Medienwelten

11. März 2013

Wie gefährlich ist das Internet

Filed under: Digital Life,Internet,Mediengewalt,Medienpädagogik — heinzmoser @ 23:12
Tags:

Empirische Studien zur Situation in der Schweiz zeigen, dass die Gefahren des Cybermobbings bei Jugendlichen überschätzt wurden. Einzelfälle, welche in der Presse ausgebreitet wurden, scheinen zu einem gewissen Alarmismus beigetragen zu haben. Dennoch war dies auch mit positiven Effekten verbunden – haben solche Berichte doch gerade Jugendliche vorsichtig gemacht, so dass diese heute sorgfältiger mit Persönlichkeitseinstellungen umgehen. Das heisst aber nicht, dass es immer leicht ist die Anforderungen digitaler Kommunikation mit dem Alltag zu vereinen. Mein kürzlicher Beitrag im Journal 21 versucht eine umfassendere Einschätzung dieser Problematik.

5. Februar 2013

Digital Citizenship – eine neue medienpädagogische Perspektive

Digital-Citizenship-in-Schools-9781564842329

Die Gefahren des Internets werden immer wieder in Presse und TV zum Thema gemacht. Gestern – 4.2.2013 wurde bei Frank Plasberg über „Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?“ diskutiert. Und am 5.2.2013 hiess es in 20 Minuten Online: „Ein 47-Jähriger aus dem Berner Oberland gibt sich als sexy Mädchen aus, um an Nacktvideos von 15- bis 17-Jährigen zu kommen.

Bewahrpädagogisch kann man darauf mit Medienverboten reagieren und versuchen Kindern erzieherisch enge Grenzen zu setzen. Nur funktioniert dies in einer Gesellschaft immer weniger, die in den letzten Jahren immer stärker mediatisiert wurde – von Spielkonsolen, bis hin zu Smartphones und Laptops. Und schliesslich helfen blosse Verbote wenig, wenn es darum geht, einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu finden, wie es im Erwachsenenleben heute notwendig ist. Das führt zur Frage nach der  Vermittlung von Medienkompetenzen, um den Umgang mit Medien zu beherrschen. Auch das kann allerdings problematisch sein, denn die heutigen Medienkompetenzen sind möglicherweise in fünf Jahren wieder total veraltet. Und oft betonen Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenzen zu stark die technischen Aspekte der Mediennutzung.

Schwierig sind aber auch einseitige Wirkungshypothesen – also etwa die oben formulierte These, dass uns Apple und Co. Doof machen. Was man oft vergisst, ist die soziale Einbettung der digitalen Medien, über welche Wirkungen erst zustande kommen. Wenn man z.B. Facebook nimmt, dann sollte man nicht davon ausgehen, dass wohlmeinende Internetaktivisten dadurch das Kommunikationsverhalten der Menschen verbessern wollten (alle „liken“ sich auf Facebook). Vielmehr geht es bei den „Sozialen Medien“ um handfeste ökonomische Interessen, was nicht erst seit dem Börsengang von Facebook deutlich wurde. So ist es kein Geheimnis, dass die beworbene Produkte nur „gelikt“ werden wollen. An einem kritischen „Dislike“-Button ist denn auch keiner interessiert. Und dass immer mehr Produkte die User als Freunde aufs Netz lotsen wollen ist ebenfalls kaum überraschend.

Geht man von dieser sozialen Einbettung der digitalen Medien aus, so ist die Perspektive einer „Digital Citizenship“ interessant, die in der amerikanischen Medienpädagogik diskutiert wird. Wie etwa Mike Ribble betont, ist eine digitale Gesellschaft entstanden, die von der Erziehung bis zur Arbeitswelt und zur Ökonomie heute alle Bereiche betrifft. Jeder Alltag ist damit auch zum „digitalen“ Alltag und jeder Bürger auch zum „digitalen“ Bürger geworden. Was aber dieser neue Status des „digital citizen“ bedeutet und welche Anforderungen an diesen Bürger und einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu stellen sind, das scheint mir die zentrale Frage zu sein.

Hier hat allerdings auch das amerikanische Konzept von „digital citizenship“ seine Schwäche. So stellt Ribble neun Elemente vor, die dafür zentral seien – etwa der umfassende Zugang, der digitale Kommerz, digitale Literacy, digitale Etikette oder digitales Recht. Diese sollen den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, um den „richtigen“ Umgang mit den Medien zu lernen.

