Medienwelten

5. März 2014

Wie medienkritisch sind Lehrkräfte eingestellt?

Empirische Studien haben in den letzten Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Computer und andere digitale Medien in der Schule von den Lehrkräften zu wenig genutzt werden. Das hat sich auch dort nicht stark geändert, wo die Ausstattung mit Geräten verbessert wurde. Sogar dort wo die Politik millionenschwer neues Gerät installieren liess, wurde die gewünschte Nachhaltigkeit oft nicht erreicht.

Ein Grund war, dass die Studierenden in der Lehrerbildung sehr lange stark medienkritisch eingestellt waren. Ihr Ziel war es in diesem Bereich, die Kinder vor den Gefahren der Medien zu bewahren und als Ausgleich gegenüber einer technisierten Kultur das Tun und Handeln mit realen Dingen in den Vordergrund zu stellen. Solche Lehrkräfte stöhnten. „Nicht auch noch Fernsehen und Computer in der Schule, und Handys schon gar nicht!“

In den letzten Jahren konnte man aber als Dozierender der Medienpädagogik beobachten, wie stark die Widerstände der Studierenden abgenommen haben. Sie brauchen Computer und Laptops, ja auch neuerdings Tablets ganz selbstverständlich im Rahmen ihres Studiums. Und sie unterscheiden sich kaum mehr von anderen jungen Erwachsenen, wenn sie ihre Handys zücken, den Facebook Account abrufen oder mit WhatsApp kommunizieren.

Aufgrund dieser neuen Situation wollten meine Kollegen Walter Scheuble, Sara Signer Klaus Rummel und ich genauer wissen, was sich bei den Studierenden der PH Zürich verändert hat. Als Auftrag des Prorektorats Ausbildung befragten wir die Studierenden eines ganzen Jahrgangs, wobei vor allem die neue Studienstruktur im Mittelpunkt stand. Fruchtbar scheint für die Medienbildung vor allem das grosse Praktikum (Quartalspraktikum) zu sein, wo die Studierenden auch Medienprojekte im Unterricht durchführen. Sie wollen hier zwar auch Medienkritik betreiben, aber nicht als grundsätzliche Ablehnung von Medien in der Schule. Vielmehr sind sie der Überzeugung, dass Jugendliche, die sich mit den Gefahren der Medien auskennen, den Spass des Umgangs mit Medien ohne Ängste und selbstbewusster auskosten können. Und sie setzen Medien als willkommenes Hilfsmittel, das noch neue Dimensionen in den Unterricht hineinträgt,  ganz pragmatisch ein.

Die Studie der PH Zürich ist unter folgendem Link abzurufen. Ich selbst habe darüber an der PH Ludwigsburg einen zusammenfassenden Vortrag gehalten, der hier online erreichbar ist.

5. November 2013

Ist der Facebook Hype bei Jugendlichen vorbei?

In meinem Forschungs und Entwicklungsseminar mit Studierenden der PH Zürich stand in diesem Semester wieder die Facebook-Nutzung von Jugendlichen auf dem Programm – diesmal mit genderbezogenen Aspekten.

Facebook sieht bei Jugendlichen „alt“ aus.

Doch da gabs gleich zu Beginn eine Riesenüberraschung: Noch im letzten Jahr hatte ein ähnliches Seminar gezeigt, dass es bei den meisten Jugendlichen dazu gehört, einen Facebook-Account zu haben. Dieses Jahr ist alles anders. Die Studierenden hatten grosse Mühe für ihre Interviews genügend facebookbegeisterte Jugendliche zu finden. Einmal ist die Grenze von 13 Jahren, die bei Facebook besteht zur Hürde geworden. Noch vor wenigen Monaten setzten sich die Kids da lässig darüber hinweg. Doch die Presseberichterstattung hat hier mittlerweile auf die Eltern gewirkt. So gibt es immer mehr, die ihren Sprösslingen Facebook verbieten, wenn sie noch nicht 13 sind.

Aber auch die Jugendlichen selbst sind facebookmüde geworden. Viele haben zwar noch ihren Account, nutzen ihn aber schlecht und mit Unterbrüchen. Und es ist auch kein Beinbruch mehr, wenn man auf Facebook ganz verzichtet. Denn die Karawane des Zeitgeists ist schon weitergezogen. Anstatt Facebook nutzt man die Fotoapp Instagram, die ebenfalls eine Community anbietet. Und ganz gross im Geschäft ist WhatsApp, der Gratisersatz für die altehrwürdigen SMS. Neu dazugekommen sind Anwendungen wie Pinterest oder Ask.fm. Mit anderen Worten: Das Angebot hat sich differenziert und vervielfältigt – und lässt das gute alte Facebook im Regen stehen.

