Medienwelten

26. August 2013

Tageszeitung am Ende?

Wer braucht noch eine abonnierte Tageszeitung? Pendler ziehen sich eine Gratiszeitung auf dem Weg zur Schule oder zur Arbeit. Und immer häufiger lässt man sich die wichtigsten News übers Handy oder ein Tablet anzeigen. Dort kann man sich auch die neuste Wetterprognose auf einem Video ansehen, eine Bildstrecke antippen etc. Schon setzen Medienunternehmen auf die Zukunft der digitalen Medien und sehen die traditionelle Zeitung als Auslaufmodell. Erst kürzlich hat der Axel Springer Verlag in Deutschland den Ausverkauf seiner Regionalzeitungen und vielen weiteren Print-Titeln in die Wege geleitet. Die Debatten, welche dies ausgelöst hat, zeigt mein Artikel im Journal 21.

8. März 2013

Zoff in der Schweizer Medienwissenschaft und das Mauerblümchendasein der Medienpädagogik

Staub aufgewirbelt hat in den letzten Tagen die Suche der Nachfolge für Heinz Bonfadelli an der Universität Zürich. Weil bei der Wiederbesetzung ein Streit  um die angebliche Bevorzugung deutscher Kandidaten ausgebrochen war, musste die Leitung der Universität das Verfahren zur Berufung eines neuen Publizistikprofessors sistieren. Nun kann man natürlich argumentieren, dass  nach dem Rücktritt von Bonfadelli ein Kenner der schweizerischen Medienlandschaft fehlt. Doch nach dem was man der Presse entnehmen konnte, haben einige der Bewerber/innen schon einige Zeit in der Schweiz gearbeitet. Da sollte es eigentlich möglich sein, sich in diese Probleme der Schweizer Presse einzuarbeiten.

Der Streit erinnert etwas an den Zürcher Gemeinderat. Hier wurde von SVP-Seite kürzlich gefordert, „dass durch Lautsprecher verbreitete Mitteilungen der VBZ nur von Personen gesprochen werden, deren Muttersprache Schweizerdeutsch ist.“ Vielleicht stört man sich ja daran, dass der neue Professor dann möglicherweise geschliffenstes Hochdeutsch an die Uni brächte…

Wenn es schon um Medien und die Universität geht, dann sollte viel mehr beunruhigen, dass es an den Schweizer Hochschulen seit dem Ausscheiden von Christian Doelker seit 2002 keinen Schweizer Lehrstuhl für Medienpädagogik und damit auch keine Ausbildung in diesem Fach gibt. Offensichtlich sah das Institut für Erziehungswissenschaft dank einer Scheuklappenmentalität weder einen Bedarf noch eine Notwendigkeit für eine Nachfolge in diesem Fach. So wird es immer schwieriger, medienpädagogische Stellen an Pädagogischen Hochschulen mit qualifiziertem Personal zu besetzen. Nachdem sich die Notwendigkeit, Lehrpersonen medienpädagogisch stärker auszubilden, angesichts der Vielzahl digitaler Medien, mit denen Kinder und Jugendliche heute umgehen, in den letzten Jahren verstärkt hat,  ist dies schlicht unverantwortlich. Aber auch für den Bereich der Sozialarbeit oder der generellen Medienerziehung wäre ein erziehungswissenschaftlicher Schwerpunkt an einer Schweizer Universität unbedingt erforderlich. Damit ohne solche Studienmöglichkeiten kommt automatisch das zum Tragen, was der Universität im Fall der Nachfolge von Bonfadelli vorgeworfen wird: Es gibt immer weniger schweizerische Bewerber, weil es dazu hierzulande keine qualifizierte Ausbildung mehr gibt. Und auch eine fundierte medienpädagogische Forschung wäre dringend auf ein universitäres Institut angewiesen, das hier Akzente setzt.

29. Dezember 2012

Online-Kommentare – auf dem Vormarsch

Foren sind immer leer, wenn man sie einrichtet, um auf dem Internet spannende Diskussionen zu initiieren. Vor allem die traditionellen Zeitungen hatten lange Mühe, Leserinnen und Leser in ihren Online-Ausgaben zu Kommentaren auf die redaktionellen Zeitungsartikel zu bewegen

Es handelt sich hier vor allem um ein Problem der Generationen. Ältere Leserinnen und Leser bevorzugen bis heute den Leserbrief, wenn sie sich zu Presseberichten äussern wollen. Dies hat ja auch unbestreitbare Vorteile: Man kann sich seine Meinungsäusserung zwei- oder dreimal überlegen und korrigieren, bevor man sie abschickt. Was zudem eine spontane Reaktion ist („Das muss dazu endlich mal gesagt sein“), bereut man vielleicht aus einer grösseren Distanz. So überschläft man einen Leserbrief erst einmal eine Nacht und beschliesst am nächsten Tag, ihn gar nicht abzuschicken.

Allerdings kommt bei den Jüngeren, die sich gewohnt sind, auf Facebook  zu posten, doch einiges in Bewegung. Gratiszeitungen wie 20 Minuten, die sich auch in den Inhalten stark auf ein jüngeres Publikum ausrichten, haben viel weniger Mühe mit ihrer Kommentarfunktion. Dies hat die genannte Zeitung kürzlich in eigener Sache mit einem Artikel aufgezeigt. Schon die Zahl der eigegangenen Kommentare ist beeindruckend: So wurden von Leserinnen und Lesern der Zeitung knapp 1,4 Millionen Kommentare verfasst. Erläuternd wird im Bericht eine Studie des Zürcher Instituts für Publizistikwissenschaft zitiert, wonach täglich 59 Prozent der 20-Minuten-Online-Nutzer nach eigener Auskunft täglich oder fast täglich die Kommentare lesen. Für die Konsumenten von Online-Zeitungen sind damit die Kommentare ebenso wichtig, wie das für die Leserbriefspalten der Zeitungen gilt – dort eine der beliebtesten Rubriken. Womit diese Beliebtheit zu tun hat, wird ebenfalls angedeutet: „Der Hauptgrund ist, dass die Leute wissen wollen, was andere zu dem Thema denken und dabei viel Spass haben und sich auch richtig ärgern können. ‚Kommentare haben etwas Voyeuristisches, sie sind wie Reality-TV im News-Bereich. Auch das Fremdschämen für peinliche Äusserungen von anderen übt eine grosse Faszination auf die Leser aus, was zu einem hohen Unterhaltungswert führt‘, erläutert Medienforscher Thomas Friemel die Ergebnisse einer Studie der Universität Zürich.“

20 Minuten ist aber keine Ausnahme. Auch bei Angeboten wie SPIEGEL-Online, die stark von einem internetaffinen Publikum genutzt werden, haben sich Foren zu einzelnen Artikeln eingespielt. So heisst es auf der Website: „Auf SPIEGEL ONLINE finden Sie das größte aktuelle Diskussionsforum im deutschsprachigen Internet mitmachen ist einfach und kostenlos.“ Sogar bei der FAZ finden sich zu den Honoraren von Peer Steinbrück immerhin über 70 Leserkommentare.

In Zukunft dürften sich den Online Zeitungen allerdings zwei Probleme noch verstärkt stellen:

1.  Der einfache und kostenlose Zugang zu Mitmachforen besteht nur so lange, wie die Zeitungen kostenlos sind. Im Moment besteht nun aber gerade der Trend, Online-Ausgaben wie bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) kostenpflichtig zu machen. Dies wird vor allem jüngere Leserinnen und Leser ausschliessen – also jene Internetgeneration, die mit dem aktiven Umgang auf dem Internet am wenigsten Probleme hat. Mindestens ist zu fragen, ob traditionelle Leserinnen und Leser, die zusätzlich noch die Online-Ausgabe für ihr Tablet abonnieren, so schreibfreudig sind.

2. Mit der überhandnehmenden Anzahl von eingereichten Kommentaren ergibt sich ein zweites Problem, nämlich jenes der Selektion. So werden die Kommentare,  wie ebenfalls in 20 Minuten aufgezeigt wurde, dort vor Erscheinen durch ein Team von 17 nebenberuflichen „Freischaltern“ gesichtet und geprüft. Dazu heisst es: „Von den rund 1,4 Millionen Leser-Kommentaren, die 2012 eingingen, wurde etwas mehr als eine halbe Million gelöscht. Also knapp zwei Fünftel. Die Redaktion erhält täglich Mails mit Beschwerden wie «Meine Kommentare werden immer gelöscht» oder ‚Nur weil euch meine Meinung nicht passt, wird mir ein Maulkorb umgehängt‘. Doch eine Blacklist oder Ähnliches gibt es nicht. Jeder Kommentar wird bearbeitet. Dabei wird nicht nach Gutdünken gelöscht, sondern anhand definierter Standards.“

So geht es darum, Falschinformationen, persönliche Anwürfe und Anfeindungen sowie aus Rechtschreibgründen fast unlesbare Eingaben auszusortieren. Doch was aus Gründen eines seriösen Journalismus unentbehrlich scheint, wird von den Betroffenen rasch als Bevormundung und Zensur betrachtet. Das schadet wiederum dem Image einer freien Bühne des Meinungsaustauschs, wie es die Ideologie des Web 2.0 verspricht. Ein verärgerter User meint zum Beispiel im Internet: Irgendwie erscheinen die Hälfte meiner Kommentare bei Spiegel Online Artikeln nicht. Ich frage mich, ob ich nur etwas falsch mache, oder ob dort wirklich derart kräftig zensiert wird. ‘Ich hatte Donald Trump geraten, die 5 Mio., welche er Obama geben wollte, lieber in ein neues Toupet zu investieren, dass nicht aussieht wie der Hintern eines Cocker Spaniels.‘

1. September 2012

„Digitale Demenz“ – das holzschnittartige Mantra des Herrn Spitzer

Landauf, landab verbreitet der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer seine medienkritische Botschaft zur „digitalen Demenz“. Seine Botschaft fasst er nun auch in seinem neuen Buch mit dem Titel zusammen: „Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen.“ Computer, Smartphone und Internet bergen nach Spitzer immense Gefahren, da sich das Gehirn bei intensiver Nutzung abbaue – oder wie auf dem Buchrücken in roter Farbe alarmierend festgehalten wird: „Wir klicken unser Gehirn weg.“

Solche Thesen muten reichlich plump an. Doch Spitzer betont immer wieder, dass es „die Wissenschaft“ sei, die zu einem solchen Ergebnis komme: „Wenn schon der gesunde Menschenverstand heute überall und vor allem auch dort, wo man dies nicht vermutet, zu versagen scheint, sollte wenigstens die Wissenschaft im Hinblick auf die Gefahren von Medien eine klare Sprache sprechen“ (S. 290).  Und mit „Wissenschaft“ ist natürlich die Hirnforschung gemeint, nämlich jene Disziplin, von der es in den biografischen Angaben zum Buch heisst, Spitzer sei „einer der bedeutendsten deutschen Gehirnforscher“. Wer wagt da noch, seinen Thesen zu widersprechen? Denn Spitzer zitiert eine Unmenge wissenschaftliche Untersuchungen zur Untermauerung seiner Thesen, wobei er im Furor seines Engagements leider öfters vergisst, die Quellen sauber zu belegen, auf die er sich stützt. So verweist er auf „amerikanische Wissenschaftler, welche an einer Studie von über tausend Babys und Eltern erstmals klare negative Auswirkungen des Medienkonsums auf die intellektuelle Entwicklung aufgezeigt habe. In den Anmerkungen als (vgl. Zimmermann et. al 2007 b) gekennzeichnet, findet sich dazu kein Titel in der Literaturangabe. Und das ist leider kein Einzelfall.

Doch solche Unsauberkeiten entkräften Spitzers Argument nicht, wonach er alle seine Thesen empirisch belegen könne. Allerdings überzieht er bei seinen Interpretationen m.E. öfters die Aussagekraft von Untersuchungen.  Ein Beispiel: Spitzer berichtet zum Einfluss des Multitasking auf die geistige Leistungsbereitschaft von einer amerikanischen Studie  an 262 Studenten, von denen 19 Studenten als schwere und 22 Studenten als leichte Medienmultitasker für ein Experiment ausgesondert wurden. Von dieser Hand voll von Studierenden schliesst er dann ganz generell: „Halten wir fest: Menschen, die häufig gleichzeitig mehrere Medien nutzen, weisen Probleme bei der Kontrolle ihres Geistes auf“(S. 234).

Den Einwand, wonach es für jedes Ergebnis einer Studie eine zweite Studie gäbe, die das Gegenteil beweise, kontert Spitzer: „Dem ist jedoch ganz einfach zu entgegnen: Es gibt gute und schlechte Studien“ (S. 316). Spitzer geht natürlich nur auf die „guten“ ein, und das sind ausschliesslich Studien, welche seine Thesen von den Gefahren der Medien bestätigen. Doch wie unangefochten sind diese? So verweist Spitzer z.B. immer wieder auf die „wahrscheinlich weltweit beste Langzeitstudie“ zur Entwicklung von 1037 Neugeborenen, die in Dunedin auf Neuseeland durchgeführt wurde.  Diese soll „bewiesen“ haben, dass die Bildung der Kinder geringer sei, je mehr in der Kindheit ferngesehen wird. Nun gibt es aber auch in Neuseeland eine Diskussion unter Experten, wie diese Studie zu bewerten sei. Michael Gard zum Beispiel ist skeptisch und hat in der Zeitschrift „Childrenz Issues“ die darin publizierten Zusammenhänge als spekulativ und problematisch gekennzeichnet.

Gard  betont, dass es sich im Wesentlichen um korrelative und assoziative Zusammenhänge handle, die nicht umstandslos als ursächliche Wirkungszusammenhänge interpretiert werden können. Dies scheint mir auch die Achillesferse  der Spitzerschen Argumentation. Denn diese bezieht sich immer wieder auf den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und der Aktivierung des Gehirns. Spitzer selbst schränkt bei der Darstellung einer dieser Studien ein, dass statistische Zusammenhänge allein noch nichts über Ursache und Wirkung aussagen, auch wenn die vermutlichen Zusammenhänge plausibel scheinen (S.120). Doch diese Plausibilität, garniert mit Zahlen aus diversesten Studien, wird unter der Hand dann schnell zur unumstösslichen Wahrheit.

Eines seiner Hauptargumente ist dabei, dass jene, die digitale Medien nutzen, nur oberflächlich und mit eingeschränkter Verarbeitungstiefe lernen: „Je oberflächlicher ich einen Sachverhalt behandle, desto weniger Synapsen werden im Gehirn aktiviert, mit der Folge, dass weniger gelernt wird“ (S. 69). Das belege schon der Sprachgebrauch: Früher seien Texte gelesen worden, heute nur noch abgeschöpft, und man surfe, anstatt in die Materie einzudringen. Dies habe in der Konsequenz  Auswirkungen auf das Wachstum der Gehirnareale: „Unser Gehirn funktioniert also in einer wichtigen Hinsicht so ähnlich wie ein Muskel: Wird er gebraucht, wächst er; wird er nicht benutzt, verkümmert er.“ Das physiologische Konzept von Entwicklung, das Spitzer hier aufkocht, wirkt wie ein krudes Evolutionstheorem aus dem 19. Jahrhundert – verpackt in das moderne Gewand der Gehirnforschung. Jedenfalls funktioniert das Konzept der „digitalen Demenz“ genauso grobschlächtig, und es wird nirgends deutlich, auf welche Weise jemand durch Medien dement wird, was das für ihn bedeutet und wie ein solcher Prozess konkret verläuft. So bleibt es bei purer Angstmacherei vor einem undefinierten Verlust geistiger Fähigkeiten.

Neben diesen prinzipiellen Einwänden gegen das Buch ist allerdings festzuhalten, dass Spitzer bei seiner Diagnose von Problemen, die mit digitalen Medien verbunden sind, lange nicht überall falsch liegt. So betont er im Abschnitt zur „Generation Google“ (S. 209 ff.), dass bei Suche mit Google oft eine Tendenz zur Oberflächlichkeit bestehe. Er bringt dies auf den Punkt mit der Anekdote, dass drei Schüler, die ein Referat über Georgien erstellen sollten, eines über den amerikanischen Bundesstaat Georgia gehalten hätten. Wer über ein Sachgebiet noch nicht viel wisse, werde durch Google auch nicht schlauer. Nur wer schon viel wisse, könne sich leicht mittel Google oder anderer Quellen noch das letzte Bisschen Information holen, das er benötige. Diese Argumentation könnte man noch damit ergänzen, dass ein Aufsatz nicht darin besteht, Textblöcke auf dem Netz per copy und paste zu einem eigenen Text zusammenzufügen, wie das manche Schülerinnen und Schüler praktizieren. Digital Natives „klicken für eine Weile wahllos herum und kommen nie zu einer guten Quelle zurück; sie suchen horizontal (sprich: oberflächlich) nicht vertikal (gehen nicht in die Tiefe)“ (S. 214).

Heisst das aber nicht, dass Schülern Medienkompetenz zu vermitteln wäre, damit sie lernen, solche vertiefte Recherchen durchzuführen? Doch für Spitzer ist dies hoffnungslos; der Begriff der Medienkompetenz hat bei ihm keine Chance. Schnoddrig meint er zu Forderungen nach mehr „Medienkompetenztraining“: „Was würden Sie sagen, wenn jemand das Training von Alkoholkompetenz im Kindergarten oder als Schulfach einführen wollte?“ Nur wäre hier eben zu berücksichtigen, dass kleine Kinder – wie Spitzer in seinem Buch belegt – im Alltag schon sehr häufig Medien benutzen – was beim Alkohol sicher nicht der Fall ist. Auf solche Medienspuren hin Medienkompetenz zu fördern, die übrigens auch Bilderbücher umfasst, scheint mir nichts Verwerfliches. Es ist eben kein „anfixen“, wie es Spitzer den Schulen unterstellt. Sondern der Umgang mit digitalen Medien ist Teil unseres Alltags geworden. Und was im Alltag ohnehin stattfindet als Anlass zur Förderung von Medienkompetenz zu nehmen, kann auch für Lernen und Entwicklung positiv sein. Medienkompetentes Handeln schliesst übrigens auch ein, sich in manchen Situationen gegen die Nutzung eines Mediums zu entscheiden.Das heisst doch nicht, dass auf diese Weise gleich automatisch die „digitale Demenz“ (ein starkes Wort) gefördert wird.

Auch dazu ein Beispiel anhand des Buches von Spitzer: Er polemisiert gegen Smartboards im Klassenzimmer und beschreibt dazu eine Unterrichtssequenz aus einer Deutschstunde. Die Kinder hatten am Smartboard mit verschiedenen Wörtern jeweils eine Vor- und Nachsilbe (sozusagen: interaktiv) als Objekt zu einem passenden Wortstamm zu ziehen. Aus „freund“ und „schaft“ werde so das Wort „Freundschaft“ gebildet. Daran kritisiert Spitzer, dass die „Verarbeitungstiefe“ bei diesem Vorgehen oberflächlich bleibe: „Abschreiben wäre da schon viel besser, denn hierbei müsste das Wort memoriert und erneut geschaffen werden – durch sinnvolle , d.h. die Bedeutung aus einzelnen Zeichen zusammensetzenden Bewegungen“ (S. 80). Mich überzeugt weder das Abschreiben noch das Ziehen, da beides sehr mechanisch geschehen kann. Beide Formen können Elemente eines Unterrichts sein; doch eine Didaktik, die sich im Kern auf solche Methoden beschränkt, ist armselig. Auch ein Unterricht, der sich zugunsten des Spitzerschen Vertiefungsarguments aufs Abschreiben fokussiert, scheint mir eher in die didaktische Steinzeit zurückzuführen. Bei einem medienkompetent strukturierter Unterricht geht es im Übrigen auch nicht darum, Medien flächendeckend einzusetzen – im Sinn dass der Unterricht besser wäre, je häufiger und länger Medien eingesetzt werden. Vielmehr ist die Hauptfrage, wo es sinnvoll ist, Medien einzusetzen, und wo gerade nicht.

Wenn Technik einfach blind eingesetzt wird, ist dies – keine Frage – meist kontraproduktiv. Das gilt auch für das Beispiel der Navigationsgeräte im Strassenverkehr, das Spitzer (S. 27 ff.) aufführt.  Es gibt da ja immer wieder Beispiele, wo z.B. LKW-Fahrer vollkommen aufs Navi vertrauen, bis sie auf einer so engen Strasse landen, dass nichts mehr weitergeht. Für Spitzer heisst das: Wer sich auf die technische Hilfe eines Navi verlässt, lernt nicht mehr, sich im Raum selbst örtlich zu orientieren. Denn er lässt navigieren und navigiert nicht mehr selbst (S. 28).

Dies kann ich indessen so nicht nachvollziehen. Wer bei der Fahrt das Navigationssystem benutzt, ist nicht nur passiv („lässt navigieren“). Vielmehr muss man dazu auch immer die Daten mit der Umgebung vergleichen und dabei seine Schlüsse auf den eigenen Standort ziehen. Es geht also darum, die digitalen Daten ins Navigieren in der realen Welt einzubeziehen, nicht aber, blind auf eine Technik zu vertrauen. Genau dazu kann und sollte die Förderung von Medienkompetenz helfen, nämlich die digitalen Medien sinnvoll in den Alltag einzubetten. Die Methode der englischen Taxifahrer, das Wissen zum Gewirr von 25 000 Strassen in London über Prüfungen zu erwerben, scheint mir hier als Alternative für uns als private PKW-Fahrer wenig zu bieten, auch wenn sie nach Spitzer den Hippocampus vergrössert.

Nun werden die Differenzen zu den Konzepten von Spitzer gerade im medienpädagogischen Bereich kaum auszuräumen sein. Denn Spitzer reagiert gehässig und gereizt, sobald die Sprache auf die Medienpädagogik kommt. Für ihn werden Professoren der Medienpädagogik häufig für  das Gegenteil von wissenschaftlicher Aufklärung bezahlt und ihre Untersuchungen werden von der Medienlobby finanziert. Dazu nochmals O-Ton von Spitzer „‘Aber Herr Spitzer, jetzt übertreiben Sie wirklich masslos!‘ höre ich Medienpädagogen (die von den Medien ja leben und sich genau aus diesem Grund nicht kritisch äussern), Vertreter der freiwilligen Selbstkontroille und der Medien selbst schon sagen“ (S. 26). Unerträglich wird es aber, wenn Spitzer zum rhetorischen Knüppel greift und einem Medienpädagogen, der Computerspiele verteidigt, „jegliche pädagogische Kompetenz“ abspricht, weil er glaube, stundenlanges Prügeln und Morden hätten auf einen jungen Menschen keinerlei Auswirkungen (S. 282).

Wie schnell die Pferde mit  Spitzer durchgehen, zeigt ein letztes Zitat zum Medienkonsum von Kleinkindern: „Wenn man sie dann in den (relativ seltenen) zeitlichen Phasen, in denen sie wach, aufmerksam und aufnahmefähig sind, vor ein Bildschirmmedium setzt, dann kann man sie in dieser Zeit auch in den Kohlenkeller sperren“ (S. 145). Auch ich habe gegenüber dem unbegrenzten Fernsehen von Kleinkindern Vorbehalte. Doch mit dem Beispiel des Kohlenkellers suggeriert Spitzer den Missbrauch der schwarzen Pädagogik des 19. Jahrhunderts, was in diesem Zusammenhang völlig unverhältnismässig ist.

Der Alarmismus, der in solchen Passagen aufscheint, ist merkwürdig. Denn Spitzer spitzt so zu, dass seine plakativen Aussagen für die von ihm kritisierten Medien und Talkshows des Fernsehen („Zuweilen verschlägt es mich in Fernsehtalkshows:“) ein gefundenes Fressen sind. Damit verfehlt er aber mit der unaufhörlichen Beschwörung des Mantras der digitalen Demenz selbst jene „Verarbeitungstiefe“, die einer fundierten Auseinandersetzung mit dem Thema der digitalen Medien gegenüber angebracht wäre.

22. Juli 2012

Sherry Turkle und ihr Wandel zur Kritikerin der digitalen Medien

Verloren unter 100 Freunden, Sherry Turkle, Soziologie

Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern, München 2012 (Riemann)

Sherry Turkle, Professorin am MIT war unter den Ersten, welche die soziale Funktion der Arbeit mit Computern untersucht hat. Als gelernte Psychoanalytikerin interessierte sie sich schon früh für die virtuellen Welten des Chats und kam zum Ergebnis, dass Jugendliche hier eine Art psychosoziales Moratorium ausleben können, in welchem sie mit ihrem Persönlichkeitsprofil spielen – indem sie z.B. Geschlecht oder Alter verändern.

Nun hat Sherry Turkle mit einem Buch zu Facebook-Generation wieder zugeschlagen. Als Leser fällt zuerst der Umfang des Buches auf – 569 Seiten. Und das ist auch der grösste Ärger dieses Buches. Es berichtet in unzähligen Anekdoten und Aussagen von Jugendlichen mit Furby-, Facebook- und Handy-Erlebnissen die sich oft einfach wiederholen. Dabei handelt es sich nicht um eine kontrollierte qualitative Studie; zu locker sind die von Turkle geführten Gespräche im Buch verarbeitet. Insgesamt nimmt Turkle nochmals alle Aspekte aus dem Zettelkasten ihrer früheren Bücher auf und berichtet detailbesessen vom Umgang mit Robotern und Spielzeugen wie den Furbys. Ein Lektorat, das dieses Buch etwa um die Hälfte gekürzt hätte, wäre hilfreich gewesen und würde es  lesbarer machen.

An sich ist die Lektüre dennoch – vor allem wegen des zweiten Teils –lohnend. Denn Sherry Turkle dokumentiert mit ihrem Buch auch, wie sie sich über die Jahre zur Computer-Skeptikerin entwickelt hat. Das macht schon der Titel deutlich: „Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern.“ Die Kommunikation mit Handys, SMS und über Facebook ersetzt danach zunehmend die direkten persönlichen Gespräche. Dabei geht bei dieser elektronischen Kommunikation alles sehr rationell und man erhält das Gefühl, vernetzt und jederzeit erreichbar zu sein. Zudem schütze einen die digitale Kommunikation davor, dass man wenig kühle oder ablehnende Reaktionen erhält. Denn einer der Vorteile dieser Form der Kommunikation sei es dass man sich hinter der bewussten Nonchalance verstecken könne und alles unter Kontrolle hat (S. 337). Was dies bedeutet, zeigt Turkle am Beispiel von Bradley und Audrey, welche diese Situation als Paradoxon erleben: „Man starrt auf den Computer-Monitor auf dem Schreibtisch oder das Smartphone-Display in seiner Hand. Sie sind passiv und sie gehören einem; das verspricht Sicherheit und Akzeptanz. Im Konkon der elektronischen Nachrichtenvermittlung stellen wir uns unsere Gesprächspartner so vor, wie wir sie gerne hätten; wir schreiben an jenen Teil von ihnen, der uns ein Gefühl von Sicherheit gibt“(S. 435). Ähnlich bei den Eltern, die per Handy dauernd in Verbindung mit ihren Eltern sind. Turkle nennt sie „Helikopter-Eltern“, die allgegenwärtig über ihren Kindern schweben – obwohl sie eigentlich gar nicht wissen, was sie konkret tun (S. 417).

Zwiespältig sind auch Facebook-Kontakte – etwa wenn es um den Wahrheitsanspruch des eigenen Profils geht. Turkle zitiert die achtzehnjährige Nancy: „‘Einerseits ist der Wahrheitsanspruch gering, weil eigentlich niemand die Angaben überprüft‘. Dann verzieht sie das Gesicht und sagt: ‚ Nein, andrerseits ist der Anspruch hoch. Alle anderen schauen, ob du die Wahrheit sagst‘“(S. 312). Dies zeigt, dass Facebook kein virtuelles Medium ist, wo man sich eine künstliche Identität zulegen kann – weil man die „Freunde“ aus dem Alltag kennt. Und dennoch wünscht man sich, etwas vorteilhafter vorzustellen, als man vielleicht wirklich ist. Doch wann ist die Grenze überschritten, wo das nicht mehr akzeptiert wird.

Das alles sind neue Probleme der digitalen Welt. Doch sie laufen alle auf die Frage zu, wie es denn mit den tieferen und persönlichen Gefühlen bestellt sei. So meint Turkle: „Die Bande, die wir im Internet knüpfen, sind letztlich nicht die Bande, die uns aneinander binden. Aber sie beschäftigen uns fortwährend. Wir verschicken ständig Nachrichten: beim Abendessen mit der Familie, beim Joggen, beim Autofahren, auf dem Spielplatz mit unseren Kindern.“(S. 469).

Es ist wichtig, dass die kritischen Bemerkungen zu den sozialen Medien diskutiert werden – zumal der grösste Hype schon wieder vorbei zu sein scheint. So nehmen in den USA die Facebook-Mitgliedschaften wieder ab, und auch bei uns stellen sich Handy-User immer häufiger die Art von Fragen welche das Buch von Turkle prägen. Das bedeutet nicht, dass die digitalen Medien einfach wieder aus unserem Leben verschwinden werden. Aber sie müssen noch jenen Platz im Alltag finden, der sie in sinnvoller Weise in den Alltag integriert. Und dazu kann das Buch von Turkle einen Denkanstoss geben.

11. Juni 2012

Die Lichter gehen bei StudiVZ aus

StudiVZ – bist du schon drin? So heisst es auf der Webseite des vor kurzem noch bedeutendsten Netzwerks in Deutschland. Heute heisst es eher: bist du noch drin? Nach der Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ sollen die VZ-Dienste total umgestaltet werden: Die Netze werden in Zukunft unter dem Namen Poolworks laufen,  wobei  sich die geplante Neuausrichtung allein auf SchülerVZ  konzentriert.  Es wird unter  dem Label Idpool.de weitergeführt . Die Firmenchefin Stefanie Waehlert, welche diese Entwicklung  in „Werbung und Kaufen“ kommentiert, sieht darin einen Befreiungsschlag.  Das neue Portal soll vor allem Funktionalitäten rund um den Austausch Jugendlicher zu ihren Interessen im Zentrum  beinhalten. Angestrebt wird so etwas wie eine edukative Lernplattform.  25 von 70 Mitarbeitern müssen denn auch das Unternehmen verlassen. Für Spiegel  Online heisst das im Klartext:  „Die Firma VZ-Netzwerke wird umbenannt. Die Firmenchefin spricht vom ‚Befreiungsschlag‘ – tatsächlich ist es eine Kapitulation vor Facebook.“

Doch gibt es die Nische der unter 13-Jährigen überhaupt, welche Holtzbrinck  anpeilt, weil Facebook eine Mindest-Altersgrenze von 13 Jahren kennt? Einmal gilt diese Altersgrenze nur pro forma, weil sich viele Jüngere bei der Anmeldung einfach schummeln (vergleiche unsere eigene Untersuchung an der PH Zürich). Facebook scheint sich zudem im Moment selbst zu überlegen, ob es die Altersschwelle offiziell  aufheben will.  Eine Idee ist es dabei, die Facebook-Kontos der Kinder mit jenen ihrer Eltern zu verknüpfen; das berichtet das „Wall Street Journal“. Auf diese Weise läge die Entscheidung bei den Eltern, mit wem sich die Kinder befreunden, und welche Apps sie benutzen dürfen.

Zudem: Gerade die Tatsache, sich im gleichen Netzwerk zu tummeln wie die Älteren, macht Facebook attraktiv. Auf die Frage, weshalb sie jetzt bei Facebook und nicht mehr  bei den VZ-Diensten sind, antworten viele Jugendliche. „Das ist nur etwas für die Kleinen“.  Ob es deshalb wirklich gelingt, den Abstieg mit der Konzentration auf diese Altersnische zu kompensieren, ist fraglich. Jedenfalls haben die VZ-Dienste eine rasanten Abstieg zu verzeichnen:  Waren es im Sommer 2010 noch über 450 Millionen Visits der Website pro Monat gewesen, so sind es heute gerade mal noch gut 50 Millionen. Nach der Reichweitenmessung der Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung erreichten die drei VZ-Netzwerke im Februar 2012 gemeinsam nur noch 3,99 Millionen Unique User. Vor einem Jahr waren es noch 10,80 Millionen. Dabei hatte sich Holtzbrinck gemäss Spiegel Online  die VZ-Dienste erst 2007 für vermutlich 85 Millionen Euro gesichert – als Marktführer in Deutschland, der damals Facebook durchaus Paroli bieten konnte, es in der Folge aber versäumt hat, technisch mit dem sich rasant entwickelnden Facebook Schritt zu halten.

Wie schnell Goldgräber im Netz zu Habenichtsen werden, dafür gibt es noch andere Beispiele:

– MySpace wurde mit seinem sozialen Netzwerk, das auf den Schwerpunk Musik setzte, lange als Konkurrent von MySpace gehandelt. Dies veranlasste die  News Corpdes Medienmoguls  Rupert Murdoch Myspace aufzukaufen. Seither gings jedoch nur bergab. Der Versuch, die Websiter andere multimediale Inhalte, vor allem für Filme zu öffnen, erwies sich als problematisch und vergraulte viele User aus dem Stammpublikum: Anstatt Synergien mit anderen Bereichen des Murdoch-Imperiums zu erzeugen, wandte sich dieses von MySpace ab. Im Januar 2011 entliess  MySpace weltweit 500 Mitarbeiter; der deutsche Standort mit 30 Angestellten wurde komplett geschlossen.

– Es stellt sich zudem die Frage, ob deutschsprachige Netzwerke langfristig überlebensfähig sind. Die untenstehende Grafik von Statista zeigt hier einen Abwärtstrend auch bei Wer-kennt-wen oder Stayfriends. Nur Xing behauptet sich noch als spezifisch deutschsprachiges Projekt.  Doch auch hier gibt es mit Linkeding harte Konkurrenz. Der Mut zur Nische oder zum Lokalen kann zwar gut gemeint sein. Nur besteht die Gefahr, dass Facebook sie alle aufsaugt.

– Eine  Handyfirma wie Palm kann ebenfalls als Mahnung dienen. Palm-Geräte, die einmal als führend galten verpassten den Trend zu den neuen Smartphones. Und wer solche Trends einmal verpasst hat, kommt kaum mehr ins Geschäft – auch wenn das spät entwickelte WebOS durchaus als zukunftsträchtiges Betriebssystem galt. Doch die zögerliche Weiterentwicklung und eine verpatze Übernahme durch den Drucker-Hersteller  HP schaufelten dem Palm-system den Untergang. Ganz ähnlich geht es im Moment dem einstigen Handy-Riesen Nokia.

Die Vermutung zur neuerlichen Restrukturierung der VZ-Dienste: Das wird es nicht viel anders ablaufen wie bei den obenstehenden Beispielen. Denn die Entwicklung einer Lernplattform von Unter 13Jährigen ist etwas völlig anderes wie eine Community à la Facebook. Da ist zu bezweifeln ob das pädagogische Expertenwissens  eines Medienkonzerns dazu ausreicht – vor allem wenn er auf Schrumpfungskurs ist und nicht bereit ist, riesige Summen neu zu investieren.

14. März 2012

Medienpädagogische JIM- und KIM-Studien: ein Auslaufmodell

Filed under: Medienforschung,Medienpädagogik,Medienwissenschaft — heinzmoser @ 09:20
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Nutzungsstudien sind für viele Adressaten medienpädagogischer Forschung der Massstab aller Dinge. In einer Zeit des schnellen Technologiewandels scheinen Daten hilfreich, die zeigen, wie häufig Kindern bestimmte Medien nutzen, über wieviele Computer eine Durchschnittsschule verfügt, in welchem Zeitraum bei Kindern und Jugendlichen  z.B. Medien wie das Handy von Randphänomenen zu unersetzlichen Geräten für Alle werden. Verdienstvoll sind hier z.B. die Studien des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (KIM, JIM), aber auch andere ähnliche Datenerhebungen.

Auch wenn es interessant ist, die sich verändernde Datenstruktur dieser Studien über die Jahre zu verfolgen, so ist dennoch nicht zu übersehen, dass Nutzungsansätze, welche gerätespezifisch orientiert sind, immer stärkere Dysfunktionalitäten aufweisen. Dies können folgenden Beobachtungen verdeutlichen:

– Die Angabe der zeitlichen Dauer, in welcher sich Kinder mit Medien beschäftigen, werden immer schwierig interpretierbar, wenn Jugendlich Zuhause über eine Flatrate verfügen und den Computer einschalten, sobald sie  nach der Schule dort ankommen – um ihn vielleicht erst vor dem Zubettgehen wieder auszuschalten.  Die fünf oder sechs Stunden bedeuten dann nicht mehr, dass man sich spezifisch mit Aktivitäten am Computer beschäftigt; sondern man ist einfach Online und damit auf Empfang. Ähnlich muss man auch bei Handy fragen, was solche Werte  noch bedeuten: die Zeit der aktiven Beschäftigung mit Apps bzw. die Zeit, in welcher man telefoniert und SMS schreibt, oder die Zeit, in welcher das Handy eingeschaltet und die Kinder und Jugendlichen bereit sind, eingehende Meldungen unverzüglich zu beantworten.

– Noch schwieriger wird es, wenn das Medium nicht mehr eindeutigen einem bestimmten Gerätetypus zuzuordnen ist. Wer heute in einem Fragebogen zur Nutzung „Fernsehen“ ankreuzt, bezeichnet damit seine Aktivitäten am physischen Fernsehgerät. Doch in der täglichen Alltagspraxis kann „Fernsehen“ darüber hinaus auch bedeuten: Fernsehsendungen auf  dem Handy  oder auf dem Internet Online angucken. Auf dem Internet kann man zudem Fernsehsendungen  als Stream oder zeitversetzt als Konserve (in den Mediatheken der Sender oder auf YouTube ) ansehen. Manchen Kindern ist es dann vielleicht auch gar nicht mehr klar, ob sie auf YouTube eine Fernsehproduktion anschauen oder sonst einen Film, der hier veröffentlicht wurde.

– Damit werden auch Aussagen wie diejenige, dass sich die Entwicklung vom Leitmedium Fernsehen zum Leitmedium Computer verschieben, bezüglich der empirischen Datenbasis unsicher. Denn wenn ich am Computer vornehmlich nichts anderes tue als Fernsehfilme anzusehen, oder wenn ich gar kein Fernsehgerät mehr habe,  weil ich alles nur noch Online konsumiere, dann machen Aussagen zu einem vorgeblichen „Leitmedium“ nur wenig Sinn. Jedenfalls ist es sehr schwierig eine Aussage wie diejenige der JIM-Studie von 2008 zu interpretieren: „Obwohl in der vorliegenden JIM-Studie zum ersten Mal seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1998 mehr Computer als Fernsehgeräte im persönlichen Besitz von Jugendlichen sind, nimmt das Medium noch immer eine Schlüsselposition ein“ (JIM-Studie 2008, S. 26).

Kann sich die medienpädagogische Forschung  hier nicht neu orientieren, besteht die Gefahr, dass die Rekonstruktion des Nutzerverhaltens von Kindern und Jugendlichen zum Potemkinschen Dorf wird, hinter dem keine verlässliche und ausweisbare Realität mehr steht. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang zu vermuten, dass die medienkonvergente Nutzung von Geräten wie „Fernseher“, „Radio“ oder „Computer“ nur im Zusammenwirken mit qualitativen Studien, welche detailliert auf Nutzungsgewohnheiten von Individuen eingehen, zureichend erforscht werden kann

[Dies ist ein Auszug auf einem ausführlicheren Statement im Rahmen der Sektion Medienpädagogik (Forschungs-Workshop der Sektion am DGfE_kongress in Osnabrück vom März 2012]

1. Dezember 2011

Guttenberg – Das Comeback des Freiherrn

Filed under: Medien,Medienwissenschaft,Politik — heinzmoser @ 14:49

Wie sagte doch Marshall McLuhan: Das Medium ist die Botschaft. Daran habe ich mich erinnert, als Anne Wills Talkshow am 30.11.2011  im ARD zu später Stunde den Fall des Freiherrn  Karl-Theodor zu Guttenberg aufnahm. Der Titel lautete: „Guttenbergs Comeback –vorerst gescheitert?“ Und das Personal: Es diskutierten ein Politiker der CSU mit Verständnis für Guttenberg, eine Medienwissenschaftler mit wissenschaftlicher Skepsis, kritische Journalisten und die eine Bäckerfrau, die zwei Häuser weg von Guttenberg wohnt und von ihm als Ehrenmann total überzeugt ist. Anlass war das neue Buch des ehemaligen Ministers und sein Interview mit dem Chefredakteur der ZEIT, Giovanni de Lorenzo. Kein Zweifel, schon die prominente Besetzung der Runde belegt, dass da ein Comeback im Gang ist. Da spielte es keine Rolle, dass das Gespräch zäh lief, viel Bekanntes nochmals referiert wurde – und wenig über Spekulationen und Klatsch hinausging. Dass das Medium hier viel mehr als die Inhalte die eigentliche Botschaft verkörpert, zeigt auch die Quote, von welcher www.quotenmeter.de zu berichten weiss:

Nach den «Tagesthemen» diskutierte man am Mittwochabend bei «Anne Will» über das Comeback von Karl-Theodor zu Guttenberg, was offensichtlich den Nerv des Publiums traf. Insgesamt 1,77 Millionen Zuschauer bedeuteten 11,2 Prozent und somit eine klare Verbesserung gegenüber den Vorwochen, in denen die Talkshow drei Mal hintereinander 9,4 Prozent einfuhr.

Comeback also allenthalben: Nicht weniger für die Sendung Anne Wills wie für den tief gefallenen Freiherrn.

22. Oktober 2011

JIM- und KIM-Studien – ein Auslaufmodell?

Filed under: Internet,Medien,Medienwissenschaft — heinzmoser @ 09:05

Wer medienpädagogisch einen Überblick über die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen erhalten wollte, profitierte in den letzten Jahren von den regelmässig durchgeführten Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest. Hier wird die Nutzung von Medien wie Fernsehen, Computer und Internet detailliert erforscht und in jährlichem Rhythmus  upgedated (http://www.mpfs.de/)

Doch leider wird es immer schwieriger, in Seminaren und Publikationen mit diesen Daten zu arbeiten. Denn früher war es zwar sinnvoll, Kategorien wie Radio, Fernsehen, Computer etc. in den Mittelpunkt zu stellen.  Was sagt aber im Zeitalter der Medienkonvergenz eine Kategorie wie Fernsehen noch aus? Jugendliche gucken Fernsehen auf dem Computer – und dies häufig  über YouTube, aber auch in der Form des  Streaming auf  Wilmaa oder Zattoo.  Oder sie rufen die Mediatheken von ZDF, ARD und anderen Sendern auf dem Internet ab. Und manche Kids nutzen bereits das Smartphone oder den iPad als ihr „Fernsehgerät“ Natürlich besteht eine Möglichkeit darin, die Nutzungsform „Fernsehen“ unter den Stichworten „Internet“oder „Handy“ genauer zu erheben. Doch die Analyse wird dann – gerade für Studierende – immer komplexer zu handhaben.

Was heisst es z.B. wenn davon gesprochen wird, dass das Leitmedium „Fernsehen“ immer mehr vom Leitmedium „Computer“ abgelöst wird? Vielleicht schauen ja die Jugendlichen einfach mehr Fernsehfilme auf dem Computer. Und was heisst „fernsehen“ überhaupt. Sind YouTube File einfach dann unter „Fernsehen“ abzubuchen, wenn sie ursprünglich für einen der Fernsehkanäle produziert wurden?

Wahrscheinblich wird die Nutzungsforschung umdenken müssen. Anstelle der Geräte, die benutzt werden, müssen stärker die Funktionen in den Mittelpunkt treten: Wie häufig und in welcher Form werden von Jugendlichen Filme und Serien geschaut oder Musik gehört? Mir scheint. dass sich die alte Form der Nutzungsstudien in der aktuellen Medienlandschaft überholt hat. Neue Ideen sind hier für ein aktuelles Forschungsprogramm gefragt.

15. August 2011

Facebook-Sucht

Filed under: Digital Life,Medienwissenschaft,Social Media — heinzmoser @ 12:35

Nun hat auch die Neue Zürcher Zeitung die „Facebook-Sucht“ entdeckt. In der Ausgabe vom 14. 8.2011 (S.45) hiess es darin: „Twitter, E-Mail, Facebook: Ständig sind wir auf der Jagd nach Neuigkeiten. Manchmal artet das zur Sucht aus, die behandelt werden muss.“ Der Jugend-Psychiater Bilke-Hensch meint in demselben Artikel: „‘Facebook-Süchtige‘ haben das unerträgliche Gefühl, dass sie nicht mehr existieren, wenn sie nicht dauernd von anderen wahrgenommen werden“. Als Digital Immigrant“ weiss ich jetzt endlich, warum ich zu historisch weit zurückgebliebenen Zeiten jeden Tag zwanghaft mehrmals zum Briefkasten pilgern musste, wenn die Post nicht um 10 Uhr im Briefkasten lag.

Der NZZ-Artikel zeigt darüber hinaus auf, wie mit jedem neuen Medium wieder der Suchtverdacht als diskursives Argument recykliert wird. Die Lesesucht des 20. Jahrhunderts ging nahtlos in die Fernsehsucht und später in die Computerspielsucht über. Und nun also: Die Facebook-Sucht und die Twitter-Sucht. Kein Wunder, dass da die  Therapeuten bei der Berichterstattung als Gewährspersonen Schlange stehen. Für Sie eröffnet sich damit ein lukratives Betätigungsfeld.

Allerdings wird auf diese Weise auch der Suchtbegriff zunehmen verwaschen. Denn es fehlt eine Substanz wie Alkohol, Heroin oder Haschisch, welche diesen Mediensüchten zugrunde liegen. Zwar können sich durchaus psychische Abhängigkeiten ergeben, mit deren Bewältigung einzelne Schwierigkeiten haben. Doch ist es sinnvoll, hier von „Sucht“ im herkömmlichen Sinn zu sprechen?

Wenn der Artikel ins Zentrum Stellt, dass Facebook-Süchtige Angst haben, nicht mehr zu existieren, wenn sie nicht mehr online-sind, dann ist dies ein Gefühl, das sich weit über das Suchtthema hinaus zeigt.. Zunehmend muss man heute Online sein, wenn man seine Existenz nachweisen will. Und wenn man das nicht tut, wird man aufgefordert: „Bestätigen Sie mir das doch mit einem Mail.“  An vielen Arbeitsplätzen ist man durchgehend Online. Den Zugang zum Internet einfach einmal zwei Wochen abzustellen, um „Suchtprophylaxe“ zu betreiben, wäre hier wohl ein Kündigungsgrund. Sind wir vielleicht alle schon internetsüchtig ?

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