Nur ist da das grosse Problem, dass diese digitale Gesellschaft im Status des Werdens ist. Oft gibt es noch keine eindeutigen Regeln, die bereits vorliegen und nur noch angewandt und als klare Verhaltensregeln vermittelt werden können. So heisst es im Buch von Mike Ribble (S. 96):

„Scenario 2: When hanging out with friends, one student gets a cell phone call and conducts a conversation within the group. What is the proper etiquette when using a mobile phone in a public place?“ Doch was ist hier die „proper etiquette“? Je selbstverständlicher der Handygrbauch ist, desto stärker kann sich diese Etiquette verändern. Unter handygewohnten Jugendlichen nimmt man vielleicht den Anruf an und bezieht die umstehenden Kolleg/innen in Gespräch ein, während mancher ältere Handynutzer fast fluchtartig einen abgelegeneren Ort aufsucht.

Je stärker die digitalen Medien die Gesellschaft durchdringen, umso häufiger werden solche Situationen, wo es die eindeutige und klare Lösung nicht mehr gibt:

– Bei welchen Lebensereignissen darf man mit Email oder SMS reagieren – und wo wäre eine persönlichere Reaktion angefragt (Todesfälle, Hochzeiten etc.)

– Wo ist es von Vorteil, Texte auf einem Ebook zu lesen, und wo möchte man nach wie vor ein gedrucktes Buch oder ein gedrucktes Papier?

– Wie hat sicher der Musikmarkt mit dem Internet verändert und was bedeutet dies für das Urheberrechts

– Was versteht man unter Multi-tasking – und gibt es Situationen, wo dies spezifische Vor- oder Nachteile für das Lernen hat?

– Wo beziehe ich meine politischen Informationen – Online oder aus abonnierten Zeitungen und Zeitschriften?

Das Dilemma ist bei all diesem Fragen: Als Digital Citizen komme ich nicht darum herum, mir solche Fragen zu stellen und handhabbare Antworten zu finden. Doch diese Lösungen sind zu vielen Fragen nicht eindeutig. Alte Regeln werden brüchig, weil sie zur digitalen Gesellschaft nicht mehr passen; manches bleibt unverbindlich – oder es bilden sich neue Regeln erst langsam heraus.

Wenn es jedoch darum geht, dass digitale Bürger selbstverantwortlich in dieser neuen Gesellschaftsform handeln, kann dies auch eine medienpädagogische Chance darstellen. Anstatt fixe Lösungen durchzusetzen oder auf unsicheren Normen als den einzig Gültigen zu beharren, müsste es stärker darum gehen, die Problematiken zu verstehen, die dahinter stehen.  Erst dann kann beurteilt werden, ob sie als Lösungen für den digitalen Alltag tragbar sind. Denn wenn es darum geht, dass junge Menschen verantwortungsvolle digital citizens werden, dann müssten sie selber an der Herausbildung  und Gestaltung von digitale Lebensstilen beteiligt werden, welche in Zukunft das Fundament des Zusammenlebens darstellen.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die digitalen Netze nicht nur positive Seiten haben. Auch Kriminalität, Mobbing und Gewalt gehören dazu. Allerdings ginge es hier nicht primär um externe Verbote, Warnungen und alarmistische Botschaften. Im Sinne des Empowerment müssten Kinder und Jugendliche hier vor allem angeleitet werden, wie sie sich als digitale Bürger verantwortungsvoll verhalten und sich gegen Übergriffe wehren können.

9. Dezember 2012

Gefahren im Internet und die allgegenwärtige Verunsicherung

Zwei Fälle in der gleichen Woche zu den Social Media haben Aufmerksamkeit in der Presse erregt: Da war erst einmal der Fall eines 22-Jährigen aus dem Kanton Zürich. Der ehemalige Gymnasiast war empört, dass ihm seine 290 Freunde nicht zum Geburtstag gratulierten. Deshalb kündigte er auf seinem Facebook-Profil an, er werde sie alle vernichten. Denn es sei keine Frage der Freundlichkeit, sondern eine Frage von Respekt und Ehre. Jetzt könne sie niemand mehr schützen. Mit „Pow!!!!, Pow!!!!, Pow!!, endete seine Statusmeldung.

