Medienwelten

19. August 2013

Stifte, Handys und Tablets für das Kindergarten-Alter

Für unsere Kleinsten kommen immer mehr elektronische Programme und Geräte auf den Markt. An dieser Stelle wurde schon über digitale Hör- und Lesestifte wie Tiptoi berichtet. Mein damaliges Fazit: ein nettes Gadget aber kein „Must“ fürs Kinderzimmer.

Hör- und Lesestifte

Seitdem hat sich in dem Markt viel bewegt. Da gibt es auch Stifte wie Any Book von Franklin, die man selbst bespielen kann, indem man ins Bilderbuch einen Marker klebt. Wer dann diese mit dem Stift berührt, kann die Bilderbuchseite –z.B. von Mama oder Papa vorgelesen – abhören. Doch warum dann nicht gleich richtig vorlesen?

Allerdings kann der Stift mehr als nur selbst aufgenommene Geschichten vorlesen. So schreibt ein Lehrer ganz begeistert. „Von den 3 Stiften ist der AnybookReader ganz besonders für die Schule zu empfehlen, für den Unterricht mit nicht lesenden oder nur schlecht lesenden Schülern. Zum Vorlesen von Wörtern oder Texten, so können sich die Schüler Texte und Arbeitsanweisungen selbständiger erarbeiten und ich als Lehrer kann mich auf Schüler konzentrieren, die bei den Aufgaben selbst Probleme haben.“ Der Lesespass ist allerdings nicht ganz billig – vor allem wenn man mehr als einen Stift benötigt (rund 90€ kostet das gute Stück).

Kindertablets

Ebenfalls wurden in diesem Blog die speziellen Kindertablets besprochen. Ich habe das als ziemlich überflüssiges Angebot empfunden, weil die fast gleich grossen Erwachsenen-Tablets qualitativ ein gutes Stück besser sind – von der Verarbeitung, vom Ton, von der Lesbarkeit des Displays.

Kinderapps

Vor allem in den letzten Monaten haben sich nun die Kinderapps für Handys und Tablets fast explosionsartig vermehrt – vor allem für iOS und Android. Allerdings ist hier zu empfehlen, solche Software vor allem auf dem Tablet und weniger auf dem Handy einzusetzen. Denn wo die Bildschirme animiert werden – und das ist der Sinn der Sache, da haben Kleinkinder grosse Mühe m it ihren Patschhändchen die richtige Stelle auf den Mini-Bildschirmen der Handys zu finden.

Die Vielseitigkeit des Angebots zeigt aber auch, dass das Spielen und Lernen am Tablet mehr ist als nur ein Hype, dessen Attraktivität nach kurzer Zeit wieder total erlahmt. Eine breite Übersicht über Kinderapps findet sich auf der Website: http://bestekinderapps.de

Positive und negative Seiten solcher sollen hier an einigen Vertretern dieser Kinderprogramme kurz aufgezeigt werden:

schlafgut„Schlaf gut und träum was Schönes“ heisst eine App, die zum Einschlafen der Kleinsten geeignet ist. Die Tiere im Zoo gehen schlafen, wobei die Kinder aufgefordert werden, die Häuser der einzelnen Tiere zu besuchen. Sie können sie dort bewegen oder auch einmal den Elefanten trompeten lassen. Doch dann löschen sie das Licht und die Tiere schlafen gleich ein. Die Geschichte ist also ganz einfach, aber sehr liebevoll animiert. Man kann nun dagegen halten, dass es einem Kind da schnell langweilig wird, wenn es tagtäglich mit dieser Geschichte eischläft. Doch Kinder brauchen eben auch die täglichen Rituale – und eines davon könnte das Lichterlöschen im Zoo sein, von dem die Kinder zum Erstaunen der Erwachsenen – nicht genug bekommen können.

Kleiner-Eisbär-iOS-iPhone-iPad-AndroidAuch Kinderbücher wie „Kleiner Eisbär wohin fährst du“ von Hans de Beer werden als App umgesetzt. Hier steht die wunderschön illustrierte Geschichte – heute ein Kinderbuchklassiker – im  Mittelpunkt, die von einem Vorleser erzählt wird. Der ruhige Charakter des Buches wird auch in seiner elektronischen Fassung unterstrichen, indem es nur wenige Animationen gibt, auf die man klicken kann – und worauf sich z.B. der kleine Eisbär bewegt. Dazu gibt es einen Teil mit Spielen – für mich ein problematischer Aspekt. Denn diese Spiele stören den ruhigen Ablauf der Geschichte. Man stürzt hinein und findet kaum zurück – vor allem wenn ein Spiel über mehrere Levels geht. Da bleibt man dann doch lieber beim ursprünglichen Bilderbuch und animiert es durchs eigene Vorlesen mit Any Book, wenn es denn sein muss.

ZahlenrabeDen früheren Lernprogrammen für den PC nachempfunden ist die App Zahlenrabe, in welcher der Rabe Theo die Zahlen entdeckt. Gegenüber den klassischen Lernprogrammen wird aber nicht mit der Maus geklickt, sondern man wischt über den Bildschirm und setzt so ein Huhn an die für es vorgesehene Stelle, umkreist eine gewisse Anzahl von Schafen oder zeichnet auf dem Bildschirm mit dem Finger Zahlen von 1 bis 5 nach. Und natürlich ist auch hier der Bildschirm liebevoll und spassig animiert – wenn man auf die richtigen Stellen drückt. Allerdings kann man sich fragen, ob es zum Zählen lernen eine spezielle App braucht, oder ob es im realen Alltag nicht genug Gelegenheiten dazu gibt.

Animal OrigamiWenn nun aber kritisiert wird, die elektronischen Apps entführten die Kinder in die künstlichen Welten, so ist dies lange nicht immer der Fall. So gibt es zum Beispiel auch eine ganze Reihe von Bastel-Apps: Eine App wie Animal Origami enthält Anleitungen, wie man Tiere falten kann. Mit Drawnimal kann man mit einfachen Formen Tiere malen. Das iPad dient als Tierkopf, während man die Umrisse mit einem Stift dazu malt. Dazu heisst es auf der Website von iTunes: „Die App hilft dabei, den digitalen Bildschirm mit simpler physischer Interaktion zu verlassen. Drawnimal zeigt Kindern, wie sie können. Die lustigen Animationen motivieren dazu, das Alphabet auf spielerische Art und Weise zu lernen.“ Das sind zweifellos noch bescheidene Ansätze, um Online- und Offline-Welt miteinander in Verbindung zu bringen. Aber eine Richtung für die kommende Entwicklung wird hier aufgezeigt.

 

Was an den Beispielen deutlich wird: Es gibt immer mehr und unterschiedliche Apps. So kann man nicht mehr einfach pauschal urteilen, ob Tablets im Kinderzimmer eine Rolle spielen sollen oder nicht. Das hängt ganz von den Apps und der pädagogischen Haltung der Eltern ab. Vielleicht will man den kleinen Eisbär lieber als Buch haben, findet aber ein animiertes Wimmelbuch für seine Kleinen anregend und lustig. Und neben der Gute-Nacht-Geschichte hat manchmal auch der Zoo Platz, der schlafen geht.

Meine Vermutung

Tablets könnten bald einen Stammplatz in den Kinderzimmern erhalten. Doch sie sind nicht einfach als Babysitter zu gebrauchen. Manche Apps brauchen etwas Anleitung von Papa oder Mama, damit der Spielespass für die Kleinsten auch greift. Und ganz aus den Augen lassen sollte man die Geräte ohnehin nicht. Denn sie sind zu teuer, als dass man sie unbeaufsichtigten Kids als Wurfgeschosse überlassen sollte.

16. Juli 2012

Fernsehen verhindert das Erlernen elementarer Fertigkeiten – Wie die Sonntagszeitung einen Buhmann aufbaut.

In der SonntagsZeitung vom 15. Juli 2012 findet sich auf S. 9 der Titel: „Vorschulkinder: Mehr als zwei Stunden TV.“ Und im Untertitel wird dann nachgeschoben: „Zu viel Fernsehen verhindert bei fast jedem zweiten Knirps das Erlernen elementarer Fertigkeiten.“

Doch wie kommt die Zeitung zu dieser mit heisser Nadel gestrickten Erkenntnis?

Schritt 1: Die zwei Stunden Fernsehen bei Vorschulkindern stammen aus den jüngsten Zahlen des Forschungsdienstes Public Data. Sie dürften sicher zutreffen und bilden sozusagen das wissenschaftliche Rückgrat des Artikels.

Schritt 2: Die Journalistin interviewt dann die Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind , die es für bedenklich hält, dass Vorschulkinder morgens zwischen sieben und neun Uhr vor dem Fernseher sitzen: „Schauen die Kinder schon vor der Krippe oder dem Kindergarten TV, sind sie müde, bevor ein spannender Tag richtig beginnt.“ Es gebe denn auch zunehmend Kinder, die im Kindergartenalter elementare Fähigkeiten noch nicht beherrschten. So fehle das Wissen, eine Schere zu benutzen oder den Hampelmann zu machen. Doch heisst das bereits, dass damit elementare Fähigkeiten nicht mehr gelernt werden? Dass Kinder wegen des Fernsehens keine Schere mehr benutzen können, tönt doch eher etwas überkandidelt. Und es gibt auch Fernsehprogramme wie die Sendung mit der Maus oder Bob der Baumeister, die durchaus versuchen, selbst elementare Fähigkeiten zu vermitteln.

Doch Schritt zwei im Artikel der Sonntagszeitung ist ziemlich beliebig: Man nehme eine Expertenmeinung und schon lässt sich eine abgesicherte Aussage heraus destillieren  – doch je nach befragter Person könnte auch ganz Anderes herauskommen. Nehmen wir an die Journalistin hätte einen imaginären Professor K.  interviewt, der befindet, Fernsehen führe früh dazu, sich Kenntnisse in der Schriftsprache anzueignen. Dann könnte die Unterzeile lauten: „Häufiges Fernsehen verbessert bei Vorschulkindern die sprachliche Kompetenz.“

Oder man könnte den Mediziner S. konsultieren, der findet, dass Kinder, di zu viel vor dem Fernsehe sitzen, zu viele Chips futtern und dick werden. Dann hiesse das Resultat: „Zu viel Fernsehen macht schon Vorschulkinder kugelrund.“ Und Dr. S. könnte in einem Interview anmerken, dass Fernsehgeschichten wie Pingu oder die Sendung mit der Maus Kinder anregen, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Wie wäre es hier mit dem Untertitel: „Doch Fernsehen macht Kinder auch schlau.“

Man kann das Ganze noch weiterspinnen und kommt dann auf viele weitere Ideen. Und man soll und darf auch kritisch gegenüber einem übertriebenen Fernsehkonsum von Vorschulindern eingestellt sein. Das Fernsehen sollte nicht als Babysitter dienen, womit die Eltern ihre Sprösslinge ruhig stellen. Trotzdem ist es Mumpitz, dass dieser bei „fast jedem zweite Knirps das Erlernen elementarer Fähigkeiten“ verhindert. Denn es gibt schlicht keine Untersuchungen, die diesen Wirkungszusammenhang belegen könnten. Und auch die Warnung der Experten vor „schwer korrigierbaren Schäden“ scheint mir etwas gar pauschal.

Und dankenswerter Weise weist der Artikel auch darauf hin, dass das Thema der Medien auch nach dem Fernsehzeitalter nicht ausgereizt ist. Denn nach dem Generalsekretät der Berner Bildungsdirektion liegt die nächste Gefahr schon in der Luft: „Schon Kindergärtner und Schulanfänger verbringen immer mehr Zeit im Internet.“

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