Der Trend zu Smartphones und die leidige Werbung

Womit könnte dies zusammenhängen. Einmal ist sicher der Trend zu Smartphones zu beachten, der bei den Jugendlichen durchzuschlagen beginnt. Hier gibt es eine ganze Menge neuer schlanker Apps, die viel einfacher aufgebaut sind wie das umfangreiche und komplexe Facebook. Sie binden das mobile Netz mit den Handys auf ideale Weise ein – etwa wenn Instagram das Fotografieren auf dem Handy quasi neu erfindet. Zudem herrscht bei Facebook ständig Unruhe, indem alle paar Monate wieder neue Elemente aufgeschaltet und Nutzungsbedingungen verändert werden.

Kommt dazu, dass Facebook immer stärker durch Werbung überfrachtet wird, die sich zwischen die Meldungen von Freunden und Bekannten schiebt. Muss man das wirklich alles liken und anschauen, scheinen sich viele der Computerkids zu fragen.

Bringt Forschung in der Lehrerbildung wirklich nichts?

Diese Ergebnisse wurden an einem Wochenende deutlich, als in der Presse gegen den akademischen Leerlauf in der PH-Forschung vom Leder gezogen wurde. Das wundert mich. Denn solche kleinen Projekte können sehr gut den Puls der Schule nehmen. Die beteiligten Studierenden sehen, dass die Bäume von Facebook nicht in den Himmel wachsen – bevor dies dann möglicherweise in ein paar Monaten auch in Gratiszeitungen und wissenschaftlichen Studien wie JIM oder JAMES breitgeschlagen wird. Und sie können sich schon jetzt überlegen, was das für den Unterricht heisst. Muss man dort heute noch vor Facebook warnen oder sollte man nicht schon stärker auf die „neuen“ Sterne am Internet-Himmel wie WhatsApp oder Ask.fm eingehen?

Solche kleinen Forschungsprojekte mit Studierenden schärfen den Blick und vermitteln neue Erkenntnisse, die in der „offiziellen Forschung“ erst viel später verbreitet werden. Was will man denn noch mehr, wenn Forschen bei Studierenden in der Lehrerbildung Thema sein soll? Nein, forschendes Lernen in diesem Sinn ist gewiss kein „akademischer Leerlauf“.

8. März 2013

Zoff in der Schweizer Medienwissenschaft und das Mauerblümchendasein der Medienpädagogik

Staub aufgewirbelt hat in den letzten Tagen die Suche der Nachfolge für Heinz Bonfadelli an der Universität Zürich. Weil bei der Wiederbesetzung ein Streit  um die angebliche Bevorzugung deutscher Kandidaten ausgebrochen war, musste die Leitung der Universität das Verfahren zur Berufung eines neuen Publizistikprofessors sistieren. Nun kann man natürlich argumentieren, dass  nach dem Rücktritt von Bonfadelli ein Kenner der schweizerischen Medienlandschaft fehlt. Doch nach dem was man der Presse entnehmen konnte, haben einige der Bewerber/innen schon einige Zeit in der Schweiz gearbeitet. Da sollte es eigentlich möglich sein, sich in diese Probleme der Schweizer Presse einzuarbeiten.

Der Streit erinnert etwas an den Zürcher Gemeinderat. Hier wurde von SVP-Seite kürzlich gefordert, „dass durch Lautsprecher verbreitete Mitteilungen der VBZ nur von Personen gesprochen werden, deren Muttersprache Schweizerdeutsch ist.“ Vielleicht stört man sich ja daran, dass der neue Professor dann möglicherweise geschliffenstes Hochdeutsch an die Uni brächte…

