Medienwelten

24. März 2012

Warum das Handy-Angebot von Pro Juventute eine Mogelpackung ist

Nachdem der Briefmarkenverkauf nicht mehr so rund läuft wie zu früheren Zeiten, sucht Pro Juventute neue Geschäftsfelder – seit neustem eine Partnerschaft mit dem Handy-Provider Sunrise. Das neue Angebot Primobile soll die Eltern mit „zuverlässigen und wenig zeitintensiven Leitplanken“ in ihrer Medienerziehung stärken. Vollmundig versprechen Pro Juventute und Sunrise, mit der Förderung von Medienkompetenz einen Weg zu öffnen, um Kinder altersgerecht mit den Chancen und Risiken der neuen Medien vertraut zu machen.

Doch wie sieht die Förderung der Medienkompetenz in Wirklichkeit aus? Gemäss einer Pressemitteilung von Pro Juventute beinhaltet das Basisangebot von Primobile die unlimitierte Kommunikation via SMS und unlimitierte Anrufe, beides auf vier frei wählbare Basis-Rufnummern zum Pauschalpreis von CHF 249.- pro Jahr. Verbunden ist dieses mit einem passwortgeschützten Internetportal namens Cockpit. Damit können die Eltern dem Alter und dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechende Zusatzangebote freischalten. So kann das Kind Schritt für Schritt auf weitere Rufnummern und das mobile Internet zugreifen. Dazu laden die Eltern per Post, Kreditkarte, Gutschein oder Refill-Karte ein entsprechendes Guthaben auf die SIM-Karte. Primobile lasse sich so laufend dem Entwicklungsstand des Kindes anpassen und schütze Kinder und Jugendliche vor nicht kindgerechten Inhalten und den damit verbundenen Gefahren.

Offen gesagt: Was als Förderung von Medienkompetenz daherkommt, ist eigentlich nur eine raffinierte Verbotsstrategie: Eltern verbieten die freie Nutzung des Handys und entscheiden, wann sie der Meinung sind, ihre Kinder verfügten über die „Medienkompetenz“ für den nächsten Schritt. Mit Anpassung an den Entwicklungsstand der Kinder hat das gar nicht zu tun.

Wann haben die Kinder die Kompetenz entwickelt, „ bis zu sechs weitere Rufnummern zu definieren, mit denen das Kind (kostenpflichtig) kommunizieren kann)“? Und wann sind sie 10- oder 20-Nummern-Kinder? Wie lange geht es dann, bis Kinder entwicklungsmässig so weit sind, dass sie auch das Internet nutzen können? Bei den Geräteempfehlungen von Pro Juventute heisst es denn auch: „Das Samsung C3350 verfügt nicht über WLAN. Wir empfehlen, dass Sie Ihrem Kind erst dann ein WLAN-fähiges Gerät überlassen, wenn Sie ihm einen selbstständigen und kompetenten Umgang mit dem Internet zutrauen.“ Es geht also gar nicht um Medienkompetenz, sondern um das, was Eltern ihren Kindern zutrauen oder nicht.

Schön ist es natürlich auch, dass die Gespräche mit den 4 Basis-Rufnummern werden nach 60 Minuten unterbrochen werde – „zum Schutz Ihres Kindes vor Strahlung und damit Ihr Kind sein Nutzungsverhalten regelmässig reflektieren kann.“ Nur: Welches neunjährige Kind telefoniert eine Stunde am Stück mit seinem Handy?

Doch wie will man Medienkompetenz fördern, wenn man alles verbietet, womit man diese Kompetenz üben und lernen kann? Die Fähigkeit, das Internet zu nutzen, lernt man doch, indem man damit Erfahrungen macht. Zu warten, bis die Fähigkeit am Tag X vom Himmel fällt, um dann die Option freizuschalten, ist schlicht eine unsinnige Vorstellung. Da muss Pro Juventute etwas falsch verstanden haben. „Verantwortungsvoll umgehen mit dem Handy“ lernt man nur, wenn auch Spielräume bestehen – und nicht, indem man diese auf vier Basis-Rufnummern einschränkt. Viel gescheiter ist es, wenn Eltern anstatt Primobile ihren Kindern ein normales Prepaid-Handy zur Verfügung stellen – mit einem festgelegten Guthaben, das sie selbständig verwalten können. So lernen sie ohne Verbote der Eltern mit beschränkten Mitteln ihr Handy so zu nutzen, wie es ihren Bedürfnissen, aber auch ihren (finanziellen) Möglichkeiten entspricht.

Primobil ist ein völlig unnötiges Angebot, das kommerziell auf undefinierte Ängste der Eltern reagiert – und letztlich verhindert, dass Kindern mit ihrem Handy medienkompetent umgehen.  Ganz richtig schätzt sein neues Angebot Oliver Steil, CEO von Sunrise Communications ein: „Mit Primobile bringen wir ein Mobilfunkangebot auf den Markt, das genau den Bedürfnissen vieler Eltern entspricht.“ Eben: es entspricht den Eltern und nicht den Kindern!

