Medienwelten

11. Februar 2014

Merkblätter für Facebook & Co.

merkblatt 1

Im meinem diesjährigen F&E-Seminar (Forschung und Entwicklung) an der PH Zürich haben die Studierende aufgrund ihrer empirischen Untersuchungen zu den Social Media Empfehlungen formuliert – und zwar für Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler, sowie für den Umgang mit Bildern. In diese Merkblätter gehen eine ganze Reihe von Erkenntnissen aus dem Seminar ein:

  1. Kinder und Jugendliche sind nicht mehr so häufige Facebook-Nutzer wie noch vor wenigen Monaten. Ihre neuen Favoriten sind Anwendungen wie WhatsApp, Snapchat oder YouTube. Das bedeutet, dass Empfehlungen nicht mehr so stark facebooklastig sein  dürfen wie früher. Vielmehr sind es eher allgemeine Hinweise zum Umgang mit Social Media, die dann selbständig oder im Rahmen der Thematisierung im Unterricht auf spezifische Anwendungen zu beziehen sind.
  2. Es lohnt sich noch aus einem zweiten Grund, nicht zu konkret zu werden: Anbieter wie Facebook wechseln ihre Einstellungen alle paar Monate. Es bringt also wenig, in einem Merkblatt detailliert die aktuellen Einstellungsmöglichkeiten zu beschreiben, die möglichweise nach wenigen Monaten schon wieder ganz anders aussehen – und durch neue Features mit weiteren Einstellungen zu ergänzen sind.
  3. Wie die Schüler/innen-Befragungen zeigten, sind viele Jugendliche bereits heute recht vorsichtig im Umgang mit den Social Media. Aus diesem Grund sollte auf die Darstellung von Horrorszenarien als Wink mit dem Zaunpfahl verzichtet werden. Vielmehr geht es darum, vorsichtiges Verhalten zu unterstützen und auf wichtige Aspekte hinzuweisen, die beim sicheren Umgang mit sozialen Medien zu beachten sind.
  4. Die Empfehlungen sollen den Spass am Umgang mit Social Media nicht vermiesen, sondern mithelfen, dass gefahrloses Surfen möglich ist.

Hier finden Sie die Merkblätter zu Download bereit. In diesem PDF-Format mit Urheberhinweis dürfen sie frei weitergegeben werden.

5. November 2013

Ist der Facebook Hype bei Jugendlichen vorbei?

In meinem Forschungs und Entwicklungsseminar mit Studierenden der PH Zürich stand in diesem Semester wieder die Facebook-Nutzung von Jugendlichen auf dem Programm – diesmal mit genderbezogenen Aspekten.

Facebook sieht bei Jugendlichen „alt“ aus.

Doch da gabs gleich zu Beginn eine Riesenüberraschung: Noch im letzten Jahr hatte ein ähnliches Seminar gezeigt, dass es bei den meisten Jugendlichen dazu gehört, einen Facebook-Account zu haben. Dieses Jahr ist alles anders. Die Studierenden hatten grosse Mühe für ihre Interviews genügend facebookbegeisterte Jugendliche zu finden. Einmal ist die Grenze von 13 Jahren, die bei Facebook besteht zur Hürde geworden. Noch vor wenigen Monaten setzten sich die Kids da lässig darüber hinweg. Doch die Presseberichterstattung hat hier mittlerweile auf die Eltern gewirkt. So gibt es immer mehr, die ihren Sprösslingen Facebook verbieten, wenn sie noch nicht 13 sind.

Aber auch die Jugendlichen selbst sind facebookmüde geworden. Viele haben zwar noch ihren Account, nutzen ihn aber schlecht und mit Unterbrüchen. Und es ist auch kein Beinbruch mehr, wenn man auf Facebook ganz verzichtet. Denn die Karawane des Zeitgeists ist schon weitergezogen. Anstatt Facebook nutzt man die Fotoapp Instagram, die ebenfalls eine Community anbietet. Und ganz gross im Geschäft ist WhatsApp, der Gratisersatz für die altehrwürdigen SMS. Neu dazugekommen sind Anwendungen wie Pinterest oder Ask.fm. Mit anderen Worten: Das Angebot hat sich differenziert und vervielfältigt – und lässt das gute alte Facebook im Regen stehen.

Der Trend zu Smartphones und die leidige Werbung

Womit könnte dies zusammenhängen. Einmal ist sicher der Trend zu Smartphones zu beachten, der bei den Jugendlichen durchzuschlagen beginnt. Hier gibt es eine ganze Menge neuer schlanker Apps, die viel einfacher aufgebaut sind wie das umfangreiche und komplexe Facebook. Sie binden das mobile Netz mit den Handys auf ideale Weise ein – etwa wenn Instagram das Fotografieren auf dem Handy quasi neu erfindet. Zudem herrscht bei Facebook ständig Unruhe, indem alle paar Monate wieder neue Elemente aufgeschaltet und Nutzungsbedingungen verändert werden.

Kommt dazu, dass Facebook immer stärker durch Werbung überfrachtet wird, die sich zwischen die Meldungen von Freunden und Bekannten schiebt. Muss man das wirklich alles liken und anschauen, scheinen sich viele der Computerkids zu fragen.

Bringt Forschung in der Lehrerbildung wirklich nichts?

Diese Ergebnisse wurden an einem Wochenende deutlich, als in der Presse gegen den akademischen Leerlauf in der PH-Forschung vom Leder gezogen wurde. Das wundert mich. Denn solche kleinen Projekte können sehr gut den Puls der Schule nehmen. Die beteiligten Studierenden sehen, dass die Bäume von Facebook nicht in den Himmel wachsen – bevor dies dann möglicherweise in ein paar Monaten auch in Gratiszeitungen und wissenschaftlichen Studien wie JIM oder JAMES breitgeschlagen wird. Und sie können sich schon jetzt überlegen, was das für den Unterricht heisst. Muss man dort heute noch vor Facebook warnen oder sollte man nicht schon stärker auf die „neuen“ Sterne am Internet-Himmel wie WhatsApp oder Ask.fm eingehen?