Wenn es schon um Medien und die Universität geht, dann sollte viel mehr beunruhigen, dass es an den Schweizer Hochschulen seit dem Ausscheiden von Christian Doelker seit 2002 keinen Schweizer Lehrstuhl für Medienpädagogik und damit auch keine Ausbildung in diesem Fach gibt. Offensichtlich sah das Institut für Erziehungswissenschaft dank einer Scheuklappenmentalität weder einen Bedarf noch eine Notwendigkeit für eine Nachfolge in diesem Fach. So wird es immer schwieriger, medienpädagogische Stellen an Pädagogischen Hochschulen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Nachdem sich die Notwendigkeit, Lehrpersonen medienpädagogisch stärker auszubilden, angesichts der Vielzahl digitaler Medien, mit denen Kinder und Jugendliche heute umgehen, in den letzten Jahren verstärkt hat,  ist dies schlicht unverantwortlich. Aber auch für den Bereich der Sozialarbeit oder der generellen Medienerziehung wäre ein erziehungswissenschaftlicher Schwerpunkt an einer Schweizer Universität unbedingt erforderlich. Damit ohne solche Studienmöglichkeiten kommt automatisch das zum Tragen, was der Universität im Fall der Nachfolge von Bonfadelli vorgeworfen wird: Es gibt immer weniger schweizerische Bewerber, weil es dazu hierzulande keine qualifizierte Ausbildung mehr gibt. Und auch eine fundierte medienpädagogische Forschung wäre dringend auf ein universitäres Institut angewiesen, das hier Akzente setzt.

16. September 2012

Das Elend der Facebook-Forschung

Facebook-Forschung ist „in“. Nach dem Motto „publish or perrish“ werden immer neue Studien auf den Markt gepusht. Zwei Beispiele, die in den letzten Tagen medienwirksam in der Presse publiziert wurden, belegen dies.

Fall 1: Die „NZZ am Sonntag berichtet in der Rubrik „Neues aus der Wissenschaft“ vom 12. September 2012 auf S. 59:

„Facebook macht: ‚dick‘

Dass es Zeit frisst, sich in sozialen Netzwerken zu engagieren, ist ein Allgemeinplatz. Britische Forscher haben  nun untersucht, welche Aktivitäten besonders darunter leiden, wenn Studenten sich bei Facebook und Co. Herumtreiben. Das Ergebnis ihrer Studie, die an der Konferenz der British Psychological Society’s Divison of Health Psychology vorgestellt wurde: Die Zeit, die jemand in sozialen Netzwerken verbringt, hat einen negativen Einfluss auf die sportliche Betätigung in der folgenden Woche. Facebook könnte also dazu beitragen, dass man an Gewicht zulegt.“

Manfred Spitzer würde es freuen, dass hier wieder einmal seine Thesen, dass Medien dumm und dich machen, bestätigt wird. Doch die Formulierungen müssen hier bereits vorsichtig machen: Was im Titel als Tatsache daher kommt, wird im letzten Satz zu „könnte“ relativiert. Ein englischer Hintergrundartikel verrät etwas detaillierter, wie die Untersuchung zustandekam:

350 Studierende der Universität Ulster in Nordirland beantworteten Online einen Fragebogen über die Intensität ihrer Netzwerk-Aktivitäten und ihre physische Aktivität. Das Resultat: Die meisten Studierenden nutzen Social Network Sites rund eine Stunde pro Tag. Etwas mehr als die Hälfte betrachten sich als „moderat aktiv“, ein Drittel sieht sich „hoch aktiv“ und 12,7 Prozent schätzen sich als wenig physisch aktiv ein.

Die Autorin der Untersuchung, Wendy Cousins, gibt zu ihrer Untersuchung zu Protokoll: „“Zeit ist eine endliche Ressource; deshalb geht die Zeit, die man in einem sozialen Netzwerk verbringt auf Kosten anderer Aktivitäten. Unsere Studie vermutet, dass die physikalische Aktivität eine diese Aktivitäten sein könnte

In  dieser Fassung verschärfen sich die „Wenn und Aber“ noch: Im Klartext ist ja höchstens abgesichert, dass die Studierenden im Gossen und Ganzen rund eine Stunde mit Facebook verbingen. Und es ist auch nur eine Vermutung, dass dies auf Kosten der physischen Aktivitäten geht. Ob das alles bereits dazu führt, dass Facebook „dick“ macht ist eine pure und doch eher unwahrscheinliche Behauptung.

Fall 2: Die Frankfurter Rundschau hält in der Online- Ausgabe vom 12. September 2012 unter dem Titel Facebook bringt Wähler an die Urnen fest:

Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch – das ist der Effekt, den US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Facebook-Nutzern festgestellt haben. Demnach macht der soziale Einfluss den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler aus.