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14. März 2012

Medienpädagogische JIM- und KIM-Studien: ein Auslaufmodell

Filed under: Medienforschung,Medienpädagogik,Medienwissenschaft — heinzmoser @ 09:20
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Nutzungsstudien sind für viele Adressaten medienpädagogischer Forschung der Massstab aller Dinge. In einer Zeit des schnellen Technologiewandels scheinen Daten hilfreich, die zeigen, wie häufig Kindern bestimmte Medien nutzen, über wieviele Computer eine Durchschnittsschule verfügt, in welchem Zeitraum bei Kindern und Jugendlichen  z.B. Medien wie das Handy von Randphänomenen zu unersetzlichen Geräten für Alle werden. Verdienstvoll sind hier z.B. die Studien des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (KIM, JIM), aber auch andere ähnliche Datenerhebungen.

Auch wenn es interessant ist, die sich verändernde Datenstruktur dieser Studien über die Jahre zu verfolgen, so ist dennoch nicht zu übersehen, dass Nutzungsansätze, welche gerätespezifisch orientiert sind, immer stärkere Dysfunktionalitäten aufweisen. Dies können folgenden Beobachtungen verdeutlichen:

– Die Angabe der zeitlichen Dauer, in welcher sich Kinder mit Medien beschäftigen, werden immer schwierig interpretierbar, wenn Jugendlich Zuhause über eine Flatrate verfügen und den Computer einschalten, sobald sie  nach der Schule dort ankommen – um ihn vielleicht erst vor dem Zubettgehen wieder auszuschalten.  Die fünf oder sechs Stunden bedeuten dann nicht mehr, dass man sich spezifisch mit Aktivitäten am Computer beschäftigt; sondern man ist einfach Online und damit auf Empfang. Ähnlich muss man auch bei Handy fragen, was solche Werte  noch bedeuten: die Zeit der aktiven Beschäftigung mit Apps bzw. die Zeit, in welcher man telefoniert und SMS schreibt, oder die Zeit, in welcher das Handy eingeschaltet und die Kinder und Jugendlichen bereit sind, eingehende Meldungen unverzüglich zu beantworten.

– Noch schwieriger wird es, wenn das Medium nicht mehr eindeutigen einem bestimmten Gerätetypus zuzuordnen ist. Wer heute in einem Fragebogen zur Nutzung „Fernsehen“ ankreuzt, bezeichnet damit seine Aktivitäten am physischen Fernsehgerät. Doch in der täglichen Alltagspraxis kann „Fernsehen“ darüber hinaus auch bedeuten: Fernsehsendungen auf  dem Handy  oder auf dem Internet Online angucken. Auf dem Internet kann man zudem Fernsehsendungen  als Stream oder zeitversetzt als Konserve (in den Mediatheken der Sender oder auf YouTube ) ansehen. Manchen Kindern ist es dann vielleicht auch gar nicht mehr klar, ob sie auf YouTube eine Fernsehproduktion anschauen oder sonst einen Film, der hier veröffentlicht wurde.

– Damit werden auch Aussagen wie diejenige, dass sich die Entwicklung vom Leitmedium Fernsehen zum Leitmedium Computer verschieben, bezüglich der empirischen Datenbasis unsicher. Denn wenn ich am Computer vornehmlich nichts anderes tue als Fernsehfilme anzusehen, oder wenn ich gar kein Fernsehgerät mehr habe,  weil ich alles nur noch Online konsumiere, dann machen Aussagen zu einem vorgeblichen „Leitmedium“ nur wenig Sinn. Jedenfalls ist es sehr schwierig eine Aussage wie diejenige der JIM-Studie von 2008 zu interpretieren: „Obwohl in der vorliegenden JIM-Studie zum ersten Mal seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1998 mehr Computer als Fernsehgeräte im persönlichen Besitz von Jugendlichen sind, nimmt das Medium noch immer eine Schlüsselposition ein“ (JIM-Studie 2008, S. 26).

Kann sich die medienpädagogische Forschung  hier nicht neu orientieren, besteht die Gefahr, dass die Rekonstruktion des Nutzerverhaltens von Kindern und Jugendlichen zum Potemkinschen Dorf wird, hinter dem keine verlässliche und ausweisbare Realität mehr steht. Insbesondere ist in diesem Zusammenhang zu vermuten, dass die medienkonvergente Nutzung von Geräten wie „Fernseher“, „Radio“ oder „Computer“ nur im Zusammenwirken mit qualitativen Studien, welche detailliert auf Nutzungsgewohnheiten von Individuen eingehen, zureichend erforscht werden kann

[Dies ist ein Auszug auf einem ausführlicheren Statement im Rahmen der Sektion Medienpädagogik (Forschungs-Workshop der Sektion am DGfE_kongress in Osnabrück vom März 2012]

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