Medienwelten

2. September 2013

Lehrplan 21 und Informatik

Um den Lehrplan 21 hat sich eine Diskussion um die Informatik entspannt. Als neuster Vorschlag soll in der Sekundarstufe I der Aspekt „Information“ in den Bereich der technischen Fächer integriert werden. Der Kompromiss hat einiges für sich, enthält allerdings auch Stolpersteine. Dazu mein Artikel im Journal 21

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22. Juli 2013

Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung

Es hört sich widersprüchlich an: Im Lehrplan 21 sind ICT und Medien erstmals klar und verbindlich positioniert und dennoch droht die Medienbildung damit im gleichen Zug als eigenständiger fachdidaktischer Bereich zu verschwinden.

Diese These hängt mit dem fachübergreifenden Konzept zusammen, dass im Bereich von ICT und Medien verwirklicht wird. Denn die Medienbildung erhält kein eigenes Fach in der Schule, sondern wird unter den „fachübergreifenden Themen“ geführt, die in den bestehenden Fächerkanon integriert werden. Rein taktisch gesehen ist dies eine kluge Lösung, da die Widerstände gegen ein eigenes Fach im Verteilungskampf der schulischen Fächer gross wären. Faktisch ist es zudem einleuchtend, dass Medien in fast allen Fächern der Schule eine Rolle spielen und deshalb dort auch ihren Platz beanspruchen.

Kompetenzen mit Querverweisen

Als Beispiel für diese integrierte Lösung soll hier ein Ausschnitt  zur Zielsetzung genommen werden, die wie folgt formuliert ist: „Die Schülerinnen und Schüler können über Primärerfahrungen, über Medien vermittelt oder in virtuellen Lebensräumen etwas über die Welt erfahren. Sie können sich in den verschiedenen Lebensräumen angemessen verhalten und kennen dabei die entsprechenden Gesetze, Regeln und Wertesysteme“ (S. 11)

Dazu sind folgende Kompetenzen formuliert:

Lehrplan 1

 

Ersichtlich wird hier, dass auf der rechten Seite Querverwiese auf die Lehrpläne anderer Fächer stehen. Für den integrativen Charakter der Medienbildung bedeutet dies, dass der Unterricht wohl in diesen Fächern erfolgt, also im Lehrplan „Sprachen“ oder „Natur, Mensch, Gesellschaft“. Problematisch ist dabei, dass dadurch der Bereich „Medien und ICT“ völlig aufgesplittert und beliebig wird – je nachdem, welche der Querverweise dann gerade im Unterricht aufgenommen werden.

Was dies bedeutet, wird klarer, wenn man die Querverweise in der zugeordneten Fachdidaktik nachschlägt – etwa die unter 1 a und b genannten: Im Lehrplan Sprachen findet man dazu unter dem Titel des monologischen Sprechens:

Lehrplan 2

Die Kompetenzen der Medienbildung lassen sich zwar auf die Formulierungen der Fachdidaktik Sprachen beziehen; dort geht es aber nur am Rand um Fragen einer Medienbildung. Wesentlich ist die Fähigkeit, Erlebnisse und Erfahrungen in Worte zu fassen oder Beobachtungen wiederzugeben. Die Intention der im Lehrplan ICT und Medien beschriebenen Kompetenzen sind hier keine schwergewichtigen Ziele mehr. Es könnte deshalb leicht passieren, dass diese im Zug der Stoffüberlastung in den Sprachfächern dann ganz vergessen gehen.

Unklare Zuständigkeiten

Noch problematischer ist es, wenn zu den Kompetenzen im Bereich der Medienbildung gleich eine ganze Auswahlsendung von Querverweisen mitgeliefert wird, wie etwa bei folgendem Beispiel:

Lehrplan 3

Es ist ja gut und richtig, dass die Nutzung der Medien für den eigenen Lernprozess in vielfältiger Weise erfolgen sollte. Doch hinter dem Potpourri der der Querverweise verschwindet der Gedanke der Medienbildung – nämlich, dass es darum geht, diese Auswahl der Medien medienkritisch zu begleiten und dabei die verschiedenen Möglichkeiten miteinander zu vergleichen. So bezieht sich einer dieser Querverweise auf die Schreibstrategien im Französischunterricht: „Die Schülerinnen und Schüler können eigene Schreibstrategien zielgerichtet anwenden, wenn sie nach Bedarf unterstützt werden (z.B. Informationen sammeln, Mindmap, Cluster erstellen, um den Text vorzustrukturieren, Vokabular in verschiedenen Medien selbstständig suchen, Text überarbeiten durch sorgfältiges Nachlesen und ins Reine schreiben).“ Auch hier spielen Fragen der Medienwahl wohl nur eine untergeordnete Rolle.