Eine einzige Facebook-Nachricht kann das Wahlverhalten von Tausenden von Menschen und ihren Freunden beeinflussen. Das haben US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks festgestellt. Während der Wahlen zum US-Kongress im Jahr 2010 schickten die Forscher eine Meldung an das Facebook-Profil dieser Personen. Darin wurden sie aufgefordert, zur Wahl zu gehen. Zudem enthielt der Text einen anklickbaren Button mit der Aufschrift „Ich habe gewählt“.

Bei einem Teil der Probanden wurde diese Nachricht zudem in Verbindung mit dem Hinweis angezeigt, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits betätigt hätten. Das Ergebnis: Nur jene Gruppe, welche die Nachricht zusammen mit diesem Hinweis erhalten hatte, wies eine höhere Wahlbeteiligung auf. Dies zeige, dass der soziale Aspekt bei Internet-Netzwerken ausschlaggebend für die Beeinflussung der Nutzer sei, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin ‚Nature‘.“

Diese Studie scheint mir zwar plausibler, doch ein Rest der Spekulation bleibt auch hier. Doch betrachten wir die Untersuchung mithilfe der im FR- Artikel wiedergegeben Details noch etwas genauer. So wird hier das durchaus professionelle Setting der Forschungsarbeit geschildert:

„Die Forscher führten ihr Experiment am 2. November 2010 durch, dem Tag der Kongress-Wahlen in den USA. An diesem Tag erhielten knapp 61 Millionen US-amerikanische Facebook-Nutzer auf ihrer Profil-Seite alle gleichzeitig ein Statement an der Spitze ihrer Facebook-Neuigkeiten. Darin wurden sie daran erinnert, dass heute Wahltag sei, und aufgefordert, wählen zu gehen. Zudem enthielt die Nachricht einen Link auf umliegende Wahllokale sowie einen „Ich habe gewählt“-Button, mit dem die Nutzer ihren Urnengang für ihre Facebook-Freunde sichtbar bestätigen konnten.

600.000 dieser Nutzer erhielten eine modifizierte, sogenannte „soziale Nachricht“, die zusätzlich angab, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits angeklickt hatten. Dazu erschienen auch Fotos der jeweiligen Freunde. Zur Kontrolle gab es noch eine dritte Gruppe, der keine der beiden Meldungen auf ihrer Facebook-Seite angezeigt wurde. Dabei gewährleistete der Umfang aller drei Versuchsgruppen und die zufällige Auswahl der Personen, dass mögliche Effekte auch tatsächlich auf die Facebook-Nachricht zurückgeführt werden konnten, erklären die Forscher.“

Die Resultate werden dann unter dem Zwischentitel „Die Facebook-Nachricht erzeugte 60.000 neue Wähler“ geschildert: „Der soziale Einfluss machte den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler“, fasst Fowler das Ergebnis der Studie zusammen. Denn weder die Aufforderung zur Wahl noch der „Gewählt“-Button hätten die Testpersonen zum Wahlgang veranlasst. Nur die Verbindung mit dem zusätzlichen Hinweis, dass Freunde auf Facebook den Button bereits betätigt hatten, führten zu einer erhöhten Wahlbeteiligung. Die Forscher hatten nach Ende des Wahltags anhand der Wählerverzeichnisse nachgeprüft, wer von den Nutzern tatsächlich wählen gegangen war. Sie errechneten, dass insgesamt 60.000 neue Wähler durch die „soziale Nachricht“ dazugewonnen wurden.

Unbestritten ist sicher der Zusammenhang, zumal der mobilisierende Effekt von sozialen Medien zum Beispiel auch von Twitter und Handy im arabischen Frühling berichtet wird. Fraglich scheint mir dagegen, ob Facebook“ 60 000 neue Wähler erzeugt und ob man daraus schliessen kann: „Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch“. Denn wie wollen wir wissen, ob es wirklich diese Facebook-Nachricht war, welche die 60‘000 Personen zur Wahl veranlasste? Empirisch lässt sich lediglich ein Zusammenhang zwischen einer versandten Botschaft und dem Wählen feststellen – doch es muss offen bleiben, welche Motive sich hinter dem Wählen verbergen. Jedenfalls lässt sich nicht so leicht ein Ursache-Wirkungsverhältnis konstruieren. Auch der Umkehrschluss ist kaum so einfach – nämlich, dass ich nur meine Freunde vor Wahlen anzuschreiben brauche, um neue Wählerschichten zu „erzeugen“. Zumal die Definition von „engen“ Freunden als jenen, mit denen ich am Häufigsten auf Facebook kommuniziere, nicht unproblematisch ist.