Solche kleinen Forschungsprojekte mit Studierenden schärfen den Blick und vermitteln neue Erkenntnisse, die in der „offiziellen Forschung“ erst viel später verbreitet werden. Was will man denn noch mehr, wenn Forschen bei Studierenden in der Lehrerbildung Thema sein soll? Nein, forschendes Lernen in diesem Sinn ist gewiss kein „akademischer Leerlauf“.

11. August 2013

Hilfe! Facebook will meine Handynummer

Eine nette Überraschung am Sonntagmorgen: Facebook will meinen Account sicherer machen. Da wird doch automatisch die Meldung eingeblendet: „Füge deine Telefonnummer hinzu, um dein Konto zu schützen und mehr.“

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Dabei sollte doch schon jeder  Primarschüler wissen, dass man seine Telefonnummer nicht auf dem Netz publizieren soll. Mindestens steht das überall dort, wo es Empfehlungen zu Facebook und anderen sozialen Medien gibt. Das gilt ab jetzt nicht mehr: Man muss die Telefonnummer angeben, wenn man sich richtig schützen will.  Und warum das alles? Facebook erklärt gemäss der Website Mimikama:

„Dabei handelt es sich um eine Sicherheitsmaßnahme, mit deren Hilfe wir bestätigen können, dass du eine echte Person bist, die nur über ein Facebook-Konto verfügt. Um deine Identität nachzuweisen, musst du lediglich den Anweisungen auf der Seite zum Hinzufügen deiner Handynummer folgen. Sobald wir deine Identität verifizieren können, kannst du erneut auf dein Facebook-Konto zugreifen. Wir werden dich ohne deine Einwilligung nicht per Telefon kontaktieren.“

Und schon auf der Facebook-Meldung steht, dass hier „Nur-Ich“ eingestellt wird. Andere können also meine Handynummer nicht mitlesen. Kann man also Entwarnung geben?

Beruhigend scheint mir das nicht. Nein, wenn man denkt, wie häufig Facebook seine Profileinstellungen wechselt und man sie neu anpasst. Da kann man dann leicht auch mal etwas ändern, was man gar nicht wollte, wenn man die Einstellungen anpasst. Und zudem bin ich skeptisch, wenn ein kommerzielles Unternehmen plötzlich meine Handynummer will – auch wenn man  heute noch hoch und heilig versichert, das werde nie für weitere Zwecke genutzt. Aber auch für Jugendliche ist es wenig hilfreich und verwirrlich, wenn eine Grundregel des Umgangs mit dem Internet plötzlich total umgestossen wird: Man muss zu seiner Sicherheit jetzt genau das tun, was bisher ein „No go“ war – wobei das ja nur für Facebook gilt.

6. Juli 2013

Lernen mit sozialen Medien – eine Rezension

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Nachdem Facebook und soziale Medien die Nutzung des Internets bei Jugendlichen immer mehr prägen, ist es auch für Schulen zu einem zentralen Diskussionsthema geworden. Da kommt es gerade richtig, wenn Philippe Wampfler einen Leitfaden zu diesem Thema geschrieben hat (Facebook, Blogs und Wikis in der Schule, Göttingen 2013). Denn nicht immer ist so ganz klar, was man mit Medien wie dem Facebook-Account in der Schule anfangen könnte – und ob vielleicht der Hype um die „Social Media“ nicht reichlich übertrieben ist.

Der Autor führt in seinem Buch erste einmal kundig in das Thema der sozialen Medien ein und betont, dass soziale Netzwerke im Kern aus Profilen bestehen, die im Austausch von Inhalten Beziehungen zueinander aufbauen. Mit anderen Worten: Es sind vor allem kommunikative Funktionen, welche diese bestimmen. Dabei ist die Reziprozität der Kommunikation besonders wichtig, wie sie unter dem Stichwort des Web 2.0 als partizipatives Mitmachnetz betont wird.

In diesem Zusammenhang sieht Wempfler ein enormes Potenzial für Schule und Schulentwicklung. So würden auch immer mehr Anwendungen entwickelt, welche die Bedürfnisse von Lehrpersonen berücksichtigen – etwa das Programm Facebook für Schulen mit dem dazugehörigen „Educators Guide“, der technische Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten in der Schule zeige. Besonders zentral ist für den Autor der Beitrag der sozialen Medien zum Wissensmanagement:

„Der entscheidende Schritt ist, Social Media als ein Werkzeug für Wissensmanagement zu verstehen. Dazu müssen die Vorurteile ausgeräumt werden, auf Facebook würden hauptsächlich unterhaltsame Bilder publiziert und Twitter diene dazu, Kalauer zum Zeitgeschehen abzusondern. Fast alle relevanten Inhalte sind auch in Social Media präsent: Zeitungsartikel, Fachaufsätze und Studien werden verlinkt, kommentiert und diskutiert, in Netzwerken von Fachpersonen“ (S. 99).

Aber es geht dabei nicht nur um die Aneignung des Wissens, sondern im Sinne des Web 2.0 soll von Schülerinnen und Schülern sowie von Lehrpersonen immer mehr auch user generated content entwickelt werden. Das Lernen selbst verändere sich. Es werde individueller, freiwilliger und offener: „Dabei löst es sich von einem institutionellen Rahmen, der Zeit und Raum strukturiert. Immer häufiger treten neben schulisch strukturierte Lernprozesse private, selbstgesetzte, vernetzte“ (S. 107).