Zum Schluss  stellt sich die Frage, was mit den Inhalten geschieht, die keine Querverweise auf die Fächer enthalten. Auch sie müssen ja integriert und in einem Fachbezug unterrichtet werden. Fallen Sie vielleicht zum Vorneherein schon weg, weil sie gleichsam im luftleeren Raum stehen? Oder ist hier die Nische, welche für die Fachdidaktik ICT und Medien übrig bleibt?

Wer bildet für den Lehrplan aus?

Soweit sind Fragen des Unterrichts betroffen, die mich als Medienpädagoge nachdenklich stimmen. Dazu kommt aber auch die Frage nach der Vermittlung an der Hochschule. Wo sollen diese an den Schulfächern ausgerichteten Medieninhalte in der Lehrpersonenausbildung vermittelt werden? Sind es die Fachdidaktiken der Fächer, die in den Querverweisen bezeichnet sind, oder gibt es (weiterhin) eine eigenständige Fachdidaktik „ICT und Medien“ an den PH’s. Wenn man allein von den Querverweisen ausgeht, dann könnten die zugeordneten Fachdidaktiken ja  schnell zur Überzeugung kommen, eine eigenständige Fachdidaktik Medienbildung sei überflüssig. Ein unerwünschtes Szenario wäre es wohl, auf der einen Seite Professuren für Informatik zu schaffen und den Rest gleich an die einzelnen Fächer zu delegieren. Was so zukunftsweisend als Lehrplan „ICT und Medien“ daherkommt, könnte sich unter ungünstigen Umständen als Danaergeschenk entpuppen.

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man als Vergleichsbeispiel den ebenfalls fächerübergreifenden Lehrplan zu Beruflichen Orientierung beizieht. Hier gibt es viel weniger Querverweise, und man spürt heraus, dass es um eine unbestrittene Thematik mit einem eigenen Schwergewicht geht. Auch die Verortung ist klar: „Es ist zu empfehlen, dass die Verantwortung für die Berufliche Orientierung in der Schule bei einer Klassenlehrerein oder einem Klassenlehrer liegt. Sie oder er kennt die Schülerinnen und Schüler in der Regel am besten und kann sie darum in dieser anspruchsvollen Phase individuell und professionell betreuen.“ (S.3)

Ein stützender Rahmen ist zwingend

Meines Erachtens hat dieser Lehrplan nur dann eine Chance, wenn er die fachdidaktischen Inhalte der Medien nicht einfach aufsplittert und verteilt. Vielmehr müssen in die Thematik der betroffenen Schulfächer breite Medienthemen einbezogen werden, die medienbildnerischen Überlegungen Raum und Inhalt geben. Wenn es schon kein Fach „Medien und ICT“ gibt, dann müssten in den zugehörigen Fächern zeitliche Gefässe geschaffen werden, wo gezielt und vertieft die Perspektive der Medienbildung Eingang findet. Genau darauf hätte die Fachdidaktik der Medienbildung die Studierenden vorzubereiten – und nicht die anderen Fachdidaktiken, deren Sichtweise von ganz anderen fachlichen Überlegungen bestimmt wird. Wenn es zutrifft, dass die Bildung der eigenen Persönlichkeit, der kulturellen Identität, der Erwerb personaler und sozialer Kompetenzen heute auch in der Auseinandersetzung mit Medien geschieht (S.1), so ist es unabdingbar, dass diese Auseinandersetzung in der Schule von medienpädagogisch geschulten Lehrpersonen aufgenommen wird.