Doch letztlich geht es um eine weit allgemeinere Nutzanwendung, die man sich von solchen Untersuchungen erhofft, wie aus einem von SPIEGEL Online zitierten Kommentar zu dieser Untersuchung deutlich wird: Sinan Aral von der New York University träumt bereits von gezielten Eingriffen in menschliche Netze, um positives Verhalten zu verstärken und negatives zu stoppen. Beispielsweise könne man versuchen, Menschen dazu zu bringen, gesünder zu leben. ‚Die Erforschung sozialer Beeinflussung kann dramatische Auswirkungen auf Produkte, Politik und die öffentliche Gesundheit haben‘, schreibt er in einem ‚Nature‘-Kommentar.“ Nur. Was geschieht, wenn wir in Zukunft auf unserem Facebook-Account vor jeder Wahl von hunderten unserer „Freunde“ solche Wahlempfehlungen erhalten? Vielleicht führt das ja dazu, dass wir gerade nicht wählen gehen, obwohl wir es eigentlich vorgesehen hatten, oder dass wir aus Ärger den Facebook Account gleich ganz löschen. Es könnte gut sein, dass sich solche Effekte immer mehr auflösen – je aggressiver Aufforderungen und Werbebotschaften auf dem Kanal „Facebook“ gepusht werden.

Die Problematik mit dem Ziehen von Schlüssen ist im Übrigen beim Beispiel der nordirischen Umfrage zur Intensität der Aktivitäten im sozialen Netzwerk ähnlich. Auch hier wird der Zusammenhang einfach zu einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis umgedeutet. Damit wird gleich argumentiert wie im legendären Beispiel mit den Störchen, die immer im Frühling in unseren Breitengraden auftauchen, wenn besonders viele Kinder auf die Welt kommen. Wer wollte daraus aber schliessen, dass der Storch die Kinder bringt?

2. Mai 2012

„Handysüchtige Jugendliche“ oder: Wie doof darf Forschung sein?

Filed under: HAndy,Internet,Medienforschung — heinzmoser @ 20:16
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Die neuste Ausgabe der Sonntagszeitung titelte am 29. April 2012: „40 000 JUGENDLICHE SIND HANDYSÜCHTIG“ – eine These die von einer neuen wissenschaftlichen Studie bewiesen wird. Dazu die Sonntagszeitung: „Erstmals untersuchten die Forscher den Umgang von Jugendlichen mit Handys in der Schweiz. Dazu befragten sie rund 1300 junge Erwachsene zwischen 12 und 19 Jahren in allen Landesteilen.“

Es erstaunt allerdings nicht, dass man einen Anteil „handysüchtiger Jugendliche“ – also intensive Handynutzer – findet, wenn man eine bestimmte Population von Nutzern befragt. Und dazu lässt sich dann immer eine alarmistische Schlagzeile formulieren, wenn man die Ergebnisse geschickt hochrechnet.

Würde man eine solche Untersuchung mit Erwachsenen durchführen, würde man genauso folgern, dass viele Erwachsene handysüchtig sind. Man muss ja nur am Morgen mit der S-Bahn in die Stadt Zürich fahren, um zu sehen, wie viele Mitmenschen an ihren Handys hängen. Überhaupt: Wer durch die Stadt geht, sieht überall von Handys angefixte Menschen – viel schlimmer als der „Needle- Park“ der Achtzigerjahre, der wenigstens auf ein bestimmtes Revier beschränkt war.

Laut den Forschern  verlockt vor allem die Multifunktionalität der modernen Mobiltelefone zur übermässigen Nutzung. «Mit dem Handy kann man heute fast alles machen, und man hat es immer dabei.» Dies führe zu einer besonderen emotionalen Bindung. „Das Handy hat die Funktion eines Kuscheltiers“, heisst es im Artikel. Dies ist vielleicht keine abwegige Beobachtung. Sie betrifft jedoch viele Erwachsene genauso wie die Jugendlichen.

