Medienwelten

6. Februar 2014

Persönliches auf dem Internet preisgeben?

Geben Jugendliche im Internet zu viel Persönliches auf dem Internet preis? Zu dieser Meinung muss man kommen, wenn man auf der Homepage von „SWITCH“ den Kommentar zum „SWITCH Junior Web Barometer 2013“ liest, bei dem 510 Schülerinnen und Schülern eingehend zu ihrem Internetverhalten befragt wurden. Schon fast vorwurfsvoll heisst es dazu: „Privatsphäre im Internet war gestern. Zumindest, wenn man die Jugend von heute fragt“. Und es wird dann wörtlich ausgeführt:

„Ungeachtet der aktuellen Diskussionen um Daten- und Identitätsschutz im Internet geben Kinder und Jugendliche bereitwillig persönliche Daten über sich preis: Gut 80 Prozent der 13- bis 20-Jährigen und immer mehr Sechs- bis Zwölfjährige sind mit ihrem richtigem Namen oder einem Foto für jeden im Internet auffindbar. Auch das Geburtsdatum, liebste Hobbies oder der aktuelle Beziehungsstatus werden offen mit der Netzgemeinde geteilt.“

Doch solche Aussagen sind zwiespältig. Gehen sie doch davon aus, dass Jugendliche an Besten gar nichts Persönliches auf dem Netz posten, weil sie sich damit vielfältigen Gefahren aussetzen. So heisst es zur SWITCH-Umfrage in einem Beitrag von 20 Minuten:  „Im vergangenen Jahr waren 80 Prozent der Befragten ab 13 Jahren im Netz mit ihrem richtigen Namen und einem Selbstporträt zu finden – frei zugänglich für jeden.“

Doch ein völlig anonymer Umgang mit „Social Media“ ist gar nicht denkbar. Wer zum Beispiel auf Facebook jede persönliche Information unterlässt oder im Profil sogar falsche Informationen streut, um nicht erkannt zu werden, hat die Spielregeln sozialer Netzwerke nicht begriffen. Sie dienen dem sozialen Austausch, und man ist hier in der Regel mit Menschen verbunden ist, die  einen auch aus dem realen Leben kennen. Auch wer sich dabei im Profil zu stark schönt, sich unter falschem Namen präsentiert, oder sich mit Eigenschaften versieht, die im realen Leben nicht zutreffen, handelt sich deshalb schnell Glaubwürdigkeitsprobleme ein.

Wenn man in jeder persönlichen Information bereits Gefahren wittert, dann bezieht man sich letztlich auf die Netzdiskussionen der späten Neunzigerjahre – als Chatrooms noch anonym waren und man sich darin mit einem Nickname bewegte. In diesen virtuellen Welten konnte man sich am Besten schützen, wenn man möglichst wenig – auch beim Flirten – von sich preisgab. Die neuen sozialen Medien wie Facebook verknüpfen dagegen die virtuellen Räume des Internets und den realen Alltag viel enger. Aus diesem Grund ist es wenig hilfreich, Jugendlichen zu raten, möglichst nichts Persönliches auf dem Internet zu veröffentlichen. Ein „asozialer“ Gebrauch der sozialen Medien hilft nicht weiter.

Das muss allerdings nicht heissen, dass die Empfehlung nicht mehr gilt, vorsichtig mit persönlichen Informationen umzugehen und nicht gleich Adressen, Telefonnummern und privateste Bilder dort allen zugänglich zu machen. Gerade wenn es klar ist, dass ein Profil auf einem sozialen Medium persönliche Informationen verlangt, dann wird zum Problem, welche Informationen man auswählt – und welche man unter keinen Umständen veröffentlichen will.

Manchmal erhält man aber auch den Eindruck, dass das Fordern nach Privatsphäre auf dem Netz und bei Facebook & Co. müssig ist. Wie man seit der NSA-Affäre weiss, landen unsere Daten ohnehin bei den Geheimdiensten. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat die Spionage durch den amerikanischen Geheimdienst heftig kritisiert – weil damit auch das Vertrauen in sein eigenes Unternehmen gelitten hat.

Das soll nicht daran hindern, vorsichtig mit den eigenen Daten umzugehen. Ganz sicher kann aber nur sein, wer sich ganz aus dem Internet ausklinkt – indem man sich zum Beispiel statt dem neusten iphone das Steinhandy von www.i-stone.ch zulegt. Doch wer will das wirklich?

5. November 2013

Ist der Facebook Hype bei Jugendlichen vorbei?

In meinem Forschungs und Entwicklungsseminar mit Studierenden der PH Zürich stand in diesem Semester wieder die Facebook-Nutzung von Jugendlichen auf dem Programm – diesmal mit genderbezogenen Aspekten.

Facebook sieht bei Jugendlichen „alt“ aus.

Doch da gabs gleich zu Beginn eine Riesenüberraschung: Noch im letzten Jahr hatte ein ähnliches Seminar gezeigt, dass es bei den meisten Jugendlichen dazu gehört, einen Facebook-Account zu haben. Dieses Jahr ist alles anders. Die Studierenden hatten grosse Mühe für ihre Interviews genügend facebookbegeisterte Jugendliche zu finden. Einmal ist die Grenze von 13 Jahren, die bei Facebook besteht zur Hürde geworden. Noch vor wenigen Monaten setzten sich die Kids da lässig darüber hinweg. Doch die Presseberichterstattung hat hier mittlerweile auf die Eltern gewirkt. So gibt es immer mehr, die ihren Sprösslingen Facebook verbieten, wenn sie noch nicht 13 sind.

Aber auch die Jugendlichen selbst sind facebookmüde geworden. Viele haben zwar noch ihren Account, nutzen ihn aber schlecht und mit Unterbrüchen. Und es ist auch kein Beinbruch mehr, wenn man auf Facebook ganz verzichtet. Denn die Karawane des Zeitgeists ist schon weitergezogen. Anstatt Facebook nutzt man die Fotoapp Instagram, die ebenfalls eine Community anbietet. Und ganz gross im Geschäft ist WhatsApp, der Gratisersatz für die altehrwürdigen SMS. Neu dazugekommen sind Anwendungen wie Pinterest oder Ask.fm. Mit anderen Worten: Das Angebot hat sich differenziert und vervielfältigt – und lässt das gute alte Facebook im Regen stehen.

Der Trend zu Smartphones und die leidige Werbung

Womit könnte dies zusammenhängen. Einmal ist sicher der Trend zu Smartphones zu beachten, der bei den Jugendlichen durchzuschlagen beginnt. Hier gibt es eine ganze Menge neuer schlanker Apps, die viel einfacher aufgebaut sind wie das umfangreiche und komplexe Facebook. Sie binden das mobile Netz mit den Handys auf ideale Weise ein – etwa wenn Instagram das Fotografieren auf dem Handy quasi neu erfindet. Zudem herrscht bei Facebook ständig Unruhe, indem alle paar Monate wieder neue Elemente aufgeschaltet und Nutzungsbedingungen verändert werden.