Zudem wäre es sinnvoll, über die Schuljahre von den Schülerinnen und Schülern ein Portfolio Medienbildung erarbeiten zu lassen, das der fachübergreifenden Thematik der Medien einen festen Rahmen gibt und immer wieder auf wesentliche Gesichtspunkte der Medienbildung zurückführt. Darin könnte jener Kern der Auseinandersetzung mit den Medien deutlich werden, der sonst in der Zersplitterung der Medienbildungsinhalte zerfasert und verloren geht.

20. Juli 2013

Lehrplan 21: Ein Schritt zu einer breiten Medienbildung

Der gesamtschweizerische Lehrplan 21 wird auch einen Lehrplan „ICT und Medien umfassen“. Nachdem das offizielle Dokument publiziert ist, möchte ich darauf mit einigen Überlegungen eingehen und den Entwurf auch kritisch würdigen.

Man muss primär attestieren, dass es sich um einen grossen Schritt in Richtung Verankerung von Medieninhalten in der Schule handelt. So wird damit vom gesamten Lehrplanwerk der Schweizer Volksschule anerkannt, dass die heutige Lebenswelt von Medien durchdrungen ist und einen kompetenten und mündigen Umgang mit ihnen erfordert (S.1). Positiv ist auch, dass es gelungen ist, die vielerorts separierten Lehrplanteile einer „Informatik“ und einer „Medienerziehung“ zu integrieren. Allerdings ist mir uneinsichtig geblieben, warum durchgängig von „ICT und Medien“ gesprochen wird; geht es doch letztlich um eine Thematik, die man präziser als „Umgang mit digitalen Medien“ bezeichnen könnte (auch Bücher sind ja heute letztlich digital produzierte Medien).

Dementsprechend ist die Medienbildung breit aufgestellt, wobei sie sich an drei Kompetenzbereichen ausrichtet (S. 5):
– Kennen und Einordnen von Medien
– Auswählen und Handhaben von Medien
– Sich-Einbringen mittels Medien.

Schade ist allerdings, dass die Reflexion auf die Medien – als Kern der Medienbildung – nicht ebenfalls als autonomer Kompetenzbereich definiert wird, sondern in den Aspekt des Sich-Einbringens mittel Medien ausgelagert wurde. Zwar kommen in den konkreten Ausführungen zu Zielen immer wieder Reflexionsaspekte vor; wünschenswert wäre aber eine konsequente Akzentuierung der Medienkritik in einem eigenen Kompetenzbereich, wie er zum Beispiel bereits in den 90er Jahren von Dieter Baacke analytisch, reflexiv und ethisch angedacht wurde.

Die Konkretisierung der Kompetenzbereiche

Gelungen sind die Ausformulierungen von konkreten Zielsetzungen in den Kompetenzbereichen – etwa wenn es beim „Kennen und Einordnen von Medien“ unter fünftens heisst: „Die Schüler und Schülerinnen können Wirkungen der Medien aus sich erkennen und diese bei der Steuerung der Mediennutzung einbeziehen.“ Formuliert werden auf diese Weise – auf drei Altersstufen (sog. „Zyklen“) bezogen –  eine Art von Bildungsstandards, die dann weiter konkretisiert werden. Das beginnt mit sehr elementaren Zielen, wenn es etwa im Rahmen des 1. Zyklus heisst: „Die Schülerinnen und Schüler können Medien aus ihrem Lebensbereich benennen und über deren Inhalte sprechen.“ Auf der Ebene des 3. Zyklus wird es dann komplexer: „Die Schülerinnen und Schüler können argumentieren, wo Chancen und Risiken von Erfahrungen und Handlungen in der physischen Umwelt in medialen Welten und virtuellen Lebensräumen liegen.“ Insgesamt handelt es sich also um eine Spiralcurriculum, das geeignet ist, Erfahrungen aufzubauen und zu vertiefen. Allerdings wird man auf der untersten Ebene die Kinder nicht unterschätzen dürfen: Ob es hier wirklich ein Lernziel sein muss, Medien aus dem eigenen Lebensbereich benennen zu können, ist eher zweifelhaft. Das scheint mir schon fast zu selbstverständlich.