Billig sind auch die Schlüsse, die in diesem Artikel gezogen werden. „Die Folgen: Die jungen Menschen kommen in der Schule nicht mehr mit und vernachlässigen soziale Kontakte.“ Genauso gut könnte man behaupten, dass es auch Erwachsene gibt, die ihre Arbeit wegen der Handys vernachlässigen und dadurch Schwierigkeiten am Arbeitsplatz kriegen. Wir beobachten ja immer wieder, dass Menschen ihren Handykonsum übertreiben und nicht wissen, wann Schluss ist.

Warum aber das Handy, wie im obigen Zitat behauptet, zur „Vernachlässigung der sozialen Kontakte“ führen soll, ist  mir nicht einsichtig. Vielmehr ist es doch mit seinen sozialen Diensten in die Art und Weise einbezogen, wie Jugendliche heute ihre Freizeitkontakte managen.

Die Frage stellt sich zudem generell, was „Sucht“ im Bereich der Medien bedeutet, bzw. wie dieser Begriff hier zu definieren ist. Medienpsychologe und Studienverfasser Gregor Waller behauptet jedenfalls: „Die Resultate zeigen, dass tatsächlich eine Handyabhängigkeit als eigenständige Suchtart existiert und dass davon Tausende Jugendliche in der Schweiz betroffen sind“.  Darf ich Ihnen als Leserinnen und Leser dieses Blog dazu noch folgendes Zitat vorlegen: „‘Die Befragten spüren Euphorie, wenn sie eine SMS oder einen Anruf bekommen‘, so Waller.“  Hand aufs Herz: Ist es Ihnen nicht auch schon so gegangen, wenn Sie ihr Smartphone in der Hand halten?

Was hier modisch verbrämt neu aufgelegt wird, sind die alten bewahrpädagogischen Kamellen des letzten Jahrhunderts: Schon in den Sechzigerjahren grassierte die Fernsehsucht und 20 Jahre später dann die ebenso gefährliche Computersucht – alles akribisch bewiesen durch empirische Daten. Was neu dazu kommt, ist höchstens die Tatsache, dass Forschende (aber auch Pädagog/innen) selber  kaum mehr ohne ihr iPhone auskommen – während früher die Medienkritiker  bewusst auf das Teufelszeug von Fernsehen und Computer verzichteten. Und vielleicht ist es denn auch das schlechte Gewissen, das man dann gerne auf die „gefährdeten Jugendlichen“ projiziert.

Es ist manchmal merkwürdig, wenn man in einem Hochschulseminar über die Gefahren des Internets für Kinder und Jugendliche diskutiert – im Wissen darüber, dass die Mehrzahl der Studierenden nicht ohne Smartphone auskommt.  Und noch schlimmer ist hier die „Internetsucht“. Als ich vor einigen Wochen eine medienlose Woche vorschlug, klammerte man das Internet schon deshalb als „unmöglich“ aus, weil Studierende ja auch Studienaufgaben im Internet oder auf einer Lernplattform lösen müssen. Als Dozent für Medienpädagogik gibt man da schnell klein bei – weil man sich ja in eigene Fleisch schneidet, wenn die Studierenden auf „Internetentzug“ sind.

Ja, vielleicht sind wir alle süchtig. Ich gebe es ja zu, dass ich auch ein Smartphone besitze– und dass das auch fast automatisch Abhängigkeiten erzeugt. Da müssen wir doch wenigstens versuchen, Jugendliche und Kinder davon fernzuhalten…

PS: Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser übrigens gemerkt, dass ich bei den Erwachsenen einen Satz eingeschmuggelt habe, der im Originalton der Sonntagszeitung auf Jugendliche gemünzt ist? Hier deshalb das Originalzitat: „Im Fokus steht auch die Schule: Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, kennt das Problem: ‚Wir beobachten immer wieder, dass Jugendliche ihren Handykonsum übertreiben und nicht wissen, wann Schluss ist.‘“

14. März 2012

Medienpädagogische JIM- und KIM-Studien: ein Auslaufmodell

Filed under: Medienforschung,Medienpädagogik,Medienwissenschaft — heinzmoser @ 09:20
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Nutzungsstudien sind für viele Adressaten medienpädagogischer Forschung der Massstab aller Dinge. In einer Zeit des schnellen Technologiewandels scheinen Daten hilfreich, die zeigen, wie häufig Kindern bestimmte Medien nutzen, über wieviele Computer eine Durchschnittsschule verfügt, in welchem Zeitraum bei Kindern und Jugendlichen  z.B. Medien wie das Handy von Randphänomenen zu unersetzlichen Geräten für Alle werden. Verdienstvoll sind hier z.B. die Studien des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (KIM, JIM), aber auch andere ähnliche Datenerhebungen.