Kommt dazu, dass Facebook immer stärker durch Werbung überfrachtet wird, die sich zwischen die Meldungen von Freunden und Bekannten schiebt. Muss man das wirklich alles liken und anschauen, scheinen sich viele der Computerkids zu fragen.

Bringt Forschung in der Lehrerbildung wirklich nichts?

Diese Ergebnisse wurden an einem Wochenende deutlich, als in der Presse gegen den akademischen Leerlauf in der PH-Forschung vom Leder gezogen wurde. Das wundert mich. Denn solche kleinen Projekte können sehr gut den Puls der Schule nehmen. Die beteiligten Studierenden sehen, dass die Bäume von Facebook nicht in den Himmel wachsen – bevor dies dann möglicherweise in ein paar Monaten auch in Gratiszeitungen und wissenschaftlichen Studien wie JIM oder JAMES breitgeschlagen wird. Und sie können sich schon jetzt überlegen, was das für den Unterricht heisst. Muss man dort heute noch vor Facebook warnen oder sollte man nicht schon stärker auf die „neuen“ Sterne am Internet-Himmel wie WhatsApp oder Ask.fm eingehen?

Solche kleinen Forschungsprojekte mit Studierenden schärfen den Blick und vermitteln neue Erkenntnisse, die in der „offiziellen Forschung“ erst viel später verbreitet werden. Was will man denn noch mehr, wenn Forschen bei Studierenden in der Lehrerbildung Thema sein soll? Nein, forschendes Lernen in diesem Sinn ist gewiss kein „akademischer Leerlauf“.

11. August 2013

Hilfe! Facebook will meine Handynummer

Eine nette Überraschung am Sonntagmorgen: Facebook will meinen Account sicherer machen. Da wird doch automatisch die Meldung eingeblendet: „Füge deine Telefonnummer hinzu, um dein Konto zu schützen und mehr.“

11-08-2013 10-42-40

Dabei sollte doch schon jeder  Primarschüler wissen, dass man seine Telefonnummer nicht auf dem Netz publizieren soll. Mindestens steht das überall dort, wo es Empfehlungen zu Facebook und anderen sozialen Medien gibt. Das gilt ab jetzt nicht mehr: Man muss die Telefonnummer angeben, wenn man sich richtig schützen will.  Und warum das alles? Facebook erklärt gemäss der Website Mimikama:

„Dabei handelt es sich um eine Sicherheitsmaßnahme, mit deren Hilfe wir bestätigen können, dass du eine echte Person bist, die nur über ein Facebook-Konto verfügt. Um deine Identität nachzuweisen, musst du lediglich den Anweisungen auf der Seite zum Hinzufügen deiner Handynummer folgen. Sobald wir deine Identität verifizieren können, kannst du erneut auf dein Facebook-Konto zugreifen. Wir werden dich ohne deine Einwilligung nicht per Telefon kontaktieren.“

Und schon auf der Facebook-Meldung steht, dass hier „Nur-Ich“ eingestellt wird. Andere können also meine Handynummer nicht mitlesen. Kann man also Entwarnung geben?

Beruhigend scheint mir das nicht. Nein, wenn man denkt, wie häufig Facebook seine Profileinstellungen wechselt und man sie neu anpasst. Da kann man dann leicht auch mal etwas ändern, was man gar nicht wollte, wenn man die Einstellungen anpasst. Und zudem bin ich skeptisch, wenn ein kommerzielles Unternehmen plötzlich meine Handynummer will – auch wenn man  heute noch hoch und heilig versichert, das werde nie für weitere Zwecke genutzt. Aber auch für Jugendliche ist es wenig hilfreich und verwirrlich, wenn eine Grundregel des Umgangs mit dem Internet plötzlich total umgestossen wird: Man muss zu seiner Sicherheit jetzt genau das tun, was bisher ein „No go“ war – wobei das ja nur für Facebook gilt.

6. Juli 2013

Lernen mit sozialen Medien – eine Rezension

facebook_blogs_und_wikis_in_der_schule

 

 

 

 

 

 

Nachdem Facebook und soziale Medien die Nutzung des Internets bei Jugendlichen immer mehr prägen, ist es auch für Schulen zu einem zentralen Diskussionsthema geworden. Da kommt es gerade richtig, wenn Philippe Wampfler einen Leitfaden zu diesem Thema geschrieben hat (Facebook, Blogs und Wikis in der Schule, Göttingen 2013). Denn nicht immer ist so ganz klar, was man mit Medien wie dem Facebook-Account in der Schule anfangen könnte – und ob vielleicht der Hype um die „Social Media“ nicht reichlich übertrieben ist.

Der Autor führt in seinem Buch erste einmal kundig in das Thema der sozialen Medien ein und betont, dass soziale Netzwerke im Kern aus Profilen bestehen, die im Austausch von Inhalten Beziehungen zueinander aufbauen. Mit anderen Worten: Es sind vor allem kommunikative Funktionen, welche diese bestimmen. Dabei ist die Reziprozität der Kommunikation besonders wichtig, wie sie unter dem Stichwort des Web 2.0 als partizipatives Mitmachnetz betont wird.

In diesem Zusammenhang sieht Wempfler ein enormes Potenzial für Schule und Schulentwicklung. So würden auch immer mehr Anwendungen entwickelt, welche die Bedürfnisse von Lehrpersonen berücksichtigen – etwa das Programm Facebook für Schulen mit dem dazugehörigen „Educators Guide“, der technische Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten in der Schule zeige. Besonders zentral ist für den Autor der Beitrag der sozialen Medien zum Wissensmanagement:

„Der entscheidende Schritt ist, Social Media als ein Werkzeug für Wissensmanagement zu verstehen. Dazu müssen die Vorurteile ausgeräumt werden, auf Facebook würden hauptsächlich unterhaltsame Bilder publiziert und Twitter diene dazu, Kalauer zum Zeitgeschehen abzusondern. Fast alle relevanten Inhalte sind auch in Social Media präsent: Zeitungsartikel, Fachaufsätze und Studien werden verlinkt, kommentiert und diskutiert, in Netzwerken von Fachpersonen“ (S. 99).

