gestaltung von Projektseiten zur Präsentation des eigenen Projekts- etwa wenn man wie im folgenden Beispiel einen Schulkiosk  per Crowdfunding unterstützen möchte:

Aber es gibt nicht nur die Möglichkeit, selbst ein Projekt auf die Beine zu stellen; nicht weniger interessant kann es sein, einmal selbst als Unterstützer eines Projektes zu fungieren. Wenn eine Schulklasse z.B.  Geld gesammelt hat, könnte sie es sich überlegen, welches  nicht-kommerzielle Projekt sie unterstützen will. Da ginge es dann darum, verschiedene Projekte zu vergleichen und Kriterien zu entwickeln, welche die Förderungswürdigkeit eines Projekts betreffen.


Besonders interessant könnte es aber auch sein, ein Projekt www.kiva.org  zu unterstützen. Hier geht es um die Mikrofinanzierung von Projekten in der Dritten Welt.  Dabei sollte aber nicht allein der karitative Gedanke im Hintergrund stehen,  sondern es wäre auch  das Konzept solcher Mikrokredite selbst zu diskutieren. Wie ein Spiegel-Artikel belegt, ist dieses nämlich nicht unbestritten geblieben.

Insgesamt scheinen mir Unterrichtsprojekte, die sich um Umkreis des Crowdfunding und der Mikrofinanzierung von Projekten bewegen, ein spannendes Feld für Schule und Unterricht, das noch viel zu wenig gepflegt wird. Ob man selber ein zu förderndes Projekt auf die Beine stellt, oder ob man ein Fremdprojekt unterstützen will, immer geht es um komplexe Prozesse und Entscheidungen, die vielfältige Lernprozesse beinhalten.

4. Juli 2012

Informatikausbildung: ETH Professoren auf dem Holzweg

Gemäss der letzten Ausgabe der NZZ-Sonntagszeitung vom 1. Juli 2012 befürchten ETH-Professoren, dass die Schweiz den Anschluss an die Informatik verliert. Die Forderung deshalb: Informatik-Unterricht gehöre ab der ersten Klasse zum Unterricht der Volksschulen. Denn Programmieren sei genau so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen.

Das erinnert an eine ganz andere Kompetenz, die fast alle Schweizer heute erwerben: das Autofahren. Auch hier muss nicht jeder Fahrzeuglenker seinen eigenen Wagen bauen, warten und reparieren können. Den Ölstand messen, Radwechseln oder eine Batterie überbrücken, das geht gerade noch.

Wer aber mit dem Auto vor allem fahren („navigieren“) will, benötigt andere Kompetenzen: Er/sie muss die Verkehrsregeln kennen, bei einem Unfall erste Hilfe leisten können, die Bedienung des Fahrzeugs, bis hin zum richtigen Einparken, beherrschen…

Ganz ähnlich ist es bei den alltäglichen Kompetenzen im Umgang mit Computern und digitalen Medien: Ich muss die Maschine nicht selbst bauen und programmieren. Dagegen lerne ich, mit Programmen wie Word umzugehen; ich kann bei sozialen Diensten mit Privatheitseinstellungen umgehen, weiss wie ich ein Video erstelle und schneide, eine Präsentation für den Beamer gestalte etc. Man hat das seit den späten 80er Jahren als „Alltagsinformatik“ bezeichnet – als man merkte, dass die Mehrzahl der Nutzer/innen von digitalen Techniken ihre Computer nicht selbst programmierten sondern mit vorgegebenen Programmen arbeiten.

Aus dieser Perspektive versuchen die ETH-Professoren olle Kamellen aus dem Anfang der digitalen Entwicklung wiederzubeleben. Denn damals glaubte man noch, dass jeder Computernutzer sein Maschine in Zukunft selbst programmieren müsse – in Basic, Logo, Pascal  oder einer anderen Computersprache. Computersprachen galten als äquivalent zu anderen Sprachensystemen, die Menschen in der Alphabetisierung zu lernen haben: zur Muttersprache, aber auch zu Symbolsystemen wie der Sprache der Mathematik

Doch von dieser überzogener Bedeutung von Computersprachen als weiteren genuinen Kommunikations- und Ausdrucksformen der Menschen ist der Diskurs über ICT und Schule längst wieder abgekommen. In diesem Sinne kann man heute im Ernst auch  nicht mehr behaupten, dass „zwingend das grundlegende Wissen über die Programmierung“ ab der ersten Klasse der Volksschule vermittelt werden müsse.

Das heisst allerdings nicht, dass Programmieren in einer kindgerechten Form nicht auch in einem überfachlichen  Ansatz – etwa angelehnt an Mathematik oder naturwissenschaftliche Fächer seinen Platz haben kann. Denn damit können Kinder und Jugendliche einen Blick hinter die Oberfläche computerisierter Maschinen werfen – etwa wenn sie mit einer Programmierumgebung wie Scratch konstruktiv und kreativ arbeiten.

Solche Unterrichtsprojekte entsprechen jedoch nicht dem geforderten systematischen Aufbau von Informatik-Kompetenzen ab dem ersten Schuljahr. Vielmehr sind sie Teil eines Ansatzes, der zentrale Medienthemen unter dem Anspruch allgemeiner Bildung an die Volksschule herantragen will: Zur Medienbildung gehört in diesem Sinn, dass man in der Schule Einblicke in die Funktionslogiken von digitalen Medien erhält.

Das Anliegen der Informatikprofessoren betrifft dagegen ein propädeutisches Anliegen für die Vermittlung beruflicher Qualifikationen im Informatikbereich. Dass hier verstärkte Schwerpunkte in der Ausbildung der Gymnasien notwendig sind, ist für diese Stufe nachzuvollziehen. Und auch auf der Sekundarstufe (13.-15.) Altersjahr kann man sich überlegen, ob einige zentrale Inhalte des ICT-Bereichs in den Ansatz einer digitalen Medienbildung einbezogen werden könnte, um Möglichkeiten und Relevanz der Informatik für die heutige Gesellschaft im Unterricht aufzuzeigen. Dies könnte aber durchaus im Rahmen des traditionellen Fächerkanons geschehen.

Generell braucht die Volksschule keine Aufwertung einer scheinbar unterbewerteten Informatik, sondern vermehrte Anstrengungen in der Medienbildung. In den Schulen sollte die Arbeit mit Medien generell so selbstverständlich sein wie in anderen Bereich der Arbeitswelt. Darin müssten Schülerinnen und Schüler unterstützt werden – und auch auf Risiken und Gefahren hingewiesen werden, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Wenn Kinder in  der Volksschule für das Arbeiten mit Medien motiviert werden und für ihre alltäglichen Arbeiten in der Schule (Referate, Schreiben von Texten, Präsentationen etc.) immer selbstverständlicher auf neue Medien zurückgreifen, dann wächst auch das Interesse an der Informatik und der Wunsch mehr über diesen Bereich und das dahinterstehende Wissen zu erfahren – ja vielleicht auch, bei der eigenen Berufswahl die Informatik als eine der spannendsten Arbeitsgebiete in der heutigen Gesellschaft einzubeziehen.

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