Nachdem eine Mitschülerin die Schulleitung und diese die Polizei informierte, kam es zur Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl der junge Mann seine unüberlegte Handlungsweise bedauerte und deutlich machte, dass er nie einen Amoklauf beabsichtigte, wurde er schuldig gesprochen und zu einer Busse von fast 14’000 Franken verurteilt. Der Verurteilte sieht sich auch selbst als Opfer: „Eine solche Polizeiaktion war übertrieben und sehr belastend für mich.“

Der zweite Fall handelt von einem Video, da auf YouTube auftauchte: So soll ein Jugendlicher ein Sex-Video seiner Ex-Freundin auf Facebook gepostet haben. Der Zürcher Tages-Anzeiger dazu: „Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung ’20 Minuten‘ schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. “

Noch am gleichen Tag haben über 15’000 User das Video abgerufen. Es soll insbesondere auch in ganzen Primarschulklassen die Runde gemacht haben.

Die beiden Fälle zeigen  auf der einen Seite das Gefahrenpotenzial der Sozialen Medien an – schliesslich ist es für die Opfer, wie es der erste Fall zeigt, kaum abschätzbar, wie ernst ein „schlechter Witz“ gemeint ist. So belegen die Fälle auch, dass  es keine Schonzeit mehr für die Täter gibt und es zu Recht bis hin zur gerichtlichen Verurteilung kommt.

Dennoch sind oft auch die Täter in gewisser Weise Opfer der neuen und noch nicht bewältigten Veränderungen, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Denn die neuen flüchtigen Kommunikationsformen verleiten leicht dazu , sich auf eine Weise zu äussern, die man nach etwas Nachdenken besser unterlassen hätte. Mit anderen Worten:  Es fehlt im digitalen Zeitalter für viele noch Das Gespür dafür, was möglich ist, und was nicht geht.

Das entschuldigt solches Fehlverhalten nicht, macht aber deutlich, wo  Hebel anzusetzen ist. Es bedarf einer Medienbildung, welche nicht  technische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht und daraus Konsequenzen zieht. Das müssen nicht nur Fragen des Mobbing und der Gewalt  sein.   Genauso geht es darum, wie zum Beispiel das Liken auf Facebook zu bewerten ist – als Selbstausdruck eigener Bedürfnisse oder als Schritt zum gläsernen Konsumenten, der damit ohne bewusstes Überlegen nur die Interessen der Auftrag gebenden Firmen und Institutionen erfüllt. Gefragt werden könnte auch, wie weit man verpflichtet ist, immer Online zu sein, oder ob es auch geht, ein  SMS oder eine E-Mail verspätet oder gar nicht zu beantworten. Und ist es nicht so, dass man sich auch bei 800 Facebook-Freunden noch einsam fühlen kann?

Die Gewaltproblematik ist nur eine Facette der neuen Medien. So wichtig es ist, hier Auswüchsen klar entgegenzutreten, so wichtig ist es auch, Antworten auf die täglichen Verunsicherungen zu finden, der alle Nutzer der   sozialen Medien fast täglich begegnen.

11. Juli 2012

Im Auge des Handykriegs – ein Besuch an der Dokumenta13

Filed under: Digital Life,HAndy,Internet,Mediengewalt — heinzmoser @ 20:08
Tags: , , ,

Kunst ist heute multimedial orientiert – das zeigt die Dokumenta 13 mit ihren vielen medial inszenierten Installationen, den Videos, der Fotokunst. Als Beobachter der Medienwelt hat mich vor allem eine Installation tief berührt – nämlich die Handyaufnahmen aus Syrien, die Rabih Mroué aus Beirut im Hauptbahnhof (The pixelated Revolution) präsentiert. Zuerst sieht man im Raum nur  verschwommene Grossaufnahmen von Menschen, die offensichtlich aus der Perspektive eines Handys fotografiert wurden. Sie richten ihre Waffen auf den Betrachter – und dann haben sie wohl geschossen. Doch die verschwommenen Mörder bleiben weiterhin unbekannt.

Mroué hat hier Videos von YouTube zusammengestellt, die immer die gleiche Situation aus dem syrischen Aufstand zeigen: Aufständische wollen mit ihren Handys die brutale Unterdrückung dokumentieren und werden dabei selbst erschossen, in Homs, Hama oder Duma. Sie benutzen das Handy wie einen Teil ihres Körpers und werden zum Opfer, weil sie die Gefahr zu spät realisieren und kaum bemerken, wie auf sie gezielt wird?