Aber es geht dabei nicht nur um die Aneignung des Wissens, sondern im Sinne des Web 2.0 soll von Schülerinnen und Schülern sowie von Lehrpersonen immer mehr auch user generated content entwickelt werden. Das Lernen selbst verändere sich. Es werde individueller, freiwilliger und offener: „Dabei löst es sich von einem institutionellen Rahmen, der Zeit und Raum strukturiert. Immer häufiger treten neben schulisch strukturierte Lernprozesse private, selbstgesetzte, vernetzte“ (S. 107).

Es stellt sich so die Frage, welche Bedeutung die Institution  Schule in einer von Medien geprägten Zukunft noch haben wird. Schon heute ist nach Wempfler nicht auf die Schule angewiesen, wenn man eine Sprache wie Chinesisch lernen wolle. Apps und Smartphones ermöglichten hier ein multimediales Lernen – bis hin zum Austausch mit Chinesisch sprechenden Lehrerinnen und Lehrern.  Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Videos der Khan-Academy, die heute schon vielen Jugendlichen als Nachhilfeunterricht in mathematisch-naturwissenschaftlichn Fächern dienten.

Was sich beim Lesen dieses Buches allerdings im Verlauf der Lektüre immer deutlicher zeigt, das ist die Herkunft des Autors aus dem Gymnasialbereich. Wenn es ums Recherchieren, um das Schreiben in Wikis und Blogs geht, sind es immer kognitive und kommunikative Aktivitäten, in denen die Social Media ihre Stärken beweisen. Doch die dabei vorausgesetzte sprachliche und argumentative Souveränität dürfte auf der Volksschulstufe noch weitgehend fehlen. Beim selbständigen Lernen in Projekten orientiert sich Wempfler denn auch am Gymnasium – etwa wenn er das „Freie Abiprojekt Methodos“ als Beispiel heranzieht. Dagegen wird das in der Schweiz wichtigste Netzwerk für die Volksschulen, das educanet², an keiner Stelle erwähnt – auch nicht dort, wo es um die persönlichen Lernnetzwerke geht.

Wie frei kann aber das Lernen in der Volksschule generell gestaltet werden? Hier geht der Trend im Moment eher auf die Standardisierung und die Festlegung sowie Überprüfung  von Grundkompetenzen hin. Auch der eben vorgestellte Lehrplan 21 beisst sich mit den vorgestellten Idealen einer dialogischen Kommunikation in Netzwerken, die – so Wempfler – „Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen“. Der Sympathie für offene Lernformen kann man sich anschliessen, allerdings mit drei Relativierungen:

1. Gerade in der Volksschule kann man die dialogischen Fähigkeiten (Schreiben, Lesen und Texte reflektieren) die bei der Arbeit in Netzwerken notwendig sind, nicht einfach voraussetzen. Etwas wenig steht jedoch im Buch dazu, wie diese Kompetenzen in Primar- und Sekundarschule schrittweise erst aufgebaut werden können. So fehlen zum Beispiel Hinweise zu den WebQuests, die geeignet sind Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu selbständigem Arbeiten mit den Inhalten des Netzes zu unterstützen. Aber auch die Bedeutung des visuellen Lernens, das mit Fotos und Videos stark auch Veranschaulichung ermöglicht, tritt zu wenig deutlich hervor. Wie diese Seite des digitalen Lernens verstärkt genutzt werden kann, zeigt zum Beispiel das von uns an der PH Zürich durchgeführte Sekundarschul-Projekt zu visualisierten Berufswünschen im Berufswahlunterricht.

2. Zwar ist die Forderung, dass die Schule die zentrale Bedeutung von Kooperation, Dialog, Wissensmanagement  und persönlichen Netzwerken stärker anerkennen müsste gerechtfertigt. Allerdings schwingt in der Begeisterung für informelles Lernen, learner generated content und MOOCS (Massive Open Online Course) manchmal ein etwas euphorischer Ton hinein. So wird unterschätzt, dass in viele Lehrmittel auch ein inhaltliches und methodisches Knowhow einfliesst, das bei manchen holprigen Online-Vorlesungen auf MOOCS-Basis oder ad hoc entwickelten Lerneinheiten vermisst wird. Die Expertise der Fachdidaktiken sollte jedenfalls für die Gestaltung des Unterrichts nicht unterschätzt werden

3. Es stellt sich auch die Frage, ob es ausreichen würde, die Schule auf die Abgabe von Zertifikaten und Prüfungsleistungen zu reduzieren, während das Lernen selbst an Netzgemeinschaften und privates Engagement ausgelagert würde. Meines Erachten würde dann der heute viel beschworene digitale Graben erst richtig ausgehoben. Ehrgeizige Mittelschichteltern würden alles tun, um ihre Kinder mit den besten und ausgeklügeltsten Netzangeboten zu füttern, während die schwachen Schülerinnen und Schülern beim selbstorganisierten Lernmenü auf der Strecke blieben.

 

21. Juni 2013

Die politische Macht der sozialen Medien – Das Beispiel der Türkei

Filed under: Internet,Politik,Social Media — heinzmoser @ 10:39
Tags: , , ,

Die Bitte, die Analyse der türkischen Arbeitsgruppe „Alternative Informatik“ bekannt zu machen, habe ich mit diesem Beitrag positiv aufgenommen. Der Text dieser Gruppe ist aktuell und belegt, was die sozialen Medien zur politischen Mobilisierung beitragen können. Den Mainstream Medien und der staatlichen Macht gegenüber können so alternative Informationsmöglichkeiten wirksam gegenüber gestellt werden. Wie dabei allerdings auch im Internet über die Informationshoheit gerungen wird, zeigt ein Zitatausschnitt: „Als am 1.Juni die Internetprovider auf staatlichen Druck hin in Taksim und angrenzenden Stadtteilen den Zugang zum mobilen Internet abschalteten, entstanden neue Hashtags wie VPN (Virtual Private Network) und DNS (Domain Name Server), die darüber informierten, wie trotz der Sperren Zugang zum Internet erlangt werden konnte“

Wie gross allerdings die Möglichkeiten sind, über die sozialen Medien nachhaltig eine alternative Öffentlichkeit herzustellen, ist umstritten. Das belegt das Beispiel des IT-Experten Edward Snowden, der als Whistleblower die Praktiken des US-Militärgeheimdienstes NSA ausgeplaudert hat.  Auch Google oder Facebook sind danach vor der Überwachung nicht gefeit.

Der Schatten der Überwachung werden auch im türkischen Bericht deutlich, wenn es heisst: „ Die Öffentlichkeit ist nicht besonders gut informiert, wen es darum geht, dass der ITK-Monopolist TTNET in großen Stil Netzneutralität verletzt und DPI betreibt. Staatsangestellte gingen auch schon so weit anzukündigen, dass sie “das Internet abschalten” könnten.“

Verständlich aber etwas blauäugig scheinen mir deshalb die Forderungen gegenüber kommerziellen Anbietern wie Facebook oder Twitter verstärkt auf alternative Online Tools für Aktivisten zu setzen. Das mag in der aktuellen Situation nützlich sein; fraglich ist, ob auf diese Weise die Überwachung des Internets wirkungsvoll und im grossen Stil umgangen werden kann.