Es stellt sich so die Frage, welche Bedeutung die Institution  Schule in einer von Medien geprägten Zukunft noch haben wird. Schon heute ist nach Wempfler nicht auf die Schule angewiesen, wenn man eine Sprache wie Chinesisch lernen wolle. Apps und Smartphones ermöglichten hier ein multimediales Lernen – bis hin zum Austausch mit Chinesisch sprechenden Lehrerinnen und Lehrern.  Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Videos der Khan-Academy, die heute schon vielen Jugendlichen als Nachhilfeunterricht in mathematisch-naturwissenschaftlichn Fächern dienten.

Was sich beim Lesen dieses Buches allerdings im Verlauf der Lektüre immer deutlicher zeigt, das ist die Herkunft des Autors aus dem Gymnasialbereich. Wenn es ums Recherchieren, um das Schreiben in Wikis und Blogs geht, sind es immer kognitive und kommunikative Aktivitäten, in denen die Social Media ihre Stärken beweisen. Doch die dabei vorausgesetzte sprachliche und argumentative Souveränität dürfte auf der Volksschulstufe noch weitgehend fehlen. Beim selbständigen Lernen in Projekten orientiert sich Wempfler denn auch am Gymnasium – etwa wenn er das „Freie Abiprojekt Methodos“ als Beispiel heranzieht. Dagegen wird das in der Schweiz wichtigste Netzwerk für die Volksschulen, das educanet², an keiner Stelle erwähnt – auch nicht dort, wo es um die persönlichen Lernnetzwerke geht.

Wie frei kann aber das Lernen in der Volksschule generell gestaltet werden? Hier geht der Trend im Moment eher auf die Standardisierung und die Festlegung sowie Überprüfung  von Grundkompetenzen hin. Auch der eben vorgestellte Lehrplan 21 beisst sich mit den vorgestellten Idealen einer dialogischen Kommunikation in Netzwerken, die – so Wempfler – „Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen“. Der Sympathie für offene Lernformen kann man sich anschliessen, allerdings mit drei Relativierungen:

1. Gerade in der Volksschule kann man die dialogischen Fähigkeiten (Schreiben, Lesen und Texte reflektieren) die bei der Arbeit in Netzwerken notwendig sind, nicht einfach voraussetzen. Etwas wenig steht jedoch im Buch dazu, wie diese Kompetenzen in Primar- und Sekundarschule schrittweise erst aufgebaut werden können. So fehlen zum Beispiel Hinweise zu den WebQuests, die geeignet sind Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu selbständigem Arbeiten mit den Inhalten des Netzes zu unterstützen. Aber auch die Bedeutung des visuellen Lernens, das mit Fotos und Videos stark auch Veranschaulichung ermöglicht, tritt zu wenig deutlich hervor. Wie diese Seite des digitalen Lernens verstärkt genutzt werden kann, zeigt zum Beispiel das von uns an der PH Zürich durchgeführte Sekundarschul-Projekt zu visualisierten Berufswünschen im Berufswahlunterricht.

2. Zwar ist die Forderung, dass die Schule die zentrale Bedeutung von Kooperation, Dialog, Wissensmanagement  und persönlichen Netzwerken stärker anerkennen müsste gerechtfertigt. Allerdings schwingt in der Begeisterung für informelles Lernen, learner generated content und MOOCS (Massive Open Online Course) manchmal ein etwas euphorischer Ton hinein. So wird unterschätzt, dass in viele Lehrmittel auch ein inhaltliches und methodisches Knowhow einfliesst, das bei manchen holprigen Online-Vorlesungen auf MOOCS-Basis oder ad hoc entwickelten Lerneinheiten vermisst wird. Die Expertise der Fachdidaktiken sollte jedenfalls für die Gestaltung des Unterrichts nicht unterschätzt werden

3. Es stellt sich auch die Frage, ob es ausreichen würde, die Schule auf die Abgabe von Zertifikaten und Prüfungsleistungen zu reduzieren, während das Lernen selbst an Netzgemeinschaften und privates Engagement ausgelagert würde. Meines Erachten würde dann der heute viel beschworene digitale Graben erst richtig ausgehoben. Ehrgeizige Mittelschichteltern würden alles tun, um ihre Kinder mit den besten und ausgeklügeltsten Netzangeboten zu füttern, während die schwachen Schülerinnen und Schülern beim selbstorganisierten Lernmenü auf der Strecke blieben.

 

21. Juni 2013

Die politische Macht der sozialen Medien – Das Beispiel der Türkei

Filed under: Internet,Politik,Social Media — heinzmoser @ 10:39
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Die Bitte, die Analyse der türkischen Arbeitsgruppe „Alternative Informatik“ bekannt zu machen, habe ich mit diesem Beitrag positiv aufgenommen. Der Text dieser Gruppe ist aktuell und belegt, was die sozialen Medien zur politischen Mobilisierung beitragen können. Den Mainstream Medien und der staatlichen Macht gegenüber können so alternative Informationsmöglichkeiten wirksam gegenüber gestellt werden. Wie dabei allerdings auch im Internet über die Informationshoheit gerungen wird, zeigt ein Zitatausschnitt: „Als am 1.Juni die Internetprovider auf staatlichen Druck hin in Taksim und angrenzenden Stadtteilen den Zugang zum mobilen Internet abschalteten, entstanden neue Hashtags wie VPN (Virtual Private Network) und DNS (Domain Name Server), die darüber informierten, wie trotz der Sperren Zugang zum Internet erlangt werden konnte“

Wie gross allerdings die Möglichkeiten sind, über die sozialen Medien nachhaltig eine alternative Öffentlichkeit herzustellen, ist umstritten. Das belegt das Beispiel des IT-Experten Edward Snowden, der als Whistleblower die Praktiken des US-Militärgeheimdienstes NSA ausgeplaudert hat.  Auch Google oder Facebook sind danach vor der Überwachung nicht gefeit.