In einem Video das in demselben Raum gezeigt wird versucht der Künstler eine Erklärung des Geschehens: Die Handyfotografen sind so in ihr Geschehen vertieft, das einer virtuellen Gemeinschaft angehört, der gegenüber sie Zeugnis ablegen, dass sie die Realität gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Sie fotografieren, wie das Rohr eines Panzers langsam gegen sie gerichtet wird – und vergessen, dass sie selbst es sind, die direkt in die Schusslinie geraten.  Das Handy wird so zum Auge, das den Gegner fixiert und dann das eigene Sterben dokumentiert. Rabi Mroué im Interview mit dem Deutschlandradio: „ Für mich ist die Re-Inszenierung ein wichtiges Mittel, um einen Abstand herzustellen, denn die Videos zeugen wirklich von großer Gewalt, selbst wenn man kein Blut und keine Leichen sieht. Man weiß, hier geht es um „double-shooting“: um den Augenkontakt zwischen Kameramann und Scharfschützen, und dann hört man einen Schuss, der das Mobiltelefon traf. Wir wissen nicht, ob der Filmende verwundet, getötet oder gerettet wurde. Die Tatsache, dass das Handy von einer Kugel getroffen wurde und auf den Boden fiel, ist bereits Ausdruck großer Gewalt.“

Man erschrickt an diesen Szenen, weil sie zeigen, wie wir glauben, dass die Medien eine Verlängerung unseres physischen Körpers sind, die uns dem Schutz einer globalen Gemeinschaft unterstellen. Wenn wir und Öffentlichkeit verschaffen scheinen wir unangreifbar. Und als Betrachter der Videos nehmen wir selbst die Perspektive der Opfer ein – wir sind es, auf die eine verschwommene Gestalt plötzlich zielt und abdrückt.  Doch welches Glück, wir leben…

10. November 2011

Cyper-Mobbing und Cyber-Grooming im Brennpunkt

Filed under: Mediengewalt,Medienpädagogik,Politik,Uncategorized — heinzmoser @ 17:58

ENISA, die europäische Agentur für Netz- und Informationssicherheit , veröffentlichte anfangs November einen Bericht zu Cyber-Mobbing und Online-Grooming (sexuelle Belästigung im Netz). Die Zahl der Jugendlichen, die mit solchen Erfahrungen konfrontiert werden, ist angestiegen – und ENISA vermutet, dass mit der zunehmenden Anzahl von Smartphones, die immer mehr auch für Jugendliche erschwinglich werden, die Risiken noch ansteigen werden.

Die europäische Agentur formuliert in ihrem Bericht eine ganze Reihe von Empfehlungen, wobei vor allem auch die Strafverfolgungsbehörden der Mitgliedsländer gestärkt werden solle. Zudem benötigen zivilgesellschaftliche und soziale Partner Informationsquellen über den Umgang mit dem Internet und Online-Dienstleistungsangeboten. Und es sollten in sozialen Netzwerken Online-Kampagnen zur Vermeidung von Grooming/Cyber-Mobbing geschaltet werden.

Eine weitere Palette von Massnahmen zielt auf Eltern und Jugendliche ab: So bedürfen bedürfen Eltern und Erziehende bessere technologischer Fähigkeiten, um die Wissenslücke zwischen Erwachsenen und Teenagern zu überbrücken. Und für die Jugendlichen selbst werden gemäss der Pressemitteilung von ENISA folgende vorbeugende Massnahmen gefordert:

– Der Einsatz von maßgeschneiderten Sicherheitseinstellungen für Teenager und die Anpassung von bereits existierenden Einstellungen an die Bedürfnisse von Teenagern;
– Datenschutz-Folgenabschätzung für Anwendungen, die Daten von Teenagern verarbeiten;
– Die Entwicklung von Mechanismen, die eine Deaktivierung sämtlicher aktiver (online) Komponenten erlauben;
– Altersgemäße Zugangskontrollmechanismen.