Zum Schluss nochmals der Link in gekürzter Form: http://tinyurl.com/kg34v2k

5. Februar 2013

Digital Citizenship – eine neue medienpädagogische Perspektive

Digital-Citizenship-in-Schools-9781564842329

Die Gefahren des Internets werden immer wieder in Presse und TV zum Thema gemacht. Gestern – 4.2.2013 wurde bei Frank Plasberg über „Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?“ diskutiert. Und am 5.2.2013 hiess es in 20 Minuten Online: „Ein 47-Jähriger aus dem Berner Oberland gibt sich als sexy Mädchen aus, um an Nacktvideos von 15- bis 17-Jährigen zu kommen.

Bewahrpädagogisch kann man darauf mit Medienverboten reagieren und versuchen Kindern erzieherisch enge Grenzen zu setzen. Nur funktioniert dies in einer Gesellschaft immer weniger, die in den letzten Jahren immer stärker mediatisiert wurde – von Spielkonsolen, bis hin zu Smartphones und Laptops. Und schliesslich helfen blosse Verbote wenig, wenn es darum geht, einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zu finden, wie es im Erwachsenenleben heute notwendig ist. Das führt zur Frage nach der  Vermittlung von Medienkompetenzen, um den Umgang mit Medien zu beherrschen. Auch das kann allerdings problematisch sein, denn die heutigen Medienkompetenzen sind möglicherweise in fünf Jahren wieder total veraltet. Und oft betonen Konzepte zur Vermittlung von Medienkompetenzen zu stark die technischen Aspekte der Mediennutzung.

Schwierig sind aber auch einseitige Wirkungshypothesen – also etwa die oben formulierte These, dass uns Apple und Co. Doof machen. Was man oft vergisst, ist die soziale Einbettung der digitalen Medien, über welche Wirkungen erst zustande kommen. Wenn man z.B. Facebook nimmt, dann sollte man nicht davon ausgehen, dass wohlmeinende Internetaktivisten dadurch das Kommunikationsverhalten der Menschen verbessern wollten (alle „liken“ sich auf Facebook). Vielmehr geht es bei den „Sozialen Medien“ um handfeste ökonomische Interessen, was nicht erst seit dem Börsengang von Facebook deutlich wurde. So ist es kein Geheimnis, dass die beworbene Produkte nur „gelikt“ werden wollen. An einem kritischen „Dislike“-Button ist denn auch keiner interessiert. Und dass immer mehr Produkte die User als Freunde aufs Netz lotsen wollen ist ebenfalls kaum überraschend.

Geht man von dieser sozialen Einbettung der digitalen Medien aus, so ist die Perspektive einer „Digital Citizenship“ interessant, die in der amerikanischen Medienpädagogik diskutiert wird. Wie etwa Mike Ribble betont, ist eine digitale Gesellschaft entstanden, die von der Erziehung bis zur Arbeitswelt und zur Ökonomie heute alle Bereiche betrifft. Jeder Alltag ist damit auch zum „digitalen“ Alltag und jeder Bürger auch zum „digitalen“ Bürger geworden. Was aber dieser neue Status des „digital citizen“ bedeutet und welche Anforderungen an diesen Bürger und einen verantwortungsvollen Umgang mit den digitalen Medien zu stellen sind, das scheint mir die zentrale Frage zu sein.

Hier hat allerdings auch das amerikanische Konzept von „digital citizenship“ seine Schwäche. So stellt Ribble neun Elemente vor, die dafür zentral seien – etwa der umfassende Zugang, der digitale Kommerz, digitale Literacy, digitale Etikette oder digitales Recht. Diese sollen den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden, um den „richtigen“ Umgang mit den Medien zu lernen.

Nur ist da das grosse Problem, dass diese digitale Gesellschaft im Status des Werdens ist. Oft gibt es noch keine eindeutigen Regeln, die bereits vorliegen und nur noch angewandt und als klare Verhaltensregeln vermittelt werden können. So heisst es im Buch von Mike Ribble (S. 96):

„Scenario 2: When hanging out with friends, one student gets a cell phone call and conducts a conversation within the group. What is the proper etiquette when using a mobile phone in a public place?“ Doch was ist hier die „proper etiquette“? Je selbstverständlicher der Handygrbauch ist, desto stärker kann sich diese Etiquette verändern. Unter handygewohnten Jugendlichen nimmt man vielleicht den Anruf an und bezieht die umstehenden Kolleg/innen in Gespräch ein, während mancher ältere Handynutzer fast fluchtartig einen abgelegeneren Ort aufsucht.

Je stärker die digitalen Medien die Gesellschaft durchdringen, umso häufiger werden solche Situationen, wo es die eindeutige und klare Lösung nicht mehr gibt:

– Bei welchen Lebensereignissen darf man mit Email oder SMS reagieren – und wo wäre eine persönlichere Reaktion angefragt (Todesfälle, Hochzeiten etc.)

– Wo ist es von Vorteil, Texte auf einem Ebook zu lesen, und wo möchte man nach wie vor ein gedrucktes Buch oder ein gedrucktes Papier?

– Wie hat sicher der Musikmarkt mit dem Internet verändert und was bedeutet dies für das Urheberrechts

– Was versteht man unter Multi-tasking – und gibt es Situationen, wo dies spezifische Vor- oder Nachteile für das Lernen hat?

– Wo beziehe ich meine politischen Informationen – Online oder aus abonnierten Zeitungen und Zeitschriften?

Das Dilemma ist bei all diesem Fragen: Als Digital Citizen komme ich nicht darum herum, mir solche Fragen zu stellen und handhabbare Antworten zu finden. Doch diese Lösungen sind zu vielen Fragen nicht eindeutig. Alte Regeln werden brüchig, weil sie zur digitalen Gesellschaft nicht mehr passen; manches bleibt unverbindlich – oder es bilden sich neue Regeln erst langsam heraus.

Wenn es jedoch darum geht, dass digitale Bürger selbstverantwortlich in dieser neuen Gesellschaftsform handeln, kann dies auch eine medienpädagogische Chance darstellen. Anstatt fixe Lösungen durchzusetzen oder auf unsicheren Normen als den einzig Gültigen zu beharren, müsste es stärker darum gehen, die Problematiken zu verstehen, die dahinter stehen.  Erst dann kann beurteilt werden, ob sie als Lösungen für den digitalen Alltag tragbar sind. Denn wenn es darum geht, dass junge Menschen verantwortungsvolle digital citizens werden, dann müssten sie selber an der Herausbildung  und Gestaltung von digitale Lebensstilen beteiligt werden, welche in Zukunft das Fundament des Zusammenlebens darstellen.

Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die digitalen Netze nicht nur positive Seiten haben. Auch Kriminalität, Mobbing und Gewalt gehören dazu. Allerdings ginge es hier nicht primär um externe Verbote, Warnungen und alarmistische Botschaften. Im Sinne des Empowerment müssten Kinder und Jugendliche hier vor allem angeleitet werden, wie sie sich als digitale Bürger verantwortungsvoll verhalten und sich gegen Übergriffe wehren können.

16. September 2012

Das Elend der Facebook-Forschung

Facebook-Forschung ist „in“. Nach dem Motto „publish or perrish“ werden immer neue Studien auf den Markt gepusht. Zwei Beispiele, die in den letzten Tagen medienwirksam in der Presse publiziert wurden, belegen dies.

Fall 1: Die „NZZ am Sonntag berichtet in der Rubrik „Neues aus der Wissenschaft“ vom 12. September 2012 auf S. 59:

„Facebook macht: ‚dick‘

Dass es Zeit frisst, sich in sozialen Netzwerken zu engagieren, ist ein Allgemeinplatz. Britische Forscher haben  nun untersucht, welche Aktivitäten besonders darunter leiden, wenn Studenten sich bei Facebook und Co. Herumtreiben. Das Ergebnis ihrer Studie, die an der Konferenz der British Psychological Society’s Divison of Health Psychology vorgestellt wurde: Die Zeit, die jemand in sozialen Netzwerken verbringt, hat einen negativen Einfluss auf die sportliche Betätigung in der folgenden Woche. Facebook könnte also dazu beitragen, dass man an Gewicht zulegt.“

Manfred Spitzer würde es freuen, dass hier wieder einmal seine Thesen, dass Medien dumm und dich machen, bestätigt wird. Doch die Formulierungen müssen hier bereits vorsichtig machen: Was im Titel als Tatsache daher kommt, wird im letzten Satz zu „könnte“ relativiert. Ein englischer Hintergrundartikel verrät etwas detaillierter, wie die Untersuchung zustandekam:

350 Studierende der Universität Ulster in Nordirland beantworteten Online einen Fragebogen über die Intensität ihrer Netzwerk-Aktivitäten und ihre physische Aktivität. Das Resultat: Die meisten Studierenden nutzen Social Network Sites rund eine Stunde pro Tag. Etwas mehr als die Hälfte betrachten sich als „moderat aktiv“, ein Drittel sieht sich „hoch aktiv“ und 12,7 Prozent schätzen sich als wenig physisch aktiv ein.

Die Autorin der Untersuchung, Wendy Cousins, gibt zu ihrer Untersuchung zu Protokoll: „“Zeit ist eine endliche Ressource; deshalb geht die Zeit, die man in einem sozialen Netzwerk verbringt auf Kosten anderer Aktivitäten. Unsere Studie vermutet, dass die physikalische Aktivität eine diese Aktivitäten sein könnte

In  dieser Fassung verschärfen sich die „Wenn und Aber“ noch: Im Klartext ist ja höchstens abgesichert, dass die Studierenden im Gossen und Ganzen rund eine Stunde mit Facebook verbingen. Und es ist auch nur eine Vermutung, dass dies auf Kosten der physischen Aktivitäten geht. Ob das alles bereits dazu führt, dass Facebook „dick“ macht ist eine pure und doch eher unwahrscheinliche Behauptung.

Fall 2: Die Frankfurter Rundschau hält in der Online- Ausgabe vom 12. September 2012 unter dem Titel Facebook bringt Wähler an die Urnen fest:

Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch – das ist der Effekt, den US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Facebook-Nutzern festgestellt haben. Demnach macht der soziale Einfluss den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler aus.

Eine einzige Facebook-Nachricht kann das Wahlverhalten von Tausenden von Menschen und ihren Freunden beeinflussen. Das haben US-amerikanische Forscher in einem Experiment mit knapp 61 Millionen Nutzern des sozialen Netzwerks festgestellt. Während der Wahlen zum US-Kongress im Jahr 2010 schickten die Forscher eine Meldung an das Facebook-Profil dieser Personen. Darin wurden sie aufgefordert, zur Wahl zu gehen. Zudem enthielt der Text einen anklickbaren Button mit der Aufschrift „Ich habe gewählt“.

Bei einem Teil der Probanden wurde diese Nachricht zudem in Verbindung mit dem Hinweis angezeigt, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits betätigt hätten. Das Ergebnis: Nur jene Gruppe, welche die Nachricht zusammen mit diesem Hinweis erhalten hatte, wies eine höhere Wahlbeteiligung auf. Dies zeige, dass der soziale Aspekt bei Internet-Netzwerken ausschlaggebend für die Beeinflussung der Nutzer sei, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin ‚Nature‘.“

Diese Studie scheint mir zwar plausibler, doch ein Rest der Spekulation bleibt auch hier. Doch betrachten wir die Untersuchung mithilfe der im FR- Artikel wiedergegeben Details noch etwas genauer. So wird hier das durchaus professionelle Setting der Forschungsarbeit geschildert:

„Die Forscher führten ihr Experiment am 2. November 2010 durch, dem Tag der Kongress-Wahlen in den USA. An diesem Tag erhielten knapp 61 Millionen US-amerikanische Facebook-Nutzer auf ihrer Profil-Seite alle gleichzeitig ein Statement an der Spitze ihrer Facebook-Neuigkeiten. Darin wurden sie daran erinnert, dass heute Wahltag sei, und aufgefordert, wählen zu gehen. Zudem enthielt die Nachricht einen Link auf umliegende Wahllokale sowie einen „Ich habe gewählt“-Button, mit dem die Nutzer ihren Urnengang für ihre Facebook-Freunde sichtbar bestätigen konnten.