Der Reflex auf die Informatikdebatte

Was besonders auffällt, das ist die Reaktion auf die Debatte um den Informatikunterricht in der Schule. So wird im Kompetenzbereich „Kennen und Einordnen von Medien“ ein Akzent auf Datenstrukturen, Algorithmen und die Funktionsweise von informationsverarbeitenden Systemen gelegt. Die verstärkte Aufnahme von Inhalten um Datenstrukturen und Steuerung im Bereich von ICT ist dabei positiv zu werten. Die damit verbundenen Fragen sind in den letzten Jahren in der Diskussion um die Medienbildung etwas zu stark in den Hintergrund getreten.

Insgesamt scheint es mir richtig, auf der Volksschulstufe auf einen fächerorientierten Informatikunterricht zu verzichten, aber allgemeinbildendes Hintergrundwissen zur Informatik  im Unterricht aufzunehmen. Das ist ähnlich wie bei elektrischen Geräten, wo man wissen will, wie es funktioniert, wenn man den Strom ein- und ausschaltet. Problematisch erschiene es dagegen, das Programmieren unter der Analogie einer grundlegenden „Alphabetisierung“ in der Volksschule zu forcieren. Denn die technisch geregelten Computersprachen sind doch stark von der natürlichen Sprache zu unterscheiden. Dass die fachbezogene Anbindung der informatischen Kenntnisse lediglich an zwei Stellen in Richtung der Mathematik erwähnt wird,  zeigt allerdings noch Handlungsbedarf. Es wäre sicher sinnvoll im Rahmen der Fachdidaktik Mathematik einen noch stärkeren informatischen Akzent zu legen.

„Primäre Erfahrungen“ und Tastaturschreiben

An einigen Stellen wirkt der Lehrplan aber auch etwas altbacken. So wird mehrfach auf den Unterschied zwischen virtuellen und realen (primären) Erfahrungen Bezug genommen. An einer heisst es dazu: „ Die Schülerinnen und Schüler können an einfachen Beispielen Vor- und Nachteile von Primärerfahrungen, Medienbeiträgen und Erfahrungen in virtuellen Lebensräumen beschreiben (z.B. als Naturerlebnis, Film, Geschichte, Lernprogramm)“ (S.11). Hier wird die Medienpädagogik der 90er Jahre aufgenommen, wo das Verhältnis zwischen Virtualität und Realität bzw. der Flucht aus der Realität ein grosses Thema war. Seit den Web 2.0 und den Sozialen Medien wissen wird, wie stark diese beiden Bereich miteinander verflochten sind. Es sind keine unterschiedlichen Lebensräume, wie es die Autoren suggerieren. Um es ganz klar zu sagen. Für viele heutige Kinder und Jugendliche sind Medienerfahrungen in vielen Lebensbereichen auch zu Primärerfahrungen geworden.

Etwas merkwürdig wirkt der im Folgenden zitierte Abschnitt zum Tastaturschreiben:

Tastaturschreiben

Es wird hier richtig gefragt, wie stark das Zehnfingersystem in der Volksschule angesichts der ganz unterschiedlichen Eingabesysteme heutzutage noch bedeutsam sei. Schon auf dem Handy ist es ja kaum möglich mit zehn Fingern zu schreiben. Trotzdem soll dann schon im 1. Zyklus ergonomisch und „richtig“ getippt werden. Es sieht also so aus, dass das Zehnfingersystem dann doch wieder durch die Hintertür hereinkommt – und wenn auch nur im 2. Zyklus im Rahmen der individuellen Schulung mittels „geeigneter“ Tastaturschreibprogramme. Diese Bocksprünge sind nicht richtig nachzuvollziehen – vor allem wenn man sieht, wie schnell sich die Eingabesysteme in der digitalen Alltagswelt verändern.

Der zweite Teil der hier formulierten Überlegungen wird auf die Probleme eingehen, die man sich mit dem fächerübergreifenden Konzept der Medienbildung im Lehrplan 21 einhandelt. Diese sind meines Erachtens gravierend. Deshalb steht er unter dem Titel: „Lehrplan 21: Es droht das Verschwinden der Medienbildung“

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