Insgesamt betont der Bericht eher die bürokratischen Massnahmen von Seiten des Staates. So richtig dies auf der einen Seite ist, geraten die Jugendlichen damit in eine Opferrolle: Sie müssen primär vor Gefahren geschützt werden. Jugendliche sind aber auch aktive Mediennutzer, die viele Kompetenzen haben und „eigentlich“ auch wüssten, was zu tun ist. Deshalb ist vor allem darauf hin zu arbeiten, dass sie diese Risiken selbst abzuschätzen lernen und dann auch selbständig die notwendigen Konsequenzen ziehen. Denn allein mit Gesetzen ist dem rasanten technischen Wandel des Internetzeitalters kaum beizukommen:  Wenn die einen Gesetzeslücken gestopft sind, tun sich meist bereits wieder neue  Fallstricke auf.

Und wenn – nicht nur in diesem Bericht – von den Eltern eine aktivere Kontrolle des Medienverhaltens verlangt wird, so trifft dies vor allem für kleinere Kinder zu. Im Jugendalter kommt ein kontrollierendes Verhalten schnell an seine Grenzen. Denn aus der Perspektive der Persönlichkeitsrechte  ist es kaum opportun, dass Eltern die Handys und Computer ihrer Heranwachsenden minutiös überwachen und dem Mailverkehr ihrer Kids hinterher schnüffeln.

Das heisst nicht, dass Nichtstun die beste Lösung ist. In vielen Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern aber auch mit Studierenden zeigt sich, dass die Besorgnis gerechtfertigt ist. Fast jede Lehrperson, weiss über einzelne Fälle von Belästigung oder sogar Mobbing zu berichten.

Beim Mobbing ist mir dabei eines aufgefallen. Vor den Zeiten des Internets haben Eltern oft versucht, solche Fälle nicht öffentlich zu machen – um damit die Kinder nicht zusätzlich zu belasten. Wenn man ein Kind stillschweigend aus der Klasse nahm und neu einschulte, dann konnte man Distanz und Ruhe schaffen. Heute aber ist Mobbing – z.B. auf  Facebook –  bereits zum vorneherein öffentlich, da es im Netz geschieht. Der Übergriff selbst ist darauf angelegt, jemanden öffentlich an den Pranger zu stellen. Es ist deshalb notwendig, dass auch in die Aufarbeitung solcher Fälle diese Öffentlichkeit bewusst einbezogen wird – etwa indem ein solcher Fall in einer Schulklasse oder in der Familie offen thematisiert und diskutiert wird. Die Betroffenen lernen so, dass sie nicht allein stehen und von Anderen Unterstützung erhalten. Sich nicht zu verstecken, sondern offensiv vorzugehen, das ist wohl die bessere Devise.

http://www.enisa.europa.eu/media/press-releases/eu-agentur-enisa-veroffentlicht-bericht-uber-cyber-mobbing-und-online-grooming-18-sicherheitsempfehlungen-gegen-schlusselrisiken

26. Oktober 2011

Tag der (Nicht-) Medienkompetenz

Filed under: Digital Life,Internet,Mediengewalt,Medienpädagogik — heinzmoser @ 09:00

Viele Ereignisse  haben spezielle Tage, die ihre Schatten werfen. Da gibt es den Tag des Apfels, den Tag des Handwerks, den Tag der Kranken, den Tag der gesunden Ernährung, den Weltlachtag, den Tag der Sonne, den Tag des Gartens  etc. Und nun gibt es in der Schweiz also einen 1. Nationalen Tag der Medienkompetenz. Gedenktage sind immer etwas zwiespältig: Man fokussiert sich einmal im Jahr auf ein Ereignis, um es dann mit gutem Gewissen abzuhaken. Auf der anderen Seite  kann man an einem solchen Tag Bilanz ziehen und Bewusstsein schaffen. Doch braucht es wirklich auch noch einen Tag der Medienkompetenz? Und vor allem, wofür soll der Tag für Medienkompetenz stehen?

Der Tag der Medienkompetenz ist nämlich eigentlich ein Tag der Nicht-Medienkompetenz. Wenn man die Website dazu ansteuert, fällt erst einmal ins Auge ,dass es dort heisst: „ Der zentrale Anlass in Fribourg besteht aus dem Nationalen Fachforum Jugendmedienschutz.“ Und Bunderat Didier Burkhalte meint dementsprechend in seinem Grusswort „Internet, Soziale Netzwerke, Smartphones, Computerspiele: Digitale Medien faszinieren und bereichern unseren Alltag, das Berufsleben und vieles mehr. Es stellen sich aber auch Fragen nach der altersgerechten Nutzung und nach dem Schutz von Kindern und Jugendlichen vor möglichen Gefahren wie Gewalt, Pornografie oder unerwünschten Kontakten.“

Natürlich ist der Jugendmedienschutz ein wichtiges Thema, das verstärkt thematisiert werden muss. Doch wenn es um einen „Nationalen Tag der Medienkompetenz“ geht, hätte ich erwartet, dass man erst einmal  gelungene Medienprojekte vorstellt, auch festhält, wie medienkompetent unsere Gesellschaft und vor allem die Jugendlichen  heute geworden sind („Yes, wie can“, würde vielleicht ein bekannter Zeitzeuge dazu sagen).

Der Tag der Medienkompetenz ist dagegen eine Mogelpackung:  Hier geht es darum, um wieder einmal aufzuzeigen, wie wenig kompetent die heranwachsende Generation ist, und dass da noch ein gewaltiger Nachholbedarf an Wissen um Gefahren und Risiken besteht. Förderung von Medienkompetenz heisst deshalb, dass es an diesem Tag vor allem um die Schulung der Nicht-Kompetenten geht. So soll an diesem Tag Gelegenheit bestehen, „Strategien und Massnahmen zur Förderung in Medienkompetenzen in unterschiedlichen Settings (Peers, Familie, Schule, Freizeit) zu diskutieren.“

Das ist ja alles nicht falsch. Dennoch ist es schade, dass hier eine Chance vertan wird: Alle Risiken und Gefahren werden nochmals aufgetischt; was vergessen wird, ist die Medienkompetenz der heutigen Jugendlichen und ihr Spass an den Medien, sowie die Chancen und Ressourcen , die damit für unsere Gesellschaft verbunden sind.

Link zum Tag der Medienkompetenz:  http://mewiko.ch

11. August 2011

Der mediale Gewaltdiskurs im Fall des Anders Behring Breivik

Filed under: Digital Life,Mediengewalt,Social Media — heinzmoser @ 09:00

Als Anders Behring Breivik Ende Juli 2011  in Norwegen in seinem Amoklauf über siebzig Menschen erschoss, gab es nur zu Beginn einige Stimmen, welche den Akzent darauf legten, dass er Ego Shooter spielte – nach dem bisher fast durchgängigen Muster: Ein einsamer junger Mann nimmt gewalttätige Computerspiele als Vorbild für seine Taten. Die sinnlose Tat erhält damit wenigstens psychologisch eine ursächliche Zuschreibung und Begründung.

Der Diskurs um die Mediengewalt folgte dann aktuelleren Linien: Vor allem wurde die Kommunikationsfunktion der Medien thematisiert, die in diesem Fall eine wichtige Rolle spielte: Die Vernetzung von Breivik in der rechtsextremen Szene und sein Bezug zu Facebook.  So klinkte er sich in Internet-Foren ein und wetterte er gegen den Islam und eine multikulturelle Welt. Der  Multikulturalismus galt für ihn als „antieuropäische Hassideologie“. Katia Murmann betonte in „Der Sonntag“ vom 23. Juli 2011, wie Breivik auf Facebook sein eigenes Image zimmerte, das er nach dem Attentat vermitteln wollte: „Christlich sei er, schreibt Breivik auf Facebook, und konservativ. Tatsächlich ist der junge Norweger mit dem Kinnbärtchen ein Anhänger der Freimaurer und war zwischen 1999 und 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei Norwegens. Als Hobby gibt Anders Behring Breivik auf Facebook ‚Jagen‘ an. Er verrät, dass er gerne psychologische Bücher liest und nennt als Idol den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill.

Auch die Tatsache, dass er sein krudes Manifest Online publiziert, um sich Öffentlichkeit zu verschaffen, stand im Mittelpunkt dieses Diskurses. Denn es braucht keinen Verlag mehr, um solche Ideen unter die Leute zu bringen, wenn jeder alles kostenlos auf dem Web verbreiten kann. Das Attentat führte dann dazu, dass dieses wirre Manifest  in aller Welt bekannt wurde. Da half es wenig, wenn das Hacker Kollektiv Anonymus als Gegenstrategie zur wahllosen Verbreitung dazu aufrief, die Niederschrift zu verunstalten, mit sinnlosen Textpassagen anzureichern, Teile zu löschen, Bilder zu verfremden (vgl. Der Tagesspiegel, 26.7.2011).

Zieht man ein Fazit zum Mediendiskurs, wie er im Fall von Breivik deutlich wird, so wird er nicht als Opfer von Mediengewalt gezeichnet, sondern viel stärker als Täter, der seine Tat schon beinahe als Medienprofi plante. Der Mediendiskurs betont damit den aktiven Umgang mit Medien und die konstruktivistisch orientierte Schaffung einer eigenen Medienwelt. Breivik ist zwar immer noch einsamer Täter, steht aber gleichzeitig übers Internet in Verbindung mit einer Vielzahl von Einzelpersonen und Gruppierungen. Dies ist mit Machtphantasien verbunden, welche sich in Grössenphantasien äussern, die dann im weltweiten Aufruf des Manifests gipfeln.

Diese Ablösung des Diskurses um die direkten Medienwirkungen, welche Gewalt erzeugen, ist dabei nicht einfach als Auswirkung der medienpädagogischen Diskurse um Gewalt zu sehen. Sie hängt vielmehr damit zusammen, dass mit dem Web 2.0 immer mehr die kommunikativen Strategien im Netz in den Vordergrund rücken. Vielmehr entspricht sie auch einer realen Veränderung in der Welt der Medien. Die Eingebundenheit der Mediengewalt in die gleichzeitig reale und virtuelle Lebenswelt ist in den Auswirkungen eher noch diabolischer zu beurteilen wie das Muster computerspielenden Einzeltäters.  Es ist deshalb auch zu befürchten, dass bei nächsten Attentaten und Amokläufen das Netz und die Social Media zu einer festen Grösse in der Kalkulation der Täter werden.

29. Juni 2011

Supreme Court entscheidet: Die Gefahr von Killerspielen

Filed under: Medien,Mediengewalt,Medienpädagogik — heinzmoser @ 12:19

Der  US Supreme Court hat dieser Tage gegen ein Verbot zum Verkauf von Killerspielen votiert, welches im Bundesstaat Kalifornien durchgesetzt werden sollte. Argumentiert wurde mit dem 1. Zusatzartikel zur Verfassung, welche die Meinungsfreiheit garantiert. In einer sehr strengen Auslegung wurde diese auch gegen ein Killerspiel-Verbot ins Feld geführt. Wörtlich heisst es: “[A]s a generalmatter, . . . government has no power to restrict expression because of its message, its ideas, its subject matter, orits content.”

Besonders interessant ist, dass der Gerichtshof auch Stellung zu der wissenschaftlichen Debatte um Gewaltspiele nimmt. Vor allem werden die Arbeiten von Craig Anderson durch den referierenden Richter Richter Antonin Scalia harsch zerzaust, dessen Studien auch in der deutschsprachigen Diskussion eine Rolle spielen. So heisst es dazu:

„California relies primarily on the research of Dr. Craig Anderson and a few other research psychologists whose studies purport to show a connection between exposure to violent video games and harmful effects on children. These studies have been rejected by every court to consider them, and with good reason: They do not prove that violent video games cause minors to act aggressively (which would at least be a beginning). Instead, “[n]early all of the researchis based on correlation, not evidence of causation, and most of the studies suffer from significant, admitted flaws in methodology.” Video Software Dealers Assn. 556 F. 3d, at 964. They show at best some correlation between exposure to violent entertainment and minuscule real-world effects, such as children’s feeling more aggressive or making louder noises in the few minutes after playing a violent game than after playing a nonviolent game.“

Nun ist es sicher nicht ganz unproblematisch, wenn sich Gerichte zu Experten über die Qualität wissenschaftlicher Untersuchungen aufschwingen. Noch wenn sie Gutachten einholen, sind diese nicht automatisch dem Meinungsstreit in einem Feld enthoben, wo dieser auch mit „wissenschaftlichen Argumenten“ (was dies auch immer sei) geführt wird. Dennoch sollte man den detaillierten Wortlaut dieses Urteil zur Kenntnis nehmen und sich nicht pauschal gegen den amerikanischen Gerichtsentscheid empören, wenn  man bei uns in Zukunft über die Killerspiele argumentiert. Denn ganz so einfach haben es sich die Richter nicht gemacht. Und dann gibt es ja auch noch eine Minderheit mit einer Gegenmeinung (übrigens auch zu den Studien von Anderson), die ebenso publiziert ist – und die man ebenso zur Kenntnis nehmen sollte.

Hier weiterlesen: http://www.supremecourt.gov/opinions/10pdf/08-

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.