600.000 dieser Nutzer erhielten eine modifizierte, sogenannte „soziale Nachricht“, die zusätzlich angab, dass sechs ihrer Facebook-Freunde den „Gewählt“-Button bereits angeklickt hatten. Dazu erschienen auch Fotos der jeweiligen Freunde. Zur Kontrolle gab es noch eine dritte Gruppe, der keine der beiden Meldungen auf ihrer Facebook-Seite angezeigt wurde. Dabei gewährleistete der Umfang aller drei Versuchsgruppen und die zufällige Auswahl der Personen, dass mögliche Effekte auch tatsächlich auf die Facebook-Nachricht zurückgeführt werden konnten, erklären die Forscher.“

Die Resultate werden dann unter dem Zwischentitel „Die Facebook-Nachricht erzeugte 60.000 neue Wähler“ geschildert: „Der soziale Einfluss machte den Unterschied in der Mobilisierung der Wähler“, fasst Fowler das Ergebnis der Studie zusammen. Denn weder die Aufforderung zur Wahl noch der „Gewählt“-Button hätten die Testpersonen zum Wahlgang veranlasst. Nur die Verbindung mit dem zusätzlichen Hinweis, dass Freunde auf Facebook den Button bereits betätigt hatten, führten zu einer erhöhten Wahlbeteiligung. Die Forscher hatten nach Ende des Wahltags anhand der Wählerverzeichnisse nachgeprüft, wer von den Nutzern tatsächlich wählen gegangen war. Sie errechneten, dass insgesamt 60.000 neue Wähler durch die „soziale Nachricht“ dazugewonnen wurden.

Unbestritten ist sicher der Zusammenhang, zumal der mobilisierende Effekt von sozialen Medien zum Beispiel auch von Twitter und Handy im arabischen Frühling berichtet wird. Fraglich scheint mir dagegen, ob Facebook“ 60 000 neue Wähler erzeugt und ob man daraus schliessen kann: „Wenn meine Freunde wählen, tue ich es auch“. Denn wie wollen wir wissen, ob es wirklich diese Facebook-Nachricht war, welche die 60‘000 Personen zur Wahl veranlasste? Empirisch lässt sich lediglich ein Zusammenhang zwischen einer versandten Botschaft und dem Wählen feststellen – doch es muss offen bleiben, welche Motive sich hinter dem Wählen verbergen. Jedenfalls lässt sich nicht so leicht ein Ursache-Wirkungsverhältnis konstruieren. Auch der Umkehrschluss ist kaum so einfach – nämlich, dass ich nur meine Freunde vor Wahlen anzuschreiben brauche, um neue Wählerschichten zu „erzeugen“. Zumal die Definition von „engen“ Freunden als jenen, mit denen ich am Häufigsten auf Facebook kommuniziere, nicht unproblematisch ist.

Doch letztlich geht es um eine weit allgemeinere Nutzanwendung, die man sich von solchen Untersuchungen erhofft, wie aus einem von SPIEGEL Online zitierten Kommentar zu dieser Untersuchung deutlich wird: Sinan Aral von der New York University träumt bereits von gezielten Eingriffen in menschliche Netze, um positives Verhalten zu verstärken und negatives zu stoppen. Beispielsweise könne man versuchen, Menschen dazu zu bringen, gesünder zu leben. ‚Die Erforschung sozialer Beeinflussung kann dramatische Auswirkungen auf Produkte, Politik und die öffentliche Gesundheit haben‘, schreibt er in einem ‚Nature‘-Kommentar.“ Nur. Was geschieht, wenn wir in Zukunft auf unserem Facebook-Account vor jeder Wahl von hunderten unserer „Freunde“ solche Wahlempfehlungen erhalten? Vielleicht führt das ja dazu, dass wir gerade nicht wählen gehen, obwohl wir es eigentlich vorgesehen hatten, oder dass wir aus Ärger den Facebook Account gleich ganz löschen. Es könnte gut sein, dass sich solche Effekte immer mehr auflösen – je aggressiver Aufforderungen und Werbebotschaften auf dem Kanal „Facebook“ gepusht werden.

Die Problematik mit dem Ziehen von Schlüssen ist im Übrigen beim Beispiel der nordirischen Umfrage zur Intensität der Aktivitäten im sozialen Netzwerk ähnlich. Auch hier wird der Zusammenhang einfach zu einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis umgedeutet. Damit wird gleich argumentiert wie im legendären Beispiel mit den Störchen, die immer im Frühling in unseren Breitengraden auftauchen, wenn besonders viele Kinder auf die Welt kommen. Wer wollte daraus aber schliessen, dass der Storch die Kinder bringt?

22. Juli 2012

Sherry Turkle und ihr Wandel zur Kritikerin der digitalen Medien

Verloren unter 100 Freunden, Sherry Turkle, Soziologie

Sherry Turkle, Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern, München 2012 (Riemann)

Sherry Turkle, Professorin am MIT war unter den Ersten, welche die soziale Funktion der Arbeit mit Computern untersucht hat. Als gelernte Psychoanalytikerin interessierte sie sich schon früh für die virtuellen Welten des Chats und kam zum Ergebnis, dass Jugendliche hier eine Art psychosoziales Moratorium ausleben können, in welchem sie mit ihrem Persönlichkeitsprofil spielen – indem sie z.B. Geschlecht oder Alter verändern.

Nun hat Sherry Turkle mit einem Buch zu Facebook-Generation wieder zugeschlagen. Als Leser fällt zuerst der Umfang des Buches auf – 569 Seiten. Und das ist auch der grösste Ärger dieses Buches. Es berichtet in unzähligen Anekdoten und Aussagen von Jugendlichen mit Furby-, Facebook- und Handy-Erlebnissen die sich oft einfach wiederholen. Dabei handelt es sich nicht um eine kontrollierte qualitative Studie; zu locker sind die von Turkle geführten Gespräche im Buch verarbeitet. Insgesamt nimmt Turkle nochmals alle Aspekte aus dem Zettelkasten ihrer früheren Bücher auf und berichtet detailbesessen vom Umgang mit Robotern und Spielzeugen wie den Furbys. Ein Lektorat, das dieses Buch etwa um die Hälfte gekürzt hätte, wäre hilfreich gewesen und würde es  lesbarer machen.

An sich ist die Lektüre dennoch – vor allem wegen des zweiten Teils –lohnend. Denn Sherry Turkle dokumentiert mit ihrem Buch auch, wie sie sich über die Jahre zur Computer-Skeptikerin entwickelt hat. Das macht schon der Titel deutlich: „Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern.“ Die Kommunikation mit Handys, SMS und über Facebook ersetzt danach zunehmend die direkten persönlichen Gespräche. Dabei geht bei dieser elektronischen Kommunikation alles sehr rationell und man erhält das Gefühl, vernetzt und jederzeit erreichbar zu sein. Zudem schütze einen die digitale Kommunikation davor, dass man wenig kühle oder ablehnende Reaktionen erhält. Denn einer der Vorteile dieser Form der Kommunikation sei es dass man sich hinter der bewussten Nonchalance verstecken könne und alles unter Kontrolle hat (S. 337). Was dies bedeutet, zeigt Turkle am Beispiel von Bradley und Audrey, welche diese Situation als Paradoxon erleben: „Man starrt auf den Computer-Monitor auf dem Schreibtisch oder das Smartphone-Display in seiner Hand. Sie sind passiv und sie gehören einem; das verspricht Sicherheit und Akzeptanz. Im Konkon der elektronischen Nachrichtenvermittlung stellen wir uns unsere Gesprächspartner so vor, wie wir sie gerne hätten; wir schreiben an jenen Teil von ihnen, der uns ein Gefühl von Sicherheit gibt“(S. 435). Ähnlich bei den Eltern, die per Handy dauernd in Verbindung mit ihren Eltern sind. Turkle nennt sie „Helikopter-Eltern“, die allgegenwärtig über ihren Kindern schweben – obwohl sie eigentlich gar nicht wissen, was sie konkret tun (S. 417).