Der Schatten der Überwachung werden auch im türkischen Bericht deutlich, wenn es heisst: „ Die Öffentlichkeit ist nicht besonders gut informiert, wen es darum geht, dass der ITK-Monopolist TTNET in großen Stil Netzneutralität verletzt und DPI betreibt. Staatsangestellte gingen auch schon so weit anzukündigen, dass sie “das Internet abschalten” könnten.“

Verständlich aber etwas blauäugig scheinen mir deshalb die Forderungen gegenüber kommerziellen Anbietern wie Facebook oder Twitter verstärkt auf alternative Online Tools für Aktivisten zu setzen. Das mag in der aktuellen Situation nützlich sein; fraglich ist, ob auf diese Weise die Überwachung des Internets wirkungsvoll und im grossen Stil umgangen werden kann.

Zum Schluss nochmals der Link in gekürzter Form: http://tinyurl.com/kg34v2k

29. Dezember 2012

Online-Kommentare – auf dem Vormarsch

Foren sind immer leer, wenn man sie einrichtet, um auf dem Internet spannende Diskussionen zu initiieren. Vor allem die traditionellen Zeitungen hatten lange Mühe, Leserinnen und Leser in ihren Online-Ausgaben zu Kommentaren auf die redaktionellen Zeitungsartikel zu bewegen

Es handelt sich hier vor allem um ein Problem der Generationen. Ältere Leserinnen und Leser bevorzugen bis heute den Leserbrief, wenn sie sich zu Presseberichten äussern wollen. Dies hat ja auch unbestreitbare Vorteile: Man kann sich seine Meinungsäusserung zwei- oder dreimal überlegen und korrigieren, bevor man sie abschickt. Was zudem eine spontane Reaktion ist („Das muss dazu endlich mal gesagt sein“), bereut man vielleicht aus einer grösseren Distanz. So überschläft man einen Leserbrief erst einmal eine Nacht und beschliesst am nächsten Tag, ihn gar nicht abzuschicken.

Allerdings kommt bei den Jüngeren, die sich gewohnt sind, auf Facebook  zu posten, doch einiges in Bewegung. Gratiszeitungen wie 20 Minuten, die sich auch in den Inhalten stark auf ein jüngeres Publikum ausrichten, haben viel weniger Mühe mit ihrer Kommentarfunktion. Dies hat die genannte Zeitung kürzlich in eigener Sache mit einem Artikel aufgezeigt. Schon die Zahl der eigegangenen Kommentare ist beeindruckend: So wurden von Leserinnen und Lesern der Zeitung knapp 1,4 Millionen Kommentare verfasst. Erläuternd wird im Bericht eine Studie des Zürcher Instituts für Publizistikwissenschaft zitiert, wonach täglich 59 Prozent der 20-Minuten-Online-Nutzer nach eigener Auskunft täglich oder fast täglich die Kommentare lesen. Für die Konsumenten von Online-Zeitungen sind damit die Kommentare ebenso wichtig, wie das für die Leserbriefspalten der Zeitungen gilt – dort eine der beliebtesten Rubriken. Womit diese Beliebtheit zu tun hat, wird ebenfalls angedeutet: „Der Hauptgrund ist, dass die Leute wissen wollen, was andere zu dem Thema denken und dabei viel Spass haben und sich auch richtig ärgern können. ‚Kommentare haben etwas Voyeuristisches, sie sind wie Reality-TV im News-Bereich. Auch das Fremdschämen für peinliche Äusserungen von anderen übt eine grosse Faszination auf die Leser aus, was zu einem hohen Unterhaltungswert führt‘, erläutert Medienforscher Thomas Friemel die Ergebnisse einer Studie der Universität Zürich.“

20 Minuten ist aber keine Ausnahme. Auch bei Angeboten wie SPIEGEL-Online, die stark von einem internetaffinen Publikum genutzt werden, haben sich Foren zu einzelnen Artikeln eingespielt. So heisst es auf der Website: „Auf SPIEGEL ONLINE finden Sie das größte aktuelle Diskussionsforum im deutschsprachigen Internet mitmachen ist einfach und kostenlos.“ Sogar bei der FAZ finden sich zu den Honoraren von Peer Steinbrück immerhin über 70 Leserkommentare.

In Zukunft dürften sich den Online Zeitungen allerdings zwei Probleme noch verstärkt stellen:

1.  Der einfache und kostenlose Zugang zu Mitmachforen besteht nur so lange, wie die Zeitungen kostenlos sind. Im Moment besteht nun aber gerade der Trend, Online-Ausgaben wie bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) kostenpflichtig zu machen. Dies wird vor allem jüngere Leserinnen und Leser ausschliessen – also jene Internetgeneration, die mit dem aktiven Umgang auf dem Internet am wenigsten Probleme hat. Mindestens ist zu fragen, ob traditionelle Leserinnen und Leser, die zusätzlich noch die Online-Ausgabe für ihr Tablet abonnieren, so schreibfreudig sind.

2. Mit der überhandnehmenden Anzahl von eingereichten Kommentaren ergibt sich ein zweites Problem, nämlich jenes der Selektion. So werden die Kommentare,  wie ebenfalls in 20 Minuten aufgezeigt wurde, dort vor Erscheinen durch ein Team von 17 nebenberuflichen „Freischaltern“ gesichtet und geprüft. Dazu heisst es: „Von den rund 1,4 Millionen Leser-Kommentaren, die 2012 eingingen, wurde etwas mehr als eine halbe Million gelöscht. Also knapp zwei Fünftel. Die Redaktion erhält täglich Mails mit Beschwerden wie «Meine Kommentare werden immer gelöscht» oder ‚Nur weil euch meine Meinung nicht passt, wird mir ein Maulkorb umgehängt‘. Doch eine Blacklist oder Ähnliches gibt es nicht. Jeder Kommentar wird bearbeitet. Dabei wird nicht nach Gutdünken gelöscht, sondern anhand definierter Standards.“

So geht es darum, Falschinformationen, persönliche Anwürfe und Anfeindungen sowie aus Rechtschreibgründen fast unlesbare Eingaben auszusortieren. Doch was aus Gründen eines seriösen Journalismus unentbehrlich scheint, wird von den Betroffenen rasch als Bevormundung und Zensur betrachtet. Das schadet wiederum dem Image einer freien Bühne des Meinungsaustauschs, wie es die Ideologie des Web 2.0 verspricht. Ein verärgerter User meint zum Beispiel im Internet: Irgendwie erscheinen die Hälfte meiner Kommentare bei Spiegel Online Artikeln nicht. Ich frage mich, ob ich nur etwas falsch mache, oder ob dort wirklich derart kräftig zensiert wird. ‘Ich hatte Donald Trump geraten, die 5 Mio., welche er Obama geben wollte, lieber in ein neues Toupet zu investieren, dass nicht aussieht wie der Hintern eines Cocker Spaniels.‘

9. Dezember 2012

Gefahren im Internet und die allgegenwärtige Verunsicherung

Zwei Fälle in der gleichen Woche zu den Social Media haben Aufmerksamkeit in der Presse erregt: Da war erst einmal der Fall eines 22-Jährigen aus dem Kanton Zürich. Der ehemalige Gymnasiast war empört, dass ihm seine 290 Freunde nicht zum Geburtstag gratulierten. Deshalb kündigte er auf seinem Facebook-Profil an, er werde sie alle vernichten. Denn es sei keine Frage der Freundlichkeit, sondern eine Frage von Respekt und Ehre. Jetzt könne sie niemand mehr schützen. Mit „Pow!!!!, Pow!!!!, Pow!!, endete seine Statusmeldung.

Nachdem eine Mitschülerin die Schulleitung und diese die Polizei informierte, kam es zur Anklage vor dem Bezirksgericht Zürich. Obwohl der junge Mann seine unüberlegte Handlungsweise bedauerte und deutlich machte, dass er nie einen Amoklauf beabsichtigte, wurde er schuldig gesprochen und zu einer Busse von fast 14’000 Franken verurteilt. Der Verurteilte sieht sich auch selbst als Opfer: „Eine solche Polizeiaktion war übertrieben und sehr belastend für mich.“

Der zweite Fall handelt von einem Video, da auf YouTube auftauchte: So soll ein Jugendlicher ein Sex-Video seiner Ex-Freundin auf Facebook gepostet haben. Der Zürcher Tages-Anzeiger dazu: „Das Video zeigt den Intimbereich einer jungen Frau, die sich mit einer Ice-Tea-Flasche befriedigt. Facebook löschte das Video, doch es kursieren Kopien, wie die Pendlerzeitung ’20 Minuten‘ schreibt, die den Fall publik gemacht hat. Im Netz seien nun auch Sexbilder mit der Migros-Ice-Tea-Flasche aufgetaucht, die im Gegensatz zum Video auch das Gesicht der Frau zeigen. “

Noch am gleichen Tag haben über 15’000 User das Video abgerufen. Es soll insbesondere auch in ganzen Primarschulklassen die Runde gemacht haben.

Die beiden Fälle zeigen  auf der einen Seite das Gefahrenpotenzial der Sozialen Medien an – schliesslich ist es für die Opfer, wie es der erste Fall zeigt, kaum abschätzbar, wie ernst ein „schlechter Witz“ gemeint ist. So belegen die Fälle auch, dass  es keine Schonzeit mehr für die Täter gibt und es zu Recht bis hin zur gerichtlichen Verurteilung kommt.

Dennoch sind oft auch die Täter in gewisser Weise Opfer der neuen und noch nicht bewältigten Veränderungen, die mit den digitalen Medien verbunden sind. Denn die neuen flüchtigen Kommunikationsformen verleiten leicht dazu , sich auf eine Weise zu äussern, die man nach etwas Nachdenken besser unterlassen hätte. Mit anderen Worten:  Es fehlt im digitalen Zeitalter für viele noch Das Gespür dafür, was möglich ist, und was nicht geht.

Das entschuldigt solches Fehlverhalten nicht, macht aber deutlich, wo  Hebel anzusetzen ist. Es bedarf einer Medienbildung, welche nicht  technische Kompetenzen in den Mittelpunkt stellt, sondern den Wandel im Kommunikationsverhalten der Menschen untersucht und daraus Konsequenzen zieht. Das müssen nicht nur Fragen des Mobbing und der Gewalt  sein.   Genauso geht es darum, wie zum Beispiel das Liken auf Facebook zu bewerten ist – als Selbstausdruck eigener Bedürfnisse oder als Schritt zum gläsernen Konsumenten, der damit ohne bewusstes Überlegen nur die Interessen der Auftrag gebenden Firmen und Institutionen erfüllt. Gefragt werden könnte auch, wie weit man verpflichtet ist, immer Online zu sein, oder ob es auch geht, ein  SMS oder eine E-Mail verspätet oder gar nicht zu beantworten. Und ist es nicht so, dass man sich auch bei 800 Facebook-Freunden noch einsam fühlen kann?

Die Gewaltproblematik ist nur eine Facette der neuen Medien. So wichtig es ist, hier Auswüchsen klar entgegenzutreten, so wichtig ist es auch, Antworten auf die täglichen Verunsicherungen zu finden, der alle Nutzer der   sozialen Medien fast täglich begegnen.

16. September 2012

Das Elend der Facebook-Forschung

Facebook-Forschung ist „in“. Nach dem Motto „publish or perrish“ werden immer neue Studien auf den Markt gepusht. Zwei Beispiele, die in den letzten Tagen medienwirksam in der Presse publiziert wurden, belegen dies.

Fall 1: Die „NZZ am Sonntag berichtet in der Rubrik „Neues aus der Wissenschaft“ vom 12. September 2012 auf S. 59:

„Facebook macht: ‚dick‘

Dass es Zeit frisst, sich in sozialen Netzwerken zu engagieren, ist ein Allgemeinplatz. Britische Forscher haben  nun untersucht, welche Aktivitäten besonders darunter leiden, wenn Studenten sich bei Facebook und Co. Herumtreiben. Das Ergebnis ihrer Studie, die an der Konferenz der British Psychological Society’s Divison of Health Psychology vorgestellt wurde: Die Zeit, die jemand in sozialen Netzwerken verbringt, hat einen negativen Einfluss auf die sportliche Betätigung in der folgenden Woche. Facebook könnte also dazu beitragen, dass man an Gewicht zulegt.“

Manfred Spitzer würde es freuen, dass hier wieder einmal seine Thesen, dass Medien dumm und dich machen, bestätigt wird. Doch die Formulierungen müssen hier bereits vorsichtig machen: Was im Titel als Tatsache daher kommt, wird im letzten Satz zu „könnte“ relativiert. Ein englischer Hintergrundartikel verrät etwas detaillierter, wie die Untersuchung zustandekam:

350 Studierende der Universität Ulster in Nordirland beantworteten Online einen Fragebogen über die Intensität ihrer Netzwerk-Aktivitäten und ihre physische Aktivität. Das Resultat: Die meisten Studierenden nutzen Social Network Sites rund eine Stunde pro Tag. Etwas mehr als die Hälfte betrachten sich als „moderat aktiv“, ein Drittel sieht sich „hoch aktiv“ und 12,7 Prozent schätzen sich als wenig physisch aktiv ein.

Die Autorin der Untersuchung, Wendy Cousins, gibt zu ihrer Untersuchung zu Protokoll: „“Zeit ist eine endliche Ressource; deshalb geht die Zeit, die man in einem sozialen Netzwerk verbringt auf Kosten anderer Aktivitäten. Unsere Studie vermutet, dass die physikalische Aktivität eine diese Aktivitäten sein könnte

In  dieser Fassung verschärfen sich die „Wenn und Aber“ noch: Im Klartext ist ja höchstens abgesichert, dass die Studierenden im Gossen und Ganzen rund eine Stunde mit Facebook verbingen. Und es ist auch nur eine Vermutung, dass dies auf Kosten der physischen Aktivitäten geht. Ob das alles bereits dazu führt, dass Facebook „dick“ macht ist eine pure und doch eher unwahrscheinliche Behauptung.

Fall 2: Die Frankfurter Rundschau hält in der Online- Ausgabe vom 12. September 2012 unter dem Titel Facebook bringt Wähler an die Urnen fest:

Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch – das ist der Effekt, den US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Facebook-Nutzern festgestellt haben. Demnach macht der soziale Einfluss den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler aus.

Eine einzige Facebook-Nachricht kann das Wahlverhalten von Tausenden von Menschen und ihren Freunden beeinflussen. Das haben US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks festgestellt. Während der Wahlen zum US-Kongress im Jahr 2010 schickten die Forscher eine Meldung an das Facebook-Profil dieser Personen. Darin wurden sie aufgefordert, zur Wahl zu gehen. Zudem enthielt der Text einen anklickbaren Button mit der Aufschrift „Ich habe gewählt“.

Bei einem Teil der Probanden wurde diese Nachricht zudem in Verbindung mit dem Hinweis angezeigt, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits betätigt hätten. Das Ergebnis: Nur jene Gruppe, welche die Nachricht zusammen mit diesem Hinweis erhalten hatte, wies eine höhere Wahlbeteiligung auf. Dies zeige, dass der soziale Aspekt bei Internet-Netzwerken ausschlaggebend für die Beeinflussung der Nutzer sei, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin ‚Nature‘.“

Diese Studie scheint mir zwar plausibler, doch ein Rest der Spekulation bleibt auch hier. Doch betrachten wir die Untersuchung mithilfe der im FR- Artikel wiedergegeben Details noch etwas genauer. So wird hier das durchaus professionelle Setting der Forschungsarbeit geschildert:

„Die Forscher führten ihr Experiment am 2. November 2010 durch, dem Tag der Kongress-Wahlen in den USA. An diesem Tag erhielten knapp 61 Millionen US-amerikanische Facebook-Nutzer auf ihrer Profil-Seite alle gleichzeitig ein Statement an der Spitze ihrer Facebook-Neuigkeiten. Darin wurden sie daran erinnert, dass heute Wahltag sei, und aufgefordert, wählen zu gehen. Zudem enthielt die Nachricht einen Link auf umliegende Wahllokale sowie einen „Ich habe gewählt“-Button, mit dem die Nutzer ihren Urnengang für ihre Facebook-Freunde sichtbar bestätigen konnten.

600.000 dieser Nutzer erhielten eine modifizierte, sogenannte „soziale Nachricht“, die zusätzlich angab, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits angeklickt hatten. Dazu erschienen auch Fotos der jeweiligen Freunde. Zur Kontrolle gab es noch eine dritte Gruppe, der keine der beiden Meldungen auf ihrer Facebook-Seite angezeigt wurde. Dabei gewährleistete der Umfang aller drei Versuchsgruppen und die zufällige Auswahl der Personen, dass mögliche Effekte auch tatsächlich auf die Facebook-Nachricht zurückgeführt werden konnten, erklären die Forscher.“

Die Resultate werden dann unter dem Zwischentitel „Die Facebook-Nachricht erzeugte 60.000 neue Wähler“ geschildert: „Der soziale Einfluss machte den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler“, fasst Fowler das Ergebnis der Studie zusammen. Denn weder die Aufforderung zur Wahl noch der „Gewählt“-Button hätten die Testpersonen zum Wahlgang veranlasst. Nur die Verbindung mit dem zusätzlichen Hinweis, dass Freunde auf Facebook den Button bereits betätigt hatten, führten zu einer erhöhten Wahlbeteiligung. Die Forscher hatten nach Ende des Wahltags anhand der Wählerverzeichnisse nachgeprüft, wer von den Nutzern tatsächlich wählen gegangen war. Sie errechneten, dass insgesamt 60.000 neue Wähler durch die „soziale Nachricht“ dazugewonnen wurden.

Unbestritten ist sicher der Zusammenhang, zumal der mobilisierende Effekt von sozialen Medien zum Beispiel auch von Twitter und Handy im arabischen Frühling berichtet wird. Fraglich scheint mir dagegen, ob Facebook“ 60 000 neue Wähler erzeugt und ob man daraus schliessen kann: „Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch“. Denn wie wollen wir wissen, ob es wirklich diese Facebook-Nachricht war, welche die 60‘000 Personen zur Wahl veranlasste? Empirisch lässt sich lediglich ein Zusammenhang zwischen einer versandten Botschaft und dem Wählen feststellen – doch es muss offen bleiben, welche Motive sich hinter dem Wählen verbergen. Jedenfalls lässt sich nicht so leicht ein Ursache-Wirkungsverhältnis konstruieren. Auch der Umkehrschluss ist kaum so einfach – nämlich, dass ich nur meine Freunde vor Wahlen anzuschreiben brauche, um neue Wählerschichten zu „erzeugen“. Zumal die Definition von „engen“ Freunden als jenen, mit denen ich am Häufigsten auf Facebook kommuniziere, nicht unproblematisch ist.

Doch letztlich geht es um eine weit allgemeinere Nutzanwendung, die man sich von solchen Untersuchungen erhofft, wie aus einem von SPIEGEL Online zitierten Kommentar zu dieser Untersuchung deutlich wird: Sinan Aral von der New York University träumt bereits von gezielten Eingriffen in menschliche Netze, um positives Verhalten zu verstärken und negatives zu stoppen. Beispielsweise könne man versuchen, Menschen dazu zu bringen, gesünder zu leben. ‚Die Erforschung sozialer Beeinflussung kann dramatische Auswirkungen auf Produkte, Politik und die öffentliche Gesundheit haben‘, schreibt er in einem ‚Nature‘-Kommentar.“ Nur. Was geschieht, wenn wir in Zukunft auf unserem Facebook-Account vor jeder Wahl von hunderten unserer „Freunde“ solche Wahlempfehlungen erhalten? Vielleicht führt das ja dazu, dass wir gerade nicht wählen gehen, obwohl wir es eigentlich vorgesehen hatten, oder dass wir aus Ärger den Facebook Account gleich ganz löschen. Es könnte gut sein, dass sich solche Effekte immer mehr auflösen – je aggressiver Aufforderungen und Werbebotschaften auf dem Kanal „Facebook“ gepusht werden.

Die Problematik mit dem Ziehen von Schlüssen ist im Übrigen beim Beispiel der nordirischen Umfrage zur Intensität der Aktivitäten im sozialen Netzwerk ähnlich. Auch hier wird der Zusammenhang einfach zu einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis umgedeutet. Damit wird gleich argumentiert wie im legendären Beispiel mit den Störchen, die immer im Frühling in unseren Breitengraden auftauchen, wenn besonders viele Kinder auf die Welt kommen. Wer wollte daraus aber schliessen, dass der Storch die Kinder bringt?

7. September 2012

Spitzer, die Zweite: eine Kritik an den Medien, die nicht mehr funktioniert

Kaum eine Zeitung hat in den letzten Tagen nicht über Manfred Spitzers neues Buch zur digitalen Demenz geschrieben. Das erinnert an das Jahr 2005, als der erste Bestseller von Spitzer lanciert wurde: „Vorsicht Bildschirm!: Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft“. Das Buch traf auf eine virulente Computerskepsis, erweckte viel Zustimmung und gab Spitzer eine anerkannte Plattform in den Medien. Lehrer und Lehrerinnen, welche im Unterricht Medien einsetzten, wurden sehr schnell von Eltern mit den Thesen von Spitzer konfrontiert. Mit „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ sattelt Spitzer noch einen drauf-  Doch nach meiner Wahrnehmung mit durchzogenem Erfolg.

Schon der Begriff der „Demenz“ ist problematisch, wenn man weiss, welche riesigen familiären Probleme damit verbunden sind, wenn ältere Menschen diese Diagnose erhalten. Da ist der Begriff der „digitalen Demenz“ gegenüber den Betroffenen mehr als unangemessen. Wer zu viel Zeit am Computer verbringt, kann nicht einfach leichthin als „dement“ abgestempelt werden.

Dazu kommt, dass Spitzers Abstützung seiner Thesen auf die Wahrheit empirischer Studien nicht mehr so unangefochten greift wie vor fünf Jahren. Aus irgendwelchen Korrelationen Hiobsbotschaften für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen herauszufiltern, scheint nicht mehr so überzeugend. Das zeigt etwa der TV-Talk von Günther Jauch vom letzten Sonntag (2.September 2012). Verweise auf Studien wurden von den Teilnehmer/innen mit Erfahrungen der eigenen Kindern gekontert. Und daran zeigt es sich sehr schnell, dass die Welt der digitalen Medie nicht einfach in Schwarz-Weiss dargestellt werden kann, sondern viele Zwischentöne besitzt. So heisst es im SPIEGEL-Bericht zur Sendung:

„Drei Gäste versuchen, dagegen anzureden. Der Kindermedienforscher Klaus Peter Jantke hält nichts von einem Medienverbot für Heranwachsende, lässt seinen fünfjährigen Sohn am Laptop Filme auf Englisch sehen. Neue Medien schaffen neue Probleme, sagt Jantke, man solle sich damit gründlich und tiefgründig auseinandersetzen. Er verteidigt das Internet, über das so viele Gedanken ausgetauscht und unzählige Anregungen eingeholt werden.“

Liest man weitere Presseberichte und Rezensionen, fällt auch hierauf, dass die Thesen von Spitzer nicht mehr so leicht akzeptiert werden wie vor einigen Jahren. Fast jeder Pressebericht enthält auch eine ganze Reihe von Vorbehalten gegenüber dem Buch. Mit Thesen wie „Wir klicken uns das Gehirn weg“ – kann man zwar auf der Bestsellerliste landen, für eine differenzierte Auseinandersetzung taugen diese jedoch wenig.

Schliesslich leben wir alle in einem digitalen Alltag, wo Computer, Handy und andere Medien ihren festen Platz haben. „Allways on“ ist hier immer häufiger das Stichwort – was aber auch bedeutet, dass man sich nicht stundenlang auf die digitalen Medien konzentriert, sondern dass diese im Alltag „mitlaufen“. Das ist nicht immer unproblematisch – etwa wenn man Beziehung über SMS auflöst, noch um Mitternacht bei seiner „Firma auf Draht“ ist etc. Nur mit „digitaler Demenz“ hat dies alles reichlich wenig zu tun.

22. August 2012

Crowdfunding – ein unentdecktes Feld für Bildungsprojekte

Crowdfunding ist im Rahmen der Projektfinanzierung ein Ansatz, der in letzter Zeit häufig diskutiert wird. Stellte Karl Marx den Hegelianismus vom Kopf auf die Füsse, so tut das  Crowfunding ähnlich mit der Schwarmintelligenz, die zum Konzept für die Projektfinanzierung mutiert. Viele kleine Anleger und Unterstützer helfen dabei, mit ihrem Beitrag ein grosses Projekt zu realisieren.  Vorbild ist die Plattform Kickstarter in den USA, die aber auch in den deutschsprachogen Ländern ihre Nachahmer gefunden hat.

Doch was soll diese Idee im medienpädagogischen Setting? Vera Marie Rodewald hat aufgrund ihrer Bachelorarbeit über die Plattform startnext.de  in einem Blog angeregt, dass auch im Setting der Schule und  in der <Medienpädagogik Projekte über Crowfunding finanziert werden könnten. Sie berichtet dabei über erste Erfahrungen:

„Da gibt es beispielsweise „Sedicio“ – das größte Schülerfilmprojekt Deutschlands. Hier gelang die Finanzierung. Die Dreharbeiten sind zu einem Großteil abgeschlossen und der Fantasy-Film soll dieses Jahr in den deutschen Programmkinos starten. Ein anderes Projekt sind „Reise-Hörspiele für Kinder!“, ein Projekt zweier Medienpädagogen.“

In einem Beitrag für die neuste Ausgabe der Zeitschrift merz (4, 2012, S. 74-79). Nimmt sie das Thema Crowdfunding nochmal etwas breiter auf und empfiehlt Crowdfunding  für die kultur- und medienpädagogische Projektfinanzierung: „Projekte, die aus den Förderrichtlinien von Stiftungen und Ämtern herausfallen, bekommen mithilfe von Crowfunding, einer alternativen, patrizipativen Finanzierungsform, nun eine weitere Chance für die Umsetzung“ (Rodewald 2012, S. 74)

Ich finde aber, dass man noch einen Schritt weitergehen könnte, als nur bis zur Projektfinanzierung. Gerade für Sach- Wirtschafts- und Gesellschaftskunde bzw. für Mensch und Umwelt Themen  bietet Crowdfunding verschiedene Chancen. So könnten man mit einer Schulklasse gemeinsam erarbeiten, wie man die Förderung eines eigenen Projektes auf einer Crowdfunding-Plattform in die Wege leitet – bis hin zur Gestaltung von Projektseiten zur Präsentation des eigenen Projekts- etwa wenn man wie im folgenden Beispiel einen Schulkiosk  per Crowdfunding unterstützen möchte:

Aber es gibt nicht nur die Möglichkeit, selbst ein Projekt auf die Beine zu stellen; nicht weniger interessant kann es sein, einmal selbst als Unterstützer eines Projektes zu fungieren. Wenn eine Schulklasse z.B.  Geld gesammelt hat, könnte sie es sich überlegen, welches  nicht-kommerzielle Projekt sie unterstützen will. Da ginge es dann darum, verschiedene Projekte zu vergleichen und Kriterien zu entwickeln, welche die Förderungswürdigkeit eines Projekts betreffen.


Besonders interessant könnte es aber auch sein, ein Projekt www.kiva.org  zu unterstützen. Hier geht es um die Mikrofinanzierung von Projekten in der Dritten Welt.  Dabei sollte aber nicht allein der karitative Gedanke im Hintergrund stehen,  sondern es wäre auch  das Konzept solcher Mikrokredite selbst zu diskutieren. Wie ein Spiegel-Artikel belegt, ist dieses nämlich nicht unbestritten geblieben.

Insgesamt scheinen mir Unterrichtsprojekte, die sich um Umkreis des Crowdfunding und der Mikrofinanzierung von Projekten bewegen, ein spannendes Feld für Schule und Unterricht, das noch viel zu wenig gepflegt wird. Ob man selber ein zu förderndes Projekt auf die Beine stellt, oder ob man ein Fremdprojekt unterstützen will, immer geht es um komplexe Prozesse und Entscheidungen, die vielfältige Lernprozesse beinhalten.

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