Auch wenn es interessant ist, die sich verändernde Datenstruktur dieser Studien über die Jahre zu verfolgen, so ist dennoch nicht zu übersehen, dass Nutzungsansätze, welche gerätespezifisch orientiert sind, immer stärkere Dysfunktionalitäten aufweisen. Dies können folgenden Beobachtungen verdeutlichen:

– Die Angabe der zeitlichen Dauer, in welcher sich Kinder mit Medien beschäftigen, werden immer schwierig interpretierbar, wenn Jugendlich Zuhause über eine Flatrate verfügen und den Computer einschalten, sobald sie  nach der Schule dort ankommen – um ihn vielleicht erst vor dem Zubettgehen wieder auszuschalten.  Die fünf oder sechs Stunden bedeuten dann nicht mehr, dass man sich spezifisch mit Aktivitäten am Computer beschäftigt; sondern man ist einfach Online und damit auf Empfang. Ähnlich muss man auch bei Handy fragen, was solche Werte  noch bedeuten: die Zeit der aktiven Beschäftigung mit Apps bzw. die Zeit, in welcher man telefoniert und SMS schreibt, oder die Zeit, in welcher das Handy eingeschaltet und die Kinder und Jugendlichen bereit sind, eingehende Meldungen unverzüglich zu beantworten.

– Noch schwieriger wird es, wenn das Medium nicht mehr eindeutigen einem bestimmten Gerätetypus zuzuordnen ist. Wer heute in einem Fragebogen zur Nutzung „Fernsehen“ ankreuzt, bezeichnet damit seine Aktivitäten am physischen Fernsehgerät. Doch in der täglichen Alltagspraxis kann „Fernsehen“ darüber hinaus auch bedeuten: Fernsehsendungen auf  dem Handy  oder auf dem Internet Online angucken. Auf dem Internet kann man zudem Fernsehsendungen  als Stream oder zeitversetzt als Konserve (in den Mediatheken der Sender oder auf YouTube ) ansehen. Manchen Kindern ist es dann vielleicht auch gar nicht mehr klar, ob sie auf YouTube eine Fernsehproduktion anschauen oder sonst einen Film, der hier veröffentlicht wurde.

– Damit werden auch Aussagen wie diejenige, dass sich die Entwicklung vom Leitmedium Fernsehen zum Leitmedium Computer verschieben, bezüglich der empirischen Datenbasis unsicher. Denn wenn ich am Computer vornehmlich nichts anderes tue als Fernsehfilme anzusehen, oder wenn ich gar kein Fernsehgerät mehr habe,  weil ich alles nur noch Online konsumiere, dann machen Aussagen zu einem vorgeblichen „Leitmedium“ nur wenig Sinn. Jedenfalls ist es sehr schwierig eine Aussage wie diejenige der JIM-Studie von 2008 zu interpretieren: „Obwohl in der vorliegenden JIM-Studie zum ersten Mal seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1998 mehr Computer als Fernsehgeräte im persönlichen Besitz von Jugendlichen sind, nimmt das Medium noch immer eine Schlüsselposition ein“ (JIM-Studie 2008, S. 26).

Kann sich die medienpädagogische Forschung  hier nicht neu orientieren, besteht die Gefahr, dass die Rekonstruktion des Nutzerverhaltens von Kindern und Jugendlichen zum Potemkinschen Dorf wird, hinter dem keine verlässliche und ausweisbare Realität mehr steht. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang zu vermuten, dass die medienkonvergente Nutzung von Geräten wie „Fernseher“, „Radio“ oder „Computer“ nur im Zusammenwirken mit qualitativen Studien, welche detailliert auf Nutzungsgewohnheiten von Individuen eingehen, zureichend erforscht werden kann

[Dies ist ein Auszug auf einem ausführlicheren Statement im Rahmen der Sektion Medienpädagogik (Forschungs-Workshop der Sektion am DGfE_kongress in Osnabrück vom März 2012]

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