Zwiespältig sind auch Facebook-Kontakte – etwa wenn es um den Wahrheitsanspruch des eigenen Profils geht. Turkle zitiert die achtzehnjährige Nancy: „‘Einerseits ist der Wahrheitsanspruch gering, weil eigentlich niemand die Angaben überprüft‘. Dann verzieht sie das Gesicht und sagt: ‚ Nein, andrerseits ist der Anspruch hoch. Alle anderen schauen, ob du die Wahrheit sagst‘“(S. 312). Dies zeigt, dass Facebook kein virtuelles Medium ist, wo man sich eine künstliche Identität zulegen kann – weil man die „Freunde“ aus dem Alltag kennt. Und dennoch wünscht man sich, etwas vorteilhafter vorzustellen, als man vielleicht wirklich ist. Doch wann ist die Grenze überschritten, wo das nicht mehr akzeptiert wird.

Das alles sind neue Probleme der digitalen Welt. Doch sie laufen alle auf die Frage zu, wie es denn mit den tieferen und persönlichen Gefühlen bestellt sei. So meint Turkle: „Die Bande, die wir im Internet knüpfen, sind letztlich nicht die Bande, die uns aneinander binden. Aber sie beschäftigen uns fortwährend. Wir verschicken ständig Nachrichten: beim Abendessen mit der Familie, beim Joggen, beim Autofahren, auf dem Spielplatz mit unseren Kindern.“(S. 469).

Es ist wichtig, dass die kritischen Bemerkungen zu den sozialen Medien diskutiert werden – zumal der grösste Hype schon wieder vorbei zu sein scheint. So nehmen in den USA die Facebook-Mitgliedschaften wieder ab, und auch bei uns stellen sich Handy-User immer häufiger die Art von Fragen welche das Buch von Turkle prägen. Das bedeutet nicht, dass die digitalen Medien einfach wieder aus unserem Leben verschwinden werden. Aber sie müssen noch jenen Platz im Alltag finden, der sie in sinnvoller Weise in den Alltag integriert. Und dazu kann das Buch von Turkle einen Denkanstoss geben.

29. Juni 2012

Profildaten: verschleiern oder offen kommunizieren?

Filed under: Digital Life,Internet,Medienpädagogik,Social Media — heinzmoser @ 20:19
Tags: , ,

Chatten von Kinder in ungeschützten virtuellen Räumen erschien Medienpädagogen lange problematisch. Denn es war ein Charakteristikum von Chaträumen, dass man sich mit einem künstlichen Nickname und Profil vorstellte, das höchstens zum Teil der Realität entsprach. Eine der Funktionen der virtuellen Räume schien es zu sein, auch einmal eine andere Identität auszuprobieren – also z.B. als Junge einmal eine weibliche Rolle anzunehmen, um damit konträre Geschlechterreaktionen zu provozieren und mit ihnen zu experimentiere. Auf der anderen Seite empfahlen viele Medienpädagogen Kindern und Jugendlichen, mit den „wahren“ Kontaktdaten vorsichtig umzugehen, da man ja nie wisse, wer letztlich dahinterstecke. Das wurde von Fällen gestützt, wo z.B. ältere Männer mit eine gefakten Profil junge Mädchen im Netz anzumachen oder gar Trefftermine zu vereinbaren versuchten. Und man warnte die Jugendlichen, Daten wie die eigene Adresse, das Geburtsjahr oder gar ein eigenes Foto zu übermitteln, das Jugendliche konkret identifizierbar mache.

Können diese Vorsichtsmassnahmen auch noch die leitenden Regeln für die Neuen Sozialen Dienste  im Netz wie Facebook sein? Wenn es einfach darum geht, vorsichtig zu sein, dann ist das sicher ok. Auf der anderen Seite hat sich der Charakter der Internetkommunikation stark verändert. Virtuelle Welten stehen in einem viel engeren Zusammenhang zum realen Leben als dies früher angenommen wurde. In Facebook sind die Mitglieder keine künstlich zusammengebauten Aavatare mehr wie vielleicht noch im verblichenen Second Life. Sondern wenn ich hier ein Profil erstelle, ist es selbstverständlich, dass ich meine realen Daten benutze. Sonst nimmt es mir niemand ab, wenn ich jemandem eine Freundschaftsanfrage zuschicke. Auch mein Foto muss meiner Erscheinung entsprechen, da ich ja bei vielen Freunden bekannt bin, die wissen, wie ich aussehe. Meine Freunde auf Facebook, die mich aus dem Alltag kennen, wären jedenfalls  sehr überrascht, wenn ich mich fünf Jahre älter und mit einem falschen Foto in meinem Profil darstellte.

Natürlich kann ich Einschränkungen vornehmen, indem ich die Profileinstellungen bearbeite und nicht alle Möglichkeiten freigebe – oder indem ich mit generell überlege, was ich von mir im Internet preisegeben möchte und was nicht. Dennoch kann ich mich nicht einfach in eine fiktive Realität zurückziehen. Denn Facebook und andere soziale Dienste gehören zum ganz normalen sozialen Leben, wo es auch auffällig wird, wenn ich mich anderen nicht so zeige, wie ich bin.

So sind die Resultate der empirischen Untersuchung von PH Studenten keine Überraschung, wenn sie (gemäss einem Artikel in PH-Akzente 2/2012) festhalten, welche Daten Jugendliche offen auf Facebook preisgeben:

– Geschlecht (98,5 %)
– den eigenen Namen (98,5 %)
– Fotos/ Videos von sich selbst (80,5%)
– Altersangabe (65,4%)
-E-Mail-Adresse (55,6 %).

Weite weniger auskunftsfreudig sind die Befragten, wenn es um den Wohnort oder die Telefonnummer geht. Diese geben nur 27,8 respektive 6,6%) an. Sinnvoll kann es auch sein, bei der Wahl der Facebook-Freunde nicht gleich jeden zu nehmen. In unserem Bericht in der Zeitschrift PH-Akzente heisst es dazu „Schon bei der Wahl der Facebook-Freunde setzen die Schülerinnen und Schüler Grenzen. So möchten sie weder Unbekannte in die Liste aufnehmen noch Autoritätspersonen  wie die Eltern oder Lehrpersonen. Sie möchten ihre kleinen Geheimnisse unter sich behalten und Aussenstehenden keinen Zugang geben.“

Dennoch bleibt eine widersprüchliche Aufgabe: Was soll ich zurückbehalten oder vielleicht sogar verfälschen, um im Netz vor unliebsamen Erfahrungen geschützt zu sein. Und wie weit muss ich bei den Fakten bleiben, um als Gesprächspartner noch glaubwürdig zu bleiben.

11. Juni 2012

Die Lichter gehen bei StudiVZ aus

StudiVZ – bist du schon drin? So heisst es auf der Webseite des vor kurzem noch bedeutendsten Netzwerks in Deutschland. Heute heisst es eher: bist du noch drin? Nach der Zeitschrift „Werben und Verkaufen“ sollen die VZ-Dienste total umgestaltet werden: Die Netze werden in Zukunft unter dem Namen Poolworks laufen,  wobei  sich die geplante Neuausrichtung allein auf SchülerVZ  konzentriert.  Es wird unter  dem Label Idpool.de weitergeführt . Die Firmenchefin Stefanie Waehlert, welche diese Entwicklung  in „Werbung und Kaufen“ kommentiert, sieht darin einen Befreiungsschlag.  Das neue Portal soll vor allem Funktionalitäten rund um den Austausch Jugendlicher zu ihren Interessen im Zentrum  beinhalten. Angestrebt wird so etwas wie eine edukative Lernplattform.  25 von 70 Mitarbeitern müssen denn auch das Unternehmen verlassen. Für Spiegel  Online heisst das im Klartext:  „Die Firma VZ-Netzwerke wird umbenannt. Die Firmenchefin spricht vom ‚Befreiungsschlag‘ – tatsächlich ist es eine Kapitulation vor Facebook.“

Doch gibt es die Nische der unter 13-Jährigen überhaupt, welche Holtzbrinck  anpeilt, weil Facebook eine Mindest-Altersgrenze von 13 Jahren kennt? Einmal gilt diese Altersgrenze nur pro forma, weil sich viele Jüngere bei der Anmeldung einfach schummeln (vergleiche unsere eigene Untersuchung an der PH Zürich). Facebook scheint sich zudem im Moment selbst zu überlegen, ob es die Altersschwelle offiziell  aufheben will.  Eine Idee ist es dabei, die Facebook-Kontos der Kinder mit jenen ihrer Eltern zu verknüpfen; das berichtet das „Wall Street Journal“. Auf diese Weise läge die Entscheidung bei den Eltern, mit wem sich die Kinder befreunden, und welche Apps sie benutzen dürfen.

Zudem: Gerade die Tatsache, sich im gleichen Netzwerk zu tummeln wie die Älteren, macht Facebook attraktiv. Auf die Frage, weshalb sie jetzt bei Facebook und nicht mehr  bei den VZ-Diensten sind, antworten viele Jugendliche. „Das ist nur etwas für die Kleinen“.  Ob es deshalb wirklich gelingt, den Abstieg mit der Konzentration auf diese Altersnische zu kompensieren, ist fraglich. Jedenfalls haben die VZ-Dienste eine rasanten Abstieg zu verzeichnen:  Waren es im Sommer 2010 noch über 450 Millionen Visits der Website pro Monat gewesen, so sind es heute gerade mal noch gut 50 Millionen. Nach der Reichweitenmessung der Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung erreichten die drei VZ-Netzwerke im Februar 2012 gemeinsam nur noch 3,99 Millionen Unique User. Vor einem Jahr waren es noch 10,80 Millionen. Dabei hatte sich Holtzbrinck gemäss Spiegel Online  die VZ-Dienste erst 2007 für vermutlich 85 Millionen Euro gesichert – als Marktführer in Deutschland, der damals Facebook durchaus Paroli bieten konnte, es in der Folge aber versäumt hat, technisch mit dem sich rasant entwickelnden Facebook Schritt zu halten.

Wie schnell Goldgräber im Netz zu Habenichtsen werden, dafür gibt es noch andere Beispiele:

– MySpace wurde mit seinem sozialen Netzwerk, das auf den Schwerpunk Musik setzte, lange als Konkurrent von MySpace gehandelt. Dies veranlasste die  News Corpdes Medienmoguls  Rupert Murdoch Myspace aufzukaufen. Seither gings jedoch nur bergab. Der Versuch, die Websiter andere multimediale Inhalte, vor allem für Filme zu öffnen, erwies sich als problematisch und vergraulte viele User aus dem Stammpublikum: Anstatt Synergien mit anderen Bereichen des Murdoch-Imperiums zu erzeugen, wandte sich dieses von MySpace ab. Im Januar 2011 entliess  MySpace weltweit 500 Mitarbeiter; der deutsche Standort mit 30 Angestellten wurde komplett geschlossen.

– Es stellt sich zudem die Frage, ob deutschsprachige Netzwerke langfristig überlebensfähig sind. Die untenstehende Grafik von Statista zeigt hier einen Abwärtstrend auch bei Wer-kennt-wen oder Stayfriends. Nur Xing behauptet sich noch als spezifisch deutschsprachiges Projekt.  Doch auch hier gibt es mit Linkeding harte Konkurrenz. Der Mut zur Nische oder zum Lokalen kann zwar gut gemeint sein. Nur besteht die Gefahr, dass Facebook sie alle aufsaugt.

– Eine  Handyfirma wie Palm kann ebenfalls als Mahnung dienen. Palm-Geräte, die einmal als führend galten verpassten den Trend zu den neuen Smartphones. Und wer solche Trends einmal verpasst hat, kommt kaum mehr ins Geschäft – auch wenn das spät entwickelte WebOS durchaus als zukunftsträchtiges Betriebssystem galt. Doch die zögerliche Weiterentwicklung und eine verpatze Übernahme durch den Drucker-Hersteller  HP schaufelten dem Palm-system den Untergang. Ganz ähnlich geht es im Moment dem einstigen Handy-Riesen Nokia.

Die Vermutung zur neuerlichen Restrukturierung der VZ-Dienste: Das wird es nicht viel anders ablaufen wie bei den obenstehenden Beispielen. Denn die Entwicklung einer Lernplattform von Unter 13Jährigen ist etwas völlig anderes wie eine Community à la Facebook. Da ist zu bezweifeln ob das pädagogische Expertenwissens  eines Medienkonzerns dazu ausreicht – vor allem wenn er auf Schrumpfungskurs ist und nicht bereit ist, riesige Summen neu zu investieren.

Nächste Seite »

Bloggen auf